Proviant für die Bahamas

Nachdem wir unsere Filter auf Merritt Island abgeholt hatten und das Auto retourniert hatten, begaben wir uns nach Süden. In drei Tagen arbeiteten wir uns nach Vero Beach vor. Hier buchten wir eine Mooring in der vollkommen überfüllten Marina, denn wir teilten uns die Mooring mit einem weiteren Boot. Reto fand daran sehr gefallen, denn so hatte er jemanden dem er die Ohren «zuschnorren» konnte. Gelegentlich geniesse ich es nämlich für mich zu sein. An diesem Abend genossen wir auch ein besonderes Spektakel. Eine Versorgungsrakete für die ISS Raumstation konnte zwei Wochen zuvor nicht starten, weshalb sie um Mitternacht in den Himmel geschickt wurde. Da wir aber schon einige Distanz zwischen uns und dem Space Center gebracht hatten, sah die Rakete aus wie ein Feuerwerkskörper von der langweiligen Sorte: Ein leuchtender Streifen der sich in einem Bogen nach Osten bewegte und sich dann in drei leuchtende Punkte teilte. Ein andermal sehen wir uns den Start von nahem an, dachte ich.

Mit dem Bus machten wir einen Ausflug zum Wochenmarkt, bevor wir uns an den Grosseinkauf machten. Reto kaufte bei Westmarine die benötigten Karten, einen Anker fürs Dinghy und dieverses Bootszubehör, während ich bei Publix schon den ersten Einkaufswagen füllte. Dosen stapelten sich, Süssgetränke und Trinkwassermussten auf einen zusätzlichen Wagen verteilt werden und Teigwaren kauften wir Kiloweise. Ich wollte ursprünglich 20 kg Mehl einkaufen, aber ich musste mich mit 17.5 kg zufriedengeben, weil das Regal leer wurde. Frische Lebensmittel kauften wir nur sehr beschränkt: Zwiebeln, Kartoffeln, Kürbis, Bananen, Äpfel und Zitronen. (Bananen und Äpfel mussten wir schon wenige Tage später aufgebraucht haben, weil die grünen Bananen zu schnell reif wurden und die Äpfel leider Druckstellen bekamen.) Über die Unmengen an Nutella und Nescafé, die wir verbrauchen, schmunzelte ich sehr, weil sie sehr viel Platz in den Einkaufswagen ausfüllten. Drei Duzend Eier und ein bisschen Käse komplettierten einen Einkauf über 500 Dollar. Der Einfachheit halber liessen wir uns von Uber zurückfahren. Unser Fahrer Maurice vermochte unsere Einkäufe fast nicht in seinem mittelgrossen Auto zu verstauen. Natürlich mussten wir ihm erklären was für eine Armee wir hier verproviantierten und wir staunten nicht schlecht, als er uns seinen Schweizer Pass zeigte. Seine Mutter war Schweizerin, er aber in den USA aufgewachsen. Dennoch hatte er mit seiner Familie einige Jahre in der Schweiz gelebt. Wir staunten noch mehr als er sagte, dass seine zwei Jungs im Sommer in die Schweiz reisen um den Miltärdienst zu absolvieren. Er meinte, es sei ihr Abnabelungsprozess. Maurice half uns sein Auto zu ent- und Alianza zu beladen. Wir plauderten noch eine Weile, während Reto die Einkäufe auf Sea Chantey brachte. Wir hätten ihm gerne unser Boot gezeigt, aber die Zeit rief und tauschten Instagram Kontaktdaten aus. Nun gab ich Reto bei unseren Nachbaren ab, denn Proviant verstauen ist als Smutje meine Aufgabe.

Doppelbrücke

Verproviantiert machten wir uns auf den Weg nach West Palm Beach, von wo aus wir den Golfstrom überqueren wollten. Wir durchquerten unzählige Klappbrücken in dem vermutlich bewohntesten Teil des Intracoastal Waterways. Die Villen türmten sich links und rechts von Kanal schier übereinander und eine Unmenge von Booten war anzutreffen. Niemandem konnte es schnell genug gehen, kleine Boote flitzen im Kanal hin und her, während die Bugwellen von Mega-Sportjachten unsere Sea Chantey schüttelten. Da die Amerikaner ihre Boote gelegentlich bis öfters auch nicht zu beherrschen wissen, erlebten wir zwei Beinahe-Unfälle: Ein Boot fährt zu nahe an die Klappbrücke heran,weil er der Erste sein will, der hindurch kann, diese öffnet aber nicht schnell genug und die Strömung zieht das Boot unter die Brücke, wobei der Mast mit der Brücke kollidieren würde. Dann musste das ungeduldige Boot rückwärts gegen die Strömung kämpfen, was zu sehr akrobatischen Manövern führte. Wir versuchten uns nicht nerven zu lassen und hielten Abstand. Und obwohl wir Klappbrücken lustig finden, waren wir froh, als wir in die Lagune von West Palm Beach einfuhren, wo es keine Klappbrücken mehr gab. Wir verbrachten einen Tag auf einer kleinen Insel, die Naturschutzgebiet ist und deshalb fast einsam war. Mein Highlight war eine Meeresschildkröte, die sich mir zeigte sich aber vor Reto versteckte.

Mit Atlantis zu den Sternen

Zwei gute Gründe um ein Auto zu mieten, sind: Ersatzteile besorgen und zum Space Center fahren. Deshalb mieteten wir am 4. März eine rote Hyundai-Limousine und trugen mich als Fahrerin ein. Wir fuhren einen kleinen Umweg durch das verwirrende Strassennetz, fanden dann aber die richtige Brücke nach Cape Canaveral. Fast direkt von der Autobahn biegt man auf die Zufahrt zum schier endlosen Parkplatz des NASA Visitor Center. Wir parkten in Feld 5 von mindestens 20 und schluckten beim Gedanken, dass dieser Parkplatz im Sommer immer voll war. Durch den Ticketautomaten und die Sicherheitskontrolle gelangten wir rasch in das Visitor Center, das fast einem Vergnügungspark nahe kommt und sich mit den Eintrittsgeldern selbst finanziert. Es war ein heisser Tag, doch in den Gebäuden brauchte ich eine Jacke. Die Ausstellung zum Naturschutzgebiet, welches sich als Pufferzone rund um das NASA Areal erstreckt, hatten wir bald gesehen, worauf wir uns einer Führung durch den «Raketengarten» anschlossen. Hier sind bis auf eine einzige, nur die Originale der Raketen aus den vergangen Space Programmen ausgestellt – eine angeblich sogar funktionstüchtig. Reto verschaffte uns wieder einmal eine Privatführung, weshalb wir von einem Parkangestellten die Funktion eines Raketentriebwerks erklärt bekamen. Das dieses von seinem Treibstoff gekühlt und vor dem Schmelzen bewahrt wird, empfanden wir als genial.

