Sea Chantey’s Log

Hervorgehoben

Willkommen in Sea Chantey’s Logbuch! Ich, Stefanie und mein Freund Reto sind im September 2019 zu unserem grossen Abenteuer aufgebrochen. Ursprünglich wollten wir mit dem Angleman Ketch „Sea Chantey“ von Kanada aus Südamerika umrunden und unser altes Mädchen nach Hause in die Schweiz segeln. Geplant waren 2 Jahre. Doch mit Motorschäden, Corona-Virus und jetzt auch noch Baby Gwendolyn ist unser Abenteuer ungewiss. Verfolge diesen Blog und finde gemeinsam mit uns heraus wohin der Wind uns bläst!!

Übernacht nach Estido River

Wir mussten bis zur Ebbtide warten, weil wir sonst gegen den Strom hätten fahren müssen. Das gab Chloé und Florent die Zeit rechtzeitig wieder an Bord zukommen und mir die Zeit Kaffee zu trinken. Weil es so warm ist, wacht Gwendolyn häufiger auf und möchte trinken, was meine Nächte kürzer macht. Da sie bei mir im Bett schief während die Hitchhiker bei uns waren, musste ich nachts zumindest seltener aufstehen. Müde war ich trotzdem. Als wir das letzte Mal durch den St. Marys Inlet hineingefahren waren, erlebten wir die höchsten und erschreckendsten Wellen auf unserer ganzen Reise, diesmal war das Wasser flach wie ein Spiegel. Wir motorten die ersten Stunden ehe die Segel wirklich zogen, weil kaum Wind blies. Der Wind am Nachmittag kam so stark von hinten, dass wir nur das Grosssegel setzten. Chloé und Florent machten sich ordentlich, obwohl ihre Instruktion nicht halb so gut war wie Dylans. Chloé steuert wie ein Ass, während Florent ein verträumter Kerl ist und hin und wieder aus dem Kurs läuft. Aber er übernahm gerne einem Teil meiner Schicht wenn Gwendolyn wieder Mami wollte und niemanden sonst, was mich zu ewigem Dank verpflichtet. Der Wind wurde gegen Abend mehr und blieb nachts konstant. Ich schlief nicht gut, weil ich seit meiner Hormonkur (meine Schwangerschaft) etwas übervorsichtig bin. Reto schlief überhaupt nicht, weil er weder das Vertrauen in seine neue Crew noch Ruhe finden konnte, wenn er ein bisschen geschaukelt wird. Eltern zu sein, hat uns beide verändert. Dennoch war die Welt magisch, als ich kurz nach Sonnenaufgang die Wache von Chloé übernahm, das Foto spricht für sich.

Am Vormittag fiel der Wind in sich zusammen und Reto entschied noch ein wenig zu Motoren, damit wir Estido River südlich von Charleston mit Sicherheit mit der Flut erreichen würden. Es war nicht seine beste Entscheidung, denn am Nachmittag nahm der Wind wieder zu und wir flogen nur so dahin. Aber wie hätte er dies wissen können? Wir versuchten langsam zu fahren und kamen kurz nach den Gezeitenwechsel vor dem Estido River Inlet an. Der Estido River Inlet gilt als gefährlich, weil ihm einige Untiefen vorgelagert sind, aber wir folgten einem grossen Shrimp-Fischerboot durch den Inlet. Sie benutzen den Kanal in den Estido River täglich und wissen genau, wo er am tiefsten und am sichersten ist. Natürlich musste ich bei furchtbaren Wellen die Segel einholen – ich bin ja geübt! Ohne Segel nur getrieben von Sea Chantey Windwiederstand, surften wir an den Bojen vorbei durch den Inlet. Es war noch zu wellig um den Motor zu starten. Chloé behielt den Tiefenmesser im Auge, während ich die Karte dauernd vor Augen hatte. Ich weiss nicht wie Reto ohne Segel oder Motor solch eine gerade Line fahren konnte, aber er brachte uns in pfeilgerade in den Estido River. Die Wolken türmten sich vor dem Sonnenuntergang, der sich in gelb, orange, dann blutrot über den westlichen Horizont erstreckte. Gwendolyn weidete ihre glänzenden, kleinen Augen daran, während Florent mit seinem Fischauge versuchte Fotos von Sea Chantey zu machen. Mit sechs Knoten flitzen wir den Fluss hinauf und ankerten in dem Moment im Toogoodoo River, als die Sonne unterging. Und wir schliefen wie Steine!

Die Gurkeninsel

Nach vier Tagen in St. Augustine hätten wir für immer bleiben können, wie letztes Mal auch. Aber wir nahmen uns zusammen und fuhren weiter nach Norden. Durch den ICW tuckerten wir weiter, durch Brücken und Kanäle, mit einem kurzen, ungeplanten, holperigen Stopp auf einer Sandbank, nach Fernandina Beach. Dann durch den St. Marys River, auf der anderen Seite hoch bis wir in eine Fluss ankerten. Unser Ankerplatz war nur 200 Meter vom Dock der Ranger Station auf Cumberland Island entfernt. Der Nationalpark wurde uns von allen Seiten empfohlen, weshalb Reto zuerst mich und Gwendolyn mit der Trage dann Chloé und Florent hinüberruderte. Ich las gerade die Tafeln im Wartebereich des Fährendocks als Reto mich aufgeregt aufforderte zurück zum Dinghy Dock zu kommen. Ich traute meinen Augen kaum. Erst sah ich nur kleine Wirbel auf dem Wasser, dann hi und da eine Flosse. Die Wirbel liessen grosse Tiere vermuten, aber der Form nach konnten es keine Delfine sein. Schliesslich streckte das erste Tier den Kopf aus dem Wasser: Ein Manati, dann noch eins. Wir zählten mindesten acht, die sich zwischen dem Dock und dem Land tummelten und wir konnten vom Pier auf sie herabsehen. Es war unmöglich sie zu fotografieren, denn unter Wasser waren die grossen Seekühe unsichtbar und die Nasen, Rücken und Flossen zu schnell wieder verschwunden. Nach einer Weile musste ich den anderen Folgen, obwohl ich den Tieren noch ewig hätte zusehen können. Endlich habe ich die Tiere gesehen, die ich ganz passend in meinem Seefahrer-Roman beschrieben habe.

