Quarantäne-Abenteuer IV: Panne

Mittwochs und freitags haben auf den Bahamas inzwischen die Baumärkte wieder geöffnet, weshalb wir die Chance nutzten um uns mit Pinseln einzudecken. Dafür reservierte ich frühzeitig den Mietwagen unserer Marina. Als ich den Schlüssel holte, ahnte ich aber noch nicht wie anstrengend dieser Mittwoch werden würde.

Als wir morgens mit dem Funk-Schlüssel den kleinen Nissan Note nicht aufschliessen konnten, dachten wir uns noch nichts. Wir schlossen physisch aus, ich stellte den Sitz und die Spiegel ein und startete. Aber die Zündung startete nicht. Drei Versuche endeten alle in einem heulenden, traurigen Geräusch: Klarer Fall, die Batterie hatte keinen Strom mehr. Das Marinabüro öffnete leider erst um zehn Uhr, weshalb wir noch eine Stunde totschlugen bevor ich nach Unterstützung fragen konnte. Der Vize-Boss checkte die Zündung selbst und liess uns vom Abwart-Team die Batterie austauschen. Soweit, so gut. Wir begaben uns also auf Irrfahrt. Bis Retos Handy, das uns als Navi diente, seine Position ermittelt hatte, war ich längst irgendwo falsch geradeaus gefahren. Wir befanden uns auf einer Strasse ohne Mittellinie dafür mit sehr schmalen Spuren. Wie ich schon herausgefunden hatte, kommen die Bahamanern manchmal in der Strassenmitte entgegen. Der Linksverkehr machte die Fahrt überdies nicht einfacher. Es kam, was kommen musste und ich fuhr viel zu weit links, so weit dass ich an einer Stelle abrutschte, wo der Strassenrand bröcklig war. Rumms! Pffff… Da der nicht geteerte Strassenrand sehr breit war, fuhr ich sofort von der Strasse und stellte den kleinen Nissan an der Kilometerlangen unfreiwilligen Mülldeponie ab. Der Reifen war platt. Während ich vergeblich versuchte die Marina zu erreichen, versuchte Reto vergeblich den Ersatzreifen aus dem Kofferraum zu holen. Der Stauraum für den Reifen war leer. Aber mit dem Wagenheber konnten wir den Nissan zumindest aufbocken. Bis dahin hatte sich auch ein Mann erkundigt, was das Problem sei und verschwand wieder mit den Worten, er habe vielleicht einen Reifen für uns. Eine Minute später wurde das Glück noch grösser, denn ein Polizeiauto parkte neben uns. Erst dachte ich auch noch eine Busse zu bekommen, weil ich gerade keine Schutzmaske trug, aber der Polizist packte uns samt dem Reifen in seinen Streifenwagen. Keine hundert Meter weiter vorn war eine «Garage», wenn man das mit Autowracks umringte Werkstättchen so nennen konnte. Aber der Mechaniker beulte innert fünfzehn Minuten unsere Felge aus, füllte den Reifen mit Luft und prüfte ihn mit Seifenwasser auf Dichtheit. Dafür wollte er zehn Dollar – und bekam zwanzig! Bis wir beim Nissan ankamen, hatte auch der erste Helfende einen passenden Reifen samt Felge hinter seinem Haus hervorgezaubert. Dankend montierten wir unseren eigenen und fanden nach dreissig Minuten Irrfahrt endlich diesen Baumarkt. Mit den Nerven ziemlich blank parkte ich am erstbesten Ort. Zu Fuss suchten wir den Eingang und fanden eine zweihundert Meter lange Kolone. Wir warteten also dreissig bis vierzig Minuten in der prallen Sonne, bevor wir endlich in ein Geschäft eingelassen wurden, das ein Sortiment führt wie Coop Bau+Hobby in der Schweiz. Wir begannen unsere Einkäufe zusammenzusuchen, deponierten sie im Wagen und rückten so durch die sehr engen Gänge des sehr vollen Baumarkts. Ich überlegte nicht viel, als ich den Wagen fünf Minuten an einem Ort stehen liess, wo er möglichst nicht störte. Als ich zu unserem Einkaufswagen zurückkehrte, war der verschwunden – wie vom Erdboden verschluckt. Reto ärgerte sich besonders, dass die letzten beiden 24er Packungen Pinsel mit ihm verschwunden waren. Mit dem Einkaufskorb begannen wir den Einkauf von vorne. Nur, dass auch eine andere Frau sich beim Personal nach dem verbleib ihres Wagens erkundigte, gab mir ein bisschen Genugtuung. Immerhin war ich nicht die einzige Dumme. Als wir den Einkauf endlich hinter uns gebracht hatten, war ich so am Ende mit den Nerven, dass wir auf ein Mittagessen bei Wendy’s und auf eine halbe Stunde Schlange stehen am Drive-in verzichteten. Ich hatte die Pause bitter nötig, als ich bei einem winzigen Lebensmittelladen anhielt. Reto wurde zum Trinkwasser kaufen geschickt und kehrte erstaunlich bald vollbepackt zurück. Neben Wasser brachte er mir auch drei immense Schweinsteaks, die als Abendessen in Auftrag gab. Er rettete damit den Rest meines Tages, denn obwohl das Büro schon geschlossen war und ich den Schlüssel nicht mehr am gleichen Tag zurückgeben konnte, bekam ich zwei wunderbare Abendessen. Die Steaks waren so gross, dass wir nicht mehr als anderthalb pro Mahlzeit brauchten, weshalb wir sie als Steak mit Senfmarinade und mit Sojasosse als Geschnetzeltes bekamen. Ein Highlight!

