Kein Krieg ohne Doughnuts

Cape May erreichten wir nach einem Tag, an dem die Temperaturen unter Null Grad blieben. Wir waren durchgefroren und das Spritzwasser war an Deck zu einer soliden Eisschicht gefroren. Zu allem Überfluss liefen wir erst nach Sonnenuntergang in der Bucht ein, weshalb das folgen des Bojenkanals nicht einfach war. Hinter dem berühmten Restaurant Lobster House, dessen Gartenterasse ein Schoner ist und ein Pier zum festmachen einlädt, fanden wir uns plötzlich in der Marina wieder. Ein anderer Zugvogel, wie die Leute genannt werden, die im Winter in den Süden ziehen, gab uns die Kombination zu den schönsten Duschen, die wir je in einer Marina gesehen hatten. Eine Duschkabine mit zwei Duschbrausen, perfekt. Reto und ich genossen es uns aufzuwärmen.

Die freundlichen Leute von der Marina fuhren uns am Morgen zur Tankstelle, um den Propantank aufzufüllen und machten mit uns eine Rundfahrt durch das historische Städtchen. Wir legten dennoch noch vor zehn Uhr ab und segelten mit dem kalten Nordwestwind nach Delaware. Genauer in den Delaware State Park. Nur die Brücke hielt Reto in Atem: «Hoffentlich passen wir darunter durch!» Dazu hatten wir auflaufendes Wasser und durch den Einfahrtskanal entstand zwei Knoten Strömung – wir müssten also zwei Knoten schnell rückwärts Fahren um still zu stehen. Reto bremste Sea Chantey vor der Brücke und es sah von unten wirklich knapp aus, aber unsere Masten gingen unter der Brücke durch. Zum Glück, denn die Strömung drehte uns und wir glitten «quärewäg» unter der Brücke durch.

Einen Tag später hatten wir das perfekte Wetter: Es war warm und würde die ganze Nacht lang warm bleiben. Da wir zwischen Norfolk und uns keine Häfen mehr hatten, aber noch zirka 130 nautische Meilen entschieden wir den Trip am stück zu machen. Wir rechneten dafür 32 Stunden, wobei wir das letzte Stück unbedingt bei Tageslicht fahren wollten. Norfolk ist nicht nur ein Überseehafen für Güter sondern auch die grösste Marinebasis der US Navy, weshalb wir viel Verkehr erwarteten. Weil es ganze acht Grad warm war und windstill, fuhren wir unter Motor in dreistündigen Wachen. Es war so ruhig, das ich sogar kochte, und wir kamen viel zu schnell voran. Um Mitternacht entschieden wir den Anker zu werfen und einige Stunden zu warten, damit wir nicht bei Nacht durch die Hafeneinfahrt mussten. Wir gönnten uns vier Stunden Schlaf, dann brach meine Hundewache an. Ich steuerte uns bis zum Kap, bevor Reto uns im ersten Tageslicht durch die Durchfahrt der Autobahnbrücke fuhr. Eine sehr lange Autobahnbrücke verbindet Delaware und Virginia, die Schiffe unter einer Brücke hindurch oder über einen Autobahntunnel hinweg überfahren können. Wir nahmen den Tunnel und als ich wieder zur Wache gepfiffen wurde, passierten wir die Hafeneinfahrt. Um den Hafen zu durchqueren benötigten wir drei Stunden, man stelle sich die Grösse des Hafens vor! Dabei passierten wir eine Reihe Kriegsschiffe, Flugzeugträger, Versorgungsfrachter und sogar ein Hospitalschiff mit einem riesigen roten Kreuz darauf. Der Pier, an dem diese vertäut lagen, war Meilenlang und eine Bahnlinie mit mehreren Gleisen wurde benutzt um die Schiffe zu versorgen. Wie wir später herausfanden, musste jedes Schiff 5000 Mann Besatzung haben und die Angestellten im norfolker Hafen machten mehr als 10 % der Jobs in ganz Virginia aus. Und dennoch finde ich die grauen Pelikane immer noch nennenswert. Wir fuhren in den Elizabeth River ein, fotografierten die Stadt so wie die in der Werft liegenden Kriegsschiffe und fuhren dann endlich in einen Yachthafen in Portsmouth ein.Eigentlich waren wir sehr müde, aber wir konnten es nicht sein lassen am 23. Dezember noch ins Museum zu gehen. Das Kriegsschiff aus dem zweiten Weltkrieg USS Wisconsin konnte besichtigt werden. Mit der Fähre (ein gefälschter Raddampfer, der mit einem normalen Motor betrieben wurde, aber ein hübsches gefälschtes Rad hatte) fuhren wir über den Fluss nach Norfolk. Wir streunten durch das Museum, betrachten Schiffsmodelle, morsten uns Worte zu und streichelten lebende Fossilien, Hufeisenkrebse. Dann gingen wir über eine Brücke an Bord der USS Wisconsin. Ich war schon über das Teak-Deck erstaunt, aber die wahren Überraschungen warteten drinnen auf mich. Reto war nicht überrascht, und kicherte über alle meine Entdeckungen. Wir erkundeten nicht nur Kantinen und Schlafplätze, sondern auch eine Zahnarztpraxis und einen Friseur an Bord. Eine Post, eine Bibliothek, Waschküche, mechanische Werkstatt, Näherei, sogar eine Kirche – an Bord schien es alles zu geben, was man brauchen konnte. Aber der Kiosk, die Eisdiele und die Doughnut-Bäckerei verblüfften mich dennoch, aber auch Seeleute müssen irgendwo Kaffee trinken können. Auch fanden an Bord regelmässig unterhaltsame Events statt. Vom Boxkampf zum Rockkonzert stand fast alles auf dem Plan. Ich war fasziniert! Natürlich verwickelten wir uns mit einem Angestellten des Museums in ein Gespräch: Fast wären wir herausgeworfen worden, weil wir bei Ladenschluss immer noch im zweiten Stock standen. Kaum aus der Museumstür heraus, versuchten wir ein Postoffice zu finden, aber daran scheiterten wir kläglich. Also liessen wir uns von der Fähre nach Hause fahren und kippten nach zwei Tellern Pasta in die Koje.