Nach einem frühen Mittagessen stürzten wir uns in die Marsexpedition. Diese war besonders auf die noch ungelösten Probleme einer Reise zum Mars ausgelegt. Mit einer aufwändigen Videopräsentation und diversen Spielen warb die Ausstellung um die zukünftigen NASA Mitarbeiter. Ziel der Ausstellung war es den Nachwuchs der Raumfahrt zu sichern und den potentiellen Ingenieuren und Weltraumforschern gleichzeitig eine Idee zu geben, auf welche sie hinarbeiten könnten um am Marsprojekt mitwirken zu können. Reto und ich erfreuten uns aber fast mehr an den Videospielen als die Kinder, den diese waren durchaus anspruchsvoll. Dennoch setzte Reto den Tages-Highscore im Andocken an eine Raumstation, während ich eine ganz ordentliche Mondlandung zuwege leitete. Danach dachte ich, das Space Center gesehen zu haben, aber Reto führte mich in ein weiteres Gebäude mit einer Lichtjahre-langen Schlange. Ich war drauf und dran wieder zu gehen, als sich die Tore der Ausstellung öffneten und die ganze Schlange samt uns in einen Kinosaal verschwand. Uns wurde ein Einführungsfilm über die Entwicklung eines Space Shuttles gezeigt, dann wurden wir in einen weiteren Kinosaal geführt. Hier zeigte man uns einen Film über die Schaffenszeit des Space Shuttles Atlantis. An dessen Ende wurde Leinwand durchsichtig und gab den Blick auf das echte Space Shuttle frei. Einen Moment liess die Inszenierung die Zuschauer staunen. Gerade als ich mich fragte, ob wir Atlantis nur vom Nebenraum aus betrachten durften, wurde die Leinwand wie ein Rollladen hinaufgezogen. Die entzückte Zuschauerschaft schritt dem Space Shuttle in den riesigen Ausstellungssaal entgegen. Ich konnte mich kaum satt sehen und las fast alle Hinweistafeln. Die Spiele in dieser Ausstellung funktionierten leider nicht richtig, dafür konnten die Besucher über eine Rutschbahn ins Parterre gleiten, wie bei einer Shuttle-Landung. Im Parterre spielten wir «Lande das Shuttle» und betrachteten die Ausstellungen, bevor wir uns durch den Shop nach draussen kämpften. Durch einen weiteren Shop wollten wir den Glace-Stand erreichen, doch Reto blieb stehen: Autogramm von einem Astronauten, stand auf dem Schild, heute: Heidemarie Stefanyshyn-Piper. Türöffnung war erst in einer Stunde, weshalb wir die Zeit totschlagen wollten. Nach dem Glace machte ich einige Schritte auf den Piezofeldern, die zu Planeten angeordnet auf dem Boden angebracht waren. Immer nach einer gewissen Anzahl schritte, ertönte durch alle Lautsprecher die Geräuschkulisse eines Raketenstarts, ich freute mich vor allem über eine gute Begründung mit ein wenig zu bewegen. Weil es so heiss war, verzogen wir uns bald in ein Gebäude, in dem wir einen Kinosaal fanden. Dank des Films über die Apollomissionen vergassen wir die Zeit. Als ich vor der Wartelinie des Autogrammraums ankam, stand dort schon ein Schild: Autogramm eines Astronauten Geschlossen. Ein kleines bisschen enttäuschte es mich, kein Autogramm mit der Aufschrift «Für Stefanie von Stefanyshyn-Piper» mit nach Hause zu nehmen, aber Reto schien es sehr leid zu tun, denn er hatte uns in den Film gelotst. Meiner Meinung nach war es dennoch ein super Ausflug gewesen. So super, dass wir vergassen unsere Ersatzteile in der Ortschaft Merritt Island zu holen.

Über den Wolken von Titusville

In zwei Tagesetappen durch Delfin bevölkerte Lagunen und von Fischern überfüllten Kanäle erreichten wir Titusville. Die mittelgrosse Stadt wir von der Merritt Island und Cape Canaveral von der Küste getrennt und hat ausser dem Astronaut Memorial Park kaum nennenswerte Sehenswürdigkeiten.  Für uns hat sie jedoch Erinnerungswert, denn Reto hat hier 2012 die Sea Witch begutachtet. Als ich in die Lehre kam, begannen wir zum ersten Mal von dieser Reise zu sprechen und Reto machte sich auf die Suche nach dem richtigen Schiff. Eine Sea Witch, wie das Modell unseres Angleman Ketch genannt wird, wäre das passende Schiff für ihn, weshalb er Rumpfnummer 1 – das 1939 gebaute Original – unbedingt sehen musste. Diese stand zum Verkauf, aber Sea Witch war in einem so desolaten Zustand, dass Reto sie nicht kaufen wollte. Nun reisen wir eben auf Sea Witchs zweitjüngster Schwester Sea Chantey. Wie wir einige Tage später herausfanden, liegt das Original noch immer in desolatem Zustand in Port Canaveral.

Ausnahmsweise funkte Reto die Marina an und ich durfte Sea Chantey an die Mooring-Boje Nummer 1 fahren. Entsprechend der Erfahrung der Steuerfrau haben wir schon eleganter angelegt. Etwas zu unserem Verdruss war Boje 1, die am nächsten zum Hafenbecken gelegen war, immer noch eine Viertelstunde rudern entfernt. Reto brachte uns mit voller Kraft an Land. Nach dem Besuch im Hafenbüro und einem kurzen Fussmarsch zur «Altstadt» musste ich feststellen, dass es in Titusville nicht viel zu sehen gab. Viele Geschäfte standen leer und auf den Strassen war kaum jemand unterwegs. Als unser Spaziergang am Feuerwehr Depot vorbeiführte, sahen wir durch das Garagentor ein wunderschönes, altes Spritzenfahrzeug. Reto fragte, wie er es eben tut, sehr höflich, ob wir es uns ansehen dürfen und schon hatten wir eine Traube Feuerwehrleute um uns, die uns so spannend fanden, wie wir ihr Fahrzeug. Ein Modell von 1935, wie uns der Hauptmann erklärte, von ihrem Depot verkauft und nach der Restauration wieder zurückgekauft. Dafür erzählten wir wieder einmal von unserer Reise. Aber wir wollten nicht lange stören und verzogen uns in die Brauerei.

Die Hausarbeit musste erledigt werden, bevor wir auf Entdeckung gehen konnten, daher war es schon Nachmittag als wir auf dem Weg in die Stadt bei einer Bootswerkstatt hereinschauten. Reto wollte Karten von den Bahamas besorgen, stattdessen fanden wir aber, was wir für unmöglich hielten: Genau diesen kleinen Filter aus der Dieselpumpe, den wir nach Merritt Island bestellt hatten. Wir waren um einen seltenen Filter reicher, als wir vom Uber im «Warbird Museum» abgesetzt wurden. Auch hier war Reto schon 2012 gewesen, aber er freute sich dennoch auf die fliegenden Kriegsmaschinen. Die Kassiererin teilte uns, ohne uns zu fragen, in Alen’s Tour ein, die schon vor ein paar Minuten begonnen hatte. Wir trabten durch den Hangar auf den ehemaligen Flughafen hinaus und trafen in einer DC-3 (C-47) auf unsere Tour. Alen war ein pensionierter Geschichtslehrer, in dessen Familie es einige Militärpiloten gegeben hatte, weshalb er nun neben einigen pensionierten Luftwaffenpiloten im Warbird Museum Führungen leitet. Eine seiner ehemaligen Schülerinnen, nun selbst Geschichtslehrerin, war ebenso Museumsbesucher wie wir. Zwei von drei Zuhörern entpuppten sich als Ausländer: Marischa (sicherlich völlig falsch geschrieben) aus Ungarn und Philip aus Russland. Diese hatten ihre eigene Meinung zu Kriegsflugzeugen und Weltkriegsgeschichte, wobei alle an den Weltkriegen beteiligten Nationen bei ihren Sprüchen einmal drunter kamen. Reto und ich amüsierten uns köstlich über ihre Kommentare und wir plauderten auch nach der Führung noch eine Weile. Auch dieses Museum schloss mit ein paar Minuten Verspätung, weil wir den Museumsshop erst bei Feierabend erreichten.

