Cruisers Beach

… ist der Strand, an dem sich die «Böötler» treffen. Big Mayor Spot ist ein Ort zum Steckenbleiben, weshalb sich hier einige Boote angesammelt haben, das Reiseverbot während der Corona-Lockdowns ausgesessen haben und nun immer noch hier sind. Wer Zeit und Lust hat, begibt sich um halb sechs am Abend mit dem Dinghy an den Strand, um dort mit den anderen zu plaudern und den Sun Downer zu geniessen. Dabei werden nicht nur Neuigkeiten ausgetauscht, mitunter kommt man auch zu einem neuen Motor fürs Dinghy, zu einem Watermaker oder ähnlichen Utensilien. Hier einige Bekanntschaften:

Selin, Mad und ihre Tochter Allie (seit 5.7. fünf Jahre alt) sind das Unterhaltungsprogramm, denn die rothaarige, kleine Allie ist ein Energiebündel, das alle Aufmerksamkeit absorbiert. Mad ist Bastler, der sich gern auf dem Dump Bastelmaterial besorgt.

Alex und Pete sind Briten, die seit Ewigkeiten mit ihrem Boot und zwei Hunden unterwegs sind. Sie spielen oft Ersatz-Grosseltern für Allie.

Selin und Dennis kommen aus der Türkei und sind mit ihrem Katamaran auf dem Weg nach Belize, Mittelamerika in Big Mayor Spot hängen geblieben. Wir tauschten uns sehr lange über mögliche Plätze aus, um die Hurricane-Saison zu verbringen. Dennoch konnten wir uns weder für Belize noch für die USA entscheiden, weshalb wir weiterhin nach Südosten fahren.

Lorrie und Richard sind Freunde von Karen und Steve von der Brixter und leben in Staniel Cay. Ihre Forever Young bleibt daher auch während der Hurricane-Zeit in Big Mayor Spot.

Die für uns wichtigsten Bekanntschaften sind aber klar die Crews der Champion und der Diesel Duck. Debbie und Walter gehört das geräumige Holzschiff Champion, welches mit Baujahr 1959 genau ein Jahr älter ist als Sea Chantey. Als sie uns in den Ankerplatz kommen sahen, mussten sie zum Plaudern vorbeikommen. Wir waren von unseren Holzbooten gegenseitig so begeistert, dass wir nicht nur zu einer Tour auf der Champion kamen, sondern auch zu einer Dusche auf deren Vordeck (das erste Mal seit zwei Wochen!) und zu vollen Wasserkanistern. Wir haben die beiden einige Male kurz getroffen, aber zu einem weiteren Plaudernachmittag gab es leider keine Gelegenheit. Als wir zum Duschen auf die Champion gingen, blieben wir kurz bei einem anderen interessanten Boot hängen: Diesel Duck ist ein auffälliges Aluminium-Konstrukt. Wir lernten Marianne und Glen am Strand besser kennen, aber ein Zwischenfall verschaffte uns einen Nachmittag bei ihnen an Bord: Glen schwamm zum Boot und liess Marianne mit dem Dinghy zurück, welches sie nicht bedienen konnte. Selin und Dennis erklärten ihr, wie sie den Motor bediente, aber weil Glen die Arretierung des Sicherheitsschalters mitgenommen hatte, konnte der Motor nicht gestartet werden. Glücklicherweise hatten wir noch einen Kabelbinder im Dinghy! Damit arretierte Reto den Sicherheitsschalter dauerhaft und Marianne konnte unter Fern-Anweisung von Dennis nach Hause fahren. Sie beschwerte sich dauernd, dass keiner der Männer genug Geduld hatte um ihr das Dinghy fahren beizubringen. Auch wir ruderten zu Diesel Duck, um ihr unbeholfenes Anlegemanöver zu sehen. Nach drei Versuchen, hatte sie glücklich angelegt und schimpfte ihren Mann aus – zumindest die Arretierung hätte er dalassen können! Reto stellte sich grosszügig als Dinghy-Fahrlehrer zur Verfügung. So durfte ich am nächsten Tag das W-Lan auf Diesel Duck benutzen, während Reto und Marianne mit dem Dinghy umherkurvten. Ausserdem konnte ich mich mit Glen über seine Kunst und seine Ausstellungen unterhalten: Mit zufälligen Farbstrichen zu beginnen und dann darin abstrakte, geometrische Formen zu suchen, fand ich eine originelle Art zu malen. Aber offenbar ist Kunst zu verkaufen ähnlich mühsam, wie Bücher zu verkaufen – von den Ausstellungen hat Glen nämlich die Nase voll. Retos Geduldsfaden war länger als Mariannes – sie hatte bald die Nase voll vom Dinghy. So genossen Reto und ich eine kalte Dusche und kicherten darüber, dass Marianne sich von Dennis und Selin abholen liess, um zum Strand gefahren zu werden. Bevor wir weiterfuhren durften wir bei Diesel Duck unser Wasser auffüllen.

Heiss in Staniel Cay

Der Plan war wie folgt: Müll entsorgen, Mittagessen in der Ortschaft, Proviant kaufen. Umsetzung? Nicht ganz so einfach!

Es war schon heiss als wir den Müll, der sich während der letzten zwei Wochen gesammelt hatte ins Dinghy verluden. Die Sonne brannte auf uns nieder als Reto uns zwei Meilen zum Thunderball Cave und dann an den kleinen Strand dahinter beförderte. Der Schweiss lief nur so über sein knallrotes Gesicht, in dem noch immer ein Sonnenbrand verheilte. Bei der verlassenen Thunderball Marina landeten wir und schleppten unsere Sammlung von Kehricht, Einmachgläsern und Konservendosen auf die Strasse hinauf. Wir hätten natürlich auch beim Jacht Club entsorgen können. Aber warum $6.50 je Sack bezahlen, wenn wir 500 Meter weiter paddeln können und den Müll gratis direkt auf die Deponie bringen, wo er am Ende sowieso landet? Hundert Meter mussten wir unsere Säcke über die brütend heisse Strasse zurücktragen, ehe wir vor dem riesigen, rauchenden Loch standen. Eine enorme schwarze Wolke stieg aus der Mulde auf, um die eine Strasse führte. Wir stiessen unseren Müll hinein und spürten die Hitze des brennenden Kehrichts. Trotz des Gestanks sahen wir uns um, weil die Dinge auf der Mülldeponie spannend anzusehen waren. In der Mitte der Mulde sammelte sich alles, was nicht brannte, in einem giftigen, schwarzen Haufen, während rund herum Plastik und Holz verbrannte. Triefend nass vor Schweiss kehrten wir zum Dinghy zurück und ruderten zum Jacht Club hinunter, dessen Restaurant sicher geöffnet haben würde.

