Sea Chantey’s Log

Hervorgehoben

Willkommen in Sea Chantey’s Logbuch! Ich, Stefanie und mein Freund Reto sind im September 2019 zu unserem grossen Abenteuer aufgebrochen. Was wir vorhaben? Mit dem Angleman Ketch „Sea Chantey“ von Kanada aus Südamerika umrunden und unser altes Mädchen nach Hause in die Schweiz segeln. Wie lange der Trip dauern soll? Geplant sind 2 Jahre. Ob wir es schaffen? Verfolge diesen Blog und finde es gemeinsam mit uns heraus.

Sonnensegeln

Unterwegs nach Shroud Cay hatten wir endlich einmal wieder den passenden Wind um zu Segeln. Wir nutzten die Chance um unseren «Flieger» auszuprobieren (das Vorklüverstagsegel, das vorderste Segel ohne Baum). Da Reto erst auf Nassau die Zeit gehabt hatte dessen Cover zu vollenden, hatten wir es während der bisherigen Reise nicht geriggt. Wie üblich setzten wir von hinten nach vorne die Segel, weshalb das Vorsegel schon gesetzt war bis ich den Flieger vorbereitete. Mit der doppelten Anzahl Leinen vor dem Grossmast, war es kein Wunder, dass diese durcheinander gerieten. Auch wurde das Lösen der verklemmten Haken zum Hochseilakt, welche das Segel am Vorstag verhingen, wie die Ringe eine Gardine an der Stange. Das Vorsegel war mir beim Klettern im Weg und die wirklich moderaten Wellen schüttelten mich fast vom Bugspriet. Doch endlich hatte ich alle Verklemmungen und Leinen gelöst und setzte den Flieger. Nun hätte ich es fieren sollen, im also Leine geben, damit es den richtigen Winkel zum Wind bekam. Aber Retos Langspleis war zu dick, um über die Rolle zu laufen!!! Weil eine Maus im vorletzten Winter die Schotten des Segels gleich doppelt durchgeknabbert hatte, hatte Reto dieses an zwei Stellen wieder zusammengefügt, weshalb die Leine an den Fügestellen nun doppelt so dick war. Aber woher hätte er wissen sollen, dass es zum führen des Segels die ganze Leinenlänge brauchte? Der Flieger flatterte nun wild und die Schotten verhedderten sich in den anderen Leinen. Noch dazu verklemmte auch die Leine, mit der man das Segel wieder hätte bergen können, ohne auf den Bugspriet klettern zu müssen. Nun musste auch Reto mit Hand anlegen und gemeinsam rangen wir den Flieger nieder. Danach hatten wir unser Mittagessen nötig.

Ich hatte an diesem Tag etwas sehr Dummes getan – nämlich hatte ich mich zum Segeln weder angezogen, noch mit Sonnencreme eingecremt. Ihr ahnt es… Ich holte mir einen wüsten Sonnenbrand! Das Gesicht und die Stellen, die normalerweise keine Sonne zu sehen bekommen, glühte rot und schmerzte, bevor ich mich nach Tagen zu Häuten begann wie ein Drache. Es dauerte die ganze Woche bis der Sonnenbrand verheilt war und ich wieder bequem sitzen konnte, während sich bei Reto «nur» das Gesicht schälte. Dafür achten wir seither wieder penetrant auf den Sonnenschutz und lassen Retos Sonnensegel aufgespannt, wenn wir uns bei Flaute mit dem Motor bewegen. Manchmal müssen wir Sturköpfe die Dinge auf die harte Tour lernen!

Shroud Cay ist eine der nördlichsten Inseln des «Exuma Land and Sea Nationalpark». Sie hat zwei niedliche Lagunen voller Mangroven umgeben von Hügeln, weshalb sie mich an einen Topf erinnerte. Durch mehrere kleine Wasserläufe strömt die Flut in die Insel und wieder heraus. Der Nationalpark besitzt verteilt zwischen den Cays einige Moorings, von denen wir uns eine schnappten statt zu ankern. Nur der Briefkasten am nahen Strand, in dem man die Liegegebühr deponieren kann, hatte keine Umschläge mehr auf denen normalerweise die entsprechende Gebühr vermerkt ist und auch sonst keine Preisliste. Schulterzuckend machten wir uns auf um die Insel zu erkunden. Ein zugewachsener, steiler Weg führte zu einem «Well», einem Wasserloch mit Süsswasser, welches manchmal zu einem richtigen Brunnen ausgebaut wurde. Diese Löcher schienen eingestürzte Höhlen im Kalkgestein zu sein, die von oben mit Regenwasser gefüllt wurden und wegen ihrer tiefe nicht austrockneten. Statt nur dem einen mit dem Brunnenrand fanden wir mindesten Zehn volle und unzählige trockene Löcher im Boden, weshalb wir uns sehr vorsichtig durch die Büsche bewegten. Hier konnten vorbeikommende Boote Wasser schöpfen, allerdings muss dieses zumindest Filtriert und Abgekocht oder 50/50 mit Rum vermischt werden, damit ein Matrose davon nicht Durchfall bekommt. Aus Neugierde schöpften auch wir Wasser aus dem Brunnen, probierten aber nur ein kleines Schlückchen – nicht salzig! Zum Abkühlen am Abend badeten wir am Strand und ich baute zum ersten Mal seit Jahren eine Sandburg, bevor wir uns wieder zurückzogen.

Endlich Exuma!

