Windige Angelegenheit

Durch einen schlecht signalisierten Kanal verliessen wir die Bucht vor Georgetown gleichzeitig mit einem anderen Segler und einem grossen Motorboot, dass uns an ein Dampfschiff erinnerte. Dann zogen wir die Segel hoch und gingen auf Kurs nach Nordosten. Der Wind kam wieder einmal aus der Zielrichtung, weswegen wir uns darauf eingestellt hatten anderthalb Tage aufzukreuzen, um Rum Cay zu erreichen. Dazu hielten wir nun erst einmal auf die Südspitze von Cat Island zu. Der Wind war ganz ansehnlich, nicht zu stark, weshalb wir auch das Grosssegel setzten. Die Wellen waren dafür hoch und spitz. In diesem Tiefwassergebiet rollt vom «nahen» Atlantik her, die atlantische Dünnung ein, welche normalerweise lang und gleichmässig ist, jedoch von den vielen kleinen Inseln der Bahamas zu kurzen, spitzen Wellen zerstückelt wird. Entsprechend holperig war die Fahrt. Da ich zurzeit nicht vor Fitness strotze und wir seit Monaten keine Übernachtfahrten mit Zwei-Schicht-Betrieb mehr gewohnt sind, erbarmten wir uns unserer und entschieden die Nacht hinter Cat Island zu verbringen. Kurz nach dem Eindunkeln holten wir die Segel ein und ich dirigierte uns mit dem Scheinwerfer in eine weite Bucht, wo wir erstaunlich ruhig lagen. Kleine, violette Fische verfolgten den Strahl des Scheinwerfers, bis der Anker sicher sass.

Wir plagten uns bei Tagesanbruch wieder aus den Feder, um die Distanz nach Rum Cay hinter uns zu bringen, aber der Tag hatte anderes mit uns vor. Im grauen Morgenlicht setzten wir wieder die Segel und entschieden uns bei dem herrschenden Wind, dass Gross nicht zu benutzen. Sobald wir hinter der Landspitze hervorsegelten, sahen wir aus südosten diese dunkelgraue, hochaufgetürmte Wolkenmasse auf uns zu treiben. Wir wurden misstrauisch, aber die meisten Gewitter in den Bahamas ziehen während 15 Minuten mit Regen und Böen über einem Boot hinweg, weshalb wir unseren Kurs beibehielten. In der Wolke begann es zu leuchten, die Sicht wurde immer trüber und schliesslich prasselte der erwartete Regen auf uns nieder. Auch ohne Böen war die See wie am Vortag hoch und spitz, doch dann kräuselte sich das Wasser vor uns. «Stefy, da kommt eine Böe!», warnte Reto noch und schon erfasste uns ein Wind. Sea Chantey neigte sich erschreckend schnell nach Lee, als wollte sie umkippen. Ich luvte an, damit der Wind mehr von vorne kam und weniger stark in die Segel drückte, musste dabei aber aufpassen, die Nase unseres Schiffs nicht ganz in den Wind zu drehen, weil sonnst die Segel gefährlich zu schlagen beginnen und die Takelage beschädigen können. Mit 45 Grad Schräglage (oder mehr?) tauchten wir die Leereling ins Wasser, welches sich auf dem Deck verteilte. Ich klemmte mich im Cockpit fest und hielt so konzentriert es ging mit dem Steuer die Richtung, die sich wegen der neuen Windrichtung bis nach Osten verdrehte. In Gemeinsamen einverständnis entschieden wir den Flieger wieder einzuholen, um nicht so viel Windlast zu haben. Reto kletterte in einem weniger krassen Moment der Böe auf den Bug, wo er begann die Leinen zu klarieren, damit er dass Segel herunterziehen konnte. Ich sah mich gezwungen mehr Winddruck durch meinen Kurs zu erlauben, damit sowohl Schräglage, dafür aber auch die Segel stabil blieben. Hätten sie zu schlagen begonnen, hätte ich befürchten müssen, Dass Reto vom Baum getroffen wird uns sich verletzt. Glücklicherweise hatte mein starker Skipper den Flieger aber bald niedergerungen. Bald nach seiner Rückkehr ins Cockpit zog das Gewitter über uns hinweg. In der Ferne tauchten aber schon die nächsten Wolken die See in Dunkelheit.

Drei ähnliche Gewitter mit glücklicherweise nicht dermassen starken Böen suchten uns im Innerhalb weniger Stunden heim, dafür bewegten wir uns trotz der spitzen, bremsenden Wellen schnell. Als Reto entdeckte, dass die Verankerung des Backstags von der Belastung aus dem Deck gezogen worden war, entschieden wir bei Conception Island Schutz zu suchen, welches auf halbem Weg nach Rum Cay liegt. Das Backstag verspannt den Grossmast gegen den Wind und das Ausreissen desselben könnte Mastbruch zur Folge haben, weshalb Reto es nun straff festhielt und sich mit seinem ganzen Gewicht dagegenlehnte. Leider wurden wir nämlich von noch einem Gewitter erfasst, welches uns schräg legte und mit Regen durchweichte. Der Wind war konstant, aber das Gewitter zog sich ewig dahin. Mehr als eine Stunde hing Reto pausenlos am Backstag, während Wellen und Wind uns hin und her warfen. Rund herum blitzte und donnerte es. Nach einer gefühlten Ewigkeit tat sich langsam die Sicht auf und das Gewitter zog vorüber. Die nächste «Gutwetterphase» langte gerade, um uns in die Bucht im Westen von Conception Island zu bringen, doch während des Ankermanövers brach die nächste Front über uns herein. Ich hatte noch selten solche Angst um meine Finger gehabt, wie in dieser Minute als ich die Kette durch die Hände ins Wasser hinabliess. Aber schliesslich war genug Kette draussen, der Anker hielt im kompakten Sandgrund und wir konnten uns in die Kabine verkriechen. «Jetzt hätte ich ganz gern heissi Schoggi», wünschte sich Reto beim Aufräumen der Dinge, die aus den Schränkchen gefallen waren oder sonst herumpurzelten. Während er die nassen Jacken aufhängte, wurde ich also an den Herd geschickt. Auch dass verpasste Mittagessen gab es nachzuholen. So endete der stürmische Tag früh mit je einer Doppelration heisser Schokolade mit Rum, die unsere Nerven nötig hatten.