Schutt, Asche und Schadstoffe

Nur wird wegen des Corona-Virus nicht nur eine Maske verlangt (was wir natürlich hatten), vor der Restaurant-Tür wird auch die Körpertemperatur mit einem Laser-Messgerät genommen. Bei Reto mass die Rezeptionistin 43°C! Logischer weise konnte Reto nicht solch hohes Fieber haben, aber eintreten in das klimatisierte Restaurant durften wir deshalb nicht. «Ihr müsst ein wenig abkühlen», meinte die Türsteherin und verwies uns an ein Tischchen im Schatten. Wir stellten uns im Schatten in den Wind, aber als sie nach einer Viertelstunde wieder unsere Temperatur nahm, waren wir immer noch zu heiss. Dafür servierte sie uns schon einmal zwei kalte Getränke. Auch ein Becher voll Eiswürfel kühlte uns aber nicht genug, um ins Restaurant eintreten zu dürfen. Aber die Türsteherin hatte noch einen Trick: «Um die Ecke ist ein Pool mit einer Dusche. Geht euch ein bisschen kalt abspritzen, dann klappt das mit der Temperatur.» Kopfschüttelnd und inzwischen sehr hungrig stellten wir uns unter die Dusche, liessen uns vom Wind trocknen, lüfteten unsere Kleider und fassten den Entschluss, dass dies der letzte Versuch sein würde. Wenn die Dusche uns nicht genug kühlte, dann würden wir nicht vor dem Abend abkühlen. Aber diesmal durften wir endlich das klimatisierte Restaurant betreten, in dem wir in nur fünf Minuten so sehr abgekühlt wären, wie draussen unter der Dusche in 45 Minuten. Glücklich bestellten wir Fish Burger und Club-Sandwich, dazu kalte Cola!

Wir legten mit dem Dinghy direkt am Pier des kleinen General Stores an. Die Auswahl war nicht der Irrsinn, dafür die Preise. Alle Lebensmittel werden von Nassau oder von Florida her mit dem Boot geliefert und in Staniel Cay kommt noch die Touristen Marche obendrauf. Jedoch mochten wir den kleinen Inselladen, der zumindest von allem etwas hatte. Ich kaufte uns ein Bisschen frisches Gemüse, Früchte und Fleisch zum Abendessen, ausserdem ein Spray gegen Mücken und 40 Pfund Eis – es musste ja nur ein paar Tage halten. Zum ersten Mal seit langem bekamen wir wieder einmal Blockeis, welches etwas langsamer schmilzt und damit ganze 4 Tage hält. Bis dahin würden wir alle Lebensmittel verbraucht haben, die man kühlen muss und Reto würde danach wieder warmes Bier trinken müssen. Im Beiboot schichtete ich alle anderen Einkäufe über dem Eis auf, damit es möglichst wenig von der prallen Sonne zu spüren bekam. Reto ruderte uns zurück und durfte dafür Pause machen, bis ich alles verstaut hatte, dann gönnten wir uns den Sun Downer am Cruisers Beach.

Wo Schweine schwimmen

Wir segelten langsam und gemächlich nach Big Mayor Spot und genossen endlich die Benutzung des Fliegers drauf zu haben. Big Mayor Spot, die Insel gleich nördlich von der Ortschaft Staniel Cay, ist nach Georgetown der meistbesuchte Ankerplatz der Exumas. Vor dem Pig Beach, wo die schwimmenden Schweine wohnen, ankern in der Hochsaison bis zu achtzig Boote aller Grössen. Dank Corona ankerten nur zehn, als wir die Segel einholten und uns ein Plätzchen suchten. Wir warfen Anker zwischen dem Pig Beach, an den alle Touristen wollen, und dem Cruisers Beach, der abends von den «durchschnittlichen» Bootsbesitzern genutzt wird, die nicht täglich Champanger auf ihren Megajachten trinken. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass uns dieser Cruisers Beach für fast eine Woche magisch festhalten würde.

Wir standen am Folgetag früh auf, denn wir wollten die Thunderball Cave bei Ebbentiefstand morgens um Acht besichtigen. Ja, es handelt sich um die Höhle, die im James-Bond-Film Thunderball auftaucht und deshalb ein Mega-Touristenmagnet ist. Nachdem Reto uns die zwei Meilen rund um das Südende von Big Mayor Spot gerudert hatte, waren wir das zweite Boot vor dem Höhleneingang. Acht Touristen schnorchelten schon durch den Tunnel mit der grossen runden Höhle in der Mitte. Wieder begrüssten uns die frechen, getigerten Fische, als wir ins Wasser sprangen. Wir schwammen durch den Tunnel und erkundeten jede Ecke der Höhle, ohne dass sich zehn Taucher untereinander im Weg waren. Die dreissig Taucher in der Hochsaison – also jetzt, nur ohne Corona – hätte ich aber nicht erleben wollen. Reto, der selbst mit Schnorchel schon ganz ordentlich tauchen kann, verliess die Höhle durch einen versteckten Ausgang, während ich den «Touristenausgang» verwendete. Das Riff rund um die Höhle wurde nur von uns beschnorchelt, während Tourboot 1 das weite suchte und das nächste mit zwei Familien Anker warf. Als ich den Feuerfisch entdeckte, hielt auch ich es für an der Zeit zum Dinghy zurückzukehren. Die Feuerfische wären eigentlich im Pazifik rund um Australien heimisch, wurden aber von Aquariumbesitzern in die Bahamas verschleppt, wo sie nun einige heimische Fischsorten zu verdrängen beginnen. Um dem entgegenzuwirken wird er hier als Speisefisch beworben, damit die Fischer ihn fangen und verkaufen, wegen der Giftstacheln lassen die Einheimischen aber die Finger davon. Daher essen wir weiterhin Snapper im Restaurant statt Feuerfisch.