Das Gewitter hatte uns verpasst, aber ein Regenschauer traf uns mit voller Wucht. Der Regen prasselte fadengerade auf uns nieder während wir nach Südosten unterwegs waren. Fast versetzte uns das Wetter nach Nova Scotia zurück, ich für meinen Teil packte sogar die Ölzeugjacke aus. Reto liess sich während seiner Wache einweichen. Bald war die Wolke vorübergezogen und wir konnten mit angemessenem Licht die sehr seichte Yellow Bank überqueren. Ich steuerte, Reto stand auf dem Bug und hielt Ausschau nach Korallenköpfen. Wir staunten nicht schlecht, als das kleine Fischerboot plötzlich auf uns zufuhr. Noch mehr staunten wir, als die Insassen (offenbar doch keine Fischer) nach dem Weg nach Nassau fragten! Reto gab ihnen die Richtung, aber wir sorgten uns dennoch etwas um die zwei Männer. Kaum hatten wir die Bank hinter uns, holte uns die nächste Regenwolke ein und wir wurden erneut geduscht. Doch trocknete das Deck fast bis Land in Sicht kam. Durch wunderbar klares, blaues Wasser fuhren wir zwischen die Allen Cays und warfen den Anker in der Bucht einer Hufeisenförmigen Insel. Reto versuchte den Pflugscharanker in den Boden zu ziehen, aber wir konnten von oben sehen, dass er sich nicht eingrub. Daher ging ich baden, um den Anker mehr in den Boden zu rammen. Die Pflugschaufel stiess auf harten Boden, eingraben fast unmöglich, doch der Anker hielt uns fast zwei Tage an Ort und Stelle. Trotzdem hielten wir Ankerwache und standen in dieser Nacht abwechselnd auf, um unsere Position zu kontrollieren.

Nach dem Frühstück liessen wir das Dinghy ins Wasser. Allen Cay ist bekannt für die Iguanas, die hier Leben und von den vorbeikommenden Besuchern gefüttert werden. Auf der östlichen Insel waren schon zwei kleine Motorboote an den Strand gefahren. Wir erkundeten zunächst den kleinen Strand gleich neben uns, wo wir Muscheln und Einsiedlerkrebse zu Hauf fanden. Dann verschoben wir an den Strand in der Hufeisenbeuge. Schon beim Aussteigen huschte eine Iguana davon. Eine 60 cm lange Eidechse mit Kamm und voluminösem Kehlkopf betrachtete uns kritisch, bevor sie sich versteckte. Auf uns wirkten sie nicht als ob sie Fütterung gewohnt wären. Wir durchwanderten die Insel zwischen niederen Palmen hindurch zur anderen Seite und zurück, wobei die Iguanas vor uns flüchteten. Reto erklomm den Hügel zur östlichen Seite des Hufeisens, auf der ein hoher Steinturm stand, während ich im Wasser spazieren ging. Danach setzten wir uns in den Schatten des einzigen, echten Baumes und beobachteten die Iguanas und hunderte von winzigen Einsiedlerkrebsen beim herumschleichen. Die Warnung in unserer Karte schien berechtigt zu sein: Viele der Echsen besuchten den rostigen Rest eines Grills, von dem sie angeblich das Fleisch herunterstahlen, wenn man sein Steak nicht genügend bewachte. Reto ruderte uns später weiter an den Strand, an welchem wir die anderen Touristen gesehen hatten, aber auch dort wollten die Iguanas nicht gefüttert werden. Dennoch kamen gleich vier grosse Miet-Katamarane an, während wir zu Sea Chantey zurückruderten. Sie stammten lustigerweise alle aus Palm Cay, wie wir an den Namen erkannten. Doch machten sie sich nach zwei Stunden Baden und Iguanas füttern wieder auf und Allens Cay wurde wieder so einsam wie zuvor.

Aufbruchstimmung

Vom Department of Immigration bekamen wir nur Empfangsbestätigungen, ansonsten meldete sich niemand. Davon liessen wir uns aber nicht stören und gingen weiter im Wochenprogramm. Am Freitag fuhren wir shoppen. Bei Lightbourne Marine rüsteten wir Leinen nach und besorgten Angelschnur. Ich gönnte mir einen Spaziergang durch ein Shopping-Center, den Reto geduldig im Auto abwartete. Wer Reto kennt, weiss, dass er nicht gern einkauft. Zum Schluss gings ab in den Lebensmittelladen, um den auch Reto nicht herumkam. Zur Entlastung seiner Nerven bekam er einen kurzen, klaren Auftrag: 1. Befülle diesen Einkaufswagen mit Wasserkanistern, Fruchtsaft und Süssgetränken. 2. Gehe zahlen. 3. Verlade alles ins Auto und warte da. Derweil konnte ich die «komplizierten» Dinge einkaufen, wie Lagerobst, Gemüse, Dosennahrung und andere „Frischprodukte“. Seit Wochen konnte ich auch zum ersten Mal Nutella kaufen, dafür gab es noch immer kein Kakaopulver. Dass ich die Zwiebeln vergessen hatte, merkte ich erst zu Hause, aber ich rüstete uns mit Kiloweise Mehl und Teigwaren aus. Während dem Verladen der Bagage läuteten auch plötzlich unsere Telefone. Jerome, ein älterer Herr den wir unter der Woche am Pier getroffen hatten, fragte, ob wir noch interessiert an einem Ausflug zu seinem Segelclub seien.

Wie verabredet trafen wir Jerome Pyform (der Name lautete vor vielen Generationen «Pfeiffer») am Samstag vor dem Mittag und fuhren zu seinem Jachtclub. Zum ersten Mal seit Monaten hatten wir uns anständig angezogen – Reto glänzte in Shoes and Shirt und ich trug mal wieder einen BH drunter. Auf dem Parkplatz trafen wir seinen Sohn Eliott und dessen Freundin Natascha, mit denen wir durch eine Codeschloss-Tür die Poolanlage des Jachtclubs betraten. Das Personal trug Handschuhe und Gesichtsmasken, aber wir Gäste durften die Masken bei Tisch ablegen. Wir bestellten eine bahamische Spezialität und begannen zu plaudern, über unsere Abenteuer, unsere Berufe und wie wir die Corona-Krise überstanden hatten. Zum Mittagessen gab es Gekochten Fisch, was ein bischen was von Suppe mit Spatz hat. Das Fischfilet wird am Stück in einer klaren Brühe aus Kartoffeln und Zwiebeln gekocht und mit Zitronensaft und Chili gewürzt. Dazu gibt es traditionell grobe Polenta und Butter beschmiertes bahamisches Brot. Ein leichtes Essen, dass uns aber stundenlang satt hielt. Auf meine Frage wie wir zu bezahlen hatten – denn niemand fragte nach der Rechnung – sagte Jerome, alles sei bei seinem Club inklusive. Reto und ich waren nun sicher uns keine Mitgliedschaft leisten zu können.

Den ganzen Sonntag lang verstauten wir unsere Einkäufe und machten nach langem unser Boot seefest. Ausserdem kehrten wir das letzte Mal im Pink Octopus ein, um uns zu verabschieden und die letzten Konsumationen abzubezahlen. Den Montag nutzten wir für den letzten Schliff. Wir kauften Eis, ich backte Brot und wir hatten ein letztes Mal Besuch von Andy, mit dem wir uns schon zum dritten Mal auf ein Bier oder einen Kaffee zusammenschlossen. Am Dienstag war nur noch der letzte Abwasch zu erledigen bevor wir Sea Chantey an die Tankstelle verlegten. Wir füllten Diesel und Wasser auf, während sich auf dem Meer ein Gewitter zusammenbraute, aber vorbeizog. Schlussendlich deponierten wir schweren Herzens die Schüssel, in der wir Hafenstreuner Scooby fast täglich Wasser gegeben hatten. Ich hatte mir fest vorgenommen den Hund nicht ins Herz zu schliessen, aber da sie mir mit Vorliebe folgte und sich am liebsten von mir streicheln liess, tat es mir dennoch weh sie ein letztes Mal zu streicheln. Und dann brachen wir auf.

Schnitzeljagd durch alle Ämter

Um in die Exumas reisen zu können, die angeblich die schönsten Inseln der Bahamas sind, die man auf keinen Fall verpassen darf, brauchen wir zwei Dinge: Eine Aufenthaltsgenehmigung und ein Cruising Permit. Beides ist nach fast drei Monaten auf New Providence fast abgelaufen, weshalb wir uns nun um Verlängerung bemühen müssen.

Durchorganisiert wie mein Reto ist, hatte er von der Marina einen Wagen und eine Wegbeschreibung zum Costums Office (Zollbüro) bereitmachen lassen. Ich packte am Morgen alle benötigten Dinge plus Wasser ein und gab ihm seine Mappe mit den Dokumenten wieder zurück, weil sie nicht in meinen Rucksack passte. Er sollte sie halt unter dem Arm klemmen. Maske? Auch dabei. Wir fuhren in die Stadt und fanden uns am Kreuzfahrtschiffhafen wieder, der sich inmitten eines Meeres von Restaurants und Souvenirshops befindet. Alles geschlossen, weil Kreuzfahrtschiffe erst in einem Monat wieder anlegen dürfen. Aber als wir unterwegs zum Zollbüro waren, entdeckte ich, dass Reto seine Mappe gar nicht dabei hatte. «Die ist doch in deinem Rucksack?», fragte er. «Nein, die habe ich dir zurückgegeben, weil sie nicht hineinpasste, erinnerst du dich?» «Upps… Dann liegt sie noch auf dem Schiff.»