An Land ging die Safari non-stop weiter. Ein Amarillo, also ein Gürteltier, flitzte über die Wiese, die wilden Pferde grasten in der Ferne, Zitronenfalter überall. Wir entschieden einmal quer über die Insel zu laufen und an den Atlantik-Strand zu gehen. Der Weg führte uns an den Ruinen einer immensen Villa vorbei. The Dungerous wurde im 18. Jahrhundert erbaut und hatte alles was man an Luxus haben wollte – 50 Zimmer, ein Freizeithaus mit Pool und Schiessstand, ein Gemüsegarten mit Treibhaus und Gästehäuser. In der nähe wurde ein ganzes Dorf erbaut um die Dienstboten, Gärtner und sonstigen angestellten zu beherbergen. Ein Stall mit Kutschenhaus, ein Kuhstall mit Molkerei, der Luxus schien kein Ende zu nehmen. Am Dock, wo wir angelegt hatten stand noch das Eishaus, welches heute ein Museum ist. Das Geld kam von den grossen Bäumen, die überall standen. Unzählige Schiffe wurden aus dem Holz von Live Oaks gebaut, die von Natur aus in den perfekten Bögen wuchsen die Schiffe nun einmal haben. Das Business war so immens gewesen, die Besitzer bauten weiter nördlich zwei weitere Villen für ihre Kinder! Dann war die Villa plötzlich unbewohnt, ging vergessen und zerfiel. Reto und ich durften nicht einmal in der Ruine herumklettern – zu viele KEEP OUT Schilder und zu viele Ranger Augen, die aufpassten. So machten wir Pause im Schatten und begannen bald mit anderen Bootsbesitzern zu Plaudern. Reto sass mit Gwendolyn auf einer Bank, als uns ein älteres Paar erklärte eine Hirschkuh hätte ihr Kalb verloren. Obwohl alle Tiere auf Cumberland Island wild sind, kam die Hirschkuh bald näher auf der Suche nach ihrem Jungtier. Bald betrachtete sie sehr interessiert Gwendolyn und kam immer näher. Ich zog mein Handy heraus um alles zu filmen – sonst glaubt doch niemand, dass eine wilde Hirschkuh immer näher an ein Baby herangeht und es plötzlich neugierig mit der Nase berührt! Sowohl Gwendolyn als auch die Hirschkuh waren ein bisschen schockiert. Aber während Gwendolyn bald zu lachen begann als sie ihr fasziniertes Mami sah, suchte die Hirschkuh zufrieden weiter nach ihrem Kalb. Für uns steht fest, falls Gwendolyn einen Indianer heiratet, wird ihr Name: Berührt-vom-Reh.

Nach diesem magischen treffen, dass auf Video aufgenommen wurde, wanderten wir zum Strand. Gwendolyn Touched-by-the-Deer wurde allmählich schwer, während wir über einen Pier durch den Salzwassersumpf gingen. Bis wir über die Dünen das Meer erreichten waren Reto und ich «uf de Schnitz» waren. Chloé machte mit ihrer Kamera ein Bild von uns, wie wir uns auf einem grossen Stück Treibholz ausruhten. Sie und Florent machten einen langen Standspaziergang zurück zum Pier, während wir den kurzen Weg nahmen, den wir gekommen waren. Uns begegneten ein Truthahn und ein paar Ranger. Als Reto eine Stunde oder zwei später Chloé und Florent abholte, packten die nur ihre Schlafsäcke ein. Sie entschieden an Land zu übernachten, weil ihnen die Insel so gefiel. Da wir nicht früh raus mussten, hatten wir nichts dagegen und Reto ruderte die beiden wieder an Land.

Übrigen, wegen der Gurkeninsel… Ich verplapperte mich sicher zwanzig Mal und musste mich dauernd selbst korrigieren, wenn ich einmal wieder von Cucumber Island statt von Cumberland Island sprach. Meine Legasthenie?

Geocaching in St. Augustine

Nach einem halben Tag unter wackeligen Segeln bei böigem Wind erreichten wir St. Augustine. Wir hatten die Ortschaft, die uns so sehr an Südfrankreich erinnerte, liebgewonnen und mieteten für ein paar Tage eine Mooringboje. Weil wir erst gegen Abend in die Stadt gingen, war Bouviers Kartenladen leider schon geschlossen, dafür warfen wir einen Blick in die Galerie nebenan. Mir gefiel besonders ein Bild an dem der Künstler jedes Wochenende noch arbeitete, aber ich kann gleich klären, dass ich dreimal in der Galerie war und ihn immer verpasste. Mit Gwendolyn im Ultraleicht-Kinderwagen wanderten wir zuerst durch die älteste Strasse in Florida und dann durch das Touristenviertel. Wir hätten gerne an einer Führung durch das Flagler Collage mit seiner spannenden, aufwendigen Architektur teilgenommen, aber wegen Covid wurden nur Führungen für künftige Studenten durchgeführt. Ansonsten merkt man von Covid nicht mehr viel. Das Servicepersonal muss Schutzmasken tragen und in manchen Geschäften müssen auch die Kunden eine aussetzten. In Retos geliebter Sangria Bar, in der wir in vier Tagen drei Mal Halt machen, trug nicht mal das Personal Maske. Als wir entschieden auswärts zu essen ging die Sucherei los – finde ein Restaurant mit mehr als einem vegetarischen Gericht in den USA! Wir streunten einmal quer durch die Altstadt ehe wir in einem Seafood Restaurant einkehrten und Chloé und Florent Beyond Meet (Bohnen) Burger bestellten.