Fazit I: Ich fahre nie wieder in den Bahamas. Fazit II: Schweinssteak kaufen wir wieder bei Tante Emma.

Quarantäne-Abenteuer III: Regen

Nach Wochen der stehenden Hitze war schon dieser erfrischende Wind ein echter Segen. Wir hatten uns bis letzte Woche noch immer nicht richtig an dieses Klima gewöhnt und sehnten uns nach dem kalten Norden: Zum Vergleich, wir befinden uns auf dem gleichen Breitengrad wie die Sahara. Nun betrachteten wir aber mittel Woche abends eine dunkelgraue, blitzende Gewitterwolke am nördlichen Himmel. Aber aus der Erfahrung wussten wir, dass diese so schnell verschwinden konnte wie sie aufgetaucht war. Ich schlief wegen des wunderbaren, kühlen Windes in der folgenden Nacht sogar auf dem Deck ohne nass zu werden. Weil das Deck aber etwas unbequem war, erwachte ich früh und machte Kaffee. Während des Frühstücks beobachteten wir dauern diese schwarze Wolke. Der Wind frischte weiter auf. Als wir entschieden die Dachluken zu schliessen, begann es ohne weiter Vorwarnung wie aus Eimern zu schütten! Erst schlossen wir alle Dachluken, dann die Bullaugen, weil das aufprallende Wasser auf dem Deck hereinspritzte, danach steckten wir die hölzerne Tür in den Niedergang. Leider erinnerten wir uns erst dann an das Dinghy. Weil es am Tag vorher abgesoffen war, weil die Schraube im Abfluss nicht mehr dicht war, hatte Reto diese mit einem sehr dichten Holzzapfen ersetzt und es an die Davits gehängt. Wenn der Regen unsere Alianza mit Wasser füllte, bestand die Gefahr, dass die Davits dem Gewicht nicht mehr standhielten und ausrissen! Heldenhaft (wie er sich vielleicht vorkam) zog sich Reto komplett aus, sprang aus der Schiebeluke über das Holztürchen und löste die Halteseile, mit denen das Beiboot an den Davits aufgezogen war. Mein Auftrag war ihm ein trockenes Handtuch zu besorgen – dabei hatte ich andere Probleme! Durch die Sonneneinstrahlung war unser Deck stark ausgetrocknet und nicht mehr dicht. Es tropfte überall in unsere Betten, direkt von der Decke ins WC und in die Küche. Ich kramte also das einzige Badetuch unter der Sitzbank hervor, dass nicht draussen «zum Trocknen» aufgehängt war. Bis dahin war ein pitschnasser, sehr erfrischter Reto wieder in die Kabine geklettert. Er bekam das Handtuch und ich verteilte Schalen, Töpfe und Tücher unter dem tropfenden Deck. Natürlich zu spät, alles war schon nass. Kein Wunder, auf dem Deck stand das Wasser fünf Zentimeter tief. Wir machten es uns an den trockenen stellen bequem und taten, was man an regnerischen Tagen tut: Wir sahen einen Film.

leider sieht man nicht wie tief das Wasser an Deck ist

Bis Baron von Münchhausen die Stadt gerettet hatte, war der Monsun vorbei und das Deck schon wieder trocken. Wir schafften nun alle Tücher zum Trocknen an Deck. Ausserdem pumpten wir unser armes, halb ertrunkenes Dinghy aus. Die Bettdecken mussten aber abends in den Trockner.

Quarantäne-Abenteuer II

Der ganz normale Alltag entwickelt sich in den Bahamas zum Abenteuer. Während im Yamacraw Salomon’s niemand sortiert nach Anfangsbuchstabe des Nachnamens einkaufen muss, wie es der Staat eigentlich verlangt, ist hier strickte Maskentragpflicht. Problematisch für uns, denn wir haben weder einen blassen Schimmer wo wir Masken kaufen können und bestellen können wir keine, denn die Post ist auch in den Bahamas überfordert. Der freundliche Security erlaubte uns aber mit einem T-Shirt umwickelt den Laden zu betreten. 28°C nötigten mich dazu mir Retos verschwitztes T-Shirt um Mund und Nase zu binden, ehe ich das Einkaufszentrum betreten durfte. Entsprechend versuchte ich schnell einzukaufen. Einzige Verbesserung seit dem letzten Einkauf: Alle Kassen waren geöffnet und niemand musste vor einer Kasse Schlange stehen.

Inzwischen hat sich das Bahamische Regiment soweit mit der Kriese auseinandersetzten können, dass auch jemand sich um die armen, gestrandeten Privatboote Gedanken machte. Damit wir gefährlichen Segler das Virus nicht von einer Insel zur nächsten schleppen, mussten wir uns nun registrieren. Wo waren wir seit unserer Einreise und wann? Selbst mit Blog vergessen wir jeweils, wann wir wo waren und wir verfolgten eine gute Stunde all unsere Routen zurück, bis wir einen plausiblen Zeitstrahl erhielten. Nun wissen die bahamischen Behörden, dass wir praktisch während der ganzen Verbreitungszeit des Covid-19 längst bei ihnen waren. Trotzdem herrscht weiterhin Reiseverbot.

Unsere Unterhaltsarbeiten neigen sich dem Ende: Uns gehen die Pinsel aus. Die Namensplatte am Spiegel wird am 20. April vollendet werden. Wir sind sehr positiv überrascht vom Ergebnis, Name, Seilschnitzerei und auch die zwei Sterne schimmern in schönstem Gold mit schwarzem Rand. Reto begann stattdessen mit dem Herausputzen und Reinigen aller Ecken im ganzen Boot. Die Vorpiek (die Segel- und Ankerlast) wurde geputzt und frisch bemalt. Als nächstes hat sich Reto das Heck vorgenommen.

Quarantäne-Abenteuer I

Inzwischen wissen wir sogar an Land nicht mehr genau welcher Tag ist und was wir für eine Datum haben. Aber wir sind zufrieden mit unseren Fortschritten. Die Namenplatte am Heck wurde während der letzten Tage komplett abgeschliffen, die Lettern vorgezeichnet und überlackiert. Nach zwei weiteren Schichten dunklen Klarlack werde ich die Schnitzerei golden anmalen, welche ein Seil darstellt und während sechzig Jahren mindestens fünf unterschiedliche Farben gehabt haben muss. Falls genügend Goldfarbe vorhanden ist werde ich auch Sea Chanteys Namen und Heimathafen in prunkvollem Gold aufmalen, sollte sie nicht genügen wird der Schriftzug vielleicht… grün? Weiss? Wer weiss?

Das Segelcover, an dem Reto seit South Carolina bastelte, wurde in den letzten Tagen fertig und der stolze Kapitän riggte seinen «Flieger». Wir nennen das vorderste, baumlose Segel so, da die korrekte Bezeichnung wohl «Klüverstengevorstagsegel» wäre, was uns entschieden zu lang ist. Wir übernahmen die Bezeichnung «Flyer» von Brad (Sea Chanteys Vorbesitzer), der es «fliegend» nannte, weil es nirgends an Holzangeschlagen ist. Wir montierten gemeinsam das Cover auf dem Segel und waren erstaunt, wie gut es passte. Retos erstes Segelcover passt. Respekt bitte!

Auch ich hatte Premiere: Ich zerlegte zum ersten Mal einen Fisch. Bei einigen Fischern kauften wir eine kleine Grouper, ein Karpfenförmiger Raubfisch mit roten Augen und Stacheln an den Rücken- und Bauchflossen. Unsere war «nur» zirka 50 cm lang. Sie hätte gerade in den Backofen gepasst, weshalb ich ihr den Bauch aufschnitt, um die Eingeweide zu entfernen. Derweil guckte Reto Youtube-Filme zum filetieren von Grouper, weshalb ich auch dies zu versuchen hatte. Filet lässt sich einfacher zubereiten und essen. Hinter der seitlichen Flosse wird der Fisch eingeschnitten und dann das Filet vom Rücken herabgetrennt. Eigentlich einfach, nur wäre es einfacher gewesen, wenn ich nicht zuvor den Bauch geleert hätte. Man lernt eben aus Fehlern.

Ich musste noch etwas aus Fehlern lernen: Ernte nie Kokosnüsse ohne Schutzhelm und Stahlkappenschuhe!! Als ich mit dem Bootshaken einige Nüsse von der Palme holte, stellte ich fest, wie gut ich sie schon vom Baum lösen konnte. Gleich darauf stellte ich fest, wie schmerzhaft es ist, wenn so eine Kokosnuss einen Zeh trifft. Volltreffer! Der Schmerz ist unglaublich, selbst für einen Schriftstellerin unbeschreiblich! Als würde man mit eiskalten, durchgefrorenen Füssen in eine Bowlingkugel treten (oder so stelle ich mir die Bowlingkugel vor). Die nächsten drei Tage verfärbte sich mein Zeh vorlaufend von rot-violett und geschwollen nach dunkelviolett nach blau, wobei sich ein lustiger Streifen quer über meinen Zeh legte. Nach dem blauen Zebra-Look färbte er sich wieder normal und schmerzt fast nicht mehr. Aber nach der Erfahrung mit dem Zeh, erspare ich mir die mit dem Kopf!!

Das Internet der Palm Cay Marina geht uns bisweilen auf die Nerven, daher muss ich auch diesmal einen Nachliefertermin für die Fotos anmelden.

