Hoffmann’s Cay

In zwei Tagesetappen erreichten wir Hoffmanns Cay, eine kleine Insel auf der Ostseite der Berry Islands Inselgruppe. Wir versteckten Sea Chantey hinter der Nebeninsel vor dem Ostwind, um zwei Tage zu bleiben. Mein Zustand der dauernden Übelkeit hatte sich in eine dauernde Antriebslosigkeit verwandelt, die aber allmählich wich. Diesmal machte dennoch ich die Ankerwache, während die Jungs die Ersterkundung der Insel in Angriff nahmen. Sie schwärmten bei ihrer Rückkehr von der Lagune und dem blauen Loch, dass es mich fast ärgerte. Am nächsten Tag gingen wir zu Dritt auf Erkundung. Vom Ankerplatz aus ruderte Richard uns in Alianza nach Norden, vorbei an einem kleinen Strand, den eine Familie mit Kindern besetzt hatte. Auch am langen Strand ruderten sie mich vorbei, dann bogen wir in eine grossflächige, seichte Lagune ein. Hier tummelten sich Meeresschildkröten im knietiefen Wasser, die vor unserem Dinghy flüchteten. Ich war erstaunt, wie schnell sie schwimmen können, wir hatten nicht das Glück eine von nahem zu sehen. Dafür entdeckten wir Anemonen zwischen den Wasserpflanzen und bestaunten die Mangroven. Dann ruderten wir zurück zum grossen Strand, wo wir das Dinghy zurückliessen. Barfuss liefen wir einem mit Laub und Sand bedeckten Pfad nach der sehr plötzlich auf einer steinernen Platte endete. Unter uns lag das blaue Loch mitten in der Insel und tiefblau. «Lauf diesem Pfad nach, dann glaubst du gleich nicht mehr, dass man auf dieser Felsplatte stehen kann», meinte Reto und ich kletterte den Pfad hinunter. Er endete am Rand des blauen Lochs in einer halb offenen Höhle, deren Decke die Felsplatte war. Sie konnte nur einen Meter breit sein, doch die Höhle darunter war tief wie eine Garage und es schien wirklich unmöglich, dass sie nicht einstürzte. Wir krochen ein bisschen in der Höhle herum, bevor wir dem Pfad zurückfolgten, bis zur ersten Verzweigung. Wir hatten vom Wasser aus, einen Schornstein aus den Palmen aufragen sehen und wollte nun das Gebäude finden. Zwei Mal liefen wir falsch, bevor wir plötzlich vor dem Gebäude in der Grösse eines Vans standen. Es hatte kein Dach, war zugewachsen und seine Grundmauern waren nur vier Meter lang und zweieinhalb Meter breit. Da wir an diversen Orten Steinhaufen gesehen hatten, fragten wir uns auf dem Rückweg, ob auf der Insel einst eine Ortschaft gewesen war. Dies fanden wir aber nicht heraus.  Stattdessen begaben wir uns auf den Heimweg, denn wir wollten am nächsten Tag ausgeruht nach Nassau segeln.

Das Flugzeugwrack vor Great Harbor

Wir hatten den perfekten Wind, um zu den Berry Islands südöstlich von Grand Bahama zu gelangen. Abends setzten wir die Segel und hatten eine relativ ruhige Überfahrt. Nur wurde mir sofort schlecht, richtig schlecht, so schlecht, dass ich meine Wache nicht durchhielt. Mein armer Reto bekam in dieser Nacht fast keinen Schlaf, obwohl die Nacht so ruhig war, weil er mich wieder ablösen musste. Ich lag dann mit grünem Gesicht an Deck und entschuldigte mich im 5 Minuten Takt. Es tat mir sehr leid, Reto um seinen Schlaf zu bringen. Trotz Wellen aus einer unpraktischen Richtung schlief Richard hervorragend, weshalb wir ihn nicht zum Steuerdienst verdonnern wollten. Am Horizont tauchten die Lichter von Passagier- und Frachtschiffen auf, die auf Reede lagen, wir passierten sie und sie verschwanden. Reto gab sich alle Mühe zur Verbesserung meiner Lage, aber weder selbst zu steuern noch die Lichter zu beobachten brachten mir Besserung. Mit dem Morgen erreichten wir die Riffe der Berry Islands, welche ich gequält vom Bug aus zu beobachten hatte. Sollten wir auf eine Untiefe zufahren, war es an mir dies zu melden. Jedoch fuhren wir ohne Probleme an unseren vorausbestimmten Ankerplatz und warfen in einer Bucht Anker. Hier schliefen wir den Rest des Tages: Reto, weil er müde war, ich, weil mir noch immer schlecht war und Richard, weil er nichts Besseres vorhatte.