Nasses Roulette

Wir legten in der riesigen Marina an, die Teil des Golden Nugget Casinos in Atlantic City war. Reto hatte wieder einmal strapazierte Nerven – seit einigen Tagen tropfte irgendetwas undefinierbares und die linke Bilgepumpe sprang stündlich an. Endlich fand er nun das Leck. Zwischen dem Propeller-Schaft und dem Holzblock, der dieses hält, lief inzwischen das Hafenwasser als dünner Faden in unsere Bilge. Aber der Dockmaster hatte den richtigen Mann für uns und einige Stunden später brachte ein junger Mann den langen Weg über das endlos lange G-Dock hinter sich. Captain Jacob legte sein Handy auf den Tisch, kraxelte hinter den Motor und telefonierte dann mit seinem Boss Mark. Sie konnten die Reparatur nicht ausführen, würden aber es aber dauerhaft provisorisch abdichten. Gemeinsam beschlossen sie einen Taucher zu arrangieren, der die Schraube von aussen abdichten würde, damit «Jake» innen arbeiten konnte. Aber über Nacht würden wir nicht absaufen, weshalb wir uns noch eine ganze Weile mit dem Captain unterhielten. Wie sich herausstellte, wohnte er in einem Boot auf dem gleichen Dock und, gastfreundlich wie die Amis sind, sassen wir bald auf der Miss Shelly beisammen und tranken Scotch Whiskey. Jacob hat wirklich ein Kapitänspatent, arbeitete aber schon seit er 15 Jahre alt ist für Mark als Mechaniker und hat schon mit einem selbstmotorisierten Dinghy das alljährliche Cigarette Race gewonnen. Miss Shelly ist der Name seiner Oma, die er zwei Tage die Woche pflegt. Nach zwei Stunden waren wir angetrunken und hungrig, weshalb Jacobs Vorschlag einen Burger essen zu gehen gelegen kam. Er führte uns ins Casino zu Vic & Anthony’s Steakhouse und platzierte uns an der Bar. Natürlich kannte er das ganze Personal mit Vornamen, weshalb wir auch hier zu guten Diskussionen kamen. Der Burger war sehr gut.

Taucher bei der Arbeit

Ich schlief lange, daher war der Taucher schon längst bei der Arbeit als ich den Kopf aus der Luke streckte. Mit Wachs wurde die fixierte Propellerwelle abgedichtet. Jacob beaufsichtigte alles vