Schlechtwetterfront

Kurz vor Fluthöchststand  fuhren wir durch den Farmers Cut auf die Ostseite der Inselreihe. Während auf der Westseite der Exuma Islands eine weite Bank flaches Wasser und gelegentliche Untiefen aufwies, ist die Ostseite ein tiefer Meeresgraben. Wegen des flachen Wassers kann Sea Chantey die Seite nur an bestimmten Stellen wechseln und unser Tagesziel lag auf der Ostseite. Wir wollten zur Emerald Bay Marina, die wir für einen guten Ort zur Proviantaufnahme hielten. Nur lief nicht alles wie geplant:

Nass und kühl am Steuer in Badehose und Ölzeug

Kaum hatten wir volles Tuch gesetzt und waren bei seltenem und ordentlichem Südwestwind unter allen vier Segeln unterwegs, breitete sich eine graue Wolke über dem Himmel vor uns aus. Ein Gewitter muss in den Bahamas keine grosse Fläche abdecken, aber es kommt immer mit Blitz, Donner, viel Regen und einem eigenen Windsystem. Ich war am Steuer und Reto warnte mich gerade noch früh genug, bevor die erste Böe Sea Chantey erfasste. Wir krängten (kippten) nach Lee. Fast ein bisschen panisch luvte ich an, damit wir weniger schief lagen, denn eine solche Schräglage hatten wir seit der Nordseite von Cape Cod nicht mehr gehabt. Zwei weitere Böen erfassten uns, dann hatten wir Gelegenheit das Grosssegel einzuholen, was Reto umgehend tat. Bald darauf ergoss sich ein Regenschauer über uns, doch das Gewitter zog in unmittelbarer Nähe an uns vorbei. Dummerweise änderte nun auch die Windrichtung, statt gemütlich auf Halb-Wind-Kurs erreichbar, lag unser Ziel nun im Gegenwind. Dazu kamen die nächsten Gewitter in Sicht. Wir begannen gegen den Wind aufzukreuzen und beobachten gespannt die entfernten Blitze. Regen und Wind waren für bahamische Temperaturen kalt, weshalb ich uns bald die Ölzeug-Jacken aus der Kabine holte. Die Regenwolke zog mittig über uns hinweg, während es rund um uns herum donnerte. Und dann starb der Wind. Wir bewegten uns kaum noch vorwärts. Der Flieger flatterte, weil er nicht genügend Winddruck hatte. Da sich beim Niederholen des Fliegers eine Leine verklemmte, mussten wir mitten im Manöver die Plätze tauschen – ich musste wieder ans Steuer, während Reto den Flieger barg. Unter Fock- und Besansegel versuchten wir noch eine Weile unser Glück mit aufkreuzen, aber wir machten kaum noch Fahrt und starteten den Motor. Die Filter müssten wieder gewechselt werden, daher stotterte Sea Chantey’s Vetus ein bisschen, aber sie brachte uns zuverlässig durch den Regen der dicht und fadengerade auf uns niederprasselte. Dies alles hatte Zeit gekostet und unser Kartenplotter berechnete, dass erst gegen 21:00 Uhr in Emerald Bay ankommen würden. Um nicht bei Nacht in eine schmale Hafeneinfahrt fahren zu müssen, beschlossen wir bei Black Cay zu Ankern, welches wir mit dem Sonnenuntergang erreichen konnten. Ich durfte mich dann eine Weile in der Kabine wärmen, bevor ich uns dafür zwischen den Cays hindurch in den weiten Ankerplatz hineinlotste. Der Anker hielt beim ersten Versuch bombenfest und wir liessen den Blitzableiter ins Wasser hinab, bevor wir uns in die Kabine verkrochen. Dann gab es seit langem einmal wieder heissen Grog für uns und die Riesenportion Paprika-Nudeln, die ich zum «Znacht» kochte, verdrückten wir problemlos.

Belebte Grotte

Wir wären zwar früh genug angekommen, um die Höhle noch am gleichen Tag zu besuchen, aber die Hitze hatte uns unterwegs erdrückt, weshalb wir zu müde waren. So machte ich einen Tag später Sandwiche fürs Mittagessen in der Höhle. Auch Schnorchel und Maske sowie Badetücher packte ich ein. Mit dem Dinghy ruderten wir zum sogenannten Oven Rock, der mit seiner runden Form und dem Loch in der Meerseite an einen Pizza-Ofen erinnert. Wegen der Steine an der Wasserlinie trugen wir Alianza auf den Strand hinauf. Dann begann die Suche nach dem «Weg» zur Höhle. Am Strand war es brütend heiss, weil der Sand die Hitze reflektierte, aber schliesslich fanden wir den Weg in die Buschlandschaft hinein. Wir wanderten einen knappen Kilometer, ehe wir eine Abzweigung auf den Hügel fanden, doch dann standen wir plötzlich vor einem Loch im Blattwerk eines Busches. Der Busch entpuppte sich als Baum, der im Höhleneingang wuchs. Dem Stamm entlang, dann entlang der Wurzeln kletterten wir durch einen zehn Meter breiten Spalt in die Tiefe. Es war erfrischend kühl unter Tag, eine wunderbare Abwechslung an einem Ort, an dem es nachts über 25°C bleibt. Unter dem Hügel hatte sich eine grosse Grotte gebildet, in deren Mitte ein Felssturz riesige Trümmer aufgeschüttet hatte. Davor, im Rest des Tageslichts, hatte jemand eine Feuerstelle angelegt. Unter einem Tropfstein hatte jemand einen Eimer deponiert, in den von der Höhlendecke Süsswasser hinabtropfte. Anhand der Kalkkruste an seinem Rand steht der Eimer schon lange dort. Unsere Augen brauchten eine Weile um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber schliesslich sahen wir fast überall auch ohne Lampe. Der Grossteil der 500 m tiefen Höhle ist unter Wasser. In der nächsten Ortschaft hätte man Tauchausflüge in die Höhle buchen können, aber Höhlentauchen gehört zu den Dingen, die mir zu wenig einschätzbar sind. Dafür tauchte ausnahmsweise ich zuerst die Füsse ins Höhlenwasser. Es brauchte ein wenig Selbstüberwindung um ganz ins erfrischend kalte Süsswasser zu klettern. Der unterirdische See wird von einer Art Garnelen bewohnt – sehr freundliche, neugierige Garnelen, die auf einem Schwimmer herumkrabbeln und ihn kitzeln. Persönlich fand ich es ein bisschen eklig und ich quietschte einige Male, weil mich wieder so ein Tierchen an den Füssen kitzelte. Aber ich genoss das kühle Nass zu sehr, als dass die ungefährlichen kleinen Krebse mich verscheuchen konnten. Reto schien sich an den Tierchen weniger zu stören.

der unterirdische Badeort

Nach dem Bad packten wir das Mittagessen aus und stellten unsere Getränke ins kalte Wasser. Kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, kletterte die erste Touristengruppe durch den Spalt in die Höhle. Ein bisschen Höhle gucken, ein paar Fotos und schon verschwand die siebenköpfige Gesellschaft wieder. Wir assen und tranken gemütlich, aber sobald wir uns überlegten, ob wir es uns auf den Steinen zum Mittagsschläfchen gemütlich machen konnten, kletterte eine Familie mit zwei Teenie-Mädchen in die Grotte. Auch diese hatte den Aufstieg für ein paar Fotos gemacht und die Mädchen schienen davon sogar genervt – sie mussten ja auch dauernd für ihren Vater posieren. Sobald sie wieder verschwunden waren, legten wir uns tatsächlich eine halbe Stunde zum Dösen hin. Auf dem Heimweg stolperten wir über eine weitere Landkrabbe und Reto kletterte auf den Oven Rock.