Wir entschieden auf dem Rückweg am Swiss Pastry Shop vorbeizufahren, nur um zu sehen wie schweizerisch er tatsächlich ist. In der Hoffnung auf eine Cremeschnitte sah ich mich in der kleinen Konditorei um, deren schweizerischstes Gebäck die Eclairs waren, welche tatsächlich fast wie zu Hause schmeckten. Auch der Dänisch Plunder und die Früchtetörtchen sahen aus wie in der fernen Heimat, damit hatte es sich auch schon. Ansonsten stand ich in einer amerikanischen Konditorei, aber ich kaufte dennoch Eclairs, Früchtetörtchen und zwei Stücke Schokoladentorte, um uns den Tag zu versüssen. Der Rückweg zur Marina war schwierig, da in dieser Strasse gerade die Bäume geschnitten wurden, als wir zurückkamen. Wir wurden durch ein Quartier geschickt, aus dem wir fast nicht mehr herauskamen, um uns schliesslich auf der anderen Seite der Marina an der Strassensperre befanden. Hier umfuhr ich nun die Strassensperre und Gerätschaften über die Wiese, um endlich die Marina-Einfahrt zu erreichen. Reto war natürlich genervt, was auch die leckeren Süssigkeiten nicht ändern konnten. Dennoch bewegte ich ihn dazu, sich ein zweites Mal von mir aufs Zollbüro zu fahren zu lassen. Diesmal mit Mappe bewaffnet, wurden wir tatsächlich empfangen. Nur konnte der Zollbeamte unser Crusing Permit nicht verlängern – das macht momentan nur das Hauptquartier! Also fuhren wir nach seiner Wegbeschreibung über die halbe Insel, wo wir nach kurzem Suchen das Hauptzollbüro im Gebäude des Finanzamtes fanden. Cruising Permit verlängern? Kein Problem, nur die Kasse hat geschlossen, ihr müsst die 500 Dollar cash bringen. Also liess ich Reto auf dem Zollbüro zurück und fuhr zur Bank um die Ecke. Kurz darauf waren wir um ein Stück Papier reicher und die Bahamas um 500 Dollar. Dazu bekamen wir die Wegbeschreibung zum Immigration Office, wo wir hofften unsere Aufenthaltsbewilligung genauso reibungslos verlängern zu können. Ich chauffierte uns zurück ins Downtown, wo die Schnitzeljagt angefangen hatte. Nur warf uns das Sicherheitspersonal sofort wieder raus – ohne Termin, kein Eintritt! Dafür fanden wir eine Tafel mit Telefonnummern und E-Mail-Adresse mit der wir online um Verlängerung bitten konnten. Da wir nun wieder im Downtown waren, hielt ich auf dem Heimweg beim Chinesen an und holte zum Abendessen Gebratene Ente und Kantonesisches Rindfleisch, denn nach einem ganzen Tag Autofahren auf New Providence hatte ich genug gearbeitet. Zur Beschreibung: In den Bahamas sind die Autos verbeult sowie meist ohne Stossstange und der Fahrstiel sehr italienisch. Zur Beruhigung der Nerven brauchte es auch einen Sprung in den Pool, wo auch Reto beim spielen mit Ava und Karli wieder Lebensfreude entwickelte.

Stefy, das Kindermädchen

Immer Freitags bringt die Ex-Frau des Küchenchefs im Pink Octopus die gemeinsame Tochter ins Restaurant, damit der Vater sie übers Wochenende betreut. Es dauerte nicht lange bis die neugierige, siebenjährige Skylar uns entdeckte – zumal wir manchmal die einzigen Leute waren, die die Strandanlage benutzten. Nicht, dass wir Kontakt mit der kleinen Plaudertasche aufgenommen hätten, Skylar verschafft sich Aufmerksamkeit. Nachdem sie uns beim ersten Treffen nur belagert hatte und uns haarklein von ihren Tablet-Spielen erzählte, entdeckte sie mich beim zweiten Mal beim Malen. Nur ein einziges Mal hatte ich meine Künstlerfarben und die Staffelei an den Strand geschleppt, aber das reichte natürlich, dass auch die aufdringliche Kleine malen wollte. Wir verabredeten also am kommenden Montag, 1. Juni zum Malen. Da dieser ein Feiertag in den Bahamas war, war das Restaurant geöffnet und sie durfte (musste) mit Daddy zur Arbeit.

Ein Tisch als Kunstwerk für sich

Ich dachte an alles! Mit Zeitungspapier deckten wir den Tisch ein, Gläser für die Pinsel, ich hatte sogar ein altes T-Shirt mitgebracht, damit das Kind am Ende nicht voll Farbe war. Aber Skylar malte tiefend nass im Badeanzug. Ich hatte ihr eine meiner Künstlerleinwände überlassen, denn ich hatte nicht die Möglichkeit etwas Günstigeres zu besorgen – und, wie sollte ich einer siebenjährigen erklären, dass es teures Rot und günstiges Rot gibt? Ein bisschen weh tat es mir schon, dass nur ein Regenbogen und eine Blumenwiese die Leinwand zierte, als das Mädchen wieder in den Pool hüpfte. Aber ich hatte ja eigentlich damit gerechnet. Als sie eine Viertelstunde später die zweite Leinwand haben wollte, gab ich ihr Papier. Auch dieses Bild blieb grösstenteils weiss, ganz im Gegensatz zur überfüllten Palette, als Sky wieder in den Pool sprang. Als sie das nächste Mal zurückkehrte, hatte sie ein noch jüngeres, strohblondes Mädchen bei sich und sagte: «Sie bekommt kein Glacé, da dachte ich sie könnte mit uns malen.» An diesem Kind hatte ich aber meine helle Freude: Sie füllte das teure Aquarellpapier mit einer grossen, roten Sonne und malte dann so fleissig Sterne darum herum, dass ihr Vater am Pool aufmerksam wurde. Er bedankte sich bei mir und wir diskutierten ein wenig, bevor er mit seiner Tochter Deutsch zu sprechen begann. «Dann sprichst du normalerweise Deutsch?», fragte ich und plötzlich konnte auch die kleine Ava mit mir reden. Papa Frank erklärte den Rest: Gerade mit dem Katamaran aus den Exumas angekommen, wir bleiben eine Woche, wir sehen uns. Auch der Chef war äusserst froh über meine Malen-mit-Kindern-Aktion gewesen, denn er hatte die Küche zwischen 11:00 Uhr und 3:00 am Nachmittag nicht verlassen. Zum Dank wusch er meine Pinsel und übersah die hübschen lila Sprenkel, die seine Tochter auf den Sitzkissen hinterlassen hatte.