Meine Magengegend hatte sich zwar noch nicht richtig erholt, dennoch wollte ich am folgenden Nachmittag unbedingt mit Reto das Flugzeugwrack ansehen gehen. Richard wünschte sich einen faulen Tag und blieb als Ankerwache zurück. So ruderte Reto mich zum Wrack. In nur 1.5 Metern tiefe liegen die Trümmer einer DC-3, welche in den 80ern abgestürzt war. Wie Reto gelesen hatte, war sie bei einem Drogentransport schlecht notgelandet. Bei Ebbe sticht das eine Triebwerk, oder besser dessen Reste, durch die Wasseroberfläche. Auch machten wir Tragflächen, die Heckflosse und ein Fahrwerk unter Wasser aus, weshalb wir glauben, die Maschine habe sich überschlagen. Nur fotografieren liess sich das Zeitzeugnis nicht, denn die Wellen spiegelten. Wir ruderten weiter zum Strand und spazierten ein Stück, bevor wir uns das blaue Loch ansahen. Es handelt sich um eine besonders tiefe Stelle, weshalb das Wasser dort dunkelblau ist. Die meisten blauen Löcher entstanden als Höhlen während der letzten Eiszeit, welche nun eingebrochen sind. Reto fand es spannend, ich fand es unheimlich. «Hast du Angst, dass dich das Meeresungeheuer frisst, Stefy?», lachte er mich aus. Ich murrte nur, weil ich auch nicht weiss, weshalb ich das endlose blaue Loch unheimlich fand. Ich finde auch Aussichtstürme unheimlich, wenn sie Gitterboden haben und ich sehen kann wie tief es heruntergeht. Jedenfalls war ich dank meines eigenartigen Magens von dem Ausflug vollkommen kaputt, als wir zurückkehrten. Reto planschte dafür noch frischfröhlich im Wasser herum.

Wir verschoben uns am Folgetag in die Marina der Hauptstadt der Berry Islands. Wir reden von einem Dorf mit 800 Einwohnern. Durch einen freigesprengten Eingang gelangten wir in einen natürlichen Hafen, der rundum mit Felsen umgeben ist. Hier bemerkten wir vom Corona-Wahnsinn schon mehr, denn die Restaurants waren geschlossen, nur ein Lieferservice noch möglich und ausser Bootbesitzern gab es keine Touristen. Uns störte es nicht: Bestellten Pizza zum Abendessen und der Besitzer des einzigen geöffneten Ladens fuhr uns Zu Restaurant hoch, wo wir Kotelette und Reis zum Mittagessen abholten. An beiden Gerichten assen wir am nächsten Tag noch. Am Nachmittag leihten wir uns Fahrräder von der Marina und radelten auf die Ostseite der Insel an den Strand. Reto schwamm, Richard fotografierte und ich ging auf Schatzsuche. Seeigel und Meerschwämme fand ich zuhauf, ein Stück Sepia war mir sogar wertvoll genug, dass ich es mitnahm. Als Reto abgekühlt war, radelten wir zurück in die Ortschaft Great Harbor.

Richard gönnt sich einen Drink