Aufbruchstimmung

Vom Department of Immigration bekamen wir nur Empfangsbestätigungen, ansonsten meldete sich niemand. Davon liessen wir uns aber nicht stören und gingen weiter im Wochenprogramm. Am Freitag fuhren wir shoppen. Bei Lightbourne Marine rüsteten wir Leinen nach und besorgten Angelschnur. Ich gönnte mir einen Spaziergang durch ein Shopping-Center, den Reto geduldig im Auto abwartete. Wer Reto kennt, weiss, dass er nicht gern einkauft. Zum Schluss gings ab in den Lebensmittelladen, um den auch Reto nicht herumkam. Zur Entlastung seiner Nerven bekam er einen kurzen, klaren Auftrag: 1. Befülle diesen Einkaufswagen mit Wasserkanistern, Fruchtsaft und Süssgetränken. 2. Gehe zahlen. 3. Verlade alles ins Auto und warte da. Derweil konnte ich die «komplizierten» Dinge einkaufen, wie Lagerobst, Gemüse, Dosennahrung und andere „Frischprodukte“. Seit Wochen konnte ich auch zum ersten Mal Nutella kaufen, dafür gab es noch immer kein Kakaopulver. Dass ich die Zwiebeln vergessen hatte, merkte ich erst zu Hause, aber ich rüstete uns mit Kiloweise Mehl und Teigwaren aus. Während dem Verladen der Bagage läuteten auch plötzlich unsere Telefone. Jerome, ein älterer Herr den wir unter der Woche am Pier getroffen hatten, fragte, ob wir noch interessiert an einem Ausflug zu seinem Segelclub seien.

Wie verabredet trafen wir Jerome Pyform (der Name lautete vor vielen Generationen «Pfeiffer») am Samstag vor dem Mittag und fuhren zu seinem Jachtclub. Zum ersten Mal seit Monaten hatten wir uns anständig angezogen – Reto glänzte in Shoes and Shirt und ich trug mal wieder einen BH drunter. Auf dem Parkplatz trafen wir seinen Sohn Eliott und dessen Freundin Natascha, mit denen wir durch eine Codeschloss-Tür die Poolanlage des Jachtclubs betraten. Das Personal trug Handschuhe und Gesichtsmasken, aber wir Gäste durften die Masken bei Tisch ablegen. Wir bestellten eine bahamische Spezialität und begannen zu plaudern, über unsere Abenteuer, unsere Berufe und wie wir die Corona-Krise überstanden hatten. Zum Mittagessen gab es Gekochten Fisch, was ein bischen was von Suppe mit Spatz hat. Das Fischfilet wird am Stück in einer klaren Brühe aus Kartoffeln und Zwiebeln gekocht und mit Zitronensaft und Chili gewürzt. Dazu gibt es traditionell grobe Polenta und Butter beschmiertes bahamisches Brot. Ein leichtes Essen, dass uns aber stundenlang satt hielt. Auf meine Frage wie wir zu bezahlen hatten – denn niemand fragte nach der Rechnung – sagte Jerome, alles sei bei seinem Club inklusive. Reto und ich waren nun sicher uns keine Mitgliedschaft leisten zu können.

Den ganzen Sonntag lang verstauten wir unsere Einkäufe und machten nach langem unser Boot seefest. Ausserdem kehrten wir das letzte Mal im Pink Octopus ein, um uns zu verabschieden und die letzten Konsumationen abzubezahlen. Den Montag nutzten wir für den letzten Schliff. Wir kauften Eis, ich backte Brot und wir hatten ein letztes Mal Besuch von Andy, mit dem wir uns schon zum dritten Mal auf ein Bier oder einen Kaffee zusammenschlossen. Am Dienstag war nur noch der letzte Abwasch zu erledigen bevor wir Sea Chantey an die Tankstelle verlegten. Wir füllten Diesel und Wasser auf, während sich auf dem Meer ein Gewitter zusammenbraute, aber vorbeizog. Schlussendlich deponierten wir schweren Herzens die Schüssel, in der wir Hafenstreuner Scooby fast täglich Wasser gegeben hatten. Ich hatte mir fest vorgenommen den Hund nicht ins Herz zu schliessen, aber da sie mir mit Vorliebe folgte und sich am liebsten von mir streicheln liess, tat es mir dennoch weh sie ein letztes Mal zu streicheln. Und dann brachen wir auf.

