Sea Chantey’s Log

Hervorgehoben

Willkommen in Sea Chantey’s Logbuch! Ich, Stefanie und mein Freund Reto werden im September 2019 zu unserem grossen Abenteuer aufbrechen. Was wir vorhaben? Mit dem Angleman Ketch „Sea Chantey“ von Kanada aus Südamerika umrunden und unser altes Mädchen nach Hause in die Schweiz segeln. Wie lange der Trip dauern soll? Geplant sind 2 Jahre. Ob wir es schaffen? Verfolge diesen Blog und finde es gemeinsam mit uns heraus.

Charlston Marina & Resort… & Warship

Der Charlston Harbor hat eine starke Tidenströmung, weshalb wir etwas unsanft anlegten. Das verschaffte uns aber einen Gesprächspartner, unseren Nachbaren. Segler tauschen sich immer über ihre Abenteuer und Probleme aus, weshalb Reto kurz darauf zum West Marine Store gefahren wurde. Während ich für uns alle Tee kochte, nahmen Reto und unser Nachbar die defekte Kompassbeleuchtung auseinander. Die Sicherung war’s nicht, die Birne auch nicht, der Schalter auch nicht, welcher aber trotzdem ausgetauscht wurde. Reto musste erfolglos unter die Dusche, aber mit unserem Nachbarn Pizza essen zu gehen, half Retos Nerven.

Eigentlich wollten wir nur einen Tag bleiben, aber diese Kriegsschiffe aus dem zweiten Weltkrieg waren zu verlockend. Das Museum lag unmittelbar neben dem Marina-Hafenbecken und dank eines kleinen Kassenhäuschens konnten wir direkt vom Pier aus den Museums-Pier erreichen. Wir sahen uns zuerst das U-Boot an, welches einst Dieselgetrieben war und 80 Mann Crew beherbergte. Mir war unheimlich, wie durchgerostet die Aussenhülle war und auch der Geruch nach altem Traktor trug nicht zu meinem Wohlbefinden bei – Traktoren gehören nicht ins Wasser. Es bräuchte einen Refit. Wie wir am Kassenhäuschen erfuhren, wird dieser aber vermutlich nie gemacht werden, man überlegt sich, ob das National Landmark als künstliches Riff versenkt werden soll. Verständnislos gingen wir an Bord des Flugzeugträgers und folgten den Tours durch das Labyrinth im Rumpf. Auch auf der USS Yorktown fand ich die Bäckerei (mit einem Rezept für 10’000 Cookies und den entsprechenden Rohmaterialmengen) und die enorme Mechanische Werkstatt beeindruckend. Reto mochte besonders die ausgestallten Flugzeuge auf dem Hangar Deck und der Landebahn. Auch in einen Nachbau der Raumkapsel der Apollo 8 Mission zwängten wir uns, um einen Film darüber zu schauen. Sie war damals nach der Landung von der USS Yorktown aufgesammelt worden. Nach U-Boot und Flugzeugträger hatte ich aber die Nase voll von alten Kriegsschiffen, weshalb Reto den Zerstörer nicht mehr von innen sah. Alleine durch das Museum stolpern, steht nämlich nie zur Debatte.