diese Landkrabbe hat Angst vor Reto

Manchmal habe ich das Kochen von Teigwaren und Dosengemüse einfach satt, daher erbarmte sich Reto meiner. Wir langen «nur» eine Meile nördlich von Farmers Cay am Anker, das eine kleine Ortschaft beherbergt. Laut unseren Navionic-Karten gab es dort ein Strandrestaurant am Ende der Flughafenpiste oder den Jachtclub. Reto brachte uns trotz des stärker werdenden Gegenstroms zur Insel, zunächst entlang des Rollway zum Strandclub Ty’s. Wir brauchten nicht lange um festzustellen, dass geschlossen war und ich hatte schon ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Skipper, der den ganzen Weg gerudert war. Aber Reto gab so leicht nicht auf und brachte uns um das Nordkap der Insel gegen die einlaufende Flut zum Jachtclub. Die Tür stand offen! Aber der Besitzer schien dennoch nicht mit Kundschaft gerechnet zu haben, denn er fragte, ob es etwas Einfaches auch täte? Ich musste dringend meinen Reto füttern, also bestellte ich zwei Burger, Cola und Kalik. Bis Reto das Beiboot vertäut hatte und völlig verschwitzt zur Tür hereinkam, hatten wir Getränke bekommen. Wir machten es uns auf der Terrasse gemütlich. Ein ankommendes Transportschiff spielte für uns die Abendunterhaltung und auch ein paar Meeresschildkröten gab es von der Terrasse aus zu beobachten. Gerade Reto, der uns auch zurückrudern musste, genoss den Abend sehr.

Black Point

Nach fast einer Woche im meist-touristischen Ankerplatz der Bahamas, wurden uns die Jetskis, die laute Musik der Luxusjachten und die dauernden Bugwellen zu viel. Noch vor Allies fünftem Geburtstag machten wir uns unter Segeln auf den Weg. Glen und Marianne versprachen uns Fotos zu machen, dirigierten uns sogar ein bisschen via VHF und versprachen die Fotos zu schicken. Leider sind noch keine angekommen. Der Wind war nur leicht und unser Ziel lag gegen den Wind, daher kreuzten wir bis zum Abend um Black Point zu erreichen. Dieses liegt nur fünfzehn Meilen südlich von Staniel Cay und hat fast nie Touristen. Wir landeten nach kurzer Suche in der Dorfbeiz und liessen den Abend mit Rum Punch ausklingen. (In den Bahamas ist Rum Punch ein Getränk aus Rum und Fruchtsäften, welches kalt serviert wird.)

Black Point hat die beste Wäscherei in den Exumas, 2019 bekam das Rockside sogar eine Urkunde dafür. Wir ruderten nicht nur den Wäschesack an das zur Wäscherei gehörende Dock sondern auch unsere Duschsachen und die Computer. Während die Wäsche sich in der Trommel drehte, gingen wir Duschen, lasen E-Mails und ich postete Blog-Beiträge. Mittagessen liess ich von Reto besorgen, der uns bei Lorraine’s Cafe mit Burger und Kartoffelsalat eindeckte. Vor allem die Blog-Beiträge füllten den ganzen Tag, da ich wegen fehlender Zeit und fehlendem Internet zwei ereignisreiche Wochen hinterher war. Auch einmal wieder mit unseren Eltern zu skypen und mit Freunden zu telefonieren zieht sich in der Menge in die Länge. Nach einem ganzen Tag am Computer hatte ich kein Bedarf an Arbeit mehr und lotste Reto zum Abendessen ins Sunset View. Ich hatte es geschafft das einzige Touristenlokal der 900-Seelen-Ortschaft auszuwählen: Drei Katamare waren während des Nachmittags angekommen und drei Familien füllten die Terrasse. Wir warteten sehr lange neben diesem Tisch voller lauter Kinder, die dauernd aufstanden, davonliefen, sich wieder setzten und dann endlich ihren Burger bekamen. Bis die Küche unsere Bestellung ausspuckte, hatten die drei Familien gegessen und die Kinder wieder das Weite gesucht. Wir assen spät, aber in Frieden.