Da wir am Dienstag den Liegeplatz wechselten, wurden wir die Pier-Nachbaren des deutsch-französischen Katamarans mit den zwei unglaublich blonden Kindern. Bald hatten wir ein kleines, nacktes Mädchen und einen noch viel kleineren, nackten Jungen namens Karli an Bord, die im Cockpit sassen und mit MIR Piratenschiff spielten. Gas geben, bremsen, Anker hoch, Anker runter und Schweinchen von der exumanischen Schweineinsel retten, hielt mich sehr auf Trab, während Reto und Frank sich friedlich austauschten. Das Resultat: Ich bin das Palm Cay Maria Kinder Highlight! Von da an hatten wir fast jeden Tag besuch von Ava und Karli, die wir auf sechs und vier Jahre schätzten und beide lange blonde Locken haben, wie kleine Engel. Der nächste Zopfteig wurde nur zur Hälfte zum Zopf, eine innere Stimme befahl mir aus der anderen Teighälfte Schildkröten zu machen. Sie gefielen den Kindern so sehr, dass wir zwei Tage später selbstgemachte Croissants bekamen, sehr offensichtlich liebevoll von Kinderhänden gerollt. Als auf dem riesigen Katamaran die Waschmaschine ausstieg, verbrachten wir Zeit mit Ava im Pool. Hier wurde Reto zum König! Als er am Freitag, als auch Skylar und die fünf Kinder des Pizzaiolos Wally ihre Zeit im Pool verbrachten, mit in den Pool sprang, konnten sich die Kinder kaum noch halten vor Begeisterung: Reto tauchte mit den Kindern durch das Becken, spielte Sprungturm und lehrte Wallys Söhne das extraweite Spritzen (Reto kann jemanden gezielt nassspritzen der 6 Meter entfernt ist!). Frank schien fast ein bisschen enttäuscht zu sein, dass er nicht den gleichen Heldenstatus erreichte als er ins Becken sprang, aber Wallys Ältester Ocean freute sich über ein Ballspiel mit ihm. Ich rollte nur mit Wallys zweitkleinstem Kind, dem vielleicht zweijährigen Enzo den Ball hin und her. Frank liess Wallys Kindern sogar die Bälle zurück, als Ava und Karli genug hatten und wir versprachen diese später abzuliefern. Ich sammelte den kleine Schaumball und den regenbogenfarbenen Wasserball früh genug ein, aber ich hatte die Rechnung ohne Hafenstreuner Scooby gemacht. Sie erwischte den Wasserball, dem ging die Luft aus und sie spielte damit am Strand. Einer von zwei Bällen kam flach bei den Besitzern an. Aber als unser geliebter Streuner am Wochenende eine der Gummienten schnappte, die Ava und Karli mit in den Pool genommen hatten, konnte ich ihr diese wieder abjagen. Der liebe Hund sah so enttäuscht aus, als sie die Ente mit hängenden Ohren auf den Boden legte – Scooby hätte auch gerne damit gespielt. Tags darauf wurde Ava sechs Jahre alt und seither verbrauchen ein ausblasbarer Jetski und ein riesiger goldener Schwimmreifen den Platz im Pool.

Reto, der Superheld

Da nun nach und nach die Insel wieder geöffnet wird, kann ich nicht mehr von «Quarantäne-Abenteuern» schreiben, auch wenn wir von normal noch weit entfernt sind. Ab 2. Juni, also nach Pfingstmontag, sind fast alle Geschäfte wieder geöffnet, einzige Ausnahme ist die Unterhaltungsindustrie.

Wer uns kennt weiss, dass Reto normalerweise vor mir aufsteht. Hier im Hafen nutzt er diese Zeit, um einen Ausflug zu den Sanitäranlagen zu machen, womit unser Bord-WC geschont wird. Am Freitag vor dem Pfingstwochenende erregte ein furchtbar tiefliegendes Sportfischerboot seine Aufmerksamkeit. Sein sechster Sinn für leckende Boote brachte ihn ins Hafenbüro, in dem aber noch niemand zugegen war. Ein Security-Mitarbeiter benachrichtigte für ihn den Hafenmeister, während Reto kurzentschlossen zu Sea Chantey zurückkehrte, um die Handpumpe und den Eimer zu holen. Ich lag derweil noch selig träumend in der Koje. «Stefy, da sauft ein Boot ab. Ich gehe es auspumpen», gab er mir Bescheid, aber im Halbschlaf machte ich nur «Mh…hm…» und träumte weiter. Ich erstach in einem unruhigen Traum Ratten in einem Einkaufszentrum mit einem Küchenmesser, als mich der Präsident meines Schützenvereins zu rufen begann. Ich brauchte gute zwei Minuten bis ich feststellte, dass vom Pier aus jemand nach mir rief. Der Gehilfe des Hafenmeisters war von Reto geschickt worden, um Tuck Tape zu holen. Er musste zweimal sagen, was er wollte bis ich begriff, aber gleich darauf grub ich die silberne Tuck Tape Rolle hervor und begleitete den Gehilfen zu Retos Frühsport-Projekt. Das Boot war zirka 12 Meter lang, mindestens vier Meter breit und Reto lag zur Hälfte im Heckstauraum, um mit dem Finger eines der Lecks in einem Schlauch zuzuhalten. Teamwork: Ich rollte ein Stück Tape ab, Reto zog den Finger zurück und ich montierte das Klebeband über dem sprudelnden Loch. Dann bediente ich die Handpumpe, Reto fuhr damit fort die überschwemmte Kabine mit unserem Eimer auszuschöpfen und der Hafengehilfe, der weder Eimer noch Pumpe hatte, stand daneben. Dabei wurde ich endlich wach – Reto verfehlte mit einem Eimer voll Wasser das Hafenbecken und es traf mich eine grosszügige Portion. Bald tauchte der Hafenwart mit einer elektrischen Bilgenpumpe auf, die er an einer Autobatterie anschloss, womit endlich sichergestellt war, dass der Kahn nicht unter unseren Är***en wegsank. Kaum war diese installiert, kam endlich der Angestellte des Bootsbesitzers mit einer dieselbetriebenen Pumpe zur Bewässerung von Gartenanlagen. Damit konnte nun gepumpt werden, weshalb ich Zeit fand selbst das WC aufzusuchen und Wasserfläschchen zu verteilen, die wir nötig hatten. Bald konnten wir den Schauplatz sogar verlassen und das Frühstück zu Mittag essen. Aber wir waren erst halb fertig als wir wieder zum Boot gerufen wurden, weil der Besitzer sich bedanken wollte. «Ich weiss nicht, ob du ein Superheld bist oder sowas, aber ich bin sehr dankbar, dass du das Boot vor dem Absaufen bewahrt hast», sagte der Besitzer und übergab mir einen enormen Beutel voll gefrorener Conch (gesprochen Konk, deutsch Fechterflügelschnecke), von dem Reto wegen seiner Allergie nichts essen darf. Das Boot war derweil fast komplett ausgepumpt. Am Nachmittag brachten wir unsere Conch zum Restaurant des Hafens, dessen Chefkoch mir daraus ein Reisgericht machte und Reto einen Lamm-Hamburger machte.