„Then you know Peter Reber?“

Gerade als es zu regnen begann, legten wir in Marineland an und verkrochen uns in unserem trockenen Schiff. Erst als es längst aufgehört hatte, packten wir und gingen die geräumigen Duschen ausprobieren. Ich brauchte etwas länger, weshalb Reto vor der Tür mit einem Herrn um die Siebzig ins Gespräch kam. Sobald ich meine Duschkabinentür aufschloss, erzählte er mir von seinem Gespräch. «Du, der kennt Peter Reber persönlich!» «Woher weisst du das, Reto?» «Als ich ihm sagte, dass wir Schweizer sind, fragte er ob ich ihn kenne. Und dann hat er von Peter Reber und seiner Familie erzählt!» Wie klein die Welt doch war. Da trafen wir die gleichen Leute, mit denen Reto’s Seefahrer-Idol vor bald vierzig Jahren Freundschaft geschlossen hatte. Wir hörten den ganzen Abend Peter Rebers Musik und machten schon zu Frühstück damit weiter. Da wir ab Steg lagen, machten wir die morgendliche Katzenwäsche an Land. Auf dem Rückweg über den Pier machte ich zufällig bei einem Boot halt, um einen Hund zu streicheln, der sich auf dem Deck eines Motorboots sonnte. Die Frau im inneren des Bootes winkte uns sofort herein, den ich hatte zufällig Jim und Donnas Boot und Hund erwischt. Fünf Minuten später sassen wir bei Kaffee in der guten Stube und tauschten Geschichten aus. Donna wiederholte in den folgenden zwei Besuchen hundert Mal, wie sehr wir sie an Peter und Livia erinnerten. Wie sie gelacht hatten, als Peter erklärte, er sei von Beruf Musiker. Wie herzig der kleine Simon gewesen sei, der heute Pianist ist. Wie genervt Livia immer gewesen war, wenn sie wieder mit dem Namen des Boots angesprochen wurde. Und wie engstirnig Peter sein konnte, wenn er eine Schwäche von seinem Boot Cindy versteck wollte, die genau nach seinen Wünschen gebaut worden war. Sie erzählten uns aber auch von sich, ihren Segelabenteuern und ihrem neuen Haus in Kenntucky. Wir wiederholten unsere Matinee drei Mal und jedes Mal wenn wir gingen, sagte Donna zu Jim: «Du, wir müssen Peter und Livia anrufen!» Da diese morgendlichen Treffen bis gegen zwölf Uhr dauerten, blieb uns der Nachmittag. Am ersten Tag machten wir einen Strandspaziergang und Donna fuhr uns zu einem Lebensmittelgeschäft. Am zweiten Nachmittag waren wir verabredet zum Skype. Meine engste Freundin Katja und unser Freund Reto, den wir gegen Verwechslung den Hedibär nennen, hatten sich bei Reto Hedibär getroffen und wir waren das Abendprogramm. Da man nach drei Nächten in der Marina einen Eintritt ins Marineland geschenkt bekommt, besuchten wir am dritten Tag das Delfinarium. Mit Marineland verhält es sich so: In den 1930er wurde hier ein Unterwasserstudio gebaut, um Filmaufnahmen von Meereslebewesen und Tauchern zu ermöglichen. Dokumentationen und Filme wurden gedreht und Delfine gehalten und studiert. Diese entpuppten sich als sehr intelligent, weshalb sich nach sieben Jahren jemand fragte, ob man Delfine trainieren kann. Ein Tiertrainer von einem Zirkus, der Seelöwen trainierte, wurde gerufen und trainierte Flippy. Marineland entwickelte sich zum ersten Delfinzirkus, zur Auffangstation, Aquarium und wenig später öffneten die Universität von Florida, Reihenweise Hotels und die Marina ihre Pforten. Dann eröffneten Sea Life und Sea World sowie diverse Kopien, weshalb die Hotels verschwanden und zurück blieb die Universität und die Auffangstation, in der Delfine vor allem zur Unterhaltung der Tiere selbst und zum Studium trainiert werden. Am vierten Morgen war es windig und Donna und Jim warfen unsere Leinen los, als wir nach Titusville aufbrachen.

Tschüss Marineland!

Die älteste Stadt Floridas

Es war strahlend schöner Sonnenschein an dem Abend, an dem wir durch eine mit Segelbooten und Fischern überfüllte Lagune mit der St. Augustine Marina kontakt aufnahmen. Schon in South Carolina haben uns die Leute von dem Städtchen vorgeschwärmt und wir freuten uns seit Wochen darauf. Via Radio sprach ich mit der Marina ab, welche Mooring wir nehmen durften, während Reto den Verkehr im Auge behielt. Nördlich der Lions Bridge machten wir an Boje 5 fest und ruderten unser Dinghy zum Dock. Die Stadt erinnerte mich an Südfrankreich: Überall Palmen, Parks mit Statuen zwischen den Einbahnstrassen, Galerien, Restaurants, Schmuckgeschäfte und Souvenirläden wechselten sich entlang der Strasse ab. Wir warfen uns ziellos hinein, doch einige Abzweigungen stadteinwärts zog es uns wie automatisch in eine kleine Strasse mit Kopfsteinpflaster, auf der nur wenige Leute unterwegs waren. Auch hier säumten Gallerien und Eisdielen die Strasse, die wir entlang schlenderten, bis wir unter einem Ladenschild stehen blieben: OLD MAPS AND PRINTS. Vorfreudig enterte ich das vollgestopfte, menschenleere Geschäft und begrüsste den älteren Herren hinter der Theke fast entschuldigend, die Ruhe in seinem Geschäft zu stören. Reto drehte nur eine kleine Runde, bevor er sich gegenüber der Theke in einen Sessel setzte und mit dem Ladenbesitzer plauderte. Ich muss Stundenlang zwischen den alten Karten, Bücher, Drucke von Kupferstichen und zahllosen sonstigen Dingen herumgekrochen sein. Die «Drunkadillos» fand ich doch etwas makaber: Ein präpariertes Amarillo (Gürteltier), das sich eine Falsche an den Mund hält? Als ich in einem Märchenbuch von 1860 las, reif Reto mich an die Theke. Der Ladenbesitzer wollte früher schliessen, aber bis wir ihm auf der Türschwelle von unserer Reise erzählt hatten, kam er vermutlich trotzdem zu spät zu seiner Verabredung. Ich wollte noch einmal in den Kartenladen, weshalb uns der Kartensammler einen Gutschein für das nächste Restaurant gab und versprach, eine alte Schweizerkarte aus seinem Archiv auszugraben. Die Trennung fiel uns dreien schwer, der Kartensammler erzählte uns von der Ortschaft, bevor er schliesslich seines Weges zog. Sein Geschäft war im ältesten Haus St. Augustines, gebaut in den 1760ern und nur knapp einem Feuer entronnen. Dieses stand in der ersten Strasse, die gebaut wurde nachdem Jose Ponce de Leon 1513 den Ort entdeckt hatte. Das spanische Fort war bis zum Bürgerkrieg in Gebrauch und ist damit Floridas Rekordhalter. Gegenüber dem Haus des Gouverneurs befindet sich heute das Tourismus Quartier mit noch mehr Restaurants, Souvenirläden und Galerien. Dieses durchstreiften wir den ganzen Abend, bevor wir uns gönnten im Restaurant 1A1 «Znacht» zu essen.