Es ist äusserst schwer zu beschreiben, was ein Segler denkt und fühlt, wenn ein Böe es schafft ihm Angst zu machen. Sea Chantey kann vermutlich mehr als 60 Grad schief liegen, bevor vor dem Wasser auf dem Deck Angst zu haben bräuchten, weil es dann unser immer offenes Kabinentürchen erreicht. Erst dann ist die ungeheure Auftriebskraft von Sea Chanteys Rumpf gefährdet, die dank des schweren, weit vom Drehpunkt der Krängung entfernten Kiel unser Schiff vermutlich selbst dann wieder aufrichten würde, wenn es flach im Wasser liegt. Aber das Wissen in einem sehr sicheren Schiff zu sitzen, schützt nicht vor der Angst ins Wasser zu rollen, den Mast zu verlieren oder den geliebten Partner verletzt oder von Bord fallen zu sehen. Das Gehirn bildet tausend furchtbare Szenarien, während man sich festklammert und versucht die Nerven zu behalten. Was tue ich wenn…? Das Hirn produziert Notfallpläne und findet auch sofort tausend Möglichkeiten wie die Situation noch schlechter werden könnte. Jede Welle wird zum Schreckensmoment. Mit der fehlenden Regelmässigkeit solcher Strapazen werden auch Segler mürbe, die wie wir schon 4000 Meilen auf dem Buckel haben. Sowohl ich als auch der noch zähere Reto hatten Angst in der ersten, wirklich erschreckenden Böe. Es braucht viel, dass ich mir überlege, ob beten jetzt angebracht wäre. Reto beginnt in solchen Momenten zu fluchen, was er ja sonst sehr sparsam tut. Ich beginne zu singen, weil ich mir keine Stossgebete eingestehen kann. Je zerriebener meine Nerven sind, umso eher brauche ich die aufmunternden Texte, weshalb mich Reto durch das ganze «letzte» Gewitter die gleiche Strophe wiederholen hörte. Wir bedanken uns nach solchem Wetter häufig bei unserem Schiff, weil es uns wieder in Sicherheit gebracht hat.

But singing sailors afraids nothing
They brave just the storm
All this men hopa and sing
And the storms flee of this song

Bahamisch eben

Wir wollten in Georgetown nur kurz halten um einzukaufen, schlussendlich sassen wir aber fast drei Tage in dem grössten Nest der Insel Great Exuma. Eigentlich fing alles ganz gut an. Wir hatten eine kurze ruhige Überfahrt und weil das Essen in der Drunken Duck in Wasser gefallen war, gönnten wir uns Abendessen bei Choppy’s Bar. Hähnchen und Rindfleisch kam uns sehr gelegen und ein kaltes Bier brachte sogar Reto wieder in Stimmung, der an dem Abend etwas genervt gewesen war. Auch der Einkauf am Folgetag war ganz in Ordnung, die Preise für die Bahamas normal und im Grossen und Ganzen war alles erhältlich, was wir haben wollten. Sogar Eis gab es bei Exuma Market zu kaufen, womit wir aber sparsam blieben. Wir schafften sogar alles ins Dinghy zu verstauen, wobei die gute Alianza sehr tief im Wasser lag und ich AUF den Einkäufen sitzen musste. Gegen den Wind ruderte Reto uns in die weite Bucht hinaus. Leider fassten wir schon durch die spitzen Wellen hin und wieder Wasser, es hätte das Schnellboot nicht gebraucht, dass auf den letzten dreissig Metern zwischen uns und Sea Chantey hindurchschoss. Dank der Heckwelle musste ich auf den Einkäufen herumturnen und zwischen Retos Beinen hindurch Wasser ausschöpfen, damit wir nicht am Ende noch absoffen. Wir entluden Alianza so schnell es ging, aber dennoch hatte die heisse Sonne und das Salzwasser im Boot unser wertvolles Eis schon halb geschmolzen.

Laut unserem Reiseführer sei Georgetown eine hübsche Ortschaft mit vielen Bäckereien, einer Tankstelle, die Propangas auffüllte und vielen kleinen Läden. Ebenfalls nach Reiseführer riefen wir diesmal Elvis, das Wassertaxi. Nachdem der Chauffeur während einer Stunde schon drei Mal an uns vorbei gefahren war, holte er uns tatsächlich ab. Die Tankstelle schickte uns mit dem Propantank weiter, aber der Laden, den uns die Dame im Tankstellenshop angegeben hatte, organisierte uns tatsächlich Gas – für den nächsten Tag. Wir sahen uns die kleine Stadt zu Fuss an, wofür man vielleicht zwanzig Minuten braucht, wenn man nicht einkauft. Ich kaufte eine luftige, weisse Hose in einem kleinen Geschäft, dann fanden wir ein Cafe/Bäckerei/Pizzaria, die geöffnet war. Wir assen Pizza, aber Brot hatten sie gerade keines mehr, daher bestellte ich mit etwas schlechtem Gefühl ein Brot auf Morgen. Um eine Taxifahrt zu sparen und um das Boot aufzuräumen, bevor wir uns in Unbewohntes Gebiet begaben, schickte ich Reto am Tag danach allein, um alles bestellte abzuholen und noch einmal bei Exuma Market reinzuschauen. Zwei Stunden später kam er mit dem Gas und einer riesigen Portion Fleisch zurück, aber ohne Brot: Es war noch nicht fertig gewesen und Reto war das Warten zu doof gewesen. Als wir es am Nachmittag holen wollten, kam das Wassertaxi nicht um uns zu holen. Genervt von der bahamischen Unzuverlässigkeit überlegten wir uns schon, das dumme Brot sausen zu lassen und ohne abzufahren. Doch starteten wir am nächsten Morgen früh in den Tag und legten kurzerhand am leeren Dock des Versorgungsschiffes an, ich holte in Windeseile das Brot ab, besorgte zwei Säcke Eis und wir machten uns auf dem Weg.