Das liegt aber tief
kein Wunder bei so viel Wasser in der Kabine

«Erst das kleine Fischerboot, dann diese Jacht. Die Boote, die du auspumpst, werden auch jedes Mal grösser», sagte ich einmal zu Reto, «Das nächste Mal retten wir einen Öltanker?» Reto lachte nur darüber.

Quarantäne-Abenteuer V: Wie ein Fisch im Wasser

Die Blogbeiträge lassen während der Saure-Gurken-Zeit auf sich warten, aber auch in den Bahamas erleben wir hin und wieder erzählenswertes. Nachdem wir nun 8 Wochen in der Palm Cay Marina festsassen, scheint sich die COVID-19 Situation zu entschärfen. Während der letzten Wochen gab es nur wenige Neuinfektionen und nur auf einer kleinen Gruppe der über 700 Inseln. Bimini wurde vom Ministerpräsident komplett unter Quarantäne gestellt. Derweil normalisiert sich auf den anderen Inseln – je nach Fallzahl – die Situation mehr und mehr. Wir sind also bei guter Hoffnung, dass wir bald eine andere, neue, aufregende Insel anfahren dürfen oder zumindest bald ein Museum besuchen können.

Inseltraum mit Hängematte, Hund und Sonnenschein…. noch

Im dreitägigen Wechsel zwischen Sonnenschein und Monsun trauen sich immer mehr Bahamer aus ihren Häusern und treffen regelmässig Leute auf dem Steg. Durch ein Gespräch mit einem Hobbyfischer kamen wir sogar zu zwei wunderschönen Fischen, die in unserer Eisbox verschwanden. Nur ärgerte ich mich, dass ich die Fische zubereiten musste. Das Filet vom Fisch zu trennen finde ich schwierig. Aber beim Strandspaziergang, oder besser beim Cocktail im Hafenrestaurant danach kam uns diesbezüglich ein Geistesblitz: Wir fragten im Pink Octopus, ob der Küchenchef unsere Fische zubereiten würde. Wegen den verkürzten Öffnungszeiten vertröstete uns der Chef auf den Folgetag, aber wir durften den Fisch zur Lagerung im Kühlschrank hinterlegen. Wir freuten uns derart auf den Fisch, dass wir sogar unter die Dusche hüpften und frische Kleider anzogen, um ins Restaurant zu gehen. Der Chef war extra zum Einkaufen gefahren, um die richtigen Beilagen zu besorgen und setzte uns dann sein Kunstwerk vor: Yellow Eye Red Snapper – laut Chef der beste der Gattung – mit Kartoffeln, Ocra und Bohnen. Wir waren begeistert und der Fisch war fantastisch!

Neben Malen am Strand und Regenwasser auffangen über unseren Betten hatten wir viel Zeit am Deck zu arbeiten. Über jeder tropfenden Stelle kratzte Reto die Dichtmasse zwischen den Planken hervor und wir befüllten sie frisch mit neuem Caulking. Ich nahm mich derweil wiedereinmal dem Schiffsputz an. Bewaffnet mit Taucherbrille und Lappen, startklar im Arbeits-Bikini begann ich den Unterwasserrumpf zu putzen. Nach Wochen im warmen Wasser hatte sich trotz Anti-Bewuchs-Farbe ein Film grüner Algen gebildet, den ich mit dem Lappen abreiben konnte. Um mir das Tauchen im sehr salzhaltigen bahamaischen Wasser zu erleichtern, spannten wir ein Seil unter Sea Chantey hindurch an dem ich mich hinunterziehen konnte. So reibe ich nun den Rumpf von vorn bis achtern sauber.

Schiffsputz

Quarantäne-Abenteuer IV: Panne

Mittwochs und freitags haben auf den Bahamas inzwischen die Baumärkte wieder geöffnet, weshalb wir die Chance nutzten um uns mit Pinseln einzudecken. Dafür reservierte ich frühzeitig den Mietwagen unserer Marina. Als ich den Schlüssel holte, ahnte ich aber noch nicht wie anstrengend dieser Mittwoch werden würde.