Wir legten einen weiteren Tag für Computer, Postkarten und Brot besorgen ein, bevor uns wieder die Hummeln in den Hintern stachen und wir weiterfuhren.

Cruisers Beach

… ist der Strand, an dem sich die «Böötler» treffen. Big Mayor Spot ist ein Ort zum Steckenbleiben, weshalb sich hier einige Boote angesammelt haben, das Reiseverbot während der Corona-Lockdowns ausgesessen haben und nun immer noch hier sind. Wer Zeit und Lust hat, begibt sich um halb sechs am Abend mit dem Dinghy an den Strand, um dort mit den anderen zu plaudern und den Sun Downer zu geniessen. Dabei werden nicht nur Neuigkeiten ausgetauscht, mitunter kommt man auch zu einem neuen Motor fürs Dinghy, zu einem Watermaker oder ähnlichen Utensilien. Hier einige Bekanntschaften:

Selin, Mad und ihre Tochter Allie (seit 5.7. fünf Jahre alt) sind das Unterhaltungsprogramm, denn die rothaarige, kleine Allie ist ein Energiebündel, das alle Aufmerksamkeit absorbiert. Mad ist Bastler, der sich gern auf dem Dump Bastelmaterial besorgt.

Alex und Pete sind Briten, die seit Ewigkeiten mit ihrem Boot und zwei Hunden unterwegs sind. Sie spielen oft Ersatz-Grosseltern für Allie.

Selin und Dennis kommen aus der Türkei und sind mit ihrem Katamaran auf dem Weg nach Belize, Mittelamerika in Big Mayor Spot hängen geblieben. Wir tauschten uns sehr lange über mögliche Plätze aus, um die Hurricane-Saison zu verbringen. Dennoch konnten wir uns weder für Belize noch für die USA entscheiden, weshalb wir weiterhin nach Südosten fahren.

Lorrie und Richard sind Freunde von Karen und Steve von der Brixter und leben in Staniel Cay. Ihre Forever Young bleibt daher auch während der Hurricane-Zeit in Big Mayor Spot.

Die für uns wichtigsten Bekanntschaften sind aber klar die Crews der Champion und der Diesel Duck. Debbie und Walter gehört das geräumige Holzschiff Champion, welches mit Baujahr 1959 genau ein Jahr älter ist als Sea Chantey. Als sie uns in den Ankerplatz kommen sahen, mussten sie zum Plaudern vorbeikommen. Wir waren von unseren Holzbooten gegenseitig so begeistert, dass wir nicht nur zu einer Tour auf der Champion kamen, sondern auch zu einer Dusche auf deren Vordeck (das erste Mal seit zwei Wochen!) und zu vollen Wasserkanistern. Wir haben die beiden einige Male kurz getroffen, aber zu einem weiteren Plaudernachmittag gab es leider keine Gelegenheit. Als wir zum Duschen auf die Champion gingen, blieben wir kurz bei einem anderen interessanten Boot hängen: Diesel Duck ist ein auffälliges Aluminium-Konstrukt. Wir lernten Marianne und Glen am Strand besser kennen, aber ein Zwischenfall verschaffte uns einen Nachmittag bei ihnen an Bord: Glen schwamm zum Boot und liess Marianne mit dem Dinghy zurück, welches sie nicht bedienen konnte. Selin und Dennis erklärten ihr, wie sie den Motor bediente, aber weil Glen die Arretierung des Sicherheitsschalters mitgenommen hatte, konnte der Motor nicht gestartet werden. Glücklicherweise hatten wir noch einen Kabelbinder im Dinghy! Damit arretierte Reto den Sicherheitsschalter dauerhaft und Marianne konnte unter Fern-Anweisung von Dennis nach Hause fahren. Sie beschwerte sich dauernd, dass keiner der Männer genug Geduld hatte um ihr das Dinghy fahren beizubringen. Auch wir ruderten zu Diesel Duck, um ihr unbeholfenes Anlegemanöver zu sehen. Nach drei Versuchen, hatte sie glücklich angelegt und schimpfte ihren Mann aus – zumindest die Arretierung hätte er dalassen können! Reto stellte sich grosszügig als Dinghy-Fahrlehrer zur Verfügung. So durfte ich am nächsten Tag das W-Lan auf Diesel Duck benutzen, während Reto und Marianne mit dem Dinghy umherkurvten. Ausserdem konnte ich mich mit Glen über seine Kunst und seine Ausstellungen unterhalten: Mit zufälligen Farbstrichen zu beginnen und dann darin abstrakte, geometrische Formen zu suchen, fand ich eine originelle Art zu malen. Aber offenbar ist Kunst zu verkaufen ähnlich mühsam, wie Bücher zu verkaufen – von den Ausstellungen hat Glen nämlich die Nase voll. Retos Geduldsfaden war länger als Mariannes – sie hatte bald die Nase voll vom Dinghy. So genossen Reto und ich eine kalte Dusche und kicherten darüber, dass Marianne sich von Dennis und Selin abholen liess, um zum Strand gefahren zu werden. Bevor wir weiterfuhren durften wir bei Diesel Duck unser Wasser auffüllen.