Von einem Uber liessen wir uns zum Hardware Store fahren, wo wir ein Multimeter kauften, mit dem wir den Fehler in unserm Kompasslicht finden wollten. Zurück zu fahren war allerdings nicht so einfach, denn ohne Telefonnetz konnten wir keinen Uber und kein Taxi bestellen. Nach einem Spaziergang zu Wendy’s konnten wir mit deren W-LAN unsere Fahrt organisieren. Endlich zurück in der Marina war es schon dunkel, weshalb wir mit der Taschenlampe und dem Multimeter unseren Kompass untersuchten. Ergebnis: An dem Kompass wurde so viel herumgebastelt, dass der wiederstand in den Kabeln zu gross wurde für die Glühbirne und eine Litze war aus ihrer Klemmverbindung gefallen. Um die Beleuchtung zu flicken, war es uns aber schon zu dunkel. Daher schnappten wir unsere Badesachen und platzierten uns im Heisswasserbecken der riesigen Poolanlage des Ferienresorts, zu dem wir als Marina-Gäste Eintritt hatten. Wir waren die einzigen Gäste, die die Anlage nutzen und Reto hielt es lange bei mir im heissen Wasser aus. Reto badet nicht gern heiss, während ich mich gerne kochen lasse, weshalb er das Feuer genoss. Für das Strandambiente waren diese Gas-Feuerstellen aufgestellt, die wunderbar wärmten und leuchteten, aber nicht nach Rauch stanken. Bis auch ich mich aus dem heissen Becken bewegte und mich vom warmen Wind trockenblasen liess, war es schon neun Uhr abends. Zu faul um zu kochen, fragten wir im schickimicki Fischrestaurant des Resorts, ob die Küche noch offen war. Und tatsächlich wurden wir gleich darauf vom Chef de Service und dem Trainee bedient und bekamen fast zu viel Aufmerksamkeit. Reto zeigte mir die Rechnung nicht und ich werde auch nicht fragen, aber Essen, Wein und Dessert waren echt lecker. Beim Drink in der Bar wäre ich aber beinahe eingeschlafen.

Eine magische Überfahrt

Wir fuhren den ganzen Tag vor leichtem Nordwind, während wir die Long Bay überquerten, auf deren anderer Seite Charlston in South Carolina liegt. Aus der Ferne beobachteten wir Frachtschiffe auf dem Weg nach Wilmington, von Seevögeln verfolgte Fischerboote und Delfinschulen. Zwischen den Mahlzeiten und Wachen schrieb ich Postkarten. Reto verbrachte seine Freiwachen mit Lesen. Er hatte sich das zweite Buch unter den Nagel gerissen, das ich im «Biergarten» gekauft hatte und las die Romanversion der Lebensgeschichte von Päpstin Johanna. Nur als wir diese merkwürdige schaumige Grenze zwischen bräunlich blauem und bergsee-türkisem Wasser durchquerten, versuchte er Fotos zu machen. Das Wasser des Cape Fear Rivers traf hier auf den Golfstrom. Dazwischen bildete sich weisser Seeschaum und die Seevögel wurden davon magisch angezogen, sassen Reihenweise auf der Grenze, als würden sie dort nicht abgetrieben. Die Fotos sind allerdings unspektakulär. Der sonnige Tag wich einer hellen Nacht. Der Vollmond tauchte im Osten riesig und käsegelb aus dem Meer auf und schien die ganze Nacht auf die See hinunter, wie ein Scheinwerfer. Ich tat während meiner Freiwache kein Auge zu, aber Reto fand es praktisch den Kompass auch ohne das kaputte Kompasslicht zu sehen. Da ich generell nicht gut nach Kompass steuere, betrifft mich dies nicht: Ich orientiere mich kurzzeitig an Sternen, Planeten, Wolken oder Landmarken, um den Kurs zu halten und am Kartenplotter, um die Richtung alle paar Minuten zu überprüfen. Ich hatte die erste Nachtwache von acht bis zwölf und die Hundewache von vier bis acht Uhr. Diese war besonders hart, da ich fast einschlief bis um sechs Uhr am Morgen die Sonne aufging und der Wind erstarb. Im ersten Tageslicht holten wir die Segel ein – ich musste dazu den armen Reto aus seinen süssen Träumen reissen – und motorten durch die Flaute bis um zehn Uhr wieder Wind aufkam. Am frühen Nachmittag kam Land in Sicht und wir bogen bald darauf in den Einfahrtskanal nach Charlston ein.

