Noch mehr Schweine

Da wir schon einmal hier waren und bis Emerald Bay nur sechs Meilen zurücklegen mussten, machten wir am Vormittag einen Ausflug. Auch auf White Bay Cay – nur zehn Ruderminuten entfernt – leben Schweine, die angeblich zu einem Dinghy hinausschwimmen um gefüttert zu werden. Diesmal schnitt ich Äpfel für die Schweinchen auf: Alle vorherigen aus diesem Sack hatten von innen heraus zu faulen begonnen, was wir immer erst beim Abbeissen gemerkt hatten. Aber die Äpfel für die Schweine waren zufälligerweise alle noch frisch. Auch hier wollten die Schweine nicht schwimmen, was aber offenbar daran lag, dass sie nicht wussten, dass sie schwimmen könnten. Tatsächlich schienen zumindest die Ferkel nicht einmal genau zu wissen, wie sie an das Apfelstückchen in der Menschenhand herankamen. Daraus schlug eine grosse, rosa Sau Kapital und frass den kleinen Schweinen fast alles Weg. Doch während ich die grosse ablenkte, vermochte Reto die kleinen schwarz-rosa Schweinchen zu füttern. Sobald keine Äpfel mehr zu haben waren, wandten sich die Schweine wieder den Steinen zu, von denen sie offenbar Schnecken und kleine Krebse abfrassen. Auch zeigten sich diese Schweine etwas verspielter, als die in Staniel Cay, denn eine lief ins Wasser hinaus um unsere Alianza zu untersuchen. Sie sah fast ein bisschen traurig aus, als wir mit ihrem neuen Spielzeug davonruderten.

Der Gegenwind hatte seit dem Vortag nervige Wellen aufgeworfen, gegen die wir selbst unter Motor schwer ankamen. Wir kreuzten mit durchschnittlich 3.5 Knoten gegen die Wellen auf und wurden dabei geschüttelt. Reto war von dem Wetter etwas genervt, daher fuhr ich uns nach Emerald Bay auf der Insel Great Exuma. Bald konnte ich hinter der Landzunge Wellenschutz suchen, aus der die Emerald Bay herausgesprengt wurde, weshalb ich nicht mehr aufkreuzen musste. Erst vor der Einfahrt ins Hafenbecken der Marina übergab ich das Steuer an Reto und eine halbe Stunde später lagen wir an einem Floating Dock vertäut. Während der letzten zwei Tage brachte ich hier im klimatisierten Hafengebäude meinen Blog auf den neusten Stand. Reto wechselte derweil die Dieselfilter. Wir füllten Propan und Wasser auf und nahmen wieder einmal Kontakt mit zu Hause auf. Nur war es mir zu blöde mit dem Taxi einkaufen zu gehen, weshalb wir den Umweg nach Georgetown, der Insel-Hauptstadt, nun doch machen, bevor wir uns in den unbewohnten Südosten aufmachen. Heute Abend bekomme ich Abendessen im Drunken Duck, ein Pub im nahen Hotelresort, da ich mich weigere einen weiteren Tag ohne frisches Gemüse zu kochen. Morgen geht es dann nach Georgetown zum Proviantkauf weiter.

The Marina at Emerald Bay

Schlechtwetterfront

Kurz vor Fluthöchststand  fuhren wir durch den Farmers Cut auf die Ostseite der Inselreihe. Während auf der Westseite der Exuma Islands eine weite Bank flaches Wasser und gelegentliche Untiefen aufwies, ist die Ostseite ein tiefer Meeresgraben. Wegen des flachen Wassers kann Sea Chantey die Seite nur an bestimmten Stellen wechseln und unser Tagesziel lag auf der Ostseite. Wir wollten zur Emerald Bay Marina, die wir für einen guten Ort zur Proviantaufnahme hielten. Nur lief nicht alles wie geplant:

Nass und kühl am Steuer in Badehose und Ölzeug

Kaum hatten wir volles Tuch gesetzt und waren bei seltenem und ordentlichem Südwestwind unter allen vier Segeln unterwegs, breitete sich eine graue Wolke über dem Himmel vor uns aus. Ein Gewitter muss in den Bahamas keine grosse Fläche abdecken, aber es kommt immer mit Blitz, Donner, viel Regen und einem eigenen Windsystem. Ich war am Steuer und Reto warnte mich gerade noch früh genug, bevor die erste Böe Sea Chantey erfasste. Wir krängten (kippten) nach Lee. Fast ein bisschen panisch luvte ich an, damit wir weniger schief lagen, denn eine solche Schräglage hatten wir seit der Nordseite von Cape Cod nicht mehr gehabt. Zwei weitere Böen erfassten uns, dann hatten wir Gelegenheit das Grosssegel einzuholen, was Reto umgehend tat. Bald darauf ergoss sich ein Regenschauer über uns, doch das Gewitter zog in unmittelbarer Nähe an uns vorbei. Dummerweise änderte nun auch die Windrichtung, statt gemütlich auf Halb-Wind-Kurs erreichbar, lag unser Ziel nun im Gegenwind. Dazu kamen die nächsten Gewitter in Sicht. Wir begannen gegen den Wind aufzukreuzen und beobachten gespannt die entfernten Blitze. Regen und Wind waren für bahamische Temperaturen kalt, weshalb ich uns bald die Ölzeug-Jacken aus der Kabine holte. Die Regenwolke zog mittig über uns hinweg, während es rund um uns herum donnerte. Und dann starb der Wind. Wir bewegten uns kaum noch vorwärts. Der Flieger flatterte, weil er nicht genügend Winddruck hatte. Da sich beim Niederholen des Fliegers eine Leine verklemmte, mussten wir mitten im Manöver die Plätze tauschen – ich musste wieder ans Steuer, während Reto den Flieger barg. Unter Fock- und Besansegel versuchten wir noch eine Weile unser Glück mit aufkreuzen, aber wir machten kaum noch Fahrt und starteten den Motor. Die Filter müssten wieder gewechselt werden, daher stotterte Sea Chantey’s Vetus ein bisschen, aber sie brachte uns zuverlässig durch den Regen der dicht und fadengerade auf uns niederprasselte. Dies alles hatte Zeit gekostet und unser Kartenplotter berechnete, dass erst gegen 21:00 Uhr in Emerald Bay ankommen würden. Um nicht bei Nacht in eine schmale Hafeneinfahrt fahren zu müssen, beschlossen wir bei Black Cay zu Ankern, welches wir mit dem Sonnenuntergang erreichen konnten. Ich durfte mich dann eine Weile in der Kabine wärmen, bevor ich uns dafür zwischen den Cays hindurch in den weiten Ankerplatz hineinlotste. Der Anker hielt beim ersten Versuch bombenfest und wir liessen den Blitzableiter ins Wasser hinab, bevor wir uns in die Kabine verkrochen. Dann gab es seit langem einmal wieder heissen Grog für uns und die Riesenportion Paprika-Nudeln, die ich zum «Znacht» kochte, verdrückten wir problemlos.

Immer Ärger mit Sea Chantey

Wir blieben drei Tage in Fernandina Beach, südlich vom St. Marys Inlet hängen: Einkaufen, Pakete zur Post bringen, im Buchladen stöbern und einmal wieder ein Glace essen, brauchte eben seine Zeit. Reto könnte in jedem Städtchen versumpfen, aber ich bewegte ihn bald zur Weiterfahrt. In zwei Tagestrips durch den Intracoastal Waterway erreichten wir St. Augustine – nicht. Sea Chantey’s Motordrehzahl brach regelmässig zusammen, wenn wir mehr als 2000 Touren fahren wollten. Dies ist unsere durchschnittliche Betriebsdrehzahl wenn wir unter Motor unterwegs sind, wollen wir uns aber schneller bewegen, um einem Hindernis auszuweichen oder uns gegen eine Strömung zu bewegen, könnte ein Zusammenbruch der Motordrehzahl problematisch bis gefährlich werden. Bis zum Steg eines öffentlichen Parks, den wir als Nachtlager auserkoren hatten, gelangten wir aber unbehindert. Wir liessen in allen Wasserabscheidern das Wasser ab und reinigten die grossen Dieselfilter in der Hoffnung dem Problem Herr zu werden. Bei der Abfahrt starb uns aber der Motor sogar einmal weg, bevor wir mit 2000 Touren weiter nach Süden fuhren. Reto macht sich bei solchen Problemen Dauersorgen, weshalb ich schon am Nachmittag eine Marina anfunkte, die am Weg lag. «Falls ihr zu weit rechts durch die Einfahrt ins Hafenbecken wollt, spürt ihr vielleicht einen Ruck. Wir haben da eine Sandbank», sagte der Bursche von der Marina. Wir hatten Ebbe, aber weil wir nicht warten wollten, fuhren wir – etwas zu weit rechts – in den Hafen und schwupp… sassen wir auf der Sandbank fest. Wir konnten zum warten zumindest den Motor ausschalten. Einige Stunden später machten wir am Gästepier fest und ich baute auf Retos Vermutung hin den Impeller auseinander, ohne selbst zu glauben, dass dieser das Problem war. Reto las derweil die Motorhandbücher. Der Impeller, ein kleines Gummi-Wasserrädchen, das Seewasser von aussen ins Kühlsystem pumpt, sah hervorragend aus, doch wir ersetzten ihn am folgenden Tag trotzdem, denn seine Betriebsstundenzahl hatte er längst überlebt.