Wie in „Monkey Island“

Der Wind kam nicht nur aus der Gegenrichtung, er spielte auch gelegentlich Flaute. Aber für die einstündige Fahrt nach Wadericks Well hätten wir die Segel höchstens bei bestem Wind ausgepackt. Reto steuerte und ich sass – dick beschmiert mit Sonnencreme und geschützt mit meinem Jacaroo (australischer Cowboy-Hut) – auf dem Bug, um Untiefen und Korallenköpfe zu erspähen. In sicherem Fahrwasser nahm ich Kontakt mit dem Hauptquartier des «Exuma Land and Sea National Park» auf, welches auf der Insel seinen Sitz hat. Nach einigen Komplikationen (erst zwischen Park Ward und mir, dann zwischen mir und Reto) begriffen wir, dass uns Boje 12 zugesprochen wurde. In einem engen, aber tiefen Kanal, der zu beiden Seiten eine nur knietiefe Sandbank hat, zählten wir die unbeschrifteten Bojen ab. Ich fing Nummer 12 gleich beim ersten Mal mit den Bootshaken, zog das Seil durch den Ring und war nachdem ich es belegt hatte, damit sehr unglücklich. An der Mooring leben hunderte von winzigen Krebsen, aussehend wie Shrimp oder Hummer, die jetzt auf meinen Händen herumkrabbelten, was juckte und mich ekelte. Reto zog mir einen Eimer Wasser herauf, nachdem Sea Chantey korrekt an der Mooring hing, und ich wusch dankbar die Hände und kippte die Krebse über Bord. Obwohl das Park Office inzwischen geschlossen war, ruderten wir zum Strand um uns umzusehen und passierten die Brixter an Boje 14. Wir paddelten aber an ihnen vorbei, denn wir wollten noch das Schiffswrack bei Boje 9 besuchen. Weil es so warm war und ich schon am Strand ins Wasser gesprungen war, zog Reto mich mit dem Dinghy zum Wrack. Während ich mit der Strömung zu Sea Chantey zurückgetrieben wurde, ruderte Reto noch eine Weile neben dem Segelboot an Boje 10 her. Dort hatte sich nämlich jemand über die Reling gelehnt, um zu plaudern. Ich konnte nur vorbeitreiben. Dafür war das Abendessen schon fertig, als Reto wieder andockte.