Solange man noch kann

Wir ankerten in einer Bucht am Nordwestende von New Providence, das schon beinahe komplett von der Stadt Nassau überwachsen ist. Wir hatten hier wieder Radioempfang und wussten daher, was der Premierminister der Bahamas bezüglich des Coronavirus COVID-19 zu tun gedenkt. Ausgangssperre für die ganze Bevölkerung und der Verkehr zwischen den Inseln wird komplett untersagt. In Kraft treten sollte alles am morgigen 24. März und mindestens bis Ende Monat andauern. Vorerst nahmen wir die Informationen locker, denn was dies für private Boote bedeutete, war noch nicht klar. Doch wir entschieden uns am Folgetag sofort in eine Marina zu begeben, um uns im Internet informieren zu können.

Am Dienstag, 24. März fuhren wir deshalb um das westliche Ende der Insel, um von Süden die Palm Cay Marina erreichen zu können. Noch hatten wir normal einchecken können, nachdem wir am frühen Abend angekommen waren. Nur alle Restaurants und Lieferdienste waren geschlossen, weshalb wir uns an meinem beliebten «Falschen Seehund» erfreuten. Richard informierte sich schon seit der Ankunft auf New Providence regelmässig beim Flughafen, ob sein Flug nach New York den fliegen würde. Die Flüge von Nassau aus wurden reihenweise gestrichen, nach New York zu kommen wurde sogar besonders kritisch. Richard liess sich daher auf einen Flug nach Atlanta umbuchen und beschloss den erstbesten Flug zu nehmen, der flog. Die bedeutete für Reto und mich, dass wir am 25. noch mit Richard im Café (das erstaunlicherweise geöffnet hatte) frühstückten, bevor unser Freund zusammenpackte und sich auf den Flughafen fahren liess. Reto und ich wetteten, ob der Flug ging oder ob uns Richard noch eine Weile erhalten blieb. Ich verlor, denn abends erhielten wir ein SMS das Richard in Atlanta angekommen war und offensichtlich sogar auf New York weiterfliegen konnte, von wo aus eine Swiss-Maschine ihn nach Hause bringen würde. Ein, zwei Tage später erhielten wir ein weiteres SMS: Richard darf noch nicht zur Arbeit, weil er Quarantäne aufgebrummt bekommen hatte. Wir hatten derweil unsere eigenen Corona-Erlebnisse: Als ich das erste Mal einkaufen ging, wurden die Personen Portionenweise in den Laden gelassen, doch standen alle in einem riesigen Haufen vor der Tür. Beim nächsten Einkauf (unser Glacé-Verbrauch stieg proportional an) hatte ich schon in einer geordneten Linie anzustehen, in der Personen auf Markierungen mit je zwei Metern Abstand zueinander Schlange zu stehen hatten. Die Schlange reichte um das halbe Gebäude. Seither habe ich mir das Einkaufen gespart, denn bis ich unser Boot wieder erreichte, wollte Reto schon eine Vermisstenanzeige für mich aufgeben. Da wir uns für eine Woche eingemietet hatten, um die Corona-Entwicklungen zu beobachten, bemerkten wir unterschiedlichste Veränderungen. Das Restaurant hat inzwischen einen Take-Away eingerichtet. Die Pools des nahen Resort sind alle gesperrt, aber der private Stand wir von Marina- und Resortgästen rege genutzt. Das Café öffnet dafür inzwischen nicht mehr. Inzwischen wurde die Quarantäne bis am 8. April verlängert und private Boote dürfen sich zwischen den Inseln nicht mehr bewegen. Wir sitzen fest.

Was auch seine Vorteile hat: Der Blog ist einmal wieder auf dem neusten Stand. Reto hat sein Segelcover fertiggestellt. Ich kann meine Steuererklärung ausfüllen und endlich einmal wieder an meinem zweiten Buch arbeiten. Von unserem Bootsnachbar haben wir gelernt, wie man Kokosnüsse aufschneidet, um an das Kokoswasser zu kommen. Dieses neue Wissen bekommen nun die Kokosnüsse zu spüren, die an den Palmen der Marina wachsen. Ausserdem schlossen wir Freundschaft mit dem Streuner, der in der Marina lebt. Sie ist ein kniehohes, braunes Hundeweibchen, dass nie bellt und alle Gäste mit ihrer liebenswerten Art erfreut.