Auf dem Rückweg hielten wir beim Pig Beach an. Auch hier lagen schon Boote mit Touristen im seichten Wasser und die Touristen standen mit Futter am Strand. Eigentlich waren diese Schweine berühmt dafür zu den Booten zu schwimmen um gefüttert zu werden, aber hier bewies sich, dass Schweine schlau sind: Die Schweine haben längst gemerkt, dass die Touristen sie auch am Strand füttern, wenn sie nur lange genug warten. Warum also schwimmen, wenn man bequem im kühlen Wasser sitzen kann? Ich versuchte für geraume Zeit ein grosses, geflecktes Schwein zum Schwimmen zu bewegen, musste aber aufgeben, weil ich keine Kartoffeln mehr hatte. Stattdessen fütterte ich die niedlichen Ferkel mit Erdbeerabschnitten und Mangoschale, die mir der Schweinepfleger gab. Fünf kleine Ferkel, vier rosa mit blonden Borsten, eines vorne und hinten braun mit rosa Bauch und Rücken, liessen sich trotz Futter nicht vernünftig fotografieren – immer wenn das Handy in ihre Nähe kam, stürzten sie sich darauf, um es zu fressen! Interessanter als die Schweine, war es die Touristen zu beobachten: Viele hatten offenbar keine Erfahrungen mit Tieren und wurden regelrecht über den Strand gejagt. Keiner hatte Erfolg damit, ein Schwein zum schwimmen zu bewegen! Wir verliessen bald den Kinderzoo, weil es uns zu doof wurde mit Schweinen und Touristen.

Abends machten wir am Cruisers Beach neue Bekanntschaften.

Eine Höhle für Höllenhunde

Der nächste Trip brachte uns nur wenige Meilen nach Südosten, wo wir in der Bucht einer Insel ankerten, die aussieht wie ein eckiges U-Profil. Wir brauchten zwei Versuche bis der Anker sass und fühlten uns damit nicht ganz sicher, aber wir wollten nur für ein paar Stunden zu den grossen Felsen rudern und gegebenenfalls irgendwo anders die Nacht verbringen. Schnorchel-Equipment und Wasser wanderten ins Dinghy, bevor Reto uns zu den zwei hohen, felsigen Inseln brachte. Es war windig und wellig, unsere Alinaza wurde geschüttelt und das Wasser schlug tosend gegen die Felsen. Rock Dundas werden sie genannt und sind bekannt für ihre Brandungshöhlen. Das Wasser frisst über Jahrhunderte grosse Höhlen aus dem Kalkgestein, die jetzt von Schwimmern erreicht werden können. Bei den grössten, sind zumeist Deckenteile eingestürzt, weshalb Lichtkegel in sie hinabfallen. Reto stürzte sich zuerst in die Wellen und schnorchelte das Riff vor den Felsen. Ich beobachtete ihn aus dem schaukelnden Dinghy und mir wurde ganz mulmig, als er schliesslich in einer Felsspalte verschwand, die da wir Flut hatten keinen Meter breit und keine 50 cm hoch war. Aber Reto ist einer der besten Schwimmer, die mir bekannt sind und natürlich tauchte er sicher wieder auf. Er schnorchelte den Felsen entlang, blieb an einem Ort plötzlich halten, holte Luft und weg war er! Er tauchte in eine Höhle, deren Eingang bei Flut komplett unter Wasser ist und für mich unsichtbar war. Und ich? Ich wartete, und wartete in meinem schaukelnden Dinghy. Die drei, vier Minuten, während Reto in der Höhle war, kamen mir sehr, sehr lange vor. Aber schliesslich tauchte er putzmunter wieder auf, kam zum Dinghy und erzählte mir von der tollen Höhle. «Und wie die Wellen da drinnen tosen, Stefy. Es ist schon ein komisches Gefühl, aber die Höhle ist riesig!» Nun durfte auch ich auf Entdeckung gehen – Fische, Korallen, eine riesige Elkhorn Coral, sicher zwei Meter im Durchmesser und nur einen Meter unter Wasser! Aber ich trieb sicher fünf Minuten vor dem Eingang der ersten Höhle, um mich schliesslich abzuwenden, weil ich mich nicht traute hinein zu schwimmen. Ich hatte Angst mir den Kopf zu stossen, obwohl der Eingang genug Platz bot und in die andere Höhle hinein zu tauchen war mir weiss Gott zu unheimlich. Reto fand meine Vorsicht herzig. Er versprach, dass wir bei Ebbe wiederkommen würden, kletterte aber wieder ins Wasser. Mir voraus, schwamm er in die Höhle mit dem grösseren Eingang, damit ich ihm nachschwimmen konnte. Mensch, war mir das peinlich – weltbesegelnde Schriftstellerin von Abenteuerromanen traut sich nicht alleine in eine ungefährliche Höhle zu schwimmen! Es wurde noch ärgerlicher, als ich feststellte, was ich fast verpasst hätte: Die Höhle war so gross, wie das Kirchenschiff unserer Loreto-Kapelle auf dem Achenberg und ein Lichtkegel fiel auf die Mitte herab. Wie in meinem Roman in der Schatzhöhle hatte diese einen Absatz und war hinten höher, jedoch war die Höhle knietief geflutet. Ich kletterte mit einer Welle auf den Absatz und spazierte staunend in der Höhle umher, Reto diesmal mir hinterher. Wir betrachteten die Tropfsteine und ich posierte lustig im Lichtkegel, wie im Licht eines Scheinwerfers – und wieder gibt es keine Fotos, weil wir keine wasserdichte Kamera haben! Unsere Forschungen ergaben anhand der toten Korallen auf dem Boden und an den Wänden, dass die Höhle eins mehr mit Wasser gefüllt gewesen war. Sogar ein frecher kleiner, lila oranger Fisch hatte sich in die Höhle verirrt. Die zweite Höhle sparten wir uns für die Ebbe auf.

Illustration der Schatzhöhle aus „Höllenhunde“

Als wir zurückruderten ankerte neben Sea Chantey bereit ein Motorkatamaran. Die Brixter war auf dem Rückweg nach Florida und hatte sich den gleichen Ankerplatz ausgesucht. Ein kurzes Gespräch brachte heraus, dass Karen und Steve uns in Big Major Spot bei ihren Bootsfreunden angemeldet hatten, was uns eine Freikarte in die Cruiser Comunity werden könnte. Nicht, dass es die bräuchte, aber ist es nicht schön, wenn jemand nach einem Ausschau hält? Da sie bei Ebbe die Höhlen schnorcheln wollten, nahmen sie uns einige Stunden später in ihrem motorisierten Tender mit. Das Wasser und der Wind waren ruhiger geworden und es war keine Sache mehr durch die riesigen Höhleneingänge zu schwimmen. Karen schwamm dennoch in keine hinein. Zum Glück hatte Reto mich bei Flut in die Höhlen geführt, bei Ebbe waren sie nicht annähernd so spektakulär! Die Brixters schenkten uns ausserdem eine zweite Taucherbrille, damit wir nicht immer abwechselnd schnorcheln müssen.

Schnorcheln im Aquarium

Unser Ziel wird das Aquarium genannt und befindet sich zwischen den Privatinseln von Johnny Depp und Eddie Murphy, gehört aber zum Exuma Land and Sea Park. Den halben Tag lang tuckerten wir zwischen den Sandbänken und Untiefen zwischen den Inseln herum, bevor wir unseren Ankerplatz beim Aquarium bezogen. Wir amüsierten uns über das Schild auf Johnny Depp’s Insel, da stand:

This is not Disneyland – You are not willcome!

Logischer weise gingen wir nicht zu Besuch. Wir hängten uns an eine Mooring des Parks und packten unsere Tauchsachen zusammen. Reto fuhr uns zu dem unscheinbaren, dreissig Meter langen Stein. Der Blick ins Wasser allein war schon atemberaubend. Direkt unter unserem Dinghy lang ein Korallenwald. Ein Schwarm Fische, alle silber-gelb mit schwarzen Tigerstreifen, kreiste sofort Alianza  ein. Reto, der meistens paddeln muss, darf wie normalerweise zuerst schnorcheln und kam mit den nötigen Infos zurück, wo die Strömung besonders stark ist. Nicht, dass ich ihm noch davontreibe… Als ich ins Wasser stieg, verfolgten mit die aufdringlichen kleinen Tigerfische, als würden sie um Futter betteln. Als ich aber vom Boot wegschwamm, blieben sie, um bei Reto zu betteln. Unter mir wuchs das Riff farbenfroh, gross und formprächtig, als wäre es für ein Aquarium designt worden. Röhren, Fächer und Kugeln in Farben zwischen lila und orange leuchteten am Grund. Dazwischen schwamm die grösste Vielfalt an Fischen, die ich je gesehen hatte. Blau, gelb, violett, bunt, getupft, gestreift und sogar mit Mosaikmuster wie ein Plattenboden, schwamm und trieb es um die Korallen und Wasserpflanzen. Wie Reto machte ich eine runde um den ganzen Felsen und erhaschte sogar einen Barrakuda beim Schatten suchen. Dank der Strömung kam ich durchaus erschöpft wieder im Dinghy an und liess mich von den getigerten Fischen umschwimmen, bevor ich ins Beiboot kletterte.

Ich entschuldige mich herzlich, dass ich euch keine Fotos zeigen kann – aber wir haben keine wasserfeste Kamera! Ihr werdet warten müssen, bis ich Zeit hatte das Aquarium zu Malen oder ihr googlet «Aquarium, Exumas».

Wie in „Monkey Island“

Der Wind kam nicht nur aus der Gegenrichtung, er spielte auch gelegentlich Flaute. Aber für die einstündige Fahrt nach Wadericks Well hätten wir die Segel höchstens bei bestem Wind ausgepackt. Reto steuerte und ich sass – dick beschmiert mit Sonnencreme und geschützt mit meinem Jacaroo (australischer Cowboy-Hut) – auf dem Bug, um Untiefen und Korallenköpfe zu erspähen. In sicherem Fahrwasser nahm ich Kontakt mit dem Hauptquartier des «Exuma Land and Sea National Park» auf, welches auf der Insel seinen Sitz hat. Nach einigen Komplikationen (erst zwischen Park Ward und mir, dann zwischen mir und Reto) begriffen wir, dass uns Boje 12 zugesprochen wurde. In einem engen, aber tiefen Kanal, der zu beiden Seiten eine nur knietiefe Sandbank hat, zählten wir die unbeschrifteten Bojen ab. Ich fing Nummer 12 gleich beim ersten Mal mit den Bootshaken, zog das Seil durch den Ring und war nachdem ich es belegt hatte, damit sehr unglücklich. An der Mooring leben hunderte von winzigen Krebsen, aussehend wie Shrimp oder Hummer, die jetzt auf meinen Händen herumkrabbelten, was juckte und mich ekelte. Reto zog mir einen Eimer Wasser herauf, nachdem Sea Chantey korrekt an der Mooring hing, und ich wusch dankbar die Hände und kippte die Krebse über Bord. Obwohl das Park Office inzwischen geschlossen war, ruderten wir zum Strand um uns umzusehen und passierten die Brixter an Boje 14. Wir paddelten aber an ihnen vorbei, denn wir wollten noch das Schiffswrack bei Boje 9 besuchen. Weil es so warm war und ich schon am Strand ins Wasser gesprungen war, zog Reto mich mit dem Dinghy zum Wrack. Während ich mit der Strömung zu Sea Chantey zurückgetrieben wurde, ruderte Reto noch eine Weile neben dem Segelboot an Boje 10 her. Dort hatte sich nämlich jemand über die Reling gelehnt, um zu plaudern. Ich konnte nur vorbeitreiben. Dafür war das Abendessen schon fertig, als Reto wieder andockte.