Dieser Wal ist gleich lange tot, wie Stefy lebt – angespühlt 1995

Reto hatte einen Auftrag gefasst: Wir sollten ein Schild deponieren. Warum? An der Ostküste der Insel ist angeblich vor Jahrhunderten ein Schiff zerschellt. Niemand hatte das Unglück überlebt, weshalb in Vollmondnächten Geister auf dem Boo Boo Hill heulen. Um den Verstorbenen zu Gedenken deponieren alle vorbeikommenden Schiffe auf dem Hügelkamm ein Stück Holz, auf dem der Name des Schiffes geschrieben steht. Da unser Nachbarschiff von Boje 10 aber am nächsten Tag auslief, wollten sie uns ihre bemalte Planke übergeben, damit wir sie auf den Boo Boo Hill bringen konnten. So bekam Reto besuch von einem hübschen, 14-jährigen Mädchen, das die Planke ablieferte und ich bemalte den Abschnitt eines selbstgemachten Tischbeins mit Sea Chanteys Namen. Nach einem Stopp beim Office, marschierten wir durch eine Affenhitze über die Insel. Erst über Felsen zwischen Mangroven, dann über eine sandige Ebene, den Banshee Creek, die bei Flut unter Wasser steht und schliesslich den Hügel hoch. Bei bestimmten Pflanzensorten waren Schilder aufgestellt, Reto las jedes. Wir vertrockneten fast, aber wir deponierten unsere Planken auf einem enormen Holzhaufen voller Schiffsnamen. Einige davon waren zu Wegweisern vernagelt und mit nautischen Sammelsurien und Strandgut jeder Art behangen. Hier glaubte ich mich erstmals in einem meiner liebsten Computerspiele: Auch in «Monkey Island» stehen merkwürdige Dinge an Orten mit lustigen Namen und alles ist mit Schildern beschriftet. Durch die brennende Sonne kämpften wir uns zurück zum Hauptquartier und picknickten unter dem Schatten einer Strandhütte.

Nachmittags schnorcheln zu gehen, war naheliegend. Reto ruderte uns zum Rangers Garden, ein Riff nur hundert Meter südlich des Parkhauptquartiers. An einer kleinen Mooring extra für Beiboote vertäuten wir uns und schnorchelten abwechselnd, da wir nur eine Taucherbrille hatten. Reto durfte zuerst. Als ich die Brille und den Schnorchel übernahm, staunte ich. Was vom Boot aus nur schwarze und gelbe Flecken auf dem Grund sind, ist mit Taucherbrille ein Wald aus Wasserpflanzen und Korallenköpfen. Violette bis knallig gelbe Wasserpflanzen in jeder Form zwischen Fächern und Röhren wachsen zwischen trichter- oder ballförmigen Korallen. Dazwischen lassen sich Fische in jeder Farbe und Grösse nicht von Tauchern beim Fressen stören. Mir gefielen die eckigen, blau-gelben Skalare am besten, während es Reto eine winzige Fischsorte in leuchtendem Blau angetan hatte. Da wir uns gegenseitig die besten Plätze zeigten, sahen wir beide die Korallenansammlung von der Grösse eines Autos und den Schwarm grosser Fische, die uns von der Form her an Thunfisch erinnerten. Als wir das Riff verliessen, hatten wir Gegenstrom, weshalb ich das Dinghy über die Sandbank spazieren führte. Als wir die Brixter passierten, bekamen wir ein Bier offeriert, was wir natürlich dankend annahmen. Karen und Steve hatten natürlich ebenso viel zu berichten wie wir und wir genossen es zu plaudern, bevor wir zum Abendessen wieder das Weite suchten.