Chloé und Gwendolyn im Pub

Nach der Wäsche schafften es Reto, Gwendolyn im Kinderwagen und ich zu Bouvier in den Kartenladen. Er freute sich riesig, besonders als er Klein-Gwendolynchen kennenlernte. Er genoss es seine Arbeitszeit mit dem Baby zu verblödeln, während wir seine Schätze freilegten. Wenn ich ein bisschen Geld übrig gehabt hätte, hätte ich vermutlich eine Karte der Karibik gekauft. Aber wie zu Beginn erwartet geht unser Geld gegen Ende der Reise zur Neige. Und das Ende der Reise naht. Wer denkt wir während ohne Karten gegangen, kennt Bouvier nicht. Er geniesst es Leute wie uns in seinem Laden zu haben, die drei oder vier Stunden alte Karten anhimmeln können. Statt Karibik von 1729 nahm ich also Bouviers Geschenk mit: Schweiz 1890. Dazu ein bisschen Lesestoff für Reto.  Leider wollte er nicht mit uns Eis essen kommen. Ich habe eine neue Lieblingseisdiele – Peace Pie, mit Ablegern in drei Orten. Sie verkaufen Glacé-Sandwich: Ein grosses Guetsli, dann eine Kugel Glacé, eine Lage Kuchenfüllung wie Ganache, Erdnussbutter, Caramel oder ähnlich und zum Abschluss noch ein Keks, wie zu beginn. Ja, man braucht am Ende eine Serviette, aber ich liebe Icecream Sandwich. Dann gingen wir auf Schatzsuche. Chloé wusste von einem Geocache gleich beim Spanischen Fort. Sie lotste uns zu einem steinernen Ofen, der vor Jahrhunderten dazu benutzt worden war um Kanonenkugeln zum Glühen zu bringen, damit sie die angreifenden Schiffe in brand setzten. Aber wir fanden den Cache nicht! Wir kletterten hinein, darauf, Gruben im Sand, prüften die Löcher in den Wänden, aber wir fanden den Cache nicht! Schliesslich lud ich die App zum Geocaching herunter und prüfte den Ort – und fand heraus, dass es sich um einen virtuellen Schatz handelte. Der Schatz war der Ort! Der Aha-Effekt war gross.

Ich sitze auf dem Geocache

Chloé und Florent sind noch etwas knapper bei Kasse als wir, daher erklärte ich ihnen den Herd. Reto und ich erlaubten uns noch einmal auswärts zu gehen, während die beiden sich auf Sea Chantey selber etwas zusammenkochten. Essen mit Vegetariern war spannend. Gefälschter Käse, gefälschte Wurst, Hamburger und Hackfleisch aus Bohnen. Wir waren interessanter- und unerwarteterweise positiv überrascht. Im grossen und ganzen mochten wir nämlich, was die beiden zusammenkochten und so überliessen wir ihnen die Kombüse fast generell. Aber an diesem Abend hatten wir Sheperds Pie im Irish Pub. Wir sassen auf der Veranda und konnten durch das Fenster die Live-Musik von hinten betrachten. Gwendolyn hatte einen sehr aktiven Abend, schon nach kürzester Zeit verzauberte sie die älteren Damen direkt vor dem Musiker und machten bald kindische Winke-Spiele. Irgendwann fragte der Musiker, ein nicht unbekannter Country-Sänger, was sie denn trieben und wurde auf «the super-cute baby behind you» aufmerksam gemacht. Gwendolyn und damit auch ich wurden auf die Bühne gebeten und unsere kleine «Sugarplum» (was ich als «Zuckerzwetschge» übersetze) bekam einen Song gewidmet und einen immensen Applaus – nur fürs herzig sein!

Auch die Wäsche musste gemacht werden und Chloé und ich verbrachten den halben Vormittag in der Wäscherei, ehe wir nasse Wäsche auf dem Schiff aufhängten, weil ALLE Trockner besetzt waren. Jedenfalls suchten wir am Nachmittag noch einen Geocache. Im Garten eines 300-jährigen Hauses, das heute ein Bed&Breakfast ist, suchten wir zwanzig Minuten, ehe ich die Box unter der Veranda fand. Wir nahem nichts und hinterliessen nur unsere Namen.

Beim dritten Besuch in Bouviers Laden blieb ich erneut vor diesem Bild mit dem kleinen Mädchen in der Galerie hängen. Ich fand Chloé, Florent und Reto auf dem Boden sitzend vor. In ihren Händen Bücher mit optischen Effekten. Ich brauchte einige Minuten, bis ich es auch konnte, aber dann war ich überwältigt. Aus Bildern mit bunten Mustern sprangen plötzlich dreidimensionale Bilder hervor! Wenn wir nicht sowieso zu viele Bücher hätten, hätte ich alle vier gekauft. Ich war überwältigt!

Studenten aus Frankreich

Wenn ich mich richtig erinnere, zogen wir die nächsten Tage ohne Landgang durch. Zumal ich ein Kleinkind habe und einen Mann versorge, ist die Zeit zum Schreiben sehr begrenzt. Darunter leidet nicht nur der Blog, sondern vor allem auch mein zweites Buch. Die «Fortsetzung» liegt praktisch auf Eis, den Blog einigermassen aktuell zu halten, versuche ich aber nach Kräften. Das Wetter war hin und wieder wählerisch mit gelegentlichen Gewittern und die Klappbrücken haben Werktags Sperrstunden (sie sperren für die Schiffe damit der Verkehr unbehelligt bleibt), daher warfen auch mal den Anker um zu warten und blieben dann doch die ganze Nacht. Nach einigen windigen Tagen an denen wir häufig im Intracoastal Waterway segelten, erreichten wir Titusville am 18ten Mai. Der Start der Atlas V Rakete war auf diesen Tag verlegt worden und von der Mooring aus, hätten wir den Start beobachten können. Allerdings vergass ich den Wecker zu stellen. Als Reto die Rakete starten hörte, war sie bereits mit einem langen Kondensstreifen in den Wolken verschwunden. Mich ärgerte es wenig den Start verpasst zu haben, aber Reto hätte so gerne zugesehen und es tat mir wirklich leid wegen dem Wecker. Erst abends legte sich der Wind genug, damit wir in die Stadt rudern konnten um einzukaufen und auszugehen.