Noch mehr Schweine

Da wir schon einmal hier waren und bis Emerald Bay nur sechs Meilen zurücklegen mussten, machten wir am Vormittag einen Ausflug. Auch auf White Bay Cay – nur zehn Ruderminuten entfernt – leben Schweine, die angeblich zu einem Dinghy hinausschwimmen um gefüttert zu werden. Diesmal schnitt ich Äpfel für die Schweinchen auf: Alle vorherigen aus diesem Sack hatten von innen heraus zu faulen begonnen, was wir immer erst beim Abbeissen gemerkt hatten. Aber die Äpfel für die Schweine waren zufälligerweise alle noch frisch. Auch hier wollten die Schweine nicht schwimmen, was aber offenbar daran lag, dass sie nicht wussten, dass sie schwimmen könnten. Tatsächlich schienen zumindest die Ferkel nicht einmal genau zu wissen, wie sie an das Apfelstückchen in der Menschenhand herankamen. Daraus schlug eine grosse, rosa Sau Kapital und frass den kleinen Schweinen fast alles Weg. Doch während ich die grosse ablenkte, vermochte Reto die kleinen schwarz-rosa Schweinchen zu füttern. Sobald keine Äpfel mehr zu haben waren, wandten sich die Schweine wieder den Steinen zu, von denen sie offenbar Schnecken und kleine Krebse abfrassen. Auch zeigten sich diese Schweine etwas verspielter, als die in Staniel Cay, denn eine lief ins Wasser hinaus um unsere Alianza zu untersuchen. Sie sah fast ein bisschen traurig aus, als wir mit ihrem neuen Spielzeug davonruderten.

Der Gegenwind hatte seit dem Vortag nervige Wellen aufgeworfen, gegen die wir selbst unter Motor schwer ankamen. Wir kreuzten mit durchschnittlich 3.5 Knoten gegen die Wellen auf und wurden dabei geschüttelt. Reto war von dem Wetter etwas genervt, daher fuhr ich uns nach Emerald Bay auf der Insel Great Exuma. Bald konnte ich hinter der Landzunge Wellenschutz suchen, aus der die Emerald Bay herausgesprengt wurde, weshalb ich nicht mehr aufkreuzen musste. Erst vor der Einfahrt ins Hafenbecken der Marina übergab ich das Steuer an Reto und eine halbe Stunde später lagen wir an einem Floating Dock vertäut. Während der letzten zwei Tage brachte ich hier im klimatisierten Hafengebäude meinen Blog auf den neusten Stand. Reto wechselte derweil die Dieselfilter. Wir füllten Propan und Wasser auf und nahmen wieder einmal Kontakt mit zu Hause auf. Nur war es mir zu blöde mit dem Taxi einkaufen zu gehen, weshalb wir den Umweg nach Georgetown, der Insel-Hauptstadt, nun doch machen, bevor wir uns in den unbewohnten Südosten aufmachen. Heute Abend bekomme ich Abendessen im Drunken Duck, ein Pub im nahen Hotelresort, da ich mich weigere einen weiteren Tag ohne frisches Gemüse zu kochen. Morgen geht es dann nach Georgetown zum Proviantkauf weiter.

The Marina at Emerald Bay

Schlechtwetterfront

Kurz vor Fluthöchststand  fuhren wir durch den Farmers Cut auf die Ostseite der Inselreihe. Während auf der Westseite der Exuma Islands eine weite Bank flaches Wasser und gelegentliche Untiefen aufwies, ist die Ostseite ein tiefer Meeresgraben. Wegen des flachen Wassers kann Sea Chantey die Seite nur an bestimmten Stellen wechseln und unser Tagesziel lag auf der Ostseite. Wir wollten zur Emerald Bay Marina, die wir für einen guten Ort zur Proviantaufnahme hielten. Nur lief nicht alles wie geplant:

Nass und kühl am Steuer in Badehose und Ölzeug

Kaum hatten wir volles Tuch gesetzt und waren bei seltenem und ordentlichem Südwestwind unter allen vier Segeln unterwegs, breitete sich eine graue Wolke über dem Himmel vor uns aus. Ein Gewitter muss in den Bahamas keine grosse Fläche abdecken, aber es kommt immer mit Blitz, Donner, viel Regen und einem eigenen Windsystem. Ich war am Steuer und Reto warnte mich gerade noch früh genug, bevor die erste Böe Sea Chantey erfasste. Wir krängten (kippten) nach Lee. Fast ein bisschen panisch luvte ich an, damit wir weniger schief lagen, denn eine solche Schräglage hatten wir seit der Nordseite von Cape Cod nicht mehr gehabt. Zwei weitere Böen erfassten uns, dann hatten wir Gelegenheit das Grosssegel einzuholen, was Reto umgehend tat. Bald darauf ergoss sich ein Regenschauer über uns, doch das Gewitter zog in unmittelbarer Nähe an uns vorbei. Dummerweise änderte nun auch die Windrichtung, statt gemütlich auf Halb-Wind-Kurs erreichbar, lag unser Ziel nun im Gegenwind. Dazu kamen die nächsten Gewitter in Sicht. Wir begannen gegen den Wind aufzukreuzen und beobachten gespannt die entfernten Blitze. Regen und Wind waren für bahamische Temperaturen kalt, weshalb ich uns bald die Ölzeug-Jacken aus der Kabine holte. Die Regenwolke zog mittig über uns hinweg, während es rund um uns herum donnerte. Und dann starb der Wind. Wir bewegten uns kaum noch vorwärts. Der Flieger flatterte, weil er nicht genügend Winddruck hatte. Da sich beim Niederholen des Fliegers eine Leine verklemmte, mussten wir mitten im Manöver die Plätze tauschen – ich musste wieder ans Steuer, während Reto den Flieger barg. Unter Fock- und Besansegel versuchten wir noch eine Weile unser Glück mit aufkreuzen, aber wir machten kaum noch Fahrt und starteten den Motor. Die Filter müssten wieder gewechselt werden, daher stotterte Sea Chantey’s Vetus ein bisschen, aber sie brachte uns zuverlässig durch den Regen der dicht und fadengerade auf uns niederprasselte. Dies alles hatte Zeit gekostet und unser Kartenplotter berechnete, dass erst gegen 21:00 Uhr in Emerald Bay ankommen würden. Um nicht bei Nacht in eine schmale Hafeneinfahrt fahren zu müssen, beschlossen wir bei Black Cay zu Ankern, welches wir mit dem Sonnenuntergang erreichen konnten. Ich durfte mich dann eine Weile in der Kabine wärmen, bevor ich uns dafür zwischen den Cays hindurch in den weiten Ankerplatz hineinlotste. Der Anker hielt beim ersten Versuch bombenfest und wir liessen den Blitzableiter ins Wasser hinab, bevor wir uns in die Kabine verkrochen. Dann gab es seit langem einmal wieder heissen Grog für uns und die Riesenportion Paprika-Nudeln, die ich zum «Znacht» kochte, verdrückten wir problemlos.

Belebte Grotte

Wir wären zwar früh genug angekommen, um die Höhle noch am gleichen Tag zu besuchen, aber die Hitze hatte uns unterwegs erdrückt, weshalb wir zu müde waren. So machte ich einen Tag später Sandwiche fürs Mittagessen in der Höhle. Auch Schnorchel und Maske sowie Badetücher packte ich ein. Mit dem Dinghy ruderten wir zum sogenannten Oven Rock, der mit seiner runden Form und dem Loch in der Meerseite an einen Pizza-Ofen erinnert. Wegen der Steine an der Wasserlinie trugen wir Alianza auf den Strand hinauf. Dann begann die Suche nach dem «Weg» zur Höhle. Am Strand war es brütend heiss, weil der Sand die Hitze reflektierte, aber schliesslich fanden wir den Weg in die Buschlandschaft hinein. Wir wanderten einen knappen Kilometer, ehe wir eine Abzweigung auf den Hügel fanden, doch dann standen wir plötzlich vor einem Loch im Blattwerk eines Busches. Der Busch entpuppte sich als Baum, der im Höhleneingang wuchs. Dem Stamm entlang, dann entlang der Wurzeln kletterten wir durch einen zehn Meter breiten Spalt in die Tiefe. Es war erfrischend kühl unter Tag, eine wunderbare Abwechslung an einem Ort, an dem es nachts über 25°C bleibt. Unter dem Hügel hatte sich eine grosse Grotte gebildet, in deren Mitte ein Felssturz riesige Trümmer aufgeschüttet hatte. Davor, im Rest des Tageslichts, hatte jemand eine Feuerstelle angelegt. Unter einem Tropfstein hatte jemand einen Eimer deponiert, in den von der Höhlendecke Süsswasser hinabtropfte. Anhand der Kalkkruste an seinem Rand steht der Eimer schon lange dort. Unsere Augen brauchten eine Weile um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber schliesslich sahen wir fast überall auch ohne Lampe. Der Grossteil der 500 m tiefen Höhle ist unter Wasser. In der nächsten Ortschaft hätte man Tauchausflüge in die Höhle buchen können, aber Höhlentauchen gehört zu den Dingen, die mir zu wenig einschätzbar sind. Dafür tauchte ausnahmsweise ich zuerst die Füsse ins Höhlenwasser. Es brauchte ein wenig Selbstüberwindung um ganz ins erfrischend kalte Süsswasser zu klettern. Der unterirdische See wird von einer Art Garnelen bewohnt – sehr freundliche, neugierige Garnelen, die auf einem Schwimmer herumkrabbeln und ihn kitzeln. Persönlich fand ich es ein bisschen eklig und ich quietschte einige Male, weil mich wieder so ein Tierchen an den Füssen kitzelte. Aber ich genoss das kühle Nass zu sehr, als dass die ungefährlichen kleinen Krebse mich verscheuchen konnten. Reto schien sich an den Tierchen weniger zu stören.

der unterirdische Badeort

Nach dem Bad packten wir das Mittagessen aus und stellten unsere Getränke ins kalte Wasser. Kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, kletterte die erste Touristengruppe durch den Spalt in die Höhle. Ein bisschen Höhle gucken, ein paar Fotos und schon verschwand die siebenköpfige Gesellschaft wieder. Wir assen und tranken gemütlich, aber sobald wir uns überlegten, ob wir es uns auf den Steinen zum Mittagsschläfchen gemütlich machen konnten, kletterte eine Familie mit zwei Teenie-Mädchen in die Grotte. Auch diese hatte den Aufstieg für ein paar Fotos gemacht und die Mädchen schienen davon sogar genervt – sie mussten ja auch dauernd für ihren Vater posieren. Sobald sie wieder verschwunden waren, legten wir uns tatsächlich eine halbe Stunde zum Dösen hin. Auf dem Heimweg stolperten wir über eine weitere Landkrabbe und Reto kletterte auf den Oven Rock.

diese Landkrabbe hat Angst vor Reto

Manchmal habe ich das Kochen von Teigwaren und Dosengemüse einfach satt, daher erbarmte sich Reto meiner. Wir langen «nur» eine Meile nördlich von Farmers Cay am Anker, das eine kleine Ortschaft beherbergt. Laut unseren Navionic-Karten gab es dort ein Strandrestaurant am Ende der Flughafenpiste oder den Jachtclub. Reto brachte uns trotz des stärker werdenden Gegenstroms zur Insel, zunächst entlang des Rollway zum Strandclub Ty’s. Wir brauchten nicht lange um festzustellen, dass geschlossen war und ich hatte schon ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Skipper, der den ganzen Weg gerudert war. Aber Reto gab so leicht nicht auf und brachte uns um das Nordkap der Insel gegen die einlaufende Flut zum Jachtclub. Die Tür stand offen! Aber der Besitzer schien dennoch nicht mit Kundschaft gerechnet zu haben, denn er fragte, ob es etwas Einfaches auch täte? Ich musste dringend meinen Reto füttern, also bestellte ich zwei Burger, Cola und Kalik. Bis Reto das Beiboot vertäut hatte und völlig verschwitzt zur Tür hereinkam, hatten wir Getränke bekommen. Wir machten es uns auf der Terrasse gemütlich. Ein ankommendes Transportschiff spielte für uns die Abendunterhaltung und auch ein paar Meeresschildkröten gab es von der Terrasse aus zu beobachten. Gerade Reto, der uns auch zurückrudern musste, genoss den Abend sehr.

Black Point

Nach fast einer Woche im meist-touristischen Ankerplatz der Bahamas, wurden uns die Jetskis, die laute Musik der Luxusjachten und die dauernden Bugwellen zu viel. Noch vor Allies fünftem Geburtstag machten wir uns unter Segeln auf den Weg. Glen und Marianne versprachen uns Fotos zu machen, dirigierten uns sogar ein bisschen via VHF und versprachen die Fotos zu schicken. Leider sind noch keine angekommen. Der Wind war nur leicht und unser Ziel lag gegen den Wind, daher kreuzten wir bis zum Abend um Black Point zu erreichen. Dieses liegt nur fünfzehn Meilen südlich von Staniel Cay und hat fast nie Touristen. Wir landeten nach kurzer Suche in der Dorfbeiz und liessen den Abend mit Rum Punch ausklingen. (In den Bahamas ist Rum Punch ein Getränk aus Rum und Fruchtsäften, welches kalt serviert wird.)

Black Point hat die beste Wäscherei in den Exumas, 2019 bekam das Rockside sogar eine Urkunde dafür. Wir ruderten nicht nur den Wäschesack an das zur Wäscherei gehörende Dock sondern auch unsere Duschsachen und die Computer. Während die Wäsche sich in der Trommel drehte, gingen wir Duschen, lasen E-Mails und ich postete Blog-Beiträge. Mittagessen liess ich von Reto besorgen, der uns bei Lorraine’s Cafe mit Burger und Kartoffelsalat eindeckte. Vor allem die Blog-Beiträge füllten den ganzen Tag, da ich wegen fehlender Zeit und fehlendem Internet zwei ereignisreiche Wochen hinterher war. Auch einmal wieder mit unseren Eltern zu skypen und mit Freunden zu telefonieren zieht sich in der Menge in die Länge. Nach einem ganzen Tag am Computer hatte ich kein Bedarf an Arbeit mehr und lotste Reto zum Abendessen ins Sunset View. Ich hatte es geschafft das einzige Touristenlokal der 900-Seelen-Ortschaft auszuwählen: Drei Katamare waren während des Nachmittags angekommen und drei Familien füllten die Terrasse. Wir warteten sehr lange neben diesem Tisch voller lauter Kinder, die dauernd aufstanden, davonliefen, sich wieder setzten und dann endlich ihren Burger bekamen. Bis die Küche unsere Bestellung ausspuckte, hatten die drei Familien gegessen und die Kinder wieder das Weite gesucht. Wir assen spät, aber in Frieden.

Wir legten einen weiteren Tag für Computer, Postkarten und Brot besorgen ein, bevor uns wieder die Hummeln in den Hintern stachen und wir weiterfuhren.

Cruisers Beach

… ist der Strand, an dem sich die «Böötler» treffen. Big Mayor Spot ist ein Ort zum Steckenbleiben, weshalb sich hier einige Boote angesammelt haben, das Reiseverbot während der Corona-Lockdowns ausgesessen haben und nun immer noch hier sind. Wer Zeit und Lust hat, begibt sich um halb sechs am Abend mit dem Dinghy an den Strand, um dort mit den anderen zu plaudern und den Sun Downer zu geniessen. Dabei werden nicht nur Neuigkeiten ausgetauscht, mitunter kommt man auch zu einem neuen Motor fürs Dinghy, zu einem Watermaker oder ähnlichen Utensilien. Hier einige Bekanntschaften:

Selin, Mad und ihre Tochter Allie (seit 5.7. fünf Jahre alt) sind das Unterhaltungsprogramm, denn die rothaarige, kleine Allie ist ein Energiebündel, das alle Aufmerksamkeit absorbiert. Mad ist Bastler, der sich gern auf dem Dump Bastelmaterial besorgt.

Alex und Pete sind Briten, die seit Ewigkeiten mit ihrem Boot und zwei Hunden unterwegs sind. Sie spielen oft Ersatz-Grosseltern für Allie.

Selin und Dennis kommen aus der Türkei und sind mit ihrem Katamaran auf dem Weg nach Belize, Mittelamerika in Big Mayor Spot hängen geblieben. Wir tauschten uns sehr lange über mögliche Plätze aus, um die Hurricane-Saison zu verbringen. Dennoch konnten wir uns weder für Belize noch für die USA entscheiden, weshalb wir weiterhin nach Südosten fahren.

Lorrie und Richard sind Freunde von Karen und Steve von der Brixter und leben in Staniel Cay. Ihre Forever Young bleibt daher auch während der Hurricane-Zeit in Big Mayor Spot.