Dieser Wal ist gleich lange tot, wie Stefy lebt – angespühlt 1995

Reto hatte einen Auftrag gefasst: Wir sollten ein Schild deponieren. Warum? An der Ostküste der Insel ist angeblich vor Jahrhunderten ein Schiff zerschellt. Niemand hatte das Unglück überlebt, weshalb in Vollmondnächten Geister auf dem Boo Boo Hill heulen. Um den Verstorbenen zu Gedenken deponieren alle vorbeikommenden Schiffe auf dem Hügelkamm ein Stück Holz, auf dem der Name des Schiffes geschrieben steht. Da unser Nachbarschiff von Boje 10 aber am nächsten Tag auslief, wollten sie uns ihre bemalte Planke übergeben, damit wir sie auf den Boo Boo Hill bringen konnten. So bekam Reto besuch von einem hübschen, 14-jährigen Mädchen, das die Planke ablieferte und ich bemalte den Abschnitt eines selbstgemachten Tischbeins mit Sea Chanteys Namen. Nach einem Stopp beim Office, marschierten wir durch eine Affenhitze über die Insel. Erst über Felsen zwischen Mangroven, dann über eine sandige Ebene, den Banshee Creek, die bei Flut unter Wasser steht und schliesslich den Hügel hoch. Bei bestimmten Pflanzensorten waren Schilder aufgestellt, Reto las jedes. Wir vertrockneten fast, aber wir deponierten unsere Planken auf einem enormen Holzhaufen voller Schiffsnamen. Einige davon waren zu Wegweisern vernagelt und mit nautischen Sammelsurien und Strandgut jeder Art behangen. Hier glaubte ich mich erstmals in einem meiner liebsten Computerspiele: Auch in «Monkey Island» stehen merkwürdige Dinge an Orten mit lustigen Namen und alles ist mit Schildern beschriftet. Durch die brennende Sonne kämpften wir uns zurück zum Hauptquartier und picknickten unter dem Schatten einer Strandhütte.

Nachmittags schnorcheln zu gehen, war naheliegend. Reto ruderte uns zum Rangers Garden, ein Riff nur hundert Meter südlich des Parkhauptquartiers. An einer kleinen Mooring extra für Beiboote vertäuten wir uns und schnorchelten abwechselnd, da wir nur eine Taucherbrille hatten. Reto durfte zuerst. Als ich die Brille und den Schnorchel übernahm, staunte ich. Was vom Boot aus nur schwarze und gelbe Flecken auf dem Grund sind, ist mit Taucherbrille ein Wald aus Wasserpflanzen und Korallenköpfen. Violette bis knallig gelbe Wasserpflanzen in jeder Form zwischen Fächern und Röhren wachsen zwischen trichter- oder ballförmigen Korallen. Dazwischen lassen sich Fische in jeder Farbe und Grösse nicht von Tauchern beim Fressen stören. Mir gefielen die eckigen, blau-gelben Skalare am besten, während es Reto eine winzige Fischsorte in leuchtendem Blau angetan hatte. Da wir uns gegenseitig die besten Plätze zeigten, sahen wir beide die Korallenansammlung von der Grösse eines Autos und den Schwarm grosser Fische, die uns von der Form her an Thunfisch erinnerten. Als wir das Riff verliessen, hatten wir Gegenstrom, weshalb ich das Dinghy über die Sandbank spazieren führte. Als wir die Brixter passierten, bekamen wir ein Bier offeriert, was wir natürlich dankend annahmen. Karen und Steve hatten natürlich ebenso viel zu berichten wie wir und wir genossen es zu plaudern, bevor wir zum Abendessen wieder das Weite suchten.

Für den Folgetag hatten wir uns die längste Wanderroute der Insel ausgesucht und brachen zeitig auf, um nicht den ganzen Marsch in der prallen Sonne unternehmen zu müssen. Die heimische Tierwelt begrüsste uns bald. Eine Ratte von der Grösse eines Kaninchens huschte davon, ein Bahama Humit, was für mich wie eine Bisamratte aussah. Auch die Landkrabbe von der gleichen Grösse suchte das Weite. Als ich von weitem die Schilder auf Boo Boo Hill sah und auf der anderen Seite die Steintürme am nahen Strand, kam ich mir wieder vor wie auf «Monkey Island». Bei diesem alten Point-and-Klick geht es darum als Pirat Guybrush Threepwood einen Geisterpiraten zu besiegen. Dazu muss der Spieler diverse Rätsel lösen. Dieses Spiel kann nur von jemandem gewonnen werden, der nichts als Unsinn im Kopf hat, denn die Rätsel sind zumeist scheinbar unsinnig. Ein Beispiel, das Gummihuhn mit der Rolle zwischen den Füssen bekommt erst Sinn, wenn man die Rolle an ein aufgespanntes Seil hängt, sich am Huhn festhält und wie eine Seilbahn über die Schlucht saust. Nicht nur, dass auf Wadericks Well viele zufällige Dinge herumliegen, auch wie man bestimmte Orte manchmal von weitem sieht, erinnerte mit irrsinnig an mein Lieblingsgame. Schon als wir die kleine Brücke über den Flutkanal des Banshee Creek überquerten, brannte die Sonne unerbittlich auf uns nieder. Dennoch kletterten wir bergan, auf der anderen Seite den Hügel hinunter durch Buschland an den Strand mit den Steintürmen. Von dort wanderten wir durch einen Spinnenbevölkerten Palmenwald. Dauernd liefen wir durch ein Netz, obwohl ich wann immer möglich das Netz samt Spinne umhängte. Ich nannte die kleinen  Tiere «Teufelsspinnen», weil auf ihrem schwarzen Rücken kleine, knallrote Spitzen wuchsen, wie die Hörner an Haarreifen für die Fasnacht. Am nächsten Strand fanden wir den Weg nicht mehr, der mit kleinen Steintürmen markiert ist. Wir mussten ein Stück zurück, bevor wir den Weg über das Sumpfloch fanden. Am Strand dahinter erdrückte uns die Sonne endgültig – wir tranken unsere Gallone Wasser leer und warfen die Kleider von uns, um uns im leider warmen Wasser abzukühlen. Wir hatten gerade die Hälfte des geplanten Trips hinter uns, aber wir entschieden uns kehrt zu machen und vor der Sonne Schutz zu suchen. Der Gedanke an den langen Heimweg war nicht prickelnd, gerade weil wir vom Strand aus die Steintürmchen auf dem letzten Strand sehen konnten. «Weisst du, was das Krasseste ist, Reto? Ich wette wir könnten von hier aus durchs Wasser zurücklaufen, wenn wir die Rucksäcke auf den Schultern tragen.» Die Bucht zwischen unserem Strand und dem Parkhauptquartier war bei Ebbe nur Hüfttief. Reto, mein liebstes Wassersäugetier, konnte meiner Spontanidee nicht widerstehen. Wir quetschten unsere Kleider in die kleinen Rucksäcke und spazierten über den weichen, weissen Sandgrund der Bucht an den schroffen, scharfen Felsen vorbei zum Strand mit den Steintürmen. Der halbe Rückweg geschafft. Auch vom Türmchen-Strand war es möglich durchs Wasser weiterzulaufen und wir kletterten nahe der Brücke wieder an Land. Da wir kein Handtuch hatten liessen wir uns hier trocknen, bevor wir Kleider und Schuhe wieder anzogen. Nachmittags gegen Drei Uhr kamen wir wieder auf Sea Chantey an, um zu Mittag zu essen. Den Rest des Tages hielten wir Siesta.