Hoffmann’s Cay

In zwei Tagesetappen erreichten wir Hoffmanns Cay, eine kleine Insel auf der Ostseite der Berry Islands Inselgruppe. Wir versteckten Sea Chantey hinter der Nebeninsel vor dem Ostwind, um zwei Tage zu bleiben. Mein Zustand der dauernden Übelkeit hatte sich in eine dauernde Antriebslosigkeit verwandelt, die aber allmählich wich. Diesmal machte dennoch ich die Ankerwache, während die Jungs die Ersterkundung der Insel in Angriff nahmen. Sie schwärmten bei ihrer Rückkehr von der Lagune und dem blauen Loch, dass es mich fast ärgerte. Am nächsten Tag gingen wir zu Dritt auf Erkundung. Vom Ankerplatz aus ruderte Richard uns in Alianza nach Norden, vorbei an einem kleinen Strand, den eine Familie mit Kindern besetzt hatte. Auch am langen Strand ruderten sie mich vorbei, dann bogen wir in eine grossflächige, seichte Lagune ein. Hier tummelten sich Meeresschildkröten im knietiefen Wasser, die vor unserem Dinghy flüchteten. Ich war erstaunt, wie schnell sie schwimmen können, wir hatten nicht das Glück eine von nahem zu sehen. Dafür entdeckten wir Anemonen zwischen den Wasserpflanzen und bestaunten die Mangroven. Dann ruderten wir zurück zum grossen Strand, wo wir das Dinghy zurückliessen. Barfuss liefen wir einem mit Laub und Sand bedeckten Pfad nach der sehr plötzlich auf einer steinernen Platte endete. Unter uns lag das blaue Loch mitten in der Insel und tiefblau. «Lauf diesem Pfad nach, dann glaubst du gleich nicht mehr, dass man auf dieser Felsplatte stehen kann», meinte Reto und ich kletterte den Pfad hinunter. Er endete am Rand des blauen Lochs in einer halb offenen Höhle, deren Decke die Felsplatte war. Sie konnte nur einen Meter breit sein, doch die Höhle darunter war tief wie eine Garage und es schien wirklich unmöglich, dass sie nicht einstürzte. Wir krochen ein bisschen in der Höhle herum, bevor wir dem Pfad zurückfolgten, bis zur ersten Verzweigung. Wir hatten vom Wasser aus, einen Schornstein aus den Palmen aufragen sehen und wollte nun das Gebäude finden. Zwei Mal liefen wir falsch, bevor wir plötzlich vor dem Gebäude in der Grösse eines Vans standen. Es hatte kein Dach, war zugewachsen und seine Grundmauern waren nur vier Meter lang und zweieinhalb Meter breit. Da wir an diversen Orten Steinhaufen gesehen hatten, fragten wir uns auf dem Rückweg, ob auf der Insel einst eine Ortschaft gewesen war. Dies fanden wir aber nicht heraus.  Stattdessen begaben wir uns auf den Heimweg, denn wir wollten am nächsten Tag ausgeruht nach Nassau segeln.

Das Flugzeugwrack vor Great Harbor

Wir hatten den perfekten Wind, um zu den Berry Islands südöstlich von Grand Bahama zu gelangen. Abends setzten wir die Segel und hatten eine relativ ruhige Überfahrt. Nur wurde mir sofort schlecht, richtig schlecht, so schlecht, dass ich meine Wache nicht durchhielt. Mein armer Reto bekam in dieser Nacht fast keinen Schlaf, obwohl die Nacht so ruhig war, weil er mich wieder ablösen musste. Ich lag dann mit grünem Gesicht an Deck und entschuldigte mich im 5 Minuten Takt. Es tat mir sehr leid, Reto um seinen Schlaf zu bringen. Trotz Wellen aus einer unpraktischen Richtung schlief Richard hervorragend, weshalb wir ihn nicht zum Steuerdienst verdonnern wollten. Am Horizont tauchten die Lichter von Passagier- und Frachtschiffen auf, die auf Reede lagen, wir passierten sie und sie verschwanden. Reto gab sich alle Mühe zur Verbesserung meiner Lage, aber weder selbst zu steuern noch die Lichter zu beobachten brachten mir Besserung. Mit dem Morgen erreichten wir die Riffe der Berry Islands, welche ich gequält vom Bug aus zu beobachten hatte. Sollten wir auf eine Untiefe zufahren, war es an mir dies zu melden. Jedoch fuhren wir ohne Probleme an unseren vorausbestimmten Ankerplatz und warfen in einer Bucht Anker. Hier schliefen wir den Rest des Tages: Reto, weil er müde war, ich, weil mir noch immer schlecht war und Richard, weil er nichts Besseres vorhatte.

Meine Magengegend hatte sich zwar noch nicht richtig erholt, dennoch wollte ich am folgenden Nachmittag unbedingt mit Reto das Flugzeugwrack ansehen gehen. Richard wünschte sich einen faulen Tag und blieb als Ankerwache zurück. So ruderte Reto mich zum Wrack. In nur 1.5 Metern tiefe liegen die Trümmer einer DC-3, welche in den 80ern abgestürzt war. Wie Reto gelesen hatte, war sie bei einem Drogentransport schlecht notgelandet. Bei Ebbe sticht das eine Triebwerk, oder besser dessen Reste, durch die Wasseroberfläche. Auch machten wir Tragflächen, die Heckflosse und ein Fahrwerk unter Wasser aus, weshalb wir glauben, die Maschine habe sich überschlagen. Nur fotografieren liess sich das Zeitzeugnis nicht, denn die Wellen spiegelten. Wir ruderten weiter zum Strand und spazierten ein Stück, bevor wir uns das blaue Loch ansahen. Es handelt sich um eine besonders tiefe Stelle, weshalb das Wasser dort dunkelblau ist. Die meisten blauen Löcher entstanden als Höhlen während der letzten Eiszeit, welche nun eingebrochen sind. Reto fand es spannend, ich fand es unheimlich. «Hast du Angst, dass dich das Meeresungeheuer frisst, Stefy?», lachte er mich aus. Ich murrte nur, weil ich auch nicht weiss, weshalb ich das endlose blaue Loch unheimlich fand. Ich finde auch Aussichtstürme unheimlich, wenn sie Gitterboden haben und ich sehen kann wie tief es heruntergeht. Jedenfalls war ich dank meines eigenartigen Magens von dem Ausflug vollkommen kaputt, als wir zurückkehrten. Reto planschte dafür noch frischfröhlich im Wasser herum.