Obwohl es am nächsten Vormittag regnete, ruderten wir unsere Wäsche an Land. Diese Idee hatten viele «Boaters», die Waschmaschinen kamen gerade so nach mit der Nachfrage, aber an den «Tumblern» entstand Stau. Insgesamt brachte mir dies aber genug Zeit ein, um meinem Verlag zu schreiben. Die Bearbeitungen für das illustrierte Hardcover nehmen ihr Ende. Ausserdem wurde derweil das Wetter besser und als wir uns zum Kartenladen aufmachten, strahlte die Sonne. Aufgeregt, wie nur ein wahrer Sammler es sein kann, legte der Ladenbesitzer uns die Doppelseite eines Atlanten vor. Sie zeigte die Schweiz, vor der Gewässerkorrektur der Aare, wie Reto sofort erkannte. Wir diskutierten lange über die Herkunft der Karte und die Schweiz und ich machte eine Ehrenrunde durch das Geschäft. Die wunderbare Karte der Bahamas von 1779 konnte ich mir leider nicht leisten. Dafür packte der Kartenhändler die Karte der Schweiz ein. Als Geschenk, weil ich so lange und so genau in seiner Sammlung gestöbert hatte. Sie hängt jetzt über meiner Koje. Dann griff er in eine Schublade und gab mir eine Halskette mit Haifischzahn: Ich sollte den Leuten erzählen wie ich diesen Zahn mit einer Zange aus dem Rachen eines Hais gezogen hatte. «Nein», sagte ich lachend, «Ich erzähle den Leuten, dass ich diesen Zahn in einem verstaubten Kartenladen in der ältesten Strasse Floridas von einem Mann bekam, der betrunkene Amarillos verkauft. Das klingt fiel abenteuerlicher!» Der Sammler lachte und wir tauschten Adressen aus, bevor Reto und ich unseres Weges zogen. Den Haifischzahn trage ich seither. Diesmal hatten wir ein bestimmtes Ziel in der Altstadt, den Reto wollte sich nach einem Hut umsehen. Sein Strohhut hatte schwarze Schimmelpunkte bekommen und er sah sich nach Ersatz um, fand aber nichts, was ihm gefiel und seinem Portemonnaie entsprach. Dafür bekam er im Schokoladengeschäft von der süssen Verkäuferin Schokolade geschenkt. Bevor wir zu Sea Chantey zurückruderten, holten wir unsere Wäsche aus dem Waschsalon. Weil dieser auch die Lounge der Marina ist, plauderten wir noch eine halbe Stunde mit einem älteren Herren und seinem eifersüchtigen Hündchen Stella. Derweil drehte die Strömungsrichtung im Hafen, weshalb Reto die Riemen nur zum Steuern benutzen musste, als er uns zurück aufs Schiff brachte.

Wir schliefen lange und machten Hausarbeiten, weshalb es schon relativ spät war, als wir aufbrachen, um uns das College anzusehen. Das Flagler College ist eines der grössten Gebäude in St. Augustine und mit seinen Türmen und Kuppeln imposant wie ein Schloss. Tatsächlich war es aber ein sehr grosses, sehr schickes Hotel mit Saal und botanischem Garten, bevor es vor bald 100 Jahren zum College umgebaut wurde. Für die Tour waren wir aber zu spät, weshalb wir nur die drei Stockwerke hohe Eingangshalle zu Gesicht bekamen. Wir gingen dafür Glace essen und spazierten zum Fort. Am frühen Abend stoppten wir in der Sangriabar, deren Eingang wir seit dem Vortag gesucht hatten. Sie war im ersten Stock eines alten Gebäudes und von aussen waren nur die Tische auf dem Balkon zu sehen, der zwei Seiten des Gebäudes umrahmte. Der Eingang war eine versteckte Treppe im Hof. Wir genossen Sangria und Snacks auf dem Balkon, plauderten mit den anderen Gästen und verdünnisierten uns, als es voll wurde. Dann liefen wir an das interessanteste Kleidergeschäft der Stadt, einen Steampunk-Laden. Es gab viel zu stöbern. Ich probierte sogar eine Bluse an und nicht nur die Verkäuferin und eine andere Kundin fanden sie toll, sondern sogar RETO! Wer mit Reto shoppen geht, kauft nie etwas, weil es ihm Freude macht, Kleidungsstücke schlecht zu machen. Aber diese Bluse gefiel ihm, weshalb sie nach dem zweiten Mal anprobieren mit mir nach Hause kam. Sangria! Meinen letzten baren Dollar steckte ich in eine Wahrsager-Maschine mit Harry Potter’s sprechendem Hut, obwohl ich ja weder an Horoskope noch an wahrsagen glaube. Sangria! Auf der Karte war ein Einhorn zu sehen und da stand, sehr zutreffend:

Glücklicherweise ist dir vorbestimmt sehr glücklich zu sein.

Immer Ärger mit Sea Chantey

Wir blieben drei Tage in Fernandina Beach, südlich vom St. Marys Inlet hängen: Einkaufen, Pakete zur Post bringen, im Buchladen stöbern und einmal wieder ein Glace essen, brauchte eben seine Zeit. Reto könnte in jedem Städtchen versumpfen, aber ich bewegte ihn bald zur Weiterfahrt. In zwei Tagestrips durch den Intracoastal Waterway erreichten wir St. Augustine – nicht. Sea Chantey’s Motordrehzahl brach regelmässig zusammen, wenn wir mehr als 2000 Touren fahren wollten. Dies ist unsere durchschnittliche Betriebsdrehzahl wenn wir unter Motor unterwegs sind, wollen wir uns aber schneller bewegen, um einem Hindernis auszuweichen oder uns gegen eine Strömung zu bewegen, könnte ein Zusammenbruch der Motordrehzahl problematisch bis gefährlich werden. Bis zum Steg eines öffentlichen Parks, den wir als Nachtlager auserkoren hatten, gelangten wir aber unbehindert. Wir liessen in allen Wasserabscheidern das Wasser ab und reinigten die grossen Dieselfilter in der Hoffnung dem Problem Herr zu werden. Bei der Abfahrt starb uns aber der Motor sogar einmal weg, bevor wir mit 2000 Touren weiter nach Süden fuhren. Reto macht sich bei solchen Problemen Dauersorgen, weshalb ich schon am Nachmittag eine Marina anfunkte, die am Weg lag. «Falls ihr zu weit rechts durch die Einfahrt ins Hafenbecken wollt, spürt ihr vielleicht einen Ruck. Wir haben da eine Sandbank», sagte der Bursche von der Marina. Wir hatten Ebbe, aber weil wir nicht warten wollten, fuhren wir – etwas zu weit rechts – in den Hafen und schwupp… sassen wir auf der Sandbank fest. Wir konnten zum warten zumindest den Motor ausschalten. Einige Stunden später machten wir am Gästepier fest und ich baute auf Retos Vermutung hin den Impeller auseinander, ohne selbst zu glauben, dass dieser das Problem war. Reto las derweil die Motorhandbücher. Der Impeller, ein kleines Gummi-Wasserrädchen, das Seewasser von aussen ins Kühlsystem pumpt, sah hervorragend aus, doch wir ersetzten ihn am folgenden Tag trotzdem, denn seine Betriebsstundenzahl hatte er längst überlebt.