Als wir morgens mit dem Funk-Schlüssel den kleinen Nissan Note nicht aufschliessen konnten, dachten wir uns noch nichts. Wir schlossen physisch aus, ich stellte den Sitz und die Spiegel ein und startete. Aber die Zündung startete nicht. Drei Versuche endeten alle in einem heulenden, traurigen Geräusch: Klarer Fall, die Batterie hatte keinen Strom mehr. Das Marinabüro öffnete leider erst um zehn Uhr, weshalb wir noch eine Stunde totschlugen bevor ich nach Unterstützung fragen konnte. Der Vize-Boss checkte die Zündung selbst und liess uns vom Abwart-Team die Batterie austauschen. Soweit, so gut. Wir begaben uns also auf Irrfahrt. Bis Retos Handy, das uns als Navi diente, seine Position ermittelt hatte, war ich längst irgendwo falsch geradeaus gefahren. Wir befanden uns auf einer Strasse ohne Mittellinie dafür mit sehr schmalen Spuren. Wie ich schon herausgefunden hatte, kommen die Bahamanern manchmal in der Strassenmitte entgegen. Der Linksverkehr machte die Fahrt überdies nicht einfacher. Es kam, was kommen musste und ich fuhr viel zu weit links, so weit dass ich an einer Stelle abrutschte, wo der Strassenrand bröcklig war. Rumms! Pffff… Da der nicht geteerte Strassenrand sehr breit war, fuhr ich sofort von der Strasse und stellte den kleinen Nissan an der Kilometerlangen unfreiwilligen Mülldeponie ab. Der Reifen war platt. Während ich vergeblich versuchte die Marina zu erreichen, versuchte Reto vergeblich den Ersatzreifen aus dem Kofferraum zu holen. Der Stauraum für den Reifen war leer. Aber mit dem Wagenheber konnten wir den Nissan zumindest aufbocken. Bis dahin hatte sich auch ein Mann erkundigt, was das Problem sei und verschwand wieder mit den Worten, er habe vielleicht einen Reifen für uns. Eine Minute später wurde das Glück noch grösser, denn ein Polizeiauto parkte neben uns. Erst dachte ich auch noch eine Busse zu bekommen, weil ich gerade keine Schutzmaske trug, aber der Polizist packte uns samt dem Reifen in seinen Streifenwagen. Keine hundert Meter weiter vorn war eine «Garage», wenn man das mit Autowracks umringte Werkstättchen so nennen konnte. Aber der Mechaniker beulte innert fünfzehn Minuten unsere Felge aus, füllte den Reifen mit Luft und prüfte ihn mit Seifenwasser auf Dichtheit. Dafür wollte er zehn Dollar – und bekam zwanzig! Bis wir beim Nissan ankamen, hatte auch der erste Helfende einen passenden Reifen samt Felge hinter seinem Haus hervorgezaubert. Dankend montierten wir unseren eigenen und fanden nach dreissig Minuten Irrfahrt endlich diesen Baumarkt. Mit den Nerven ziemlich blank parkte ich am erstbesten Ort. Zu Fuss suchten wir den Eingang und fanden eine zweihundert Meter lange Kolone. Wir warteten also dreissig bis vierzig Minuten in der prallen Sonne, bevor wir endlich in ein Geschäft eingelassen wurden, das ein Sortiment führt wie Coop Bau+Hobby in der Schweiz. Wir begannen unsere Einkäufe zusammenzusuchen, deponierten sie im Wagen und rückten so durch die sehr engen Gänge des sehr vollen Baumarkts. Ich überlegte nicht viel, als ich den Wagen fünf Minuten an einem Ort stehen liess, wo er möglichst nicht störte. Als ich zu unserem Einkaufswagen zurückkehrte, war der verschwunden – wie vom Erdboden verschluckt. Reto ärgerte sich besonders, dass die letzten beiden 24er Packungen Pinsel mit ihm verschwunden waren. Mit dem Einkaufskorb begannen wir den Einkauf von vorne. Nur, dass auch eine andere Frau sich beim Personal nach dem verbleib ihres Wagens erkundigte, gab mir ein bisschen Genugtuung. Immerhin war ich nicht die einzige Dumme. Als wir den Einkauf endlich hinter uns gebracht hatten, war ich so am Ende mit den Nerven, dass wir auf ein Mittagessen bei Wendy’s und auf eine halbe Stunde Schlange stehen am Drive-in verzichteten. Ich hatte die Pause bitter nötig, als ich bei einem winzigen Lebensmittelladen anhielt. Reto wurde zum Trinkwasser kaufen geschickt und kehrte erstaunlich bald vollbepackt zurück. Neben Wasser brachte er mir auch drei immense Schweinsteaks, die als Abendessen in Auftrag gab. Er rettete damit den Rest meines Tages, denn obwohl das Büro schon geschlossen war und ich den Schlüssel nicht mehr am gleichen Tag zurückgeben konnte, bekam ich zwei wunderbare Abendessen. Die Steaks waren so gross, dass wir nicht mehr als anderthalb pro Mahlzeit brauchten, weshalb wir sie als Steak mit Senfmarinade und mit Sojasosse als Geschnetzeltes bekamen. Ein Highlight!

Fazit I: Ich fahre nie wieder in den Bahamas. Fazit II: Schweinssteak kaufen wir wieder bei Tante Emma.