Wir verschoben uns am Folgetag in die Marina der Hauptstadt der Berry Islands. Wir reden von einem Dorf mit 800 Einwohnern. Durch einen freigesprengten Eingang gelangten wir in einen natürlichen Hafen, der rundum mit Felsen umgeben ist. Hier bemerkten wir vom Corona-Wahnsinn schon mehr, denn die Restaurants waren geschlossen, nur ein Lieferservice noch möglich und ausser Bootbesitzern gab es keine Touristen. Uns störte es nicht: Bestellten Pizza zum Abendessen und der Besitzer des einzigen geöffneten Ladens fuhr uns Zu Restaurant hoch, wo wir Kotelette und Reis zum Mittagessen abholten. An beiden Gerichten assen wir am nächsten Tag noch. Am Nachmittag leihten wir uns Fahrräder von der Marina und radelten auf die Ostseite der Insel an den Strand. Reto schwamm, Richard fotografierte und ich ging auf Schatzsuche. Seeigel und Meerschwämme fand ich zuhauf, ein Stück Sepia war mir sogar wertvoll genug, dass ich es mitnahm. Als Reto abgekühlt war, radelten wir zurück in die Ortschaft Great Harbor.

Richard gönnt sich einen Drink

Eine einsame Insel

Da wir Richard nun hatten, stachen wir wieder in See. Bei allerschönstem Postkartenwetter kreuzten wir gegen den Südostwind auf, um nach Port Lukaya östlich von Freeport zu gelangen. Richard musste sich einen Grossteil des Trips unter Deck verkriechen. Seine winterlich blasse Haut vertrug trotz Sonnencreme nicht einen Bruchteil von dem, was unsere aushielt. Dennoch holten Reto und ich uns Sonnenbrand an diversen Stellen. Wir genossen das Segeln, wichen einem Frachter aus und bewunderten zwei enorme Industriebauten, die vor der Küste aus dem Meer ragten, doch wir legten nicht die gewünschte Distanz zurück. Ich hatte uns in Port Lukaya in der Marina eines Hotels angemeldet, weshalb wir auf Motor umstiegen. Innerhalb zwei Stunden erreichten wir den Kanal nach Port Lukaya und dockten hinter dem Flamingo Bay Hotel. Während Reto mit unserem Nachbarn plauderte, erkundeten Richard und ich das Resort: Die Poolbar war geschlossen, ebenso das Restaurant und unsere Dusche tat ihren Zweck, mehr nicht.

Stefanie und Richard bei der Wache

Wir kamen erst am Folgetag in den Genuss des leeren Resorts. Auch hier zählte die Kundschaft nur fünf oder sechs Familien, der Luxusdampfer hatte wegen der ersten Corona-Einschränkung nicht anlegen dürfen. Ausserdem ist auch in den Bahamas erst im Sommer Saison, was wir nicht begreifen konnten, weil wir schon im Frühling schwitzten. Doch ich verbachte den Tag ohnehin in der Hotellobby, wo ich einen wunderbaren Sessel und Internet für die längst fälligen Blogbeträge hatte. Die Jungs faullenzten und lasen, Reto arbeitete ab und an dem Segelcover für den Flieger. Doch wirkliche Erfrischung fanden wir erst am Nachmittag, bei einem Sprung in den Pool. Auch die Bar war heute geöffnet: In einem künstlichen Erdhügel in einer künstlichen Grotte war eine Bar eingerichtet, in welcher sowohl man direkt vom Pool aus als auch von einer normalen Baranlage aus bedient wurde. Wir gönnten uns Vitamin C, Reto und ich vom Wasser aus, während Richard auf einem Barhocker Platz genommen hatte. Ihm war nicht nach Baden. Tatsächlich wurde mir bald das Badewasser zu kalt, das Heisswasserbecken war mit dem Sonnenbrand an den Beinen aber eine Herausforderung. Reto stellte nicht einmal die Füsse hinein und ich, die bekennende Heissduscherin, brauchte 10 Minuten bis ich meinen Sonnenbrand ins Wasser versenkt hatte. Dann blieb ich aber glücklich fast eine halbe Stunde in meinem Hummerkochtopf sitzen. Dann wurde uns die Poolanlage unter dem Ar…   … unter der Nase weggeschlossen. Genau rechtzeitig, damit das Restaurant noch geöffnet hatte. Während des Essens unterhielten uns die wilden Katzen, welche im Resort wohnen. Die Streuner tigern über die Veranda zwischen den Tischen hindurch auf der Suche nach Futter und dulden sich dabei untereinander nicht.