Auftritt der US-amerikanischen Fliegerstaffel Blue Angels

Reto eröffnete mir, dass er zwei Bootstopper eingeladen hatte mit uns zu fahren. Dies bedeutete, dass ich Gwendolyns Krimskrams irgendwo verschwinden lassen musste, damit wir alle Schlafplätze hatten. «Aber du hast ja zwei Tage Zeit zum Aufräumen», meinte Reto ganz cool, aber als wir zwei Tage später in Marineland anlegten, hatte ich noch nicht Zeit gehabt Quartiere vorzubereiten. «Stefy, die beiden hitchhiken 300 km bis hier! Das schaffen sie nie bis heute abend.» Denkst de! Da wir Jim und Donna von letztes Jahr kannten, bekam ich eine Fahrt zum nächsten Publix. Als ich zurückkehrte, standen Chloé und Florent schon auf dem Pier. Zuerst verschwanden das Eis und die Lebensmittel, dann liess ich Gwendolyns Kleider und Windeln verschwinden, während Reto den Besuch in Schach hielt… äh… ablenkte. Aus Gwendolyns Koje mit Rand wurde ein rosa bezogenes Doppelbett. Den Kapitän verbannte ich in die Vorschiffkabine, damit Gwendolyn bei mir im Bett schlafen und ich den Rand spielen konnte, damit sie nicht aus dem Bett rollte. Im Handumdrehen war die Kabine wohnlich für fünf Personen und ich begann zu kochen. Zum Glück fragte ich nach Lebensmittelallergien, sonst hätte ich den beiden Vegetariern Bratwurst vorgesetzt.

Chloé (25, nur zehn Tage jünger als ich) und Florent (28) sind Franzosen, die sich beim Studium in Bordeaux kennengelernt hatten und seit einem Jahr unterwegs sind. Chloé ist Landschaftsplanerin, während Florent Kunst studiert hatte. Er skateboardet auf Amateur-Level und ist ein Genie darin Dinge gratis zu bekommen. Sie fotografiert mit Film und entwickelt selbst. Beide frassen in kürzester Zeit einen Narren an Gwendolyn.

Wo wir Freunde haben

Wir ruhten uns zwei Tage aus, ehe wir mit wenig Wind nach Fort Pierce segelten. Als wir ankamen, war es wieder kurz vor dem Eindunkeln. Nach zwei Fehlschlägen irgendwo zu ankern, durchquerten wir mit dem letzten Licht die Klappbrücke und warfen spontan den Anker gleich neben dem Intracostal Waterway. Glücklicherweise hatten wir meinen ersten Muttertag einen Tag vorgezogen, denn aus dem Abendessen im Restaurant wurde nichts. Am folgenden Mittag erreichten wir endlich Vero Beach – die südlichste Ortschaft Floridas, die wir mochten. Ich wusch den ganzen Nachmittag Wäsche. Ich hatte seit Nassau nicht mehr gewaschen und Gwendolyn hatte nur noch ein passendes Kleidungsstück übrig, ausserdem hatte ich geplant einige Tage in Vero Beach zu bleiben. Maurice hatte tatsächlich Zeit mit uns zu Abend zu essen. Er hatte uns letztes Jahr als Uber-Fahrer vom Einkaufen abgeholt. Seine Tochter Emma und Gwendolyn mochten sich bald, aber mit Maurice wurde Gwenny einfach nicht warm. Sehr zu seinem Leidwesen.