Unser neuer Freund

Als wir uns gegen das auslaufende Wasser kämpften, kam ein brauner Pelikan angeflogen. Er zog einen grossen Kreis um Sea Chantey und schwupp … landete er sehr plump auf unserem Kabinendach. Er beobachtete mich einen Moment, dann machte er es sich bequem. Da ich am Steuer sass, pfiff ich Reto mit dem Handy an Deck, um Fotos zu machen. Unser Pelikan begann gemütlich sich mit seinem langen, unpraktischen Schnabel zu putzen, während für uns Action angesagt war. Ein Polizeiboot kam längsseits und funkte uns an: Macht Platz! Da hinten kommt ein Kreuzfahrtschiff mit einem medizinischen Notfall an Bord! Bleibt am Rand des Kanals! Wir hielten Sea Chanteys Kurs weit am Rand, während das Luxusschiff an uns vorbeifuhr. Der Pelikan störte sich nicht daran, er hatte seinen gefiederten Bauch an unser Dach geschmiegt und schien vor sich hin zu dösen. Erst als das Passagierschiff im Hafen war und wir schon fast die Marina erreicht hatten, richtete er sich auf. Er watschelte ganz an den Rand des Kabinendachs, holte Schwung und machte einen grossen, uneleganten Hüpfer über unsere Reling. Er erreichte fast das Wasser bis seine Flügelschläge dem schweren Vogel Auftrieb verschafften – weg war er.

1000 Schätze auf Bald Head Island

Bald Head Island ist wunderschön. Sie ist Naturschutzreservat und Ferieninsel mit vierzehn Meilen geschütztem, fast unberührtem Stand. Eine Fähre verbindet sie mit dem Festland, nur Firmen bekommen eine Erlaubnis für ein Auto und die Touristen, die im Sommer kommen, dürfen sich lediglich mit dem Golf Kart, dem Fahrrad oder den Füssen fortbewegen. Im Januar säumen leerstehende, aber schöne Ferienresidenzen die leere Marina und jede Stunde unterhält die Fähre mit ihrem Kommen und Gehen. Der Wind rauscht durch die Palmen. Still und paradiesisch, was mir spätestens dann richtig klar wurde, als sich der zweite Mensch, den wir trafen, als Schriftsteller entpuppte. Michael wollte eigentlich auf der Veranda der Marina arbeiten, schreiben, aber unser hübsches Schifflein lenkte ihn leider sehr ab. Nach einer Viertelstunde plaudern, waren wir mit allem versorgt, was man auf Bald Head Island brauchen konnte, wir sollten nur nach Michael fragen. Aber der Harbormaster war schneller: Über eine Holzbrücke über den Sumpf, dann durch eine Landschaft wie ein Dschungel fuhren wir im Golf Kart zum Grocery Store. Die salzige Luft, die engen Strassen und die Moosbehängten Bäume erinnerten mich so sehr an Rotnest Island in Australien, dass ich schon die Quockas (Känguruh-Ratten) suchte. Als uns der Harbormaster mit dem Golf Kart beim Grocery Store absetzte, hatte dieser gerade Stromausfall. Er war ausgerichtet auf Touristen, die es sich gut gehen liessen. Wir kauften Wein und beste Leckereien, plauderten in dem Menschenleeren Spezialitätengeschäft mit der Kassiererin und jubelten mit den drei Angestellten als die Lichter wieder angingen. Ein Spaziergang am Strand rundete einen Ferientag wie aus dem Bilderbuch ab. Wir freuten uns richtig darüber, dass der kommende Südweststurm uns ein, zwei Tage festhalten würde. Ein Hobby-Strand-Fotograph, der sich als Jerry vorstellte, nahm uns mit zur Marina.