Landkrabbe

Am nächsten Tag machten wir einen Dinghy-Ausflug mit dem Ziel am Emerald Rock zu schnorcheln. Doch Reto ruderte uns noch ein wenig weiter, bis wir schliesslich den sogenannten Wall zu sehen bekamen. Hier hatte schon vor vielen Jahren jemand die Insel mit einer Steinmauer in eine nördliche und eine südliche Hälfte geteilt, die von der West- bis zur Ostseite reichte. Wir gingen zwar an Land, weil wir aber unsere Karte vergessen hatten, fanden wir die Ruinen nicht. Dabei standen wir mitten auf dem Grundstück einer ehemaligen Plantage, die im 18. Jahrhundert bewirtschaftet wurde. So brachte uns Reto «zurück» zum Emerald Rock, wo wir nacheinander das Riff erkundeten. Retos Highlight war eine Wasserschildkröte, ich begnügte mich damit mich über ein steinernes Ding zu wundern, das wie ein Blumentopf aussah und von kleinen Fischen bewohnt wurde. Wir machten uns einen ruhigen Abend, bevor wir am nächsten Tag weiterfuhren.

Shroud Cay

Auch auf unseren Seekarten sind die Wasserläufe von Shroud Cay vermerkt, weshalb Reto nur ein Foto zu machen brauchte, um die Mangroven erkunden zu gehen. Ich packte Wasser und Lunch ein, denn Reto würde zwei Meilen rudern, bevor wir Camp Threepwood und «The Rapids» erreichen würden. Mit T-Shirt, Hosen, Hüten, Sonnenbrillen und Sonnencreme geschützt bestiegen wir unsere kleine Alianza und Reto ruderte los. Wir folgten der Küste rund um eine Landzunge und erblickten den Wasserlauf, auf dem wir von der nördlichen Lagune zurückkehren wollten. Etwas weiter nördlich ankerte ein Motorkatamaran. An einem Strand mit ein paar kargen Bäumen landeten wir, um die Umgebung zu erkunden. Von Schatten war nicht viel zu finden, dafür beobachteten wir Eidechsen, diverse Vögel und ich entdeckte sogar ein Küken, welches sich unter einem Gestrüpp versteckte. Dann stachen wir durch den nördlichsten Wasserlauf ins Innere der Insel vor. Das flache Gelände war mit Hüfthohen Mangroven bewachsen. Der Wasserlauf hatte sich eine zwischen zwei Meter und 30 cm tiefe Kerbe in den Untergrund gefressen, dem wir folgten. Sicher eine Meile lang ruderte Reto durch die Schlangenlinien des Wasserlaufs, ehe wir die andere Seite der Insel erreichten. Bei den sogenannten Rapids handelt es sich um eine schmale Lücke zwischen der Hügelkette, die die Insel umranden. Bei Flut läuft Seewasser rapid über die vorgelagerte Sandbank in die Lagune, wobei ein Strom von Ost nach West entsteht. Davon sahen wir aber noch nichts, weil das Wasser am frühen Nachmittag noch nicht genug hoch stand. Auch die Reste von Camp Threepwood mussten wir suchen. Wir hatten auf etwas Schatten und vielleicht sogar einen Picknicktisch gehofft, doch nachdem wir auf den Hügel geklettert waren, fanden wir nur eine Gedenktafel. Camp Threepwood hatte wohl schon im zweiten Weltkrieg keinen Tisch gehabt, als es noch ein aktiver Radarstandort gewesen war. Wir quetschten uns schliesslich hinter einen Felsen, um etwas Schatten zu haben, während wir unseren Salami verdrückten.

Vermutlich hätten wir uns nach der Mittagspause auf den Heimweg gemacht, wenn nicht ein motorisiertes Dinghy den Strand von Alianza angesteuert hätte. Ein Paar im Pensionsalter stieg aus, während wir die Picknickreste verstauten. Reto kam natürlich bald mit ihnen ins Gespräch, weshalb wir erfuhren, dass wir für die Rapids zu früh seien. Ihr Plan war zu baden bis die Flut über die Sandbank strömen würde und sie sich mit dem Dinghy durch die Kanäle zwischen den Mangroven auf die andere Seite der Insel spülen lassen wollten. Reto und ich unternahmen einen Spaziergang über die Bank, solange es noch möglich war und setzten uns dann in «social distance» zu dem Paar ins Wasser. Wir plauderten gut zwei Stunden, während das Wasser im Kanal immer schneller floss und die Sandbank immer tiefer unter Wasser lag. Schliesslich entschieden wir, es sei an der Zeit. Wir hüpften ins Dinghy und liessen uns in die Lagune spülen. Wir sausten über den Salzwassersee. Reto bewegte die Ruder nur um zu Steuern, ansonsten bewältigte sich die erste Hälfte des Heimwegs wie von alleine. Von der Inselmitte aus musste Reto sich wieder etwas in die Riemen legen, um die Bucht mit dem Motorkatamaran zu erreichen. Brixter merkten wir uns den Namen, ohne zu wissen, dass wir den Katamaran wiedersehen würden. An unserem kleinen Privatstrand mit der Mooring-Kasse kühlten wir uns ab, bevor Reto uns nach Hause brachte.

Sonnensegeln

Unterwegs nach Shroud Cay hatten wir endlich einmal wieder den passenden Wind um zu Segeln. Wir nutzten die Chance um unseren «Flieger» auszuprobieren (das Vorklüverstagsegel, das vorderste Segel ohne Baum). Da Reto erst auf Nassau die Zeit gehabt hatte dessen Cover zu vollenden, hatten wir es während der bisherigen Reise nicht geriggt. Wie üblich setzten wir von hinten nach vorne die Segel, weshalb das Vorsegel schon gesetzt war bis ich den Flieger vorbereitete. Mit der doppelten Anzahl Leinen vor dem Grossmast, war es kein Wunder, dass diese durcheinander gerieten. Auch wurde das Lösen der verklemmten Haken zum Hochseilakt, welche das Segel am Vorstag verhingen, wie die Ringe eine Gardine an der Stange. Das Vorsegel war mir beim Klettern im Weg und die wirklich moderaten Wellen schüttelten mich fast vom Bugspriet. Doch endlich hatte ich alle Verklemmungen und Leinen gelöst und setzte den Flieger. Nun hätte ich es fieren sollen, im also Leine geben, damit es den richtigen Winkel zum Wind bekam. Aber Retos Langspleis war zu dick, um über die Rolle zu laufen!!! Weil eine Maus im vorletzten Winter die Schotten des Segels gleich doppelt durchgeknabbert hatte, hatte Reto dieses an zwei Stellen wieder zusammengefügt, weshalb die Leine an den Fügestellen nun doppelt so dick war. Aber woher hätte er wissen sollen, dass es zum führen des Segels die ganze Leinenlänge brauchte? Der Flieger flatterte nun wild und die Schotten verhedderten sich in den anderen Leinen. Noch dazu verklemmte auch die Leine, mit der man das Segel wieder hätte bergen können, ohne auf den Bugspriet klettern zu müssen. Nun musste auch Reto mit Hand anlegen und gemeinsam rangen wir den Flieger nieder. Danach hatten wir unser Mittagessen nötig.

Ich hatte an diesem Tag etwas sehr Dummes getan – nämlich hatte ich mich zum Segeln weder angezogen, noch mit Sonnencreme eingecremt. Ihr ahnt es… Ich holte mir einen wüsten Sonnenbrand! Das Gesicht und die Stellen, die normalerweise keine Sonne zu sehen bekommen, glühte rot und schmerzte, bevor ich mich nach Tagen zu Häuten begann wie ein Drache. Es dauerte die ganze Woche bis der Sonnenbrand verheilt war und ich wieder bequem sitzen konnte, während sich bei Reto «nur» das Gesicht schälte. Dafür achten wir seither wieder penetrant auf den Sonnenschutz und lassen Retos Sonnensegel aufgespannt, wenn wir uns bei Flaute mit dem Motor bewegen. Manchmal müssen wir Sturköpfe die Dinge auf die harte Tour lernen!

Shroud Cay ist eine der nördlichsten Inseln des «Exuma Land and Sea Nationalpark». Sie hat zwei niedliche Lagunen voller Mangroven umgeben von Hügeln, weshalb sie mich an einen Topf erinnerte. Durch mehrere kleine Wasserläufe strömt die Flut in die Insel und wieder heraus. Der Nationalpark besitzt verteilt zwischen den Cays einige Moorings, von denen wir uns eine schnappten statt zu ankern. Nur der Briefkasten am nahen Strand, in dem man die Liegegebühr deponieren kann, hatte keine Umschläge mehr auf denen normalerweise die entsprechende Gebühr vermerkt ist und auch sonst keine Preisliste. Schulterzuckend machten wir uns auf um die Insel zu erkunden. Ein zugewachsener, steiler Weg führte zu einem «Well», einem Wasserloch mit Süsswasser, welches manchmal zu einem richtigen Brunnen ausgebaut wurde. Diese Löcher schienen eingestürzte Höhlen im Kalkgestein zu sein, die von oben mit Regenwasser gefüllt wurden und wegen ihrer tiefe nicht austrockneten. Statt nur dem einen mit dem Brunnenrand fanden wir mindesten Zehn volle und unzählige trockene Löcher im Boden, weshalb wir uns sehr vorsichtig durch die Büsche bewegten. Hier konnten vorbeikommende Boote Wasser schöpfen, allerdings muss dieses zumindest Filtriert und Abgekocht oder 50/50 mit Rum vermischt werden, damit ein Matrose davon nicht Durchfall bekommt. Aus Neugierde schöpften auch wir Wasser aus dem Brunnen, probierten aber nur ein kleines Schlückchen – nicht salzig! Zum Abkühlen am Abend badeten wir am Strand und ich baute zum ersten Mal seit Jahren eine Sandburg, bevor wir uns wieder zurückzogen.

Nicht salzig

Endlich Exuma!

Das Gewitter hatte uns verpasst, aber ein Regenschauer traf uns mit voller Wucht. Der Regen prasselte fadengerade auf uns nieder während wir nach Südosten unterwegs waren. Fast versetzte uns das Wetter nach Nova Scotia zurück, ich für meinen Teil packte sogar die Ölzeugjacke aus. Reto liess sich während seiner Wache einweichen. Bald war die Wolke vorübergezogen und wir konnten mit angemessenem Licht die sehr seichte Yellow Bank überqueren. Ich steuerte, Reto stand auf dem Bug und hielt Ausschau nach Korallenköpfen. Wir staunten nicht schlecht, als das kleine Fischerboot plötzlich auf uns zufuhr. Noch mehr staunten wir, als die Insassen (offenbar doch keine Fischer) nach dem Weg nach Nassau fragten! Reto gab ihnen die Richtung, aber wir sorgten uns dennoch etwas um die zwei Männer. Kaum hatten wir die Bank hinter uns, holte uns die nächste Regenwolke ein und wir wurden erneut geduscht. Doch trocknete das Deck fast bis Land in Sicht kam. Durch wunderbar klares, blaues Wasser fuhren wir zwischen die Allen Cays und warfen den Anker in der Bucht einer Hufeisenförmigen Insel. Reto versuchte den Pflugscharanker in den Boden zu ziehen, aber wir konnten von oben sehen, dass er sich nicht eingrub. Daher ging ich baden, um den Anker mehr in den Boden zu rammen. Die Pflugschaufel stiess auf harten Boden, eingraben fast unmöglich, doch der Anker hielt uns fast zwei Tage an Ort und Stelle. Trotzdem hielten wir Ankerwache und standen in dieser Nacht abwechselnd auf, um unsere Position zu kontrollieren.

Nach dem Frühstück liessen wir das Dinghy ins Wasser. Allen Cay ist bekannt für die Iguanas, die hier Leben und von den vorbeikommenden Besuchern gefüttert werden. Auf der östlichen Insel waren schon zwei kleine Motorboote an den Strand gefahren. Wir erkundeten zunächst den kleinen Strand gleich neben uns, wo wir Muscheln und Einsiedlerkrebse zu Hauf fanden. Dann verschoben wir an den Strand in der Hufeisenbeuge. Schon beim Aussteigen huschte eine Iguana davon. Eine 60 cm lange Eidechse mit Kamm und voluminösem Kehlkopf betrachtete uns kritisch, bevor sie sich versteckte. Auf uns wirkten sie nicht als ob sie Fütterung gewohnt wären. Wir durchwanderten die Insel zwischen niederen Palmen hindurch zur anderen Seite und zurück, wobei die Iguanas vor uns flüchteten. Reto erklomm den Hügel zur östlichen Seite des Hufeisens, auf der ein hoher Steinturm stand, während ich im Wasser spazieren ging. Danach setzten wir uns in den Schatten des einzigen, echten Baumes und beobachteten die Iguanas und hunderte von winzigen Einsiedlerkrebsen beim herumschleichen. Die Warnung in unserer Karte schien berechtigt zu sein: Viele der Echsen besuchten den rostigen Rest eines Grills, von dem sie angeblich das Fleisch herunterstahlen, wenn man sein Steak nicht genügend bewachte. Reto ruderte uns später weiter an den Strand, an welchem wir die anderen Touristen gesehen hatten, aber auch dort wollten die Iguanas nicht gefüttert werden. Dennoch kamen gleich vier grosse Miet-Katamarane an, während wir zu Sea Chantey zurückruderten. Sie stammten lustigerweise alle aus Palm Cay, wie wir an den Namen erkannten. Doch machten sie sich nach zwei Stunden Baden und Iguanas füttern wieder auf und Allens Cay wurde wieder so einsam wie zuvor.

Aufbruchstimmung

Vom Department of Immigration bekamen wir nur Empfangsbestätigungen, ansonsten meldete sich niemand. Davon liessen wir uns aber nicht stören und gingen weiter im Wochenprogramm. Am Freitag fuhren wir shoppen. Bei Lightbourne Marine rüsteten wir Leinen nach und besorgten Angelschnur. Ich gönnte mir einen Spaziergang durch ein Shopping-Center, den Reto geduldig im Auto abwartete. Wer Reto kennt, weiss, dass er nicht gern einkauft. Zum Schluss gings ab in den Lebensmittelladen, um den auch Reto nicht herumkam. Zur Entlastung seiner Nerven bekam er einen kurzen, klaren Auftrag: 1. Befülle diesen Einkaufswagen mit Wasserkanistern, Fruchtsaft und Süssgetränken. 2. Gehe zahlen. 3. Verlade alles ins Auto und warte da. Derweil konnte ich die «komplizierten» Dinge einkaufen, wie Lagerobst, Gemüse, Dosennahrung und andere „Frischprodukte“. Seit Wochen konnte ich auch zum ersten Mal Nutella kaufen, dafür gab es noch immer kein Kakaopulver. Dass ich die Zwiebeln vergessen hatte, merkte ich erst zu Hause, aber ich rüstete uns mit Kiloweise Mehl und Teigwaren aus. Während dem Verladen der Bagage läuteten auch plötzlich unsere Telefone. Jerome, ein älterer Herr den wir unter der Woche am Pier getroffen hatten, fragte, ob wir noch interessiert an einem Ausflug zu seinem Segelclub seien.

Wie verabredet trafen wir Jerome Pyform (der Name lautete vor vielen Generationen «Pfeiffer») am Samstag vor dem Mittag und fuhren zu seinem Jachtclub. Zum ersten Mal seit Monaten hatten wir uns anständig angezogen – Reto glänzte in Shoes and Shirt und ich trug mal wieder einen BH drunter. Auf dem Parkplatz trafen wir seinen Sohn Eliott und dessen Freundin Natascha, mit denen wir durch eine Codeschloss-Tür die Poolanlage des Jachtclubs betraten. Das Personal trug Handschuhe und Gesichtsmasken, aber wir Gäste durften die Masken bei Tisch ablegen. Wir bestellten eine bahamische Spezialität und begannen zu plaudern, über unsere Abenteuer, unsere Berufe und wie wir die Corona-Krise überstanden hatten. Zum Mittagessen gab es Gekochten Fisch, was ein bischen was von Suppe mit Spatz hat. Das Fischfilet wird am Stück in einer klaren Brühe aus Kartoffeln und Zwiebeln gekocht und mit Zitronensaft und Chili gewürzt. Dazu gibt es traditionell grobe Polenta und Butter beschmiertes bahamisches Brot. Ein leichtes Essen, dass uns aber stundenlang satt hielt. Auf meine Frage wie wir zu bezahlen hatten – denn niemand fragte nach der Rechnung – sagte Jerome, alles sei bei seinem Club inklusive. Reto und ich waren nun sicher uns keine Mitgliedschaft leisten zu können.

Den ganzen Sonntag lang verstauten wir unsere Einkäufe und machten nach langem unser Boot seefest. Ausserdem kehrten wir das letzte Mal im Pink Octopus ein, um uns zu verabschieden und die letzten Konsumationen abzubezahlen. Den Montag nutzten wir für den letzten Schliff. Wir kauften Eis, ich backte Brot und wir hatten ein letztes Mal Besuch von Andy, mit dem wir uns schon zum dritten Mal auf ein Bier oder einen Kaffee zusammenschlossen. Am Dienstag war nur noch der letzte Abwasch zu erledigen bevor wir Sea Chantey an die Tankstelle verlegten. Wir füllten Diesel und Wasser auf, während sich auf dem Meer ein Gewitter zusammenbraute, aber vorbeizog. Schlussendlich deponierten wir schweren Herzens die Schüssel, in der wir Hafenstreuner Scooby fast täglich Wasser gegeben hatten. Ich hatte mir fest vorgenommen den Hund nicht ins Herz zu schliessen, aber da sie mir mit Vorliebe folgte und sich am liebsten von mir streicheln liess, tat es mir dennoch weh sie ein letztes Mal zu streicheln. Und dann brachen wir auf.