Die Suche ging sehr motivations- und ratlos weiter: Reto vermutete immer noch die Kühlung, weshalb wir uns nun diesen Filter ansahen. Er sah sauber aus, weshalb wir nicht sicher waren, ob überhaupt Wasser darin war. Ob voll oder nicht, Reto bestand auf eine Prüfung der Wasseransaugöffnung, auf Verstopfung von aussen. Da er aber ziemlich blanke Nerven hatte, stand ich bei 17°C bewölkt im Bikini auf dem Pier. Das Hafenwasser war braun und trübe, ein paar Meter nebenan sassen die Pelikane auf dem Pier und irgendetwas roch unangenehm. Es brauchte viel Überwindung um mich in die Brühe zu werfen, aber was tut man nicht alles, um seinem Partner eine Sorge abzunehmen? Jeder hat Tage mit wenig Nerven. Das Wasser war nicht kalt, aber meine Füsse kaum zu sehen und der Geruch, brachten mich fast zum Würgen. Unter dem Pier lag ein toter Fisch, sehr motivierend! Reto dirigierte mich vom Pier aus zum Wassereinlass. Ich ertastete ihn erst mit den Füssen, weil er zirka einen Meter in der Tiefe 1.5 Meter von der Wasserlinie entfernt ist. Doch um sicher zu sein, dass er nicht verstopft war, musste ich mich überwinden unter den Schiffsrumpf zu tauchen. Keine Verstopfung. Zumindest durfte ich nun unter die Dusche. Abends blätterte Reto wieder in der Wartungsanweisung, während ich kochte, als er plötzlich fragte: «Stefy, haben wir den Filter in der Dieselpumpe mal gewechselt? Der war doch auch verstopft, nachdem wir mit Pascal den Golf of Maine überquert hatten.» Der winzige Filter in der Pumpe! «Ich hatte ganz vergessen, dass die Dieselpumpe einen Filter hat…»

Am folgenden Morgen bauten wir den kleinen, runden Filter aus der Dieselpumpe aus. Er war rabenschwarz und sah aus als hätte ihn jemand in Schlamm gedreht. Mit einer alten Zahnbürste putzte ich Tatobjekt, bevor wir alle Bootsbedarf-Geschäfte der Umgebung zu Fuss und per Uber nach einem solchen Vetus-Filter abklapperten. Einer von drei war fähig, das korrekte Teil online zu finden, aber bestellen konnte er es nicht. Dies war auch der Grund das Jens ihn nicht ausgetauscht hatte, dieser Filter war schwierig zu finden. Glücklicherweise waren wir unterwegs nach Titusville, was nur eine knappe halbe Autostunde von Merritt Island entfernt ist – Merritt Island hat eine Vetus Niederlassung. Wieder in der Marina nahm Reto gleich Kontakt mit Vetus auf und wir bauten den geputzten Filter wieder ein. Nach einem kurzen Testlauf wussten wir, der kleine, geputzte Filter würde uns bis nach Titusville bringen.

Wellig wie noch nie

Hochverehrte Leserschaft,

Ich würde euch gere einen guten Grund nennen weshalb ihr so lange auf die folgenden Blogbeiträge waretn musstet, tatsache ist aber, dass meine Ausreden ziemlich schlecht sind. Das Wetter war zu schön zum Schreiben, ich habe an meinem Buch gearbeitet, die Geschichten wären zu nervenaufreibend für unsere Mamis gewesen… sind nicht, was mir das Verständnis meiner Leser einbringt. Daher sind hier die Highlights von Florida, bevor ihr in der Karibik vielleicht monatelang nichts von mir hört. Die Bilder liefere ich baldmöglichst nach.Viel Spass.

Weil der Wind wieder einmal gegen uns war, ging unsere Reise im Intracoastal Waterway weiter. Es war so warm, dass ich ohne Hose und nur im T-Shirt an Deck sass, während wir durch die vielen Flussarme und Kanäle nach Südwesten schipperten. Mal mit, mal gegen die Strömung waren wir unterschiedlich schnell unterwegs und durchquerten unterschiedlichste Landschaften. Am Nachmittag zogen plötzlich Wolken auf und wir mussten uns ordentlich anziehen. Zwei Kurven weiter sassen wir in dickem Nebel, der sich aber ebenso schnell wieder auflösten, wie er kam. In trübem Wetter entdeckten wir einen Delfin, der uns in den Flussarm begleitete, in dem wir ankerten. Hier zerlegte Reto den Kompasskasten. Bis es dunkel wurde, war alles für die Reparatur vorbereitet.

Nach Konsultation des Wetterberichts am 13. Februar wussten wir, dass Nordostwind für den 14. angesagt war. Dieses Wetterfenster würde mehr oder weniger drei Tage halten, weshalb wir unseren Plan nach Beaufort, South Carolina(!), zu fahren über den Haufen warfen. Statt den Tagestrip in Angriff zu nehmen, erst bei Sonnenuntergang in der historischen Stadt anzukommen und trotzdem nicht die Zeit zu haben, um die Stadt zu sehen, blieben wir im Toogooboo River vor Anker. Reto flickte schlussendlich unser Kompasslicht, mit einem Minuspunkt. Der neue Schalter entpuppte sich dummerweise als Taster, die Lampe leuchtet nur, wenn der Schalter gekippt gehalten wird. Reto ärgerte sich sehr, da wir nun einen anderen Schalter besorgen müssen und den Einbau nicht vollenden können. Aber wenn man ein Röhrchen in den Schalter steckt, bleibt das Licht an, weshalb wir auf dem nächsten Zweitagestrip zumindest auch nachts den Kompass sehen. Während ich Blogbeträge schrieb, mutierte Reto zum Schneider. Aus der grossen Canvas-Rolle schnitt er Verlängerungen für unsere knappen Segelcover zurecht und wir schlugen den Flieger ( das vorderste Segel ) an, um auch für diesen ein Cover zu schneidern. Sobald die Einzelstücke des Covers mit Mühe und Not in unserer Kabine ausgemessen und zugeschnitten waren – was uns wegen der Länge der Stoffstücke hinten und vorne an die Grenzen unserer Kabine brachte – verstauten wir unser Segel wieder in die Segellast. In Erwartung der zweitägigen Überfahrt nach St. Augustine in Florida, gingen wir früh Schlafen.