Am Donnerstag, 6. Februar hatte ich «Sturm»-frei: Der Kaffee kam aus der Cafetiere und Musik kam von meinem Laptop. Trotzdem machten wir uns früh auf den Weg zum stillgelegten Leuchtturm. Als dieser geschlossen war, bekam ich den ganzen Tag zur freien Verfügung. Mit Reto sah ich mir die Reste eines Forts an, bevor ich mich wie tags zuvor Michael auf die Veranda setzte und bloggte. Als Crew frei zu haben bedeutet, als Schriftstellerin und Bloggerin zu arbeiten – Ruhm kommt nicht von alleine! Reto lieh sich derweil ein Fahrrad und radelte auf die andere Seite der Insel, um sich die Reste eines anderen Leuchtturms anzusehen. Ich bedaure etwas, ihn nicht begleitet zu haben, aber ich hatte zumindest einmal meine Ruhe. Reto macht es nichts aus, dass wir dauernd auf einander hocken, mir zehrt es zeitweise an den Nerven. Er kam mit einem Grinsen auf dem Gesicht zurück: «Ich habe einen Schatz gefunden und ihn für dich versteckt! Willst du morgen auf Schatzsuche gehen?» Plötzlich freute ich mich, dass ich zurückgeblieben war. Reto schrieb mir eine Wegbeschreibung, die er mit Rätseln und seiner unleserlichen Handschrift verschlüsselte. Nachdem ich ein unangenehmes Mail meines Verlags beantwortet hatte, war ich auch reif für einen Drink, weshalb es uns in Mojo’s Bar direkt am Pier verschlug. Dort sass schon Michael an der Bartheke und fünf Minuten später waren wir mit der halben Insel bekannt gemacht. Das Mojo’s war als einzige Bar auch im Winter geöffnet und wirklich alle – ALLE – trafen sich hier. Und JEDER wollte wissen, woher wir kamen, was wir erlebt hatten und fand unsere Reise grossartig, weshalb uns JEDER einen Drink spendieren wollte. Den letzten Drink konnten wir selbst bezahlen, aber die Bartenderin Hannah weigerte sich, das Trinkgeld zu nehmen. Michael versprach uns seinen Glof Kart für die Schatzsuche. Vielleicht lag es auch an den drei Cidern und dem vollen Bauch, dass es schwierig war den schaukelnden Pier zu überqueren. Der Sturmwind blies uns fast vom Pier, aber wir erreichten unser schwankendes Schiff und kippten in die Koje.

Es passierte nachts. Die Blitze leuchteten durch die Bullaugen, der Wind heulte und wir taten fast kein Auge zu. Aber für uns war der Stromausfall kein gravierendes Problem. Die Insel dagegen trat in den kurzzeitigen Notzustand: Die Fähre fuhr erst ab dem Nachmittag, die Häuser hatten keinen Strom und die wenigen, die einen haben, nahmen die Notstromgeneratoren in Betrieb. Entsprechend bekamen wir natürlich keinen Golf Kart für die Schatzsuche. Aber da der Sturm zwar windig, aber wunderschön sonnig war, gingen wir zu Fuss auf Schatzsuche. Am Leuchtturm vorbei folgten wir dem Piraten, liefen quer über die Insel und entdeckten den Golfplatz. Nach einer Stunde Fussmarsch machten wir einen kleinen Umweg zum Einkaufszentrum, wo wir in der Kantine des Grocery Stores zu Mittag assen. Wir amüsierten uns darüber, dass wir an jeder Steckdose eine Person mit Laptop vorfanden, die dem Lebensmittelgeschäft den frisch produzierten Generatorstrom stibitzten, der für die Kühlschränke gedacht war. Hier trafen wir ein Pärchen, das wir in der Bar kennengelernt hatten und uns nun zwei Fahrräder lieh. Ich war vorher noch nie mit einem Velo unterwegs gewesen, bei dem man zum Bremsen rückwärts treten musste. Mit diesen überquerten wir die Insel nach Osten. Einmal machten wir eine kurze Exkursion zu Fuss, um herausfinden wie dick die Timmons Eiche ist, was ich für eines der Schatzrätsel wissen musste. Der Baum war sicher zwei Meter dick und hohl, bis in die Äste. Ich kletterte innen sogar ein Stück hinauf, um die Hand aus einem Astloch zu strecken.

