Die Schnecke

Richard fand uns von alleine. Ursprünglich hatten wir ihn in Freeport, einen Tagestrip entfern, abholen wollen. Aber ihn zu uns kommen zu lassen, war einfacher. Glücklicher weise hatten wir schon tags zuvor aufgeräumt und Platz geschaffen, weshalb Richard sofort einziehen konnte. Wir hatten das Resort, welches sich rund um die Marina erstreckt, schon am Vortag erkundet und wussten, was es zu sehen gab. Wie alle Badetouristen verbrachten wir den Nachmittag im klaren, blauen Wasser am Strand, schaukelten in den vom Resort aufgehängten Hängematten und spazierten den Strand entlang, bis wir das Resort längst hinter uns hatten. Uns schien, dass die Hotelanlage ausser den Gästen der Marina kaum zwanzig Personen beherbergte. Die meisten Anlagen waren leer und am Strand befanden sich kaum Leute. Die Marina hingegen war gut belegt mit sogenannten Sportfischern, Privatpersonen, welche mit monströsen Jachten aufs Meer Fahren um Angeln zu gehen. Zumal sie von Florida aus schon den halben Weg nach Grand Bahama zurücklegen, um die Angeln auszuwerfen, übernachten sie oft auf der Insel, um am nächsten Tag fischend zurückzufahren. Das Restaurant hatte sich dem angepasst: Man kann seinen Fisch selbst mitbringen und zubereiten lassen.

Der Berufsfischer auf dem Pier interessierte uns aber weit mehr, denn dieser hockte an einem kleinen Tisch und schnitt etwas Undefinierbares zurecht. Conch, gesprochen Konk, ist eine grosse Seeschnecke mit noch viel grösserem Häuschen und eine Delikatesse auf den Bahamas, darf jedoch nicht exportiert werden. Zusammen mit Zitrone, Orange, Zwiebel, Tomate und Paprika wird daraus der berühmte Conch Salat. Die Schnecke ist auch als Suppe oder frittiert erhältlich. Furchtlos, wie wir sind, kauften Richard und ich dem Fischer eine Schale voll frisch zubereitetem Salat ab. Reto musste sicherheitshalber verzichten, da er gegen Schalentiere allergisch ist und wir bei ihm keine Risiken eingehen. Während der ältere Schwarze den Salat schnippelte, konnte ich seinem Sohn oder Neffen zusehen, wie die Schnecke aus der Schale geholt wird. Dazu wird, leider, in die immense Muschel mit dem Hammer ein Loch geschlagen. Durch dieses wir mit dem Messer das Ende der Schnecke abgeschnitten, welches mit der Muschel verbunden ist. An dem sogenannten Fuss, eine Art Flosse mit der sich die Schnecke bewegt, wird das arme Weichtier aus der Muschel gezogen. Dann werden der Fuss, die Stielaugen und das Geschlecht abgeschnitten, bevor die Schnecke gehäutet wird. Der Vorgang dauert zirka 30 Sekunden. Auch erzählte er uns, wie er die Schnecken mit Schnorchel und Flossen auf dem Grund zusammensammelte. Zirka 300 Stück waren es heute. Weil wir so interessiert waren, zeigte uns der Fischer, wo im Körper die wertvollen Schneckenperlen zu finden wären und er gab uns ein Stück der Schnecke ganz frisch zu essen: Es sah aus wie ein durchsichtiges Spaghetti, das wir der Schnecke nach meinem Verständnis direkt aus dem Geschlecht zogen. Die Vorstellung ist ekelerregend, das «Spaghetti» schmeckte aber nur leicht fischig und salzig, ähnlich wie Kaviar. Der Salat war derweil fertig geworden und auch dessen Geschmack, erinnerte nicht an meine Vorstellung von Schnecke. Das Schneckenfleisch war ähnlich wie eine Auster, nur etwas fester und faseriger, und schmeckte auch so. Ich bin nun auch bereit eine Weinbergschnecke zu probieren, aber ich schätzte dennoch das Kotelett, welches ich im mit Sportfischern überfüllten Restaurant bekam.

Fischerhafen an der Reuss?

Vom Pungo River durch den Pamlico Sound und in den Goose Creek Kanal brauchten wir gerade einmal einen halben Tag. So konnten wir uns einen Stopp mitten im Kanal gönnen, wo in Hobucken tatsächlich ein Fischerhafen liegt. Trawler lagen an dem langen, vernachlässigten Steg, an dessen Nordende wir anlegten. Vorbei an Arbeitsamen Fischern spazierten wir nach Süden und fanden den kleinen Tante-Emma-Laden. Ich versorgte uns mit Fisch für die nächsten Tage: Flunder, Grouper und Red Snapper bekam Reto an den nächsten Abenden zu essen.