Mit einem kräftigen, kühlen Nordostwind von der Seite arbeiteten wir uns am nächsten Morgen durch einen seichten Inlet in den Atlantik hinaus. Die Wellen waren schon vor der Küste unangenehm, nahmen weiter draussen an Höhe zu und der Wind kam so exakt von hinten, dass wir uns entscheiden mussten: Entweder wir fuhren nur unter Fock (das vorderste Segel) und hätten damit zu wenig Segelfläche sowie zu wenig Geschwindigkeit, um vernünftig zu Steuern ODER wir kreuzten vom Wind weg (fahren also im Zick Zack auf unser Ziel zu), wofür wir uns entschieden. Wir konnten so mehr Segel setzen, schneller fahren und besser Manövrieren. Gegen Abend wurden die Wellen stetig höher, hoben uns von hinten an, nur um uns in ein vier Meter tiefes Wellental fallen zu lassen. Kochen war unmöglich und unser Appetit hielt sich in Grenzen – ich hatte einen flauen Magen und Reto machte sich zu viele Sorgen. Nach zwei vollen Wachen, kletterte ich mühsam in die Kabine, um ein bisschen Schlaf vorzuholen, denn ich würde von zwölf Uhr bis vier Uhr wieder am Rad sitzen. Alles, was nicht festgeschraubt war, lag auf dem Boden verteilt und kullerte mit den Wellenbewegungen hin und her. Da es aber nur bis zur nächsten Welle an seinem Platz bleiben würde, räumte weder Reto noch ich auf. Ich kletterte mit allen Kleidern in die Koje, streckte alle viere von mir und krallte mich an das Brett, welches das Bett von der Bordwand trennt. Mehr als ein unruhiges, erschöpftes Dösen brachte ich aber nicht zu Stande, denn bei jeder Welle wurde ich fast aus dem Bett geschüttelt. Ich war nicht erholt, als ich wieder an Deck krabbelte, aber im besseren Zustand als Retos Nerven. Wir mussten uns vor der Einfahrt zu einem Containerhafen befinden, den überall waren die Lichter von Frachtern zu sehen. Gefährlicher weise ist es schwer zu erkennen, ob diese sich bewegen oder vor Anker liegen. Die meisten schienen sich nicht zu bewegen, weshalb ich unseren Kurs beibehielt, während Reto sich verkroch. Ich sass noch nicht lange am Steuer entdeckte ich diesen Frachter, der scheinbar aus dem nichts schräg vor mir aufgetaucht war. Erst dachte ich er läge vor Anker und ich bewege mich auf ihn zu, da ich aber nicht sicher sein konnte, wollte ich nicht vor ihm durchfahren und rief ich den armen Reto wieder an Deck. Er steuerte, während ich bei einem schaukligen Wendemanöver das Focksegel back hielt, um die Drehung zu erleichtern. Als ich mich nach dem Manöver nach dem Frachter umschaute, stellte ich entsetzt fest, dass er schon Meilenweit weg war. Während wir gedreht hatten, war er sehr schnell und ohne uns zu bemerken an uns vorbeigefahren. «Ups! Der war offenbar tatsächlich unterwegs!», sagte mit einem Kloss im Hals zu Reto. Der nickte, wie jemand der hundemüde gerade fast von einem Frachter überfahren worden wäre und froh war, dass alles gut gegangen war. «Ich hätte dich ein bisschen früher wecken können, …aber ich war mir wirklich nicht sicher, ob er sich bewegt oder nicht.» Reto nickte wieder: «Ist ja alles gut, wir haben ja früh genug gewendet…» Wäre er richtig wach gewesen, hätte ich vermutlich mehr zu hören bekommen, so aber brachten wir Sea Chantey wieder auf Kurs und Reto verkeilte sich wieder in seinem schaukelnden Bett. Die Wellen wurden entweder kürzer oder höher in den folgenden Stunden, jedenfalls unangenehmer. Retos Wache kürzten wir um eine Stunde, damit er gegen Mittag das Ruder wieder übernehmen konnte. Zum Mittagessen löffelten wir eine Dose Corned Beef, denn unser Hunger hielt sich noch immer sehr in Grenzen. Reto war fertig mit den Nerven und die Aussicht darauf in St. Augustine mit diesem Seegang nicht in die Hafeneinfahrt hineinzukommen, also noch eine ganze Nacht segeln zu müssen, gab ihm ziemlich den Rest. Am frühen Nachmittag suchten wir deshalb eine nähere Einfahrt und entschieden uns wegen des tiefen, breiten Kanals für den St. Marys Inlet. Dennoch kämpften wir noch vier Stunden mit den Wellen, ehe dieser gegen fünf Uhr in Sicht kam. Näher am Land türmen sich die Wellen auf und der Gegenstrom aus dem Inlet machte sie kurz und spitz. Die Wellen rollten seitlich von hinten an, hoben unser Heck und drückten dabei das Heck nach vorne, weshalb Sea Chantey sich parallel zur Welle drehte, bis wir wieder ins Wellental fielen. Wegen der ungeheuren Kräfte am Ruder musste Reto uns in den Inlet fahren, da ich den Kurs nicht mehr halten konnte. Aber ich hatte meine Steuerzeit in der Nacht vorgeholt. Im Einfahrtskanal schob sich der Seegang zu fünf Meter hohen Wogen auf: Aus dem Cockpit sahen sie immens aus, dann erfassten sie das Schiff, hoben es hoch und wir sahen vom Wellenberg auf unseren Bugspriet weit unten im Wellental hinab. Ich lachte als zu allem Überfluss auch noch die Spitzen Flossen eines Haifischs aus einer Welle aufragten – wie im Film! Seelisch waren wir bereit, dass Sea Chantey kenterte, was aber nie geschah. Stattdessen erreichten wir irgendwann die Innenseite der Einfahrt, holten die Segel ein und fuhren bei Sonnenuntergang unter Motor an den erstbesten Pier. Kaum angelegt, begaben wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. Es war Valentinstag und erst das dritte Restaurant hatte freie Stühle. Ich bestellte eine grosse Menge Essen, aber ich schlief fast darin ein, weshalb wir den Grossteil mitnahmen und zum Frühstück verspeisten.

Charlston Marina & Resort… & Warship

Der Charlston Harbor hat eine starke Tidenströmung, weshalb wir etwas unsanft anlegten. Das verschaffte uns aber einen Gesprächspartner, unseren Nachbaren. Segler tauschen sich immer über ihre Abenteuer und Probleme aus, weshalb Reto kurz darauf zum West Marine Store gefahren wurde. Während ich für uns alle Tee kochte, nahmen Reto und unser Nachbar die defekte Kompassbeleuchtung auseinander. Die Sicherung war’s nicht, die Birne auch nicht, der Schalter auch nicht, welcher aber trotzdem ausgetauscht wurde. Reto musste erfolglos unter die Dusche, aber mit unserem Nachbarn Pizza essen zu gehen, half Retos Nerven.

Eigentlich wollten wir nur einen Tag bleiben, aber diese Kriegsschiffe aus dem zweiten Weltkrieg waren zu verlockend. Das Museum lag unmittelbar neben dem Marina-Hafenbecken und dank eines kleinen Kassenhäuschens konnten wir direkt vom Pier aus den Museums-Pier erreichen. Wir sahen uns zuerst das U-Boot an, welches einst Dieselgetrieben war und 80 Mann Crew beherbergte. Mir war unheimlich, wie durchgerostet die Aussenhülle war und auch der Geruch nach altem Traktor trug nicht zu meinem Wohlbefinden bei – Traktoren gehören nicht ins Wasser. Es bräuchte einen Refit. Wie wir am Kassenhäuschen erfuhren, wird dieser aber vermutlich nie gemacht werden, man überlegt sich, ob das National Landmark als künstliches Riff versenkt werden soll. Verständnislos gingen wir an Bord des Flugzeugträgers und folgten den Tours durch das Labyrinth im Rumpf. Auch auf der USS Yorktown fand ich die Bäckerei (mit einem Rezept für 10’000 Cookies und den entsprechenden Rohmaterialmengen) und die enorme Mechanische Werkstatt beeindruckend. Reto mochte besonders die ausgestallten Flugzeuge auf dem Hangar Deck und der Landebahn. Auch in einen Nachbau der Raumkapsel der Apollo 8 Mission zwängten wir uns, um einen Film darüber zu schauen. Sie war damals nach der Landung von der USS Yorktown aufgesammelt worden. Nach U-Boot und Flugzeugträger hatte ich aber die Nase voll von alten Kriegsschiffen, weshalb Reto den Zerstörer nicht mehr von innen sah. Alleine durch das Museum stolpern, steht nämlich nie zur Debatte.