Dann gings per Fahrrad weiter nach Osten vorbei am Schildkröten-Informationszentrum, bis wir vor einem hölzernen Pier halt machten. Diesem folgten wir zu Fuss an einen langen, einsamen Strand, wo ich nach einigem hin und her den Schatz unter dem Pier fand. Reto hatte die Schale eines Hufeisenkrebses gefunden, welche so gross war wie eine Salatschüssel, und dort versteckt, damit sie niemand anders mitnimmt. Ich schicke die Reste des toten lebenden Fossils auf den Achenberg, wo man es in einigen Wochen bestaunen kann. Wir versteckten es wieder, um den Strand entlang zu laufen. Der Sturmwind wirbelte den Sand auf und strahlte damit schmerzhaft unsere nackten Füsse. Aber die riesigen Muscheln in der Brandung, schienen die Qual wert! Ich fand plötzlich auch selbst einen Schatz: Ein Sanddollar! Plötzlich lag er vor meinen Füssen! Wir genossen den Ausflug und als wir zurück zum Pier und unseren Schuhen kamen, wollte ich noch nicht zurück. Ich streunte in die andere Richtung am Strand entlang, bis ich hell begeistert etwas fand, das ich gleich darauf zu Reto zurückschleppte. Es war so gross wie eine Teigschüssel, am Rand leider geknackt und ich musste es sehr vorsichtig tragen, damit der hintere Teil nicht abfiel. «Reto! Schau dir das an!», rief ich ihm zu und er machte grosse Augen, «Oh, der ist aber gross!» Auch ich hatte einen Hufeisenkrebs gefunden und erst noch einen, der fast doppelt so gross war, wie Retos Schatz. Da er aber eine geknackte Schale hatte, liessen wir ihn zurück, damit ihn noch andere bestaunen konnten. Unterwegs zurück, um die Velos abzugeben, machte wir einen kleinen Spaziergang im Sumpf, dann deponierten wir die Fahrräder. Wieder wurden wir in einem Golf Kart zurück zur Marina gefahren, da eine Barbekanntschaft vom Tag zuvor in die Richtung unterwegs war. Wir hatten noch einen Dieselfilter zu ersetzten bevor wir uns zu den Insulanern in die Bar setzten. Hannah war wegen des inzwischen behobenen Stromausfalls nicht zur Arbeit gekommen und Michael verschwand nach einem Drink wieder, weshalb wir ohne sie der Karaoke-Wut der Inselbewohner zum Opfer fielen. Dafür trafen wir Jerry wieder, der sehr geübt Country Songs zum Besten gab.

Da wir inzwischen Jesse kennengelernt hatten, die auf einem Segelboot in der Marina wohnt, stachen wir nicht in See. Die hübsche, blonde Leuchtturmwärterin machte extra für uns das Baldy Head Lighthouse auf und wir kletterten zirka 120 knarrende Stufen hinauf, um die Insel von oben zu sehen. Danach plauderten wir im Shop noch eine Weile mit Jesse, bevor wir einen faulen Nachmittag einlegten. Wir endeten natürlich noch einmal bei Hannah in der Bar, um uns zu verabschieden. Als wir am Sonntag morgen aufbrachen, stand Jerry mit gezückter Kamera am Pier und hielt digital fest, wie wir der Insel Auf Wiedersehen winkten.

Delfinidylle

Südwestwind konnten wir nicht gebrauchen, um nach Südwesten zu fahren, weshalb wir an einem sonnigen Morgen bei T-Shirt-Wetter dem Intracoastal Waterway folgten. Zu meinem Glück, denn schon als wir Morehead umrundet hatten, kam die erste Flosse in Sicht. Ich war so neidisch gewesen auf die Delfine, die Reto und Pascal damals in Canso Causeway gesehen hatten, als ich schon wieder in die Schweiz hatte zurückfliegen müssen. Keine Delfine gesehen zu haben, hatte ich als meine Strafe betrachtet, weil ich meine Jungs im Stich gelassen hatte. Aber nach fünf Monaten zur See vergab mir das Meer endlich und ein frecher Delfin kam, um unseren Kiel zu inspizieren. Ich kletterte auf den Bugspriet und er schwamm unter mir hindurch, bevor er sich davonmachte. Immer wieder sahen wir die Finnen von Delfinen, während wir dem Kanal folgten, der zwischen den vorgelagerten Inseln und dem Festland in den Sand gegraben worden war. Sandige Inseln mit Palmen und Gestrüpp darauf säumten das Fahrwasser und Schiffswracks vom letzten Huricane lagen manchmal meterweit vom Wasser entfernt. Auf dem Festland reihte sich zeitweise Villa an Villa, jede mit Bootssteg und Boot.