Die für uns wichtigsten Bekanntschaften sind aber klar die Crews der Champion und der Diesel Duck. Debbie und Walter gehört das geräumige Holzschiff Champion, welches mit Baujahr 1959 genau ein Jahr älter ist als Sea Chantey. Als sie uns in den Ankerplatz kommen sahen, mussten sie zum Plaudern vorbeikommen. Wir waren von unseren Holzbooten gegenseitig so begeistert, dass wir nicht nur zu einer Tour auf der Champion kamen, sondern auch zu einer Dusche auf deren Vordeck (das erste Mal seit zwei Wochen!) und zu vollen Wasserkanistern. Wir haben die beiden einige Male kurz getroffen, aber zu einem weiteren Plaudernachmittag gab es leider keine Gelegenheit. Als wir zum Duschen auf die Champion gingen, blieben wir kurz bei einem anderen interessanten Boot hängen: Diesel Duck ist ein auffälliges Aluminium-Konstrukt. Wir lernten Marianne und Glen am Strand besser kennen, aber ein Zwischenfall verschaffte uns einen Nachmittag bei ihnen an Bord: Glen schwamm zum Boot und liess Marianne mit dem Dinghy zurück, welches sie nicht bedienen konnte. Selin und Dennis erklärten ihr, wie sie den Motor bediente, aber weil Glen die Arretierung des Sicherheitsschalters mitgenommen hatte, konnte der Motor nicht gestartet werden. Glücklicherweise hatten wir noch einen Kabelbinder im Dinghy! Damit arretierte Reto den Sicherheitsschalter dauerhaft und Marianne konnte unter Fern-Anweisung von Dennis nach Hause fahren. Sie beschwerte sich dauernd, dass keiner der Männer genug Geduld hatte um ihr das Dinghy fahren beizubringen. Auch wir ruderten zu Diesel Duck, um ihr unbeholfenes Anlegemanöver zu sehen. Nach drei Versuchen, hatte sie glücklich angelegt und schimpfte ihren Mann aus – zumindest die Arretierung hätte er dalassen können! Reto stellte sich grosszügig als Dinghy-Fahrlehrer zur Verfügung. So durfte ich am nächsten Tag das W-Lan auf Diesel Duck benutzen, während Reto und Marianne mit dem Dinghy umherkurvten. Ausserdem konnte ich mich mit Glen über seine Kunst und seine Ausstellungen unterhalten: Mit zufälligen Farbstrichen zu beginnen und dann darin abstrakte, geometrische Formen zu suchen, fand ich eine originelle Art zu malen. Aber offenbar ist Kunst zu verkaufen ähnlich mühsam, wie Bücher zu verkaufen – von den Ausstellungen hat Glen nämlich die Nase voll. Retos Geduldsfaden war länger als Mariannes – sie hatte bald die Nase voll vom Dinghy. So genossen Reto und ich eine kalte Dusche und kicherten darüber, dass Marianne sich von Dennis und Selin abholen liess, um zum Strand gefahren zu werden. Bevor wir weiterfuhren durften wir bei Diesel Duck unser Wasser auffüllen.

Heiss in Staniel Cay

Der Plan war wie folgt: Müll entsorgen, Mittagessen in der Ortschaft, Proviant kaufen. Umsetzung? Nicht ganz so einfach!

Es war schon heiss als wir den Müll, der sich während der letzten zwei Wochen gesammelt hatte ins Dinghy verluden. Die Sonne brannte auf uns nieder als Reto uns zwei Meilen zum Thunderball Cave und dann an den kleinen Strand dahinter beförderte. Der Schweiss lief nur so über sein knallrotes Gesicht, in dem noch immer ein Sonnenbrand verheilte. Bei der verlassenen Thunderball Marina landeten wir und schleppten unsere Sammlung von Kehricht, Einmachgläsern und Konservendosen auf die Strasse hinauf. Wir hätten natürlich auch beim Jacht Club entsorgen können. Aber warum $6.50 je Sack bezahlen, wenn wir 500 Meter weiter paddeln können und den Müll gratis direkt auf die Deponie bringen, wo er am Ende sowieso landet? Hundert Meter mussten wir unsere Säcke über die brütend heisse Strasse zurücktragen, ehe wir vor dem riesigen, rauchenden Loch standen. Eine enorme schwarze Wolke stieg aus der Mulde auf, um die eine Strasse führte. Wir stiessen unseren Müll hinein und spürten die Hitze des brennenden Kehrichts. Trotz des Gestanks sahen wir uns um, weil die Dinge auf der Mülldeponie spannend anzusehen waren. In der Mitte der Mulde sammelte sich alles, was nicht brannte, in einem giftigen, schwarzen Haufen, während rund herum Plastik und Holz verbrannte. Triefend nass vor Schweiss kehrten wir zum Dinghy zurück und ruderten zum Jacht Club hinunter, dessen Restaurant sicher geöffnet haben würde.

Schutt, Asche und Schadstoffe

Nur wird wegen des Corona-Virus nicht nur eine Maske verlangt (was wir natürlich hatten), vor der Restaurant-Tür wird auch die Körpertemperatur mit einem Laser-Messgerät genommen. Bei Reto mass die Rezeptionistin 43°C! Logischer weise konnte Reto nicht solch hohes Fieber haben, aber eintreten in das klimatisierte Restaurant durften wir deshalb nicht. «Ihr müsst ein wenig abkühlen», meinte die Türsteherin und verwies uns an ein Tischchen im Schatten. Wir stellten uns im Schatten in den Wind, aber als sie nach einer Viertelstunde wieder unsere Temperatur nahm, waren wir immer noch zu heiss. Dafür servierte sie uns schon einmal zwei kalte Getränke. Auch ein Becher voll Eiswürfel kühlte uns aber nicht genug, um ins Restaurant eintreten zu dürfen. Aber die Türsteherin hatte noch einen Trick: «Um die Ecke ist ein Pool mit einer Dusche. Geht euch ein bisschen kalt abspritzen, dann klappt das mit der Temperatur.» Kopfschüttelnd und inzwischen sehr hungrig stellten wir uns unter die Dusche, liessen uns vom Wind trocknen, lüfteten unsere Kleider und fassten den Entschluss, dass dies der letzte Versuch sein würde. Wenn die Dusche uns nicht genug kühlte, dann würden wir nicht vor dem Abend abkühlen. Aber diesmal durften wir endlich das klimatisierte Restaurant betreten, in dem wir in nur fünf Minuten so sehr abgekühlt wären, wie draussen unter der Dusche in 45 Minuten. Glücklich bestellten wir Fish Burger und Club-Sandwich, dazu kalte Cola!