Zum Einkaufen fuhr uns Michael, der auf seinem Boot im Mooringfeld wohnt, in dem auch wir hingen. Zum Dank durften wir ihn in einem kleinen mexikanischen Spezialitätengeschäft zum Essen einladen. Besonders Gwendolyn hatte ihre Freude daran, wir gaben ihr ein Stück Limone zu probieren. Ich hielt ihr das Stück hin, sie lehnte sich vor und Biss hinein, dann verzog sie das Gesicht und liess die Limone los. Wir hatten erwartet, dass sie laut losheult, aber zu unserer Überraschung holte sie Anlauf und Biss freudig erneut in die Limone. Voller Freude genoss sie den sauren Geschmack mit verzogenem Gesicht. Michael half uns ebenfalls mit der Flaggenleine. Bei einem heftigen Regen in Bimini war die Flaggenleine mit dem Radarreflektor heruntergefallen. Aus dem Bootsmannstuhl hätte ich die Rolle, durch die Leine musste, aber nicht erreicht und nirgends war eine lange Leiter aufzutreiben. Michael löste unser Problem ganz cool indem er im Bootsmannsstuhl aufrecht stand, während Reto ihn hochzog, ich sicherte und Gwendolyn quengelte. Zur Erinnerung: Ein Bootsmannstuhl ist ein Stoffsitz den Man an einem Seil befestigt, vollkommen instabil! Wir bedankten uns mit einem Bier. Selbst zum Boot-Schrotthändler nahm er uns mit. Alles was noch brauchbar ist, landet ordentlich sortiert in der Halle von «Marine Liquidators». Es sieht aus wie in Papis Ersatzteillager. Reto kaufte fast 50 Pfund Teak zum Sonderpreis und einige Kleinigkeiten. Fürs hin- und herfahren luden wir Michael noch einmal zum Mexikaner ein. Gwendolyn bekam noch einen «Schnitz» Limette und auch ich traute mich an einige Spezialitäten. Tamarinden kann ich nur empfehlen: Was aussieht wie eine grosse, braune Bohne schmeckt wie gedörrte Zitrone. Schale und Kerne kann man nicht essen. Aber mit getrocknetem Fisch statt Kartoffelchips kann selbst ich nichts anfangen. Ganz spontan rief ich bei Karen und Steve an, die wir in den Exumas kennengelernt hatten. Eine halbe Stunde später sassen wir bei Wein und Oliven in ihrer Küche. Ich war fasziniert von dem riesigen, stielvollen Gebäude – es wäre das perfekte Haus für Reto und mich: Genug Zimmer, dass jeder eines bekommt, die Garage gross genug für alle Fahrzeuge von Reto (Boote ausgenommen), Pool und einen Pier, der tief genug ist für Sea Chantey und Platz bietet für alle Wasserfahrzeuge von Reto. Das Grundstück grenzt an zwei Seiten an die Lagune. Nur, dass ich niemals in Florida leben wollte – zu viele Leute mit Booten, die keine Ahnung von ihren Booten haben! Karen genoss Gwendolyn in vollen Zügen und hatte sehr viel Verständnis dafür, dass Gwenny lieber bei Mami sein wollte. Unsere Gastgeber verbrachten den Abend an einem Konzert, während wir noch einmal unter die Dusche hüpften. Auf unserem Nachbarboot «Island Pearl» tranken wir noch mehr Wein und erzählten von unseren Abenteuern, dennoch fuhren wir morgens nach Norden.

Go West

Zwei Tage nach dem Westwind, der «Jolly Jumper» über die Great Bahama Bank gebracht hatte, drehte der Wind Ost. Wir verliessen in furchtbar welligem Wasser die Hafeneinfahrt und wurden den ganzen Tag geschaukelt. Mit dem Sonnenuntergang fuhren wir unter vollen Segeln in die Hafeneinfahrt von Fort Lauderdale. Wir müssen grandios ausgesehen haben, denn eine kleine Drohne verfolgte und umschwirrte uns. Das Funkgerät der Marina war leider nicht mehr besetzt, daher warfen wir an einem Ort den Anker, wo wir glaubten nicht zu stören. Es gab dort zwar nur zwei Moorings, wovon eine besetzt war und die andere für unseren Geschmack zu nahe an einer Mauer, trotzdem informierte uns der Hafenmeister der Las Olas Marina, dass wir mitten in seinem Mooringfeld geankert hatten. Ich einigte mich schliesslich mit ihm, dass wir die nächste Nacht an seinem Pier verbringen würden. Danach brachte uns ein Uber-Fahrer zum Zollbüro. Tatsächlich war es kein Problem, dass Gwendolyn mit ESTA einreiste, nur darf sie nur 90 Tage bleiben während wir 180 Tage bleiben dürfen. Auch das Cruising Permit wurde durch eine Fehlüberlegung unsererseits nur bis August genehmigt – es folgt also noch Papierkrieg. Aber wir waren nun offiziell eingereist und konnten uns mit David von «Wild Beast» verabreden. Reto, dessen Erkältung sich verschlimmerte, hütete Gwenny, während ich uns eine SIM-Karte besorgte. Um Windeln zu kaufen spazierte ich mit Gwendolyn zur Apotheke. Nachdem «Wild Beast» heute endlich ausgewassert worden war, trafen wir uns mit David in der Sports Bar seines Hotels. Der Engländer, den wir in Georgetown kennengelernt hatten, genoss unseren Besuch ebenso wie wir. Wir tranken Bier, assen und plauderten, bis Gwendolyn schon eingeschlafen war. Entsprechend nahmen wir uns tags darauf noch einmal frei.

Retos Stimme klang noch schlimmer als vorher, daher spazierten Gwenny und ich erneut zur Apotheke und deckten uns mit Vicks und Hustensirup ein. Dank des Nasensprays und eines Nickerchens ging es Reto am Abend wieder so gut, dass wir sogar Glacé essen gingen an der überfüllten Strandpromenade. Ja, auch in Florida muss man in öffentlichen Gebäuden Maske tragen, aber draussen interessiert es niemanden.

Eigentlich hätten wir 90 Meilen bis Vero Beach in einem Übernachttrip durchfahren wollen, aber wir hatten uns zu wenig über das Wetter informiert. Der Ostwind hatte hohe, spitze Wellen aufgeworfen. Wir kamen kaum durch sie hindurch, während wir den Einfahrkanal des Hafens durchquerten. Seit der Hormonkur in meiner Schwangerschaft bin ich nicht mehr so draufgängerisch wie früher und brauchte Stunden um mich von dem Seegang im Kanal zu erholen. Das schlimme daran ist, dass ich nicht weiss, wovor ich mich eigentlich fürchte – denn wir hatten schon viel (!) schlimmeres hinter uns. Jedenfalls kaum hatte ich mich erholt, begann der Wind nachzulassen, die Wellen allerdings kaum. Die Entscheidung, ob wir das Grosssegel nun einholen oder nicht, nahm uns das Wetter ab. Eine grosse, dunkle Wolke braute sich über uns zusammen und wir holten das Segel ein, weil wir erwarteten, dass der Wind drehen würde. Ich konnte gerade alles inklusive Gwendolyn in die Kabine Räumen, alle Fenster schliessen und Reto eine Jack geben, als der Regen wie aus Eimern zu schütten begann! Die Wolke reichte bis auf die Wasseroberfläche und sahen keine fünfzig Meter mehr voraus. Reto steuerte tapfer durch den Regen ohne zu Abend gegessen zu haben und ich studierte das Regenradar. Es sah nicht aus, als würde es bald wieder aufhören, immer kam neue Wolken auf den Bildschirm! Aber eine kleine Pause zwischen den Schauern würde genügen um den Inlet nach West Palm Beach zu passieren, was wir probt taten. Mit dem Sonnenuntergang und dem Gezeitenstrom sausten wir in den Teil des ICW, den nicht leiden konnten. Ausnahmsweise waren wir das einzige Boot unterwegs. Wir schipperten einige Meilen nach Norden zu einem Ankerplatz den wir kennen und als akzeptabel in Erinnerung behalten hatten. Weil bei unserem Scheinwerfen der Akku leer wurde, legten wir den halben Weg in völliger Dunkelheit zurück. Schliesslich warfen wir endlich den Anker und ich konnte den Kapitän füttern.