China Rose vor der Onslow Beach Bridge

Bald stellten wir fest, dass wir verfolgt wurden. Ein modernes Segelschiff, nur wenig grösser als Sea Chantey, schien den gleichen Weg zu haben, wie wir. Reto und ich warteten jeweils auf es, wenn wir eine Sandbank überquert hatten, womit wir zu ihrem Lotsenschiff wurden. Bei der Ortschaft Southport hängten wir sie ab, weil dies offenbar die Destination des Boots war. Doch an der nächsten Schwingbrücke holte es uns wieder ein und überholte uns nur um gegenseitig Fotos von einander zu machen. Via Funk erklärten wir uns gegenseitig, dass wir das gleiche Tagesziel hatten. In einem Hafen des Militärs, in dem man zwar ankern durfte, aber nicht an Land gehen, warfen wir gemeinsam Anker. Bald darauf wurden wir per VHF auf die China Rose zum Abendessen eingeladen und Reto ruderte uns hinüber. Linda und Peter entpuppten sich als ausgewanderte Norweger, die bald zwanzig Jahren in den USA leben. Da zwei ihrer vier Kinder aber wieder in Norwegen leben, fliegen die baldigen Rentner regelmässig in die alte Heimat. Wir assen, plauderten und planten die morgige Destination, wo wir uns wieder treffen wollten. Wir würden uns sicher verlieren, denn Linda und Peter sind Frühaufsteher, was wir (vor allem ich) nicht sind… Dann ruderte uns Reto überhaupt nicht dahin, wo wir geankert hatten: Sea Chantey hatte sich losgerissen und hatte ihren Anker bis ganz ans Ende der Bucht geschleift. Glücklicherweise schwamm sie aber noch, denn der Anker hatte gegriffen, bevor sie sich im Sand festgefahren hatte. Insgesamt ankerten wir drei Mal, aber nun hielt der Anker.

Die China Rose, wie wir herausfanden eine Yawl, verliess den Hafen eine Stunde vor uns. Wir hatten zuerst aufzuräumen und das Dinghy zu verstauen, bevor wir ihnen folgten. Ich reinigte gerade das schlammverschmierte Deck, als über den nahen Untiefen Finnen in Sich kamen. Eine Schule Delfine planschte uns entgegen und tauchte unter Sea Chantey, während wir versuchten uns auf die Untiefen zu konzentrieren. Daher entstanden auch dieses Mal keine Fotos, aber male den Moment sobald ich Zeit dazu finde. Tatsächlich holten wir die China Rose samt ihrer Frühaussteher schon an der ersten Schwingbrücke wieder ein, da diese nur zur vollen Stunde öffnet. Da aber Sea Chanteys Motor wieder Kalamiten machte, blieb sie den ganzen Tag das Lotsenschiff. Unsere Destination lag mitten in der Stadt, denn rund um diese Lagune reihten sich die Ferienwohnungen und Marinas von Carolina Beach. Wir reservierten per Internet eine Mooring-Boje, um nächtliches davontreien zu unterbinden. Ich kam beim Kochen richtig in Fahrt, als wir die Crew der China Rose zum «Znacht» einluden: Ich röstet sogar Nüsse zu Krokant, um die in Brandy gekochten Äpfel mit Vanille Creme zu garnieren.

Die Verabschiedung kam dennoch erst am Morgen via Funk. Während die China Rose St. James Marina anlief, durchquerten wir den Snows Cut und den Cape Fear River nach Süden. Lustiger Weise posteten Linda und ich abends je ein Foto auf Instagram von demselben Frachtschiff: Linda von Backbord, ich von Steuerbord. Wir liefen kurz nach dem Mittag in der Marina von Bald Head Island ein.

Piraten in Beaufort

Was mein freier Tag hätte sein sollen, wurde ein Trip zum Museum. Vormittags setzten wir uns für die Planungsarbeit in die Captains Lounge der Yacht Basin Marina. Reto studierte Wetterberichte und machte Routenplanung, während ich Blogbeiträge schrieb. Bloggen ist leider sehr Zeitintensiv. Noch dazu war ich abgelenkt vom Bücherregal: Ich hatte eine Buchserie für Kinder entdeckt, wunderschön illustriert, und das erste, das ich aufschlug, liess mich nicht mehr los. «A Bell for Ursli» stand zuoberst im Inhaltsverzeichnis. Ich staunte nicht schlecht als ich weiterblätterte und die Originalbilder aus dem Kinderbuch vorfand. Ich hätte fast zu weinen begonnen, so schön war es ausgerechnet den Schellenursli zu treffen. Als ich auf dem nächsten Band der Serie Willhelm Tell auf dem Buchrücken sah, hätte ich die Bücher fast geklaut. Aber ich konnte mich beherrschen und schrieb sehr abgelenkt meine Blog-Beiträge. Zum Glück jammerte Reto nach Essen, sobald ich fertig war, sonst hätte ich es mir womöglich anders überlegt.