Für den Folgetag hatten wir uns die längste Wanderroute der Insel ausgesucht und brachen zeitig auf, um nicht den ganzen Marsch in der prallen Sonne unternehmen zu müssen. Die heimische Tierwelt begrüsste uns bald. Eine Ratte von der Grösse eines Kaninchens huschte davon, ein Bahama Humit, was für mich wie eine Bisamratte aussah. Auch die Landkrabbe von der gleichen Grösse suchte das Weite. Als ich von weitem die Schilder auf Boo Boo Hill sah und auf der anderen Seite die Steintürme am nahen Strand, kam ich mir wieder vor wie auf «Monkey Island». Bei diesem alten Point-and-Klick geht es darum als Pirat Guybrush Threepwood einen Geisterpiraten zu besiegen. Dazu muss der Spieler diverse Rätsel lösen. Dieses Spiel kann nur von jemandem gewonnen werden, der nichts als Unsinn im Kopf hat, denn die Rätsel sind zumeist scheinbar unsinnig. Ein Beispiel, das Gummihuhn mit der Rolle zwischen den Füssen bekommt erst Sinn, wenn man die Rolle an ein aufgespanntes Seil hängt, sich am Huhn festhält und wie eine Seilbahn über die Schlucht saust. Nicht nur, dass auf Wadericks Well viele zufällige Dinge herumliegen, auch wie man bestimmte Orte manchmal von weitem sieht, erinnerte mit irrsinnig an mein Lieblingsgame. Schon als wir die kleine Brücke über den Flutkanal des Banshee Creek überquerten, brannte die Sonne unerbittlich auf uns nieder. Dennoch kletterten wir bergan, auf der anderen Seite den Hügel hinunter durch Buschland an den Strand mit den Steintürmen. Von dort wanderten wir durch einen Spinnenbevölkerten Palmenwald. Dauernd liefen wir durch ein Netz, obwohl ich wann immer möglich das Netz samt Spinne umhängte. Ich nannte die kleinen  Tiere «Teufelsspinnen», weil auf ihrem schwarzen Rücken kleine, knallrote Spitzen wuchsen, wie die Hörner an Haarreifen für die Fasnacht. Am nächsten Strand fanden wir den Weg nicht mehr, der mit kleinen Steintürmen markiert ist. Wir mussten ein Stück zurück, bevor wir den Weg über das Sumpfloch fanden. Am Strand dahinter erdrückte uns die Sonne endgültig – wir tranken unsere Gallone Wasser leer und warfen die Kleider von uns, um uns im leider warmen Wasser abzukühlen. Wir hatten gerade die Hälfte des geplanten Trips hinter uns, aber wir entschieden uns kehrt zu machen und vor der Sonne Schutz zu suchen. Der Gedanke an den langen Heimweg war nicht prickelnd, gerade weil wir vom Strand aus die Steintürmchen auf dem letzten Strand sehen konnten. «Weisst du, was das Krasseste ist, Reto? Ich wette wir könnten von hier aus durchs Wasser zurücklaufen, wenn wir die Rucksäcke auf den Schultern tragen.» Die Bucht zwischen unserem Strand und dem Parkhauptquartier war bei Ebbe nur Hüfttief. Reto, mein liebstes Wassersäugetier, konnte meiner Spontanidee nicht widerstehen. Wir quetschten unsere Kleider in die kleinen Rucksäcke und spazierten über den weichen, weissen Sandgrund der Bucht an den schroffen, scharfen Felsen vorbei zum Strand mit den Steintürmen. Der halbe Rückweg geschafft. Auch vom Türmchen-Strand war es möglich durchs Wasser weiterzulaufen und wir kletterten nahe der Brücke wieder an Land. Da wir kein Handtuch hatten liessen wir uns hier trocknen, bevor wir Kleider und Schuhe wieder anzogen. Nachmittags gegen Drei Uhr kamen wir wieder auf Sea Chantey an, um zu Mittag zu essen. Den Rest des Tages hielten wir Siesta.

Landkrabbe

Am nächsten Tag machten wir einen Dinghy-Ausflug mit dem Ziel am Emerald Rock zu schnorcheln. Doch Reto ruderte uns noch ein wenig weiter, bis wir schliesslich den sogenannten Wall zu sehen bekamen. Hier hatte schon vor vielen Jahren jemand die Insel mit einer Steinmauer in eine nördliche und eine südliche Hälfte geteilt, die von der West- bis zur Ostseite reichte. Wir gingen zwar an Land, weil wir aber unsere Karte vergessen hatten, fanden wir die Ruinen nicht. Dabei standen wir mitten auf dem Grundstück einer ehemaligen Plantage, die im 18. Jahrhundert bewirtschaftet wurde. So brachte uns Reto «zurück» zum Emerald Rock, wo wir nacheinander das Riff erkundeten. Retos Highlight war eine Wasserschildkröte, ich begnügte mich damit mich über ein steinernes Ding zu wundern, das wie ein Blumentopf aussah und von kleinen Fischen bewohnt wurde. Wir machten uns einen ruhigen Abend, bevor wir am nächsten Tag weiterfuhren.