Wir ankerten in einem Nebenarm des Neuse River, bevor wir durch den Adams Creek Canal die letzte vorgesehene Etappe des Intracoastal Waterway antraten. Reto fand, mit den Steilen Ufern und den kleinen Sandstränden zwischen den Schilfwäldern erinnere der Kanal an die Reuss. Manchmal bekam ich das Gefühl auch Reto habe Heimweh. Am Adams Creek standen viele Häuser, jeweils mit Bootssteg und Wracks von vernachlässigten Booten säumten unsern Weg. Besonders schmerzte uns der hölzerne Fischtrawler, der umgekippt halb im Wasser liegt. Die Aufschrift Miss Melissa sah frisch aus. Das hübsche Schiff hatte wohl erst im letzten Hurricane sein Ende im Flussbett gefunden. Durch einen weiten Kanal erreichten wir die Brücke, die Beaufort mit Morehead verband und machten eine scharfe Rechtskurve, um in der Marina zu landen. Zumal Gegenwind angesagt war, wollten wir in der Yacht Basin Marina einen Tag Planungsarbeit einlegen.

Das Pferderennen

Sid verabschiedete uns mit einem riesigen, kalten Packet mit gefrorenem Eigenfang:

  • Heilbutt Filet
  • Schwertfischsteak
  • Rauchfisch
  • Rehsteak (in Kanada nur zu bekommen von jemandem, der selbst jagt)
  • Eine ganze Ente
  • Truthahn Stew von seiner Mutter
  • Eingelegte Rote Beete und Zucchini

Es verschlug uns die Sprache! Mit einer Einladung in die Schweiz und einigen Tafeln Schokolade bedankten wir uns so gut wir konnten. Dann machten wir uns auf den Weg. Wir hatten uns für eine Route scharf vorbei am Kap entschieden. Die Unterwasser-Topografie und eine Ansammlung von Untiefen verursacht rund um Cape Sable Strömungen und ungleichmässige Wellen, sogenannte Wasserturbulenzen. Laut unserem Küstenführer sind sie stark genug um eine Jacht Heck nach vorne zu drehen, wenn der Steuermann nicht Acht gibt. Da aber der Gegenwind gegen Mittag abflaute und die Wellen weniger und weiter wurden, rechneten wir uns eine gute Situation aus. So war es auch, nur war auch die gute Situation anspruchsvoll. Vor dem Kap übernahm ich das Steuer und steuerte uns durch die «horse race» genannten Untiefen. Über diesen türmten sich die Wellen hoch auf, ihre Abstände wurden kurz und die Strömungen machten Sea Chantey schwer steuerbar. Die Wellen bremsten uns, weshalb Sea Chantey selbst mit 3000 Touren Mühe hatte eine Geschwindigkeit von 5 Knoten zu halten. Während unser Bug über drei Meter in die Wellentäler hinabfiel, wir unseren Bugspriet regelmässig tauchten und ich mich um das Kap mit dem Leuchtturm kämpfte, sass Reto in der Küche. Fröhlich pfeifend schmierte er Frischkäse-Brötchen. Vor dem Kap musste ich den Kurs ändern, weshalb wir die Wellen von der Seite hatten. Dies schaukelte uns nicht weniger, aber bremste Sea Chantey nicht mehr. Bis Reto gegessen hatte, hatten wir das Kap umrundet. Die Wellen wurden länger und auch ich konnte mich über mein Brötli hermachen.

Ich möchte noch erzählen, dass ich ein echtes Phänomen der Seekrankheit bin. Ein bisschen Schaukeln ist kein Problem, bei mehr Schaukeln wird mir übel, aber wenn die Wellen eine gewisse Höhe überschreiten, ist meine Seekrankheit kuriert. So war mir nicht wohl und ich hatte keinen Hunger, bis ich mit dem «horce race» kämpfen musste. Auch danach hielt sich der Hunger in Grenzen, obwohl mir nicht mehr schlecht war. Aber im Hafen hatte ich Hunger wie ein Wolf, …wie ein Seewolf!

Nun sog uns die Flut der Bay of Fundy entgegen, die den Weltgrössten Gezeitenunterschied hat. Als Ziel hatten wir Wood Harbour gewählt, wo Sids Grossvater wohnt und er daher wusste, dass wir hier das benötigte Material für die weitere Montage unserer Heizung bekommen würden. So fuhren wir in den Fischerhafen ein und machten am erstbesten Fischerboot fest. Reto fand auf seinem Spaziergang keine Hafenaufsicht, aber es schien an diesem Abend niemanden zu interessieren, ob wir da waren. Ich kochte uns die Heilbutt Filets, nature, munière und al Pesto, und eines ist sicher: Sid fischt verdammt guten Fisch.