Nach einem späten «Zmittag» hatten wir ursprünglich einen ausflug auf die kleine Insel gegenüber der Marina geplant, aber statt das Dinghy ins Wasser zu lassen bestellten wir einen Uber. Eine ältere Dame fuhr uns ins benachbarte Beaufort, wo sie uns beim Maritime Museum absetzte. Weil wir nicht wussten, dass dieses Museum Gratis war, sahen wir uns darin etwas verwirrt nach der Kasse um. So kamen wir ins Gespräch mit Bill Martin, einem Volunteer: Wir waren zufällig in die grösste Sammlung von Fundstücken des Piratenschiffs Queen Anne’s Revange gestolpert. Blackbeard hatte es 1718 vor Beaufort auf eine Sandbank gesetzt, als er die Ortschaft überfallen wollte. So lag das Piratenschiff, von dem ich mich zum Namen von Salls Schiff in Höllenhunde inspirieren liess, für Jahrhunderte im Beaufort Inlet, während Blackbeard auf einer kleinen Pinasse nur mit einer Kiste Medizin als Beute das Weite suchte. Bewundernd bestaunte ich die Kristallgläser, Nägel, Vorderladerkugeln und selbst eine Kanone, die Taucher aus den Resten des Wracks geborgen hatten. In der Maritimen Bibliothek hätte ich Reto eine Woche verstauen können, während ich das Skelett des Spermwals grandios fand. Den Videoraum fand ich besonders cool, denn wie sich herausstellte, gibt es schon seit den 50ern viele Piratenfilme mit Frauen in der Hauptrolle, wobei die gespielten Geschichten allerdings angeblich zu Wünschen übrig liessen. Reto hatte derweil Mister Martin um den Finger gewickelt und unser Besuch im Museum endete mit einem Ausflug auf die NICHT öffentliche Dachterrasse, wo wir einen Vortrag über die Inseln vor Beaufort bekamen. Auf der äussersten wohnt die einzige, unveränderte Herde Spanischer Pferde, wie sie vor vierhundert Jahren von den Spaniern ausgesetzt wurde. Manchmal verschlägt es uns aber auch an unangenehme Orte. Nach dem Museum verschlug es uns in eine Bar, in der mir einfach nicht wohl war. Ich war richtig froh fürs Abendessen wieder in Sea Chanteys Kombüse klettern zu dürfen, anstatt auswärts zu gehen.

Fischerhafen an der Reuss?

Vom Pungo River durch den Pamlico Sound und in den Goose Creek Kanal brauchten wir gerade einmal einen halben Tag. So konnten wir uns einen Stopp mitten im Kanal gönnen, wo in Hobucken tatsächlich ein Fischerhafen liegt. Trawler lagen an dem langen, vernachlässigten Steg, an dessen Nordende wir anlegten. Vorbei an Arbeitsamen Fischern spazierten wir nach Süden und fanden den kleinen Tante-Emma-Laden. Ich versorgte uns mit Fisch für die nächsten Tage: Flunder, Grouper und Red Snapper bekam Reto an den nächsten Abenden zu essen.

Wir ankerten in einem Nebenarm des Neuse River, bevor wir durch den Adams Creek Canal die letzte vorgesehene Etappe des Intracoastal Waterway antraten. Reto fand, mit den Steilen Ufern und den kleinen Sandstränden zwischen den Schilfwäldern erinnere der Kanal an die Reuss. Manchmal bekam ich das Gefühl auch Reto habe Heimweh. Am Adams Creek standen viele Häuser, jeweils mit Bootssteg und Wracks von vernachlässigten Booten säumten unsern Weg. Besonders schmerzte uns der hölzerne Fischtrawler, der umgekippt halb im Wasser liegt. Die Aufschrift Miss Melissa sah frisch aus. Das hübsche Schiff hatte wohl erst im letzten Hurricane sein Ende im Flussbett gefunden. Durch einen weiten Kanal erreichten wir die Brücke, die Beaufort mit Morehead verband und machten eine scharfe Rechtskurve, um in der Marina zu landen. Zumal Gegenwind angesagt war, wollten wir in der Yacht Basin Marina einen Tag Planungsarbeit einlegen.