Da wir erst abends die Marina verlassen wollten, um an unser nächstes Ziel zu gelangen, hatten wir noch einen Tag zur Verfügung. Mit dem Shuttle-Boot fuhren wir ins Downtown des Touristenorts. Auch hier waren die Strassen leer, viele Restaurants geschlossen und viele Souvenirshops verrammelt. Wir fanden einen Bankomat wo wir Bahamische Dollar abheben konnten. Richard kam zu einem Tank Top und auch ich handelte aus purer Freude ein wenig an einem Stand, um zwei Perlmutringe. Nur hatte ich kein kleines Geld und der Verkäufer konnte nicht wechseln: Fräulein, Sie sind heute meine erste Kundin! Er konnte aber ein paar kleine Scheine besorgen und ich lief zum Geldautomaten zurück, um 20iger abzuheben. So kam auch ich zu einem Souvenir. Wir assen ein frühes Abendessen, bevor das Shuttle uns zum Boot zurückbrachte und wir in See stachen.

Die Schnecke

Richard fand uns von alleine. Ursprünglich hatten wir ihn in Freeport, einen Tagestrip entfern, abholen wollen. Aber ihn zu uns kommen zu lassen, war einfacher. Glücklicher weise hatten wir schon tags zuvor aufgeräumt und Platz geschaffen, weshalb Richard sofort einziehen konnte. Wir hatten das Resort, welches sich rund um die Marina erstreckt, schon am Vortag erkundet und wussten, was es zu sehen gab. Wie alle Badetouristen verbrachten wir den Nachmittag im klaren, blauen Wasser am Strand, schaukelten in den vom Resort aufgehängten Hängematten und spazierten den Strand entlang, bis wir das Resort längst hinter uns hatten. Uns schien, dass die Hotelanlage ausser den Gästen der Marina kaum zwanzig Personen beherbergte. Die meisten Anlagen waren leer und am Strand befanden sich kaum Leute. Die Marina hingegen war gut belegt mit sogenannten Sportfischern, Privatpersonen, welche mit monströsen Jachten aufs Meer Fahren um Angeln zu gehen. Zumal sie von Florida aus schon den halben Weg nach Grand Bahama zurücklegen, um die Angeln auszuwerfen, übernachten sie oft auf der Insel, um am nächsten Tag fischend zurückzufahren. Das Restaurant hatte sich dem angepasst: Man kann seinen Fisch selbst mitbringen und zubereiten lassen.

Der Berufsfischer auf dem Pier interessierte uns aber weit mehr, denn dieser hockte an einem kleinen Tisch und schnitt etwas Undefinierbares zurecht. Conch, gesprochen Konk, ist eine grosse Seeschnecke mit noch viel grösserem Häuschen und eine Delikatesse auf den Bahamas, darf jedoch nicht exportiert werden. Zusammen mit Zitrone, Orange, Zwiebel, Tomate und Paprika wird daraus der berühmte Conch Salat. Die Schnecke ist auch als Suppe oder frittiert erhältlich. Furchtlos, wie wir sind, kauften Richard und ich dem Fischer eine Schale voll frisch zubereitetem Salat ab. Reto musste sicherheitshalber verzichten, da er gegen Schalentiere allergisch ist und wir bei ihm keine Risiken eingehen. Während der ältere Schwarze den Salat schnippelte, konnte ich seinem Sohn oder Neffen zusehen, wie die Schnecke aus der Schale geholt wird. Dazu wird, leider, in die immense Muschel mit dem Hammer ein Loch geschlagen. Durch dieses wir mit dem Messer das Ende der Schnecke abgeschnitten, welches mit der Muschel verbunden ist. An dem sogenannten Fuss, eine Art Flosse mit der sich die Schnecke bewegt, wird das arme Weichtier aus der Muschel gezogen. Dann werden der Fuss, die Stielaugen und das Geschlecht abgeschnitten, bevor die Schnecke gehäutet wird. Der Vorgang dauert zirka 30 Sekunden. Auch erzählte er uns, wie er die Schnecken mit Schnorchel und Flossen auf dem Grund zusammensammelte. Zirka 300 Stück waren es heute. Weil wir so interessiert waren, zeigte uns der Fischer, wo im Körper die wertvollen Schneckenperlen zu finden wären und er gab uns ein Stück der Schnecke ganz frisch zu essen: Es sah aus wie ein durchsichtiges Spaghetti, das wir der Schnecke nach meinem Verständnis direkt aus dem Geschlecht zogen. Die Vorstellung ist ekelerregend, das «Spaghetti» schmeckte aber nur leicht fischig und salzig, ähnlich wie Kaviar. Der Salat war derweil fertig geworden und auch dessen Geschmack, erinnerte nicht an meine Vorstellung von Schnecke. Das Schneckenfleisch war ähnlich wie eine Auster, nur etwas fester und faseriger, und schmeckte auch so. Ich bin nun auch bereit eine Weinbergschnecke zu probieren, aber ich schätzte dennoch das Kotelett, welches ich im mit Sportfischern überfüllten Restaurant bekam.