Von einem Uber liessen wir uns zum Hardware Store fahren, wo wir ein Multimeter kauften, mit dem wir den Fehler in unserm Kompasslicht finden wollten. Zurück zu fahren war allerdings nicht so einfach, denn ohne Telefonnetz konnten wir keinen Uber und kein Taxi bestellen. Nach einem Spaziergang zu Wendy’s konnten wir mit deren W-LAN unsere Fahrt organisieren. Endlich zurück in der Marina war es schon dunkel, weshalb wir mit der Taschenlampe und dem Multimeter unseren Kompass untersuchten. Ergebnis: An dem Kompass wurde so viel herumgebastelt, dass der wiederstand in den Kabeln zu gross wurde für die Glühbirne und eine Litze war aus ihrer Klemmverbindung gefallen. Um die Beleuchtung zu flicken, war es uns aber schon zu dunkel. Daher schnappten wir unsere Badesachen und platzierten uns im Heisswasserbecken der riesigen Poolanlage des Ferienresorts, zu dem wir als Marina-Gäste Eintritt hatten. Wir waren die einzigen Gäste, die die Anlage nutzen und Reto hielt es lange bei mir im heissen Wasser aus. Reto badet nicht gern heiss, während ich mich gerne kochen lasse, weshalb er das Feuer genoss. Für das Strandambiente waren diese Gas-Feuerstellen aufgestellt, die wunderbar wärmten und leuchteten, aber nicht nach Rauch stanken. Bis auch ich mich aus dem heissen Becken bewegte und mich vom warmen Wind trockenblasen liess, war es schon neun Uhr abends. Zu faul um zu kochen, fragten wir im schickimicki Fischrestaurant des Resorts, ob die Küche noch offen war. Und tatsächlich wurden wir gleich darauf vom Chef de Service und dem Trainee bedient und bekamen fast zu viel Aufmerksamkeit. Reto zeigte mir die Rechnung nicht und ich werde auch nicht fragen, aber Essen, Wein und Dessert waren echt lecker. Beim Drink in der Bar wäre ich aber beinahe eingeschlafen.

Eine magische Überfahrt

Wir fuhren den ganzen Tag vor leichtem Nordwind, während wir die Long Bay überquerten, auf deren anderer Seite Charlston in South Carolina liegt. Aus der Ferne beobachteten wir Frachtschiffe auf dem Weg nach Wilmington, von Seevögeln verfolgte Fischerboote und Delfinschulen. Zwischen den Mahlzeiten und Wachen schrieb ich Postkarten. Reto verbrachte seine Freiwachen mit Lesen. Er hatte sich das zweite Buch unter den Nagel gerissen, das ich im «Biergarten» gekauft hatte und las die Romanversion der Lebensgeschichte von Päpstin Johanna. Nur als wir diese merkwürdige schaumige Grenze zwischen bräunlich blauem und bergsee-türkisem Wasser durchquerten, versuchte er Fotos zu machen. Das Wasser des Cape Fear Rivers traf hier auf den Golfstrom. Dazwischen bildete sich weisser Seeschaum und die Seevögel wurden davon magisch angezogen, sassen Reihenweise auf der Grenze, als würden sie dort nicht abgetrieben. Die Fotos sind allerdings unspektakulär. Der sonnige Tag wich einer hellen Nacht. Der Vollmond tauchte im Osten riesig und käsegelb aus dem Meer auf und schien die ganze Nacht auf die See hinunter, wie ein Scheinwerfer. Ich tat während meiner Freiwache kein Auge zu, aber Reto fand es praktisch den Kompass auch ohne das kaputte Kompasslicht zu sehen. Da ich generell nicht gut nach Kompass steuere, betrifft mich dies nicht: Ich orientiere mich kurzzeitig an Sternen, Planeten, Wolken oder Landmarken, um den Kurs zu halten und am Kartenplotter, um die Richtung alle paar Minuten zu überprüfen. Ich hatte die erste Nachtwache von acht bis zwölf und die Hundewache von vier bis acht Uhr. Diese war besonders hart, da ich fast einschlief bis um sechs Uhr am Morgen die Sonne aufging und der Wind erstarb. Im ersten Tageslicht holten wir die Segel ein – ich musste dazu den armen Reto aus seinen süssen Träumen reissen – und motorten durch die Flaute bis um zehn Uhr wieder Wind aufkam. Am frühen Nachmittag kam Land in Sicht und wir bogen bald darauf in den Einfahrtskanal nach Charlston ein.

Unser neuer Freund

Als wir uns gegen das auslaufende Wasser kämpften, kam ein brauner Pelikan angeflogen. Er zog einen grossen Kreis um Sea Chantey und schwupp … landete er sehr plump auf unserem Kabinendach. Er beobachtete mich einen Moment, dann machte er es sich bequem. Da ich am Steuer sass, pfiff ich Reto mit dem Handy an Deck, um Fotos zu machen. Unser Pelikan begann gemütlich sich mit seinem langen, unpraktischen Schnabel zu putzen, während für uns Action angesagt war. Ein Polizeiboot kam längsseits und funkte uns an: Macht Platz! Da hinten kommt ein Kreuzfahrtschiff mit einem medizinischen Notfall an Bord! Bleibt am Rand des Kanals! Wir hielten Sea Chanteys Kurs weit am Rand, während das Luxusschiff an uns vorbeifuhr. Der Pelikan störte sich nicht daran, er hatte seinen gefiederten Bauch an unser Dach geschmiegt und schien vor sich hin zu dösen. Erst als das Passagierschiff im Hafen war und wir schon fast die Marina erreicht hatten, richtete er sich auf. Er watschelte ganz an den Rand des Kabinendachs, holte Schwung und machte einen grossen, uneleganten Hüpfer über unsere Reling. Er erreichte fast das Wasser bis seine Flügelschläge dem schweren Vogel Auftrieb verschafften – weg war er.

1000 Schätze auf Bald Head Island

Bald Head Island ist wunderschön. Sie ist Naturschutzreservat und Ferieninsel mit vierzehn Meilen geschütztem, fast unberührtem Stand. Eine Fähre verbindet sie mit dem Festland, nur Firmen bekommen eine Erlaubnis für ein Auto und die Touristen, die im Sommer kommen, dürfen sich lediglich mit dem Golf Kart, dem Fahrrad oder den Füssen fortbewegen. Im Januar säumen leerstehende, aber schöne Ferienresidenzen die leere Marina und jede Stunde unterhält die Fähre mit ihrem Kommen und Gehen. Der Wind rauscht durch die Palmen. Still und paradiesisch, was mir spätestens dann richtig klar wurde, als sich der zweite Mensch, den wir trafen, als Schriftsteller entpuppte. Michael wollte eigentlich auf der Veranda der Marina arbeiten, schreiben, aber unser hübsches Schifflein lenkte ihn leider sehr ab. Nach einer Viertelstunde plaudern, waren wir mit allem versorgt, was man auf Bald Head Island brauchen konnte, wir sollten nur nach Michael fragen. Aber der Harbormaster war schneller: Über eine Holzbrücke über den Sumpf, dann durch eine Landschaft wie ein Dschungel fuhren wir im Golf Kart zum Grocery Store. Die salzige Luft, die engen Strassen und die Moosbehängten Bäume erinnerten mich so sehr an Rotnest Island in Australien, dass ich schon die Quockas (Känguruh-Ratten) suchte. Als uns der Harbormaster mit dem Golf Kart beim Grocery Store absetzte, hatte dieser gerade Stromausfall. Er war ausgerichtet auf Touristen, die es sich gut gehen liessen. Wir kauften Wein und beste Leckereien, plauderten in dem Menschenleeren Spezialitätengeschäft mit der Kassiererin und jubelten mit den drei Angestellten als die Lichter wieder angingen. Ein Spaziergang am Strand rundete einen Ferientag wie aus dem Bilderbuch ab. Wir freuten uns richtig darüber, dass der kommende Südweststurm uns ein, zwei Tage festhalten würde. Ein Hobby-Strand-Fotograph, der sich als Jerry vorstellte, nahm uns mit zur Marina.