Island Time

Schlussendlich kam alles ein bisschen anders als geplant, aber daran haben wir uns längst gewöhnt. Aus purer Faulheit und Lebenslust blieben wir mehr als eine Woche in Bimini, denn es gab immer wieder einen guten Grund noch zu bleiben.

Ursprünglich hätten Gwendolyn und ich nach Fort Lauderdale fliegen sollen, weil Gwendolyn kein Visum bekommen hatte. Da aber der Tropicoole Frank letztes Jahr mit seinem ESTA per Boot eingereist war, versuchten wir alles um diese Möglichkeit zu prüfen. Mir war es natürlich nicht wohl bei dem Gedanken den Vater meines Kindes alleine über den Golfstrom schippern zu lassen. Daher rief ich jeden Tag beim Zoll in Florida an, in der Hoffnung, dass endlich jemand den Hörer abnahm. Derweil verglich ich die Preise der Fluggesellschaften mit denen der Fähre und erkundigte mich, wo ich einen Covid-19 Test machen konnte. Alles war bereit, um gebucht zu werden, als ich es schliesslich am Tag bevor das Wetter für Reto stimmen würde, endlich Jemand den Hörer abnahm. Der Zollbeamte nahm all unsere Personalien auf und erlaubte uns vor Ort ein Zollbüro zu besuchen. Beruhigt beschlossen wir ein weiteres Windfenster abzuwarten.

Jolly Jumper

Schon von weitem beobachteten wir die weiss-rote Ketch in den Hafen einfahren. Sobald wir das Schweizer Fähnchen erkannt hatten, schaltete ich das Funkgerät ein und lauschte an welchen Pier «Jolly Jumper» gehen würde. Wir standen schon bereit um die Leinen zu fangen, als die Schweizer anlegten. Alina und Christoph mit ihren Küken Daliah (6 Jahren), Alexa (4 Jahren, wenn ich mich richtig erinnere) und Ruben (gerade mal 1 Jahr alt) und zwei Italienern als Crew. Alina, Kapitän und Mutter, hatte zunächst mit Marina, Zoll und anderem zutun, weshalb Christoph uns berichtet, woher sie gerade kamen. «Jolly Jumper» hatte in Kuba festgesessen und die Familie fuhr ihre Ketch nun nach Nassau, von wo aus sie von angeheuerten Matrosen nach Spanien gesegelt werden sollte. Nur waren die beiden Kapitäne nicht zufrieden mit den Herren Deckhänden, welche wie wir später erfuhren in Nassau den Hut nehmen mussten. Derweil hatten die Mädchen den Pool mit Badetieren gefüllt. Wir verbrachten die nächsten Tage viel Zeit mit der Familie aus Winterthur. Wir begleiteten Christoph und die Kinder an den Strand, wo Gwendolyn das Meer weit mehr genoss als Ruben. Wir diskutierten mit Alina Ankerplätze. Lasen Globi-Bücher. Trösteten Kinder nach dem Hinfallen. Und fragten uns, ob wir allen Ernstes auch drei Kinder wollten, weil es anstrengend zu sein schien. Dennoch genossen wir die Tage und freuen uns schon darauf den kleinen, grünen Strandeimer nach Winterthur zurückzubringen.

Basteln nach MacGyver

Wir lagen vor einer traumhaften Insel. Aber wir hatten zu tun und keine Zeit faul am Strand zu liegen. Auf der Überfahrt nach Whale Cay hatten wir entschieden, dass unser hinterer Mast sich zu stark bewegte. Er hatte immer etwas gewackelt, aber jetzt bewegte er sich fast einen halben Zentimeter. Also entfernten wir die Abdeckung am Mastfuss und legten damit die keilförmigen Hölzchen frei, die rund um den Mast eingeschlagen waren. Wir konnten sie von Hand bewegen und zogen locker eines heraus. Einfach weiter herunterschlagen konnten wir sie leider nicht – sie hatten einen Rand. Es folgte eine längere Diskussion darüber, wie wir die Keile dicker machen wollten. Nach eingehender Prüfung entschieden wir uns für Retos Vorschlag: Wir machen es wie McGyver mit zwei lagen Tuck Tape. Eines nach dem anderen hoben wir die Hölzchen mit dem Taschenmesser heraus, kratzten damit dicht Masse ab, die gar nicht an die Hölzchen gehörte und reinigten den Keil mit Alkohol. Danach kamen zwei Lagen Superklebeband darauf, welche mit der Schere zurechtgeschnitten wurden. Reto machte die meiste Arbeit, weil ich die Hände voll hatte mit Gwendolyn. Kopfschüttelnd stellten wir fest, dass auch die Reihenfolge der Hölzchen nicht stimmte und daher die Form nicht passte. Kein Wunder hatte der Mast Platz zum Wackeln. Jemand (möglicherweise Brad) hatte den Mastfuss beim letzten Einbau falsch zusammengesetzt. Als alle Stücke an ihrem Platz waren, bekam jedes einen Schlag mit dem Hammer. Damit sass der Mast nun fest in seinem Loch.