Keine Alligatoren im Alligator River

Pünktlich begannen wir unsere Fahrt durch den Elizabeth River nach Süden. Zwischen Norfolk und Portsmouth unter der Autobahnbrücke hindurch, vorbei an Werften folgten wir dem meist verschmutzten Fluss in Nordamerika. Das Wasser war braun und trübe, aber die Farbe stammte aus dem nahen Dismal Swamp, den wir ursprünglich durchqueren wollten. Der Sumpf färbt das Wasser braun wie dünnen Kaffee. Momentan ist jedoch die Schleuse in Elizabeth City wegen Reparaturen geschlossen, weshalb wir am Wegweiser in die andere Richtung abbogen. Auch hier fuhren wir durch einen Sumpf, an dessen Ufern Schilf wuchs und totes Holz stand. Reto steuerte, ich war an den heiklen Stellen Ausguck, durfte aber oft lesen. Bald erreichten wir die Schleuse dieses Kanals und sanken um zwei Fuss, bevor wir an der Zugbrücke einer Bartsch den Vortritt liessen. Bald danach hatten wir den ersten Sumpfwald hinter uns und überquerten eine Bucht der Lagune. Der Kanal führt hier mitten durch eine Insel, bevor er mitten durch das Festland nach North Carolina führt. In der Mitte dieses Kanals lag unser Tagesziel, welches wir kurz nach Sonnenuntergang erreichten. An einem schier endlosen Pier legten wir an und wussten schon, auch heute essen wir auswärts. Captain Jacob, der in Atlantic City notdürftig unsere Propellerwelle abdichtete, hatte uns Coin Jock Marina und Restaurant empfohlen – wir sind seither zirka 300 Meilen gereist. Das Abendessen war himmlisch, ich habe mich in Austern Rockefeller Art verliebt und drei Stücke Kuchen zu teilen, entpuppte sich als eine geniale Idee.

Nach einer Brücke öffnete sich der Kanal zu einer weiten Lagune, den Abermarle Sound, für die wir fast den ganzen Tag brauchten, um sie zu überqueren. Der arme Reto sass fast den ganzen Tag am Steuer, weil ich so vertieft in mein Buch war. Obwohl das fast schwarze Wasser neben dem Kanal nur zwei Meter tief war, fühlte ich mich wie auf dem Ozean. Nur ganz klein am Horizont waren die spitzen von Bäumen und Büschen zu erkennen. Zwischen Untiefen hindurch erreichten wir den Alligator River, wo uns wieder einmal eine Schwingbrücke geöffnet werden musste. Erst bei Sonnenuntergang warfen wir den Anker.

Über dem Kanal, der den Pungo River mit dem Alligator River verbindet, kreisten Adler und einmal erblickten wir eine Rotte Wildschweine. Alligatoren sahen wir keine. Aber Reto war nicht geistesgegenwärtig genug um langsamer zu fahren, daher sind auf den Fotos nur Büsche zu sehen. Er lachte darüber, dass ihn die Gegend ausgerechnet an die Limmat erinnerte. Durch den Kanal kamen wir schnell voran und erreichten die touristische Ortschaft Belhaven schon am frühen Abend. Eigentlich wollten wir Budget-schonend am Gratis Pier schlafen, aber nachdem wir in der Marina getankt hatten, wollte Reto nicht mehr den Liegeplatz wechseln. So kamen wir aber zu einem gut genutzten Abend: Die Marina stellte uns einen Golf-Kart zur Verfügung mit dem wir an der Tankstelle unsere Propantanks füllten. Nach einem Abstecher zum Hardware Store, tranken wir bei Sonnenuntergang Kaffee auf der Veranda. Und dank Dusche und Waschmaschine sind Reto, ich und unsere Kleider alle wieder sauber. Ich finde übrigens nicht, dass der Kanal der Limmat ähnelt – an der Limmat gibt es sicher keine Pelikane!