Wir legten mit dem Dinghy direkt am Pier des kleinen General Stores an. Die Auswahl war nicht der Irrsinn, dafür die Preise. Alle Lebensmittel werden von Nassau oder von Florida her mit dem Boot geliefert und in Staniel Cay kommt noch die Touristen Marche obendrauf. Jedoch mochten wir den kleinen Inselladen, der zumindest von allem etwas hatte. Ich kaufte uns ein Bisschen frisches Gemüse, Früchte und Fleisch zum Abendessen, ausserdem ein Spray gegen Mücken und 40 Pfund Eis – es musste ja nur ein paar Tage halten. Zum ersten Mal seit langem bekamen wir wieder einmal Blockeis, welches etwas langsamer schmilzt und damit ganze 4 Tage hält. Bis dahin würden wir alle Lebensmittel verbraucht haben, die man kühlen muss und Reto würde danach wieder warmes Bier trinken müssen. Im Beiboot schichtete ich alle anderen Einkäufe über dem Eis auf, damit es möglichst wenig von der prallen Sonne zu spüren bekam. Reto ruderte uns zurück und durfte dafür Pause machen, bis ich alles verstaut hatte, dann gönnten wir uns den Sun Downer am Cruisers Beach.

Wo Schweine schwimmen

Wir segelten langsam und gemächlich nach Big Mayor Spot und genossen endlich die Benutzung des Fliegers drauf zu haben. Big Mayor Spot, die Insel gleich nördlich von der Ortschaft Staniel Cay, ist nach Georgetown der meistbesuchte Ankerplatz der Exumas. Vor dem Pig Beach, wo die schwimmenden Schweine wohnen, ankern in der Hochsaison bis zu achtzig Boote aller Grössen. Dank Corona ankerten nur zehn, als wir die Segel einholten und uns ein Plätzchen suchten. Wir warfen Anker zwischen dem Pig Beach, an den alle Touristen wollen, und dem Cruisers Beach, der abends von den «durchschnittlichen» Bootsbesitzern genutzt wird, die nicht täglich Champanger auf ihren Megajachten trinken. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass uns dieser Cruisers Beach für fast eine Woche magisch festhalten würde.

Wir standen am Folgetag früh auf, denn wir wollten die Thunderball Cave bei Ebbentiefstand morgens um Acht besichtigen. Ja, es handelt sich um die Höhle, die im James-Bond-Film Thunderball auftaucht und deshalb ein Mega-Touristenmagnet ist. Nachdem Reto uns die zwei Meilen rund um das Südende von Big Mayor Spot gerudert hatte, waren wir das zweite Boot vor dem Höhleneingang. Acht Touristen schnorchelten schon durch den Tunnel mit der grossen runden Höhle in der Mitte. Wieder begrüssten uns die frechen, getigerten Fische, als wir ins Wasser sprangen. Wir schwammen durch den Tunnel und erkundeten jede Ecke der Höhle, ohne dass sich zehn Taucher untereinander im Weg waren. Die dreissig Taucher in der Hochsaison – also jetzt, nur ohne Corona – hätte ich aber nicht erleben wollen. Reto, der selbst mit Schnorchel schon ganz ordentlich tauchen kann, verliess die Höhle durch einen versteckten Ausgang, während ich den «Touristenausgang» verwendete. Das Riff rund um die Höhle wurde nur von uns beschnorchelt, während Tourboot 1 das weite suchte und das nächste mit zwei Familien Anker warf. Als ich den Feuerfisch entdeckte, hielt auch ich es für an der Zeit zum Dinghy zurückzukehren. Die Feuerfische wären eigentlich im Pazifik rund um Australien heimisch, wurden aber von Aquariumbesitzern in die Bahamas verschleppt, wo sie nun einige heimische Fischsorten zu verdrängen beginnen. Um dem entgegenzuwirken wird er hier als Speisefisch beworben, damit die Fischer ihn fangen und verkaufen, wegen der Giftstacheln lassen die Einheimischen aber die Finger davon. Daher essen wir weiterhin Snapper im Restaurant statt Feuerfisch.

Auf dem Rückweg hielten wir beim Pig Beach an. Auch hier lagen schon Boote mit Touristen im seichten Wasser und die Touristen standen mit Futter am Strand. Eigentlich waren diese Schweine berühmt dafür zu den Booten zu schwimmen um gefüttert zu werden, aber hier bewies sich, dass Schweine schlau sind: Die Schweine haben längst gemerkt, dass die Touristen sie auch am Strand füttern, wenn sie nur lange genug warten. Warum also schwimmen, wenn man bequem im kühlen Wasser sitzen kann? Ich versuchte für geraume Zeit ein grosses, geflecktes Schwein zum Schwimmen zu bewegen, musste aber aufgeben, weil ich keine Kartoffeln mehr hatte. Stattdessen fütterte ich die niedlichen Ferkel mit Erdbeerabschnitten und Mangoschale, die mir der Schweinepfleger gab. Fünf kleine Ferkel, vier rosa mit blonden Borsten, eines vorne und hinten braun mit rosa Bauch und Rücken, liessen sich trotz Futter nicht vernünftig fotografieren – immer wenn das Handy in ihre Nähe kam, stürzten sie sich darauf, um es zu fressen! Interessanter als die Schweine, war es die Touristen zu beobachten: Viele hatten offenbar keine Erfahrungen mit Tieren und wurden regelrecht über den Strand gejagt. Keiner hatte Erfolg damit, ein Schwein zum schwimmen zu bewegen! Wir verliessen bald den Kinderzoo, weil es uns zu doof wurde mit Schweinen und Touristen.