Am nächsten Nachmittag blies der Wind über Whale Cay und veranlasste uns das Weite zu suchen. Wir flogen nur so über die Wellen. Nur getrieben vom Grosssegel machten wir sechs Knoten. Im innerhalb weniger Stunden erreichten wir die Riffe, die uns von der Bahama Bank trennten. Unsere Karte informierte uns darüber, dass alle Leuchtfeuer kaputt waren oder gar nicht erst da. Nur ein Pfeiler markierte den Weg durch die Riffe, aber wir durchquerten sie ohne Probleme. Gwendolyn genoss ihre erste Übernachtfahrt. Sie schlief ein sobald die Sonne untergegangen war und wachte Nachts nur ein Mal auf. Wir schliefen überhaupt nicht. Wir waren das lange sitzen nicht mehr gewöhnt und mussten etwas öfter wechseln. Schneller als erwartet hatten wir im Mondschein die Bank überquert. Mit der Morgendämmerung suchten wir uns einen Ankerplatz im Lee von North Bimini. Dort schlief ich ein paar Stunden, während Gwendolyn ihren Vater wach hielt. Bei Tageslicht und Fluthöchststand tuckerten wir schliesslich in den Hafen und dockten waghalsig in der Bluewater Marina. Der Wind verblies unser Manöver, wir machten eine Piruette und brachten es schliesslich fertig eine Leine an den Nachbarpier zu werfen, wo uns fünf Leute an den Pier zogen und vertäuten. Von diesem Pier bewegten wir uns nicht mehr weg.

Shipwreck Bay

Vor August würde Gwendolyn kein Visum bekommen, also hatten wir auch keinen Grund länger in Nassau zu bleiben. Eine Weile spielten wir mit dem Gedanken einen Umweg durch die Abacos zu machen, aber Sea Chantey braucht neue Farbe und neuen Lack. Also proviantierten wir das nötigste und stachen in See. Der Wind blies ordentlich und wir machten gute Fahrt, nur eine Stunde bevor wir unser Ziel erreichten, drehte er uns entgegen, anstatt dass er wie laut Vorhersage einfach aufhörte zu blasen. Durch den Kanal zwischen den Riffen hindurch, hätten wir aber sowieso den Motor gestartet. Entgegen Retos Erwartung war das Wasser in der Bucht sehr ruhig und der Ankergrund gut, doch die vielen Wracks verursachten ein ungutes Gefühl. Dennoch schliefen wir sicher zwischen fünf anderen Yachten. Eigentlich hätten wir am folgenden Morgen schon weiterfahren wollen, aber wenn der Wind sich ändert, ändern sich auch die Pläne. Stattdessen liessen wir unser Dinghy ins Wasser. Reto brachte uns von Wrack zu Wrack und wir diskutierten was diese armen Schiffe wohl versenkt hatte. Zwei Schlepper lagen vor einem riesigen Industriedock, daneben eine zerstörte Motoryacht. Auf dem achtzig Meter langen Frachter hätten wir uns gern umgesehen, da dessen Löcher aber mit unendlich vielen T-Shirts gestopft waren und mit einer Pumpe an einem Feuerwehrschlauch das Wasser ausgepumpt wurde, sahen wir davon ab. Nun ruderte Reto uns an den Strand, wo wir weitere drei Wracks fanden. Im Süden auf dem Fels lag ein wunderschöner Schlepper, allerdings überquerten wir zunächst die Strasse. Kaum 50 Meter landeinwärts suchten wir den Eingang zu einer grossen Höhle. Morgans’ Bluff wurde sie genannt, allerdings halte ich die Geschichte von Henry Morgan, der hier sein Unwesen getrieben haben soll, für unwahrscheinlich. Es war nicht der Stil des Freibeuteradmirals auf Beute zu warten, er ging dort hin wo Beute war. Und obwohl die Höhle mehr Fläche als Retos viereinhalb Zimmer Wohnung hatte, hätte man dort wohl keine ganze Schiffsladung verstecken können. Ich war fasziniert von dem Loch im Boden, durch welches man in die Höhle kletterte und die Wurzeln der Bäume, die durch die Decke wuchsen. Mit einigen Fotos kehrten wir an den Strand zurück und gingen zu Fuss zum Wrack des schönen Dampfschleppers. Es tat uns weh, das wunderschöne, alte Schiff auf dem Fels liegen zu sehen, den der Rumpf war noch äusserst gut in Takt und auch die Aufbauten sahen aus, als ob ein bisschen Liebe und Pflege sie retten könnte. Doch wie das Schiff von seinem Felsen ziehen? Auch hier konnten wir nicht an Bord klettern, weil die Bordwand zu hoch war. Als wir mit Alianza zurückkehrten, sahen wir, dass auch Ruder und Propeller in erschreckend gutem Zustand waren. «Bath» ging uns noch Tage lang nicht aus dem Kopf!

Wegen der ändernden Windrichtung mussten wir uns einen anderen Ankerplatz suchen und verschoben nach einem wunderbaren Tag des Segelns nach Whale Cay in den südlichen Berry Islands. Auch hier dachten wir noch an «Bath». Schliesslich befragte Reto die Google-Suchmaschine und förderte schockierende Nachrichten zu Tage. «Bath» hatte Baujahr 1908 und hatte Schiffe und Plattformen herumgeschoben bis sie in Andros Island aufgelaufen war. Laut Internet war sie 2008 nach Haiti verkauft worden, womit ihre Geschichte im Internet endete. Ja, wir waren schockiert! Wie konnte man ein solches Stück Geschichte nach Haiti verkaufen? Und wie konnte man es auf einem Felsen liegen lassen? Wir waren erschüttert! Aber wir konnten nichts dagegen tun, als uns daran zu gewöhnen, dass «Bath» auf ihrem Felsen verrotten würde. Zumindest bis Reto den Lotto-Jackpot gewinnen würde.