Quarantäne-Abenteuer III: Regen

Nach Wochen der stehenden Hitze war schon dieser erfrischende Wind ein echter Segen. Wir hatten uns bis letzte Woche noch immer nicht richtig an dieses Klima gewöhnt und sehnten uns nach dem kalten Norden: Zum Vergleich, wir befinden uns auf dem gleichen Breitengrad wie die Sahara. Nun betrachteten wir aber mittel Woche abends eine dunkelgraue, blitzende Gewitterwolke am nördlichen Himmel. Aber aus der Erfahrung wussten wir, dass diese so schnell verschwinden konnte wie sie aufgetaucht war. Ich schlief wegen des wunderbaren, kühlen Windes in der folgenden Nacht sogar auf dem Deck ohne nass zu werden. Weil das Deck aber etwas unbequem war, erwachte ich früh und machte Kaffee. Während des Frühstücks beobachteten wir dauern diese schwarze Wolke. Der Wind frischte weiter auf. Als wir entschieden die Dachluken zu schliessen, begann es ohne weiter Vorwarnung wie aus Eimern zu schütten! Erst schlossen wir alle Dachluken, dann die Bullaugen, weil das aufprallende Wasser auf dem Deck hereinspritzte, danach steckten wir die hölzerne Tür in den Niedergang. Leider erinnerten wir uns erst dann an das Dinghy. Weil es am Tag vorher abgesoffen war, weil die Schraube im Abfluss nicht mehr dicht war, hatte Reto diese mit einem sehr dichten Holzzapfen ersetzt und es an die Davits gehängt. Wenn der Regen unsere Alianza mit Wasser füllte, bestand die Gefahr, dass die Davits dem Gewicht nicht mehr standhielten und ausrissen! Heldenhaft (wie er sich vielleicht vorkam) zog sich Reto komplett aus, sprang aus der Schiebeluke über das Holztürchen und löste die Halteseile, mit denen das Beiboot an den Davits aufgezogen war. Mein Auftrag war ihm ein trockenes Handtuch zu besorgen – dabei hatte ich andere Probleme! Durch die Sonneneinstrahlung war unser Deck stark ausgetrocknet und nicht mehr dicht. Es tropfte überall in unsere Betten, direkt von der Decke ins WC und in die Küche. Ich kramte also das einzige Badetuch unter der Sitzbank hervor, dass nicht draussen «zum Trocknen» aufgehängt war. Bis dahin war ein pitschnasser, sehr erfrischter Reto wieder in die Kabine geklettert. Er bekam das Handtuch und ich verteilte Schalen, Töpfe und Tücher unter dem tropfenden Deck. Natürlich zu spät, alles war schon nass. Kein Wunder, auf dem Deck stand das Wasser fünf Zentimeter tief. Wir machten es uns an den trockenen stellen bequem und taten, was man an regnerischen Tagen tut: Wir sahen einen Film.

leider sieht man nicht wie tief das Wasser an Deck ist

Bis Baron von Münchhausen die Stadt gerettet hatte, war der Monsun vorbei und das Deck schon wieder trocken. Wir schafften nun alle Tücher zum Trocknen an Deck. Ausserdem pumpten wir unser armes, halb ertrunkenes Dinghy aus. Die Bettdecken mussten aber abends in den Trockner.

Quarantäne-Abenteuer II

Der ganz normale Alltag entwickelt sich in den Bahamas zum Abenteuer. Während im Yamacraw Salomon’s niemand sortiert nach Anfangsbuchstabe des Nachnamens einkaufen muss, wie es der Staat eigentlich verlangt, ist hier strickte Maskentragpflicht. Problematisch für uns, denn wir haben weder einen blassen Schimmer wo wir Masken kaufen können und bestellen können wir keine, denn die Post ist auch in den Bahamas überfordert. Der freundliche Security erlaubte uns aber mit einem T-Shirt umwickelt den Laden zu betreten. 28°C nötigten mich dazu mir Retos verschwitztes T-Shirt um Mund und Nase zu binden, ehe ich das Einkaufszentrum betreten durfte. Entsprechend versuchte ich schnell einzukaufen. Einzige Verbesserung seit dem letzten Einkauf: Alle Kassen waren geöffnet und niemand musste vor einer Kasse Schlange stehen.

Inzwischen hat sich das Bahamische Regiment soweit mit der Kriese auseinandersetzten können, dass auch jemand sich um die armen, gestrandeten Privatboote Gedanken machte. Damit wir gefährlichen Segler das Virus nicht von einer Insel zur nächsten schleppen, mussten wir uns nun registrieren. Wo waren wir seit unserer Einreise und wann? Selbst mit Blog vergessen wir jeweils, wann wir wo waren und wir verfolgten eine gute Stunde all unsere Routen zurück, bis wir einen plausiblen Zeitstrahl erhielten. Nun wissen die bahamischen Behörden, dass wir praktisch während der ganzen Verbreitungszeit des Covid-19 längst bei ihnen waren. Trotzdem herrscht weiterhin Reiseverbot.

Unsere Unterhaltsarbeiten neigen sich dem Ende: Uns gehen die Pinsel aus. Die Namensplatte am Spiegel wird am 20. April vollendet werden. Wir sind sehr positiv überrascht vom Ergebnis, Name, Seilschnitzerei und auch die zwei Sterne schimmern in schönstem Gold mit schwarzem Rand. Reto begann stattdessen mit dem Herausputzen und Reinigen aller Ecken im ganzen Boot. Die Vorpiek (die Segel- und Ankerlast) wurde geputzt und frisch bemalt. Als nächstes hat sich Reto das Heck vorgenommen.