Abends machten wir am Cruisers Beach neue Bekanntschaften.

Eine Höhle für Höllenhunde

Der nächste Trip brachte uns nur wenige Meilen nach Südosten, wo wir in der Bucht einer Insel ankerten, die aussieht wie ein eckiges U-Profil. Wir brauchten zwei Versuche bis der Anker sass und fühlten uns damit nicht ganz sicher, aber wir wollten nur für ein paar Stunden zu den grossen Felsen rudern und gegebenenfalls irgendwo anders die Nacht verbringen. Schnorchel-Equipment und Wasser wanderten ins Dinghy, bevor Reto uns zu den zwei hohen, felsigen Inseln brachte. Es war windig und wellig, unsere Alinaza wurde geschüttelt und das Wasser schlug tosend gegen die Felsen. Rock Dundas werden sie genannt und sind bekannt für ihre Brandungshöhlen. Das Wasser frisst über Jahrhunderte grosse Höhlen aus dem Kalkgestein, die jetzt von Schwimmern erreicht werden können. Bei den grössten, sind zumeist Deckenteile eingestürzt, weshalb Lichtkegel in sie hinabfallen. Reto stürzte sich zuerst in die Wellen und schnorchelte das Riff vor den Felsen. Ich beobachtete ihn aus dem schaukelnden Dinghy und mir wurde ganz mulmig, als er schliesslich in einer Felsspalte verschwand, die da wir Flut hatten keinen Meter breit und keine 50 cm hoch war. Aber Reto ist einer der besten Schwimmer, die mir bekannt sind und natürlich tauchte er sicher wieder auf. Er schnorchelte den Felsen entlang, blieb an einem Ort plötzlich halten, holte Luft und weg war er! Er tauchte in eine Höhle, deren Eingang bei Flut komplett unter Wasser ist und für mich unsichtbar war. Und ich? Ich wartete, und wartete in meinem schaukelnden Dinghy. Die drei, vier Minuten, während Reto in der Höhle war, kamen mir sehr, sehr lange vor. Aber schliesslich tauchte er putzmunter wieder auf, kam zum Dinghy und erzählte mir von der tollen Höhle. «Und wie die Wellen da drinnen tosen, Stefy. Es ist schon ein komisches Gefühl, aber die Höhle ist riesig!» Nun durfte auch ich auf Entdeckung gehen – Fische, Korallen, eine riesige Elkhorn Coral, sicher zwei Meter im Durchmesser und nur einen Meter unter Wasser! Aber ich trieb sicher fünf Minuten vor dem Eingang der ersten Höhle, um mich schliesslich abzuwenden, weil ich mich nicht traute hinein zu schwimmen. Ich hatte Angst mir den Kopf zu stossen, obwohl der Eingang genug Platz bot und in die andere Höhle hinein zu tauchen war mir weiss Gott zu unheimlich. Reto fand meine Vorsicht herzig. Er versprach, dass wir bei Ebbe wiederkommen würden, kletterte aber wieder ins Wasser. Mir voraus, schwamm er in die Höhle mit dem grösseren Eingang, damit ich ihm nachschwimmen konnte. Mensch, war mir das peinlich – weltbesegelnde Schriftstellerin von Abenteuerromanen traut sich nicht alleine in eine ungefährliche Höhle zu schwimmen! Es wurde noch ärgerlicher, als ich feststellte, was ich fast verpasst hätte: Die Höhle war so gross, wie das Kirchenschiff unserer Loreto-Kapelle auf dem Achenberg und ein Lichtkegel fiel auf die Mitte herab. Wie in meinem Roman in der Schatzhöhle hatte diese einen Absatz und war hinten höher, jedoch war die Höhle knietief geflutet. Ich kletterte mit einer Welle auf den Absatz und spazierte staunend in der Höhle umher, Reto diesmal mir hinterher. Wir betrachteten die Tropfsteine und ich posierte lustig im Lichtkegel, wie im Licht eines Scheinwerfers – und wieder gibt es keine Fotos, weil wir keine wasserdichte Kamera haben! Unsere Forschungen ergaben anhand der toten Korallen auf dem Boden und an den Wänden, dass die Höhle eins mehr mit Wasser gefüllt gewesen war. Sogar ein frecher kleiner, lila oranger Fisch hatte sich in die Höhle verirrt. Die zweite Höhle sparten wir uns für die Ebbe auf.

Illustration der Schatzhöhle aus „Höllenhunde“

Als wir zurückruderten ankerte neben Sea Chantey bereit ein Motorkatamaran. Die Brixter war auf dem Rückweg nach Florida und hatte sich den gleichen Ankerplatz ausgesucht. Ein kurzes Gespräch brachte heraus, dass Karen und Steve uns in Big Major Spot bei ihren Bootsfreunden angemeldet hatten, was uns eine Freikarte in die Cruiser Comunity werden könnte. Nicht, dass es die bräuchte, aber ist es nicht schön, wenn jemand nach einem Ausschau hält? Da sie bei Ebbe die Höhlen schnorcheln wollten, nahmen sie uns einige Stunden später in ihrem motorisierten Tender mit. Das Wasser und der Wind waren ruhiger geworden und es war keine Sache mehr durch die riesigen Höhleneingänge zu schwimmen. Karen schwamm dennoch in keine hinein. Zum Glück hatte Reto mich bei Flut in die Höhlen geführt, bei Ebbe waren sie nicht annähernd so spektakulär! Die Brixters schenkten uns ausserdem eine zweite Taucherbrille, damit wir nicht immer abwechselnd schnorcheln müssen.