Embassy Trouble

«Es ist Wahljahr in den Bahamas, die Politiker wollen sich mit ihren Leuten gut stellen», erklärte uns Gal im Pink Octopus. Seit dem letzten Lockdown im letzten August hatten er und sein Sous-Chef Wally das Restaurant am Strand der Palm Cay Marina nicht mehr schliessen müssen und hatte dauernd volles Haus – wie fast alle Läden. Wer wieder gewählt werden will, kann sich nicht leisten sein Land dicht zu machen. Die Touristen kommen und Nassau blüht wieder. Entsprechend trafen wir weder die kleine Skyler noch Wallys fünf Kinder – sie mussten wieder zur Schule und ihr Väter hatten im Restaurant sowieso keine Zeit für sie. Der Strassenhund, den wir Scooby nannten, war nicht mehr in der Marina, daher hatten wir auch keine weiteren Gründe lange zu bleiben. Wir ankerten bald vor Athol Island im Norden des Nassau Harbor. Mit unserem Bahamischen Daten-Abonnement konnten wir auch von hier aus ein Visum für Gwendolyn beantragen. Wer weiss, warum ich so sicher war, dass ein Baby kein Visum braucht. Wer weiss, warum Reto es nicht nachkontrolliert hatte. Auf jeden Fall lag ich falsch! Ich beantragte ein Visum und ärgerte mich, dass ein Kleinkind, das nicht sprechen kann, einen Interviewtermin braucht. Was wollten die Konsularen Gwendolyn fragen? Ob sie einen Terroranschlag auf den Präsidenten plante? Ob das Konsulat mit der Antwort zu frieden wäre: «Aga brrrpf»? Aber richtig genervt habe ich mich, als Gwendolyn einen Termin im August bekam. Auch einen Notfalltermin bekamen wir «aufgrund der Covid-19 Situation» nicht. Also entschieden wir, dass Gwendolyn und ich von Bimini aus Fliegen werden und Reto unser Boot alleine über den Golfstrom bringt.

Vorerst dockten wir aber in der Nassau Harbor Club Marina. Die Tropicool Familiy, der Deutsche und die Französin-Kanadierein mit den zwei knallblonden, gelockten Kindern, die wir vor einem Jahr kennengelernt hatten, hatten hier ihren Leoparden geparkt… ähm, ihren Katamaran Leopard 40. Frank hatte letztes Jahr keine Probleme mit dem Boot mit seinem ESTA einzureisen, aber wir wollten das Risiko trotzdem nicht eingehen. Ava und Karl, die Kinder mit den Engelslocken erkannten uns natürlich nicht wieder, obwohl wir eine Woche lang mit ihnen im Pool gespielt, sie auf Sea Chantey Piraten gespielt und ich ihnen Schildkröten gebacken hatte. Dafür bekamen wir Karli’s superleichten, winzig zusammenfaltbaren Kinderwagen für Gwenny. (Ob wir den wohl je benutzen?) Sie hatten sich für drei Tage im luxuriösen Atlantis-Resort eingemietet um Avas siebten Geburtstag in Wasserpark verbringen zu können, daher hatten wir ein Auge auf den Leoparden mit Namen Tropicool. Nach einigen Ausflügen zu Booten, die Richtung Karibik oder Europa fahren würden, verabschiedete sich Dylan. Er fuhr mit der Fähre nach Eleuthra, wo er sich mit einem Kumpel treffen würde. Langweilig wurde es deshalb nicht, den schon am nächsten Tag kam ein uns wohlbekanntes Schiff an unser Dock. Es handelte sich um ein Tauchboot mit grossen Kabinenaufbau, zwei Masten und vielen Hobbytauchern an Bord – das Schiff, welches uns unterwegs nach Shroud Cay entgegen kam. «Beacon Won»’s Kapitän Bruce entpuppte sich als Neufundländer und hatte sein Schiff selbst gebaut – ein Holzboot. Natürlich musste er Sea Chantey sehen und brachte gleich die halbe Crew mit. Danach waren wir um eine angebrochenen Flasche Whiskey ärmer, dafür reicher an Freundschaften. Wir leerten Tags darauf «Beacon Won»’s Kaffeekanne und bekamen eine Führung durch das fast komplett von Bruce gebaute Holzschiff. Wir staunten – mitunter über das Gebastel an Bord! Baumaschinenmotoren von Caterpillar trieben das Tauchboot mit 36 Gästekojen, acht Crewkojen und einer Captain’s Cabin (wo alle paar Wochen auch Frau Kapitän unterkam). Voll beladen musste der Vier-Flammen-Gasherd also 46 Leute verpflegen, was bedeutete, dass in zwei Schichten gegessen wird, weil sonst der Speiseraum zu klein ist. Kiloweise Fleisch lagert im Generatorgetriebenen Tiefkühler. Zwei Eismaschienen produzieren täglich 20 Kilo Eiswürfel. Sogar der Wassermacher war selbstgebaut. Wir staunten! Am allermeisten als Crew und Käpt’n uns erzählten, wie Ava und Karli im letzten Jahr in ihrem Rigg herumturnten und ins Wasser sprangen. Wir versprachen den Tropicools Grüsse auszurichten. Die Zeit reichte gerade noch, damit Reto in der Takelage herumturnen konnte, ehe Beacon Won wieder mit tauchwütigen Touristen überströmt wurde. Nachdem bei allen 30 Personen Fieber gemessen war, das Health Visa der Bahamas kontrolliert und Gepäck an Bord geladen war, stach das ganz besondere Tauchboot in See. Nur wenige Stunden später waren die Tropicools enttäuscht Beacon Won verpasst zu haben.