Die Suche ging sehr motivations- und ratlos weiter: Reto vermutete immer noch die Kühlung, weshalb wir uns nun diesen Filter ansahen. Er sah sauber aus, weshalb wir nicht sicher waren, ob überhaupt Wasser darin war. Ob voll oder nicht, Reto bestand auf eine Prüfung der Wasseransaugöffnung, auf Verstopfung von aussen. Da er aber ziemlich blanke Nerven hatte, stand ich bei 17°C bewölkt im Bikini auf dem Pier. Das Hafenwasser war braun und trübe, ein paar Meter nebenan sassen die Pelikane auf dem Pier und irgendetwas roch unangenehm. Es brauchte viel Überwindung um mich in die Brühe zu werfen, aber was tut man nicht alles, um seinem Partner eine Sorge abzunehmen? Jeder hat Tage mit wenig Nerven. Das Wasser war nicht kalt, aber meine Füsse kaum zu sehen und der Geruch, brachten mich fast zum Würgen. Unter dem Pier lag ein toter Fisch, sehr motivierend! Reto dirigierte mich vom Pier aus zum Wassereinlass. Ich ertastete ihn erst mit den Füssen, weil er zirka einen Meter in der Tiefe 1.5 Meter von der Wasserlinie entfernt ist. Doch um sicher zu sein, dass er nicht verstopft war, musste ich mich überwinden unter den Schiffsrumpf zu tauchen. Keine Verstopfung. Zumindest durfte ich nun unter die Dusche. Abends blätterte Reto wieder in der Wartungsanweisung, während ich kochte, als er plötzlich fragte: «Stefy, haben wir den Filter in der Dieselpumpe mal gewechselt? Der war doch auch verstopft, nachdem wir mit Pascal den Golf of Maine überquert hatten.» Der winzige Filter in der Pumpe! «Ich hatte ganz vergessen, dass die Dieselpumpe einen Filter hat…»

Am folgenden Morgen bauten wir den kleinen, runden Filter aus der Dieselpumpe aus. Er war rabenschwarz und sah aus als hätte ihn jemand in Schlamm gedreht. Mit einer alten Zahnbürste putzte ich Tatobjekt, bevor wir alle Bootsbedarf-Geschäfte der Umgebung zu Fuss und per Uber nach einem solchen Vetus-Filter abklapperten. Einer von drei war fähig, das korrekte Teil online zu finden, aber bestellen konnte er es nicht. Dies war auch der Grund das Jens ihn nicht ausgetauscht hatte, dieser Filter war schwierig zu finden. Glücklicherweise waren wir unterwegs nach Titusville, was nur eine knappe halbe Autostunde von Merritt Island entfernt ist – Merritt Island hat eine Vetus Niederlassung. Wieder in der Marina nahm Reto gleich Kontakt mit Vetus auf und wir bauten den geputzten Filter wieder ein. Nach einem kurzen Testlauf wussten wir, der kleine, geputzte Filter würde uns bis nach Titusville bringen.