Am Donnerstag, 6. Februar hatte ich «Sturm»-frei: Der Kaffee kam aus der Cafetiere und Musik kam von meinem Laptop. Trotzdem machten wir uns früh auf den Weg zum stillgelegten Leuchtturm. Als dieser geschlossen war, bekam ich den ganzen Tag zur freien Verfügung. Mit Reto sah ich mir die Reste eines Forts an, bevor ich mich wie tags zuvor Michael auf die Veranda setzte und bloggte. Als Crew frei zu haben bedeutet, als Schriftstellerin und Bloggerin zu arbeiten – Ruhm kommt nicht von alleine! Reto lieh sich derweil ein Fahrrad und radelte auf die andere Seite der Insel, um sich die Reste eines anderen Leuchtturms anzusehen. Ich bedaure etwas, ihn nicht begleitet zu haben, aber ich hatte zumindest einmal meine Ruhe. Reto macht es nichts aus, dass wir dauernd auf einander hocken, mir zehrt es zeitweise an den Nerven. Er kam mit einem Grinsen auf dem Gesicht zurück: «Ich habe einen Schatz gefunden und ihn für dich versteckt! Willst du morgen auf Schatzsuche gehen?» Plötzlich freute ich mich, dass ich zurückgeblieben war. Reto schrieb mir eine Wegbeschreibung, die er mit Rätseln und seiner unleserlichen Handschrift verschlüsselte. Nachdem ich ein unangenehmes Mail meines Verlags beantwortet hatte, war ich auch reif für einen Drink, weshalb es uns in Mojo’s Bar direkt am Pier verschlug. Dort sass schon Michael an der Bartheke und fünf Minuten später waren wir mit der halben Insel bekannt gemacht. Das Mojo’s war als einzige Bar auch im Winter geöffnet und wirklich alle – ALLE – trafen sich hier. Und JEDER wollte wissen, woher wir kamen, was wir erlebt hatten und fand unsere Reise grossartig, weshalb uns JEDER einen Drink spendieren wollte. Den letzten Drink konnten wir selbst bezahlen, aber die Bartenderin Hannah weigerte sich, das Trinkgeld zu nehmen. Michael versprach uns seinen Glof Kart für die Schatzsuche. Vielleicht lag es auch an den drei Cidern und dem vollen Bauch, dass es schwierig war den schaukelnden Pier zu überqueren. Der Sturmwind blies uns fast vom Pier, aber wir erreichten unser schwankendes Schiff und kippten in die Koje.

Es passierte nachts. Die Blitze leuchteten durch die Bullaugen, der Wind heulte und wir taten fast kein Auge zu. Aber für uns war der Stromausfall kein gravierendes Problem. Die Insel dagegen trat in den kurzzeitigen Notzustand: Die Fähre fuhr erst ab dem Nachmittag, die Häuser hatten keinen Strom und die wenigen, die einen haben, nahmen die Notstromgeneratoren in Betrieb. Entsprechend bekamen wir natürlich keinen Golf Kart für die Schatzsuche. Aber da der Sturm zwar windig, aber wunderschön sonnig war, gingen wir zu Fuss auf Schatzsuche. Am Leuchtturm vorbei folgten wir dem Piraten, liefen quer über die Insel und entdeckten den Golfplatz. Nach einer Stunde Fussmarsch machten wir einen kleinen Umweg zum Einkaufszentrum, wo wir in der Kantine des Grocery Stores zu Mittag assen. Wir amüsierten uns darüber, dass wir an jeder Steckdose eine Person mit Laptop vorfanden, die dem Lebensmittelgeschäft den frisch produzierten Generatorstrom stibitzten, der für die Kühlschränke gedacht war. Hier trafen wir ein Pärchen, das wir in der Bar kennengelernt hatten und uns nun zwei Fahrräder lieh. Ich war vorher noch nie mit einem Velo unterwegs gewesen, bei dem man zum Bremsen rückwärts treten musste. Mit diesen überquerten wir die Insel nach Osten. Einmal machten wir eine kurze Exkursion zu Fuss, um herausfinden wie dick die Timmons Eiche ist, was ich für eines der Schatzrätsel wissen musste. Der Baum war sicher zwei Meter dick und hohl, bis in die Äste. Ich kletterte innen sogar ein Stück hinauf, um die Hand aus einem Astloch zu strecken.

Dann gings per Fahrrad weiter nach Osten vorbei am Schildkröten-Informationszentrum, bis wir vor einem hölzernen Pier halt machten. Diesem folgten wir zu Fuss an einen langen, einsamen Strand, wo ich nach einigem hin und her den Schatz unter dem Pier fand. Reto hatte die Schale eines Hufeisenkrebses gefunden, welche so gross war wie eine Salatschüssel, und dort versteckt, damit sie niemand anders mitnimmt. Ich schicke die Reste des toten lebenden Fossils auf den Achenberg, wo man es in einigen Wochen bestaunen kann. Wir versteckten es wieder, um den Strand entlang zu laufen. Der Sturmwind wirbelte den Sand auf und strahlte damit schmerzhaft unsere nackten Füsse. Aber die riesigen Muscheln in der Brandung, schienen die Qual wert! Ich fand plötzlich auch selbst einen Schatz: Ein Sanddollar! Plötzlich lag er vor meinen Füssen! Wir genossen den Ausflug und als wir zurück zum Pier und unseren Schuhen kamen, wollte ich noch nicht zurück. Ich streunte in die andere Richtung am Strand entlang, bis ich hell begeistert etwas fand, das ich gleich darauf zu Reto zurückschleppte. Es war so gross wie eine Teigschüssel, am Rand leider geknackt und ich musste es sehr vorsichtig tragen, damit der hintere Teil nicht abfiel. «Reto! Schau dir das an!», rief ich ihm zu und er machte grosse Augen, «Oh, der ist aber gross!» Auch ich hatte einen Hufeisenkrebs gefunden und erst noch einen, der fast doppelt so gross war, wie Retos Schatz. Da er aber eine geknackte Schale hatte, liessen wir ihn zurück, damit ihn noch andere bestaunen konnten. Unterwegs zurück, um die Velos abzugeben, machte wir einen kleinen Spaziergang im Sumpf, dann deponierten wir die Fahrräder. Wieder wurden wir in einem Golf Kart zurück zur Marina gefahren, da eine Barbekanntschaft vom Tag zuvor in die Richtung unterwegs war. Wir hatten noch einen Dieselfilter zu ersetzten bevor wir uns zu den Insulanern in die Bar setzten. Hannah war wegen des inzwischen behobenen Stromausfalls nicht zur Arbeit gekommen und Michael verschwand nach einem Drink wieder, weshalb wir ohne sie der Karaoke-Wut der Inselbewohner zum Opfer fielen. Dafür trafen wir Jerry wieder, der sehr geübt Country Songs zum Besten gab.

Da wir inzwischen Jesse kennengelernt hatten, die auf einem Segelboot in der Marina wohnt, stachen wir nicht in See. Die hübsche, blonde Leuchtturmwärterin machte extra für uns das Baldy Head Lighthouse auf und wir kletterten zirka 120 knarrende Stufen hinauf, um die Insel von oben zu sehen. Danach plauderten wir im Shop noch eine Weile mit Jesse, bevor wir einen faulen Nachmittag einlegten. Wir endeten natürlich noch einmal bei Hannah in der Bar, um uns zu verabschieden. Als wir am Sonntag morgen aufbrachen, stand Jerry mit gezückter Kamera am Pier und hielt digital fest, wie wir der Insel Auf Wiedersehen winkten.