Flucht durch den Golfstrom

Nachdem wir einen ganzen Tag von den Bugwellen von Jachten an unserem Ankerplatz geschüttelt worden waren und in sieben Marinas angerufen hatten, in der enttäuschten Hoffnung eine Dusche zu bekommen, hatten wir DIE NASE VOLL VON PALM BEACH! Zu voll, zu reich, zu ungehobelt und rücksichtslos. Dabei war mein Reto sonst schon genervt – die Überquerung des Golfstroms sorgte ihn. «Don’t mess with the Gulf Stream!» hatten uns diverse Segler gewarnt. Der Golfstrom, welcher den Atlantik, die Britischen Inseln und Norwegen aufwärmt, fliesst von Süden nach Norden an der Küste Floridas hoch. Er bis zu vier Knoten Strömung haben, was ein Boot sehr weit abdriften lassen kann. Des weiteren kann man ihn bei Nordwind nicht übersegeln, weil die Wellen unbeherrschbar hoch, spitz und kurz werden. Für uns war Ostwind vorhergesagt, Gegenwind. Ausserdem war bis zu 3 Knoten Strom für unseren Stichtag vorhergesagt. Reto war unschlüssig, wie dieses anspruchsvolle Stück Ozean anzupacken war, dabei waren beide Pläne, die er geschmiedet hatte, umsetzbar und gut. Nach einem halben Tag unschlüssiger Aufregung, gingen diese Sorgen auch mir an die Substanz und ich griff zu drastischen Massnahmen: «Du willst dir die Verantwortung für diesen Trip nicht aufladen, weil du Angst hast, dass es nicht glatt läuft?» Ich formte mit der Hand eine Pistole und setzte sie meinem Liebling mitten auf die Brust. «Dann meutere ich jetzt! Ich bin jetzt Kapitän, wir machen es, wie ich sage und ich bin unwissend und kaltblütig genug, um für alles die Verantwortung zu übernehmen!» Tatsächlich erleichtert es meinen Reto die Verantwortung abtreten zu können, auch wenn es nur gespielt ist. Aber ich machte ihm jetzt den verantwortungsvollen Kapitän und erklärte ihm, wie ich über diesen Golf fahren würde, oder er es so mochte oder nicht. Ich studierte den Wetter- und Windbericht und bestimmte, dass wir am folgenden Morgen um 07:00 Uhr die Küste verlassen würden. Dann gab es Abendessen.

Überfahrt bei gleisendem Sonnenschein über blaustes Wasser

Wir mussten um 05:00 Uhr aufstehen und den Anker einholen, um gegen 07:00 Uhr aus dem Inlet fahren zu können. Wir hätten dann Ebbentiefststand haben sollen und damit keine Strömung in die Lagune, leider stimmte die Zeitangabe nicht und wir ärgerten uns mit ein wenig Gegenstrom herum. Viel ärgerlicher waren aber die Sportfischer mit ihren enormen Jachten, die uns schüttelten als sie zum Fischen rausfuhren. Schon bei Sonnenaufgang war mir schlecht. Nach meinem Plan hielten wir Kurs Südost, um den Abdrift auszukorrigieren, und würden gegen Mittag die Segel setzen, wenn genug Wind aufgekommen sein würde. Nur war der Wetterbericht falsch. Der Wind kam nicht und auch die Strömung des Golfstroms war nur halb so stark wie vorhergesagt. Schliesslich änderte ich meinen Plan: Wir korrigierten den Strom weniger aus und fuhren mit dem Motor gerade gegen den schwachen Wind an, wodurch der Wind wenig Angriffsfläche bekam und der Strom uns beschleunigte. Indem wir anstatt Freeport im Süden von Grand Bahama Island nun West End im Nordwesten ansteuerten, wurden wir direkt an unser Ziel gespült. In rekordverdächtigen zehn Stunden kam Land in Sicht und ich nahm Kontakt mit der Marina und dem Zollbüro auf. «Don’t mess with the Gulf Stream!», lachte ich herzlich, als ich wieder ins Cockpit kletterte, «Das war die einfachste und gemütlichste Überfahrt, die wir je hatten!» Wir dachten an acht Knoten Fahrt mit dem Focksegel zurück, an die wellige Einfahrt nach Fernandina Beach und an die eisige Überquerung des Gulf of Maine zurück und stempelten die anderen «Segler» lachend als Weicheier ab! Während der Fahrt hatten wir das wunderbare blaue, blaue Wasser bewundert. Wo es tief war, war es königsblau, wurde bei zirka 15 Metern Schlumpf-blau und himmelblau ab sieben Metern. Während der Einfahrt in den Hafen konnten wir jeden Stein am Grund sehen, was gleichzeitig wunderschön und unheimlich war. Steine und Riffe so nah, als könnte man sie berühren und dennoch befanden wir uns zehn Meter darüber! Wir banden an einem grünen Holzpier fest und bestaunten noch eine Weile das Wasser, ehe Reto das Zollbüro aufsuchte. Offiziell ist und bleibt er eben Kapitän der Sea Chantey, weshalb auch hier nur er an Land durfte, solange wir die Quarantäneflagge gesetzt hatten. Kein Zöllner wollte uns inspizieren, so genossen wir eine kalte Dusche und assen im Restaurant zu Abend.

West End