Endlich Exuma!

Das Gewitter hatte uns verpasst, aber ein Regenschauer traf uns mit voller Wucht. Der Regen prasselte fadengerade auf uns nieder während wir nach Südosten unterwegs waren. Fast versetzte uns das Wetter nach Nova Scotia zurück, ich für meinen Teil packte sogar die Ölzeugjacke aus. Reto liess sich während seiner Wache einweichen. Bald war die Wolke vorübergezogen und wir konnten mit angemessenem Licht die sehr seichte Yellow Bank überqueren. Ich steuerte, Reto stand auf dem Bug und hielt Ausschau nach Korallenköpfen. Wir staunten nicht schlecht, als das kleine Fischerboot plötzlich auf uns zufuhr. Noch mehr staunten wir, als die Insassen (offenbar doch keine Fischer) nach dem Weg nach Nassau fragten! Reto gab ihnen die Richtung, aber wir sorgten uns dennoch etwas um die zwei Männer. Kaum hatten wir die Bank hinter uns, holte uns die nächste Regenwolke ein und wir wurden erneut geduscht. Doch trocknete das Deck fast bis Land in Sicht kam. Durch wunderbar klares, blaues Wasser fuhren wir zwischen die Allen Cays und warfen den Anker in der Bucht einer Hufeisenförmigen Insel. Reto versuchte den Pflugscharanker in den Boden zu ziehen, aber wir konnten von oben sehen, dass er sich nicht eingrub. Daher ging ich baden, um den Anker mehr in den Boden zu rammen. Die Pflugschaufel stiess auf harten Boden, eingraben fast unmöglich, doch der Anker hielt uns fast zwei Tage an Ort und Stelle. Trotzdem hielten wir Ankerwache und standen in dieser Nacht abwechselnd auf, um unsere Position zu kontrollieren.

Nach dem Frühstück liessen wir das Dinghy ins Wasser. Allen Cay ist bekannt für die Iguanas, die hier Leben und von den vorbeikommenden Besuchern gefüttert werden. Auf der östlichen Insel waren schon zwei kleine Motorboote an den Strand gefahren. Wir erkundeten zunächst den kleinen Strand gleich neben uns, wo wir Muscheln und Einsiedlerkrebse zu Hauf fanden. Dann verschoben wir an den Strand in der Hufeisenbeuge. Schon beim Aussteigen huschte eine Iguana davon. Eine 60 cm lange Eidechse mit Kamm und voluminösem Kehlkopf betrachtete uns kritisch, bevor sie sich versteckte. Auf uns wirkten sie nicht als ob sie Fütterung gewohnt wären. Wir durchwanderten die Insel zwischen niederen Palmen hindurch zur anderen Seite und zurück, wobei die Iguanas vor uns flüchteten. Reto erklomm den Hügel zur östlichen Seite des Hufeisens, auf der ein hoher Steinturm stand, während ich im Wasser spazieren ging. Danach setzten wir uns in den Schatten des einzigen, echten Baumes und beobachteten die Iguanas und hunderte von winzigen Einsiedlerkrebsen beim herumschleichen. Die Warnung in unserer Karte schien berechtigt zu sein: Viele der Echsen besuchten den rostigen Rest eines Grills, von dem sie angeblich das Fleisch herunterstahlen, wenn man sein Steak nicht genügend bewachte. Reto ruderte uns später weiter an den Strand, an welchem wir die anderen Touristen gesehen hatten, aber auch dort wollten die Iguanas nicht gefüttert werden. Dennoch kamen gleich vier grosse Miet-Katamarane an, während wir zu Sea Chantey zurückruderten. Sie stammten lustigerweise alle aus Palm Cay, wie wir an den Namen erkannten. Doch machten sie sich nach zwei Stunden Baden und Iguanas füttern wieder auf und Allens Cay wurde wieder so einsam wie zuvor.