Proviant für die Bahamas

Nachdem wir unsere Filter auf Merritt Island abgeholt hatten und das Auto retourniert hatten, begaben wir uns nach Süden. In drei Tagen arbeiteten wir uns nach Vero Beach vor. Hier buchten wir eine Mooring in der vollkommen überfüllten Marina, denn wir teilten uns die Mooring mit einem weiteren Boot. Reto fand daran sehr gefallen, denn so hatte er jemanden dem er die Ohren «zuschnorren» konnte. Gelegentlich geniesse ich es nämlich für mich zu sein. An diesem Abend genossen wir auch ein besonderes Spektakel. Eine Versorgungsrakete für die ISS Raumstation konnte zwei Wochen zuvor nicht starten, weshalb sie um Mitternacht in den Himmel geschickt wurde. Da wir aber schon einige Distanz zwischen uns und dem Space Center gebracht hatten, sah die Rakete aus wie ein Feuerwerkskörper von der langweiligen Sorte: Ein leuchtender Streifen der sich in einem Bogen nach Osten bewegte und sich dann in drei leuchtende Punkte teilte. Ein andermal sehen wir uns den Start von nahem an, dachte ich.

Mit dem Bus machten wir einen Ausflug zum Wochenmarkt, bevor wir uns an den Grosseinkauf machten. Reto kaufte bei Westmarine die benötigten Karten, einen Anker fürs Dinghy und dieverses Bootszubehör, während ich bei Publix schon den ersten Einkaufswagen füllte. Dosen stapelten sich, Süssgetränke und Trinkwassermussten auf einen zusätzlichen Wagen verteilt werden und Teigwaren kauften wir Kiloweise. Ich wollte ursprünglich 20 kg Mehl einkaufen, aber ich musste mich mit 17.5 kg zufriedengeben, weil das Regal leer wurde. Frische Lebensmittel kauften wir nur sehr beschränkt: Zwiebeln, Kartoffeln, Kürbis, Bananen, Äpfel und Zitronen. (Bananen und Äpfel mussten wir schon wenige Tage später aufgebraucht haben, weil die grünen Bananen zu schnell reif wurden und die Äpfel leider Druckstellen bekamen.) Über die Unmengen an Nutella und Nescafé, die wir verbrauchen, schmunzelte ich sehr, weil sie sehr viel Platz in den Einkaufswagen ausfüllten. Drei Duzend Eier und ein bisschen Käse komplettierten einen Einkauf über 500 Dollar. Der Einfachheit halber liessen wir uns von Uber zurückfahren. Unser Fahrer Maurice vermochte unsere Einkäufe fast nicht in seinem mittelgrossen Auto zu verstauen. Natürlich mussten wir ihm erklären was für eine Armee wir hier verproviantierten und wir staunten nicht schlecht, als er uns seinen Schweizer Pass zeigte. Seine Mutter war Schweizerin, er aber in den USA aufgewachsen. Dennoch hatte er mit seiner Familie einige Jahre in der Schweiz gelebt. Wir staunten noch mehr als er sagte, dass seine zwei Jungs im Sommer in die Schweiz reisen um den Miltärdienst zu absolvieren. Er meinte, es sei ihr Abnabelungsprozess. Maurice half uns sein Auto zu ent- und Alianza zu beladen. Wir plauderten noch eine Weile, während Reto die Einkäufe auf Sea Chantey brachte. Wir hätten ihm gerne unser Boot gezeigt, aber die Zeit rief und tauschten Instagram Kontaktdaten aus. Nun gab ich Reto bei unseren Nachbaren ab, denn Proviant verstauen ist als Smutje meine Aufgabe.

Doppelbrücke

Verproviantiert machten wir uns auf den Weg nach West Palm Beach, von wo aus wir den Golfstrom überqueren wollten. Wir durchquerten unzählige Klappbrücken in dem vermutlich bewohntesten Teil des Intracoastal Waterways. Die Villen türmten sich links und rechts von Kanal schier übereinander und eine Unmenge von Booten war anzutreffen. Niemandem konnte es schnell genug gehen, kleine Boote flitzen im Kanal hin und her, während die Bugwellen von Mega-Sportjachten unsere Sea Chantey schüttelten. Da die Amerikaner ihre Boote gelegentlich bis öfters auch nicht zu beherrschen wissen, erlebten wir zwei Beinahe-Unfälle: Ein Boot fährt zu nahe an die Klappbrücke heran,weil er der Erste sein will, der hindurch kann, diese öffnet aber nicht schnell genug und die Strömung zieht das Boot unter die Brücke, wobei der Mast mit der Brücke kollidieren würde. Dann musste das ungeduldige Boot rückwärts gegen die Strömung kämpfen, was zu sehr akrobatischen Manövern führte. Wir versuchten uns nicht nerven zu lassen und hielten Abstand. Und obwohl wir Klappbrücken lustig finden, waren wir froh, als wir in die Lagune von West Palm Beach einfuhren, wo es keine Klappbrücken mehr gab. Wir verbrachten einen Tag auf einer kleinen Insel, die Naturschutzgebiet ist und deshalb fast einsam war. Mein Highlight war eine Meeresschildkröte, die sich mir zeigte sich aber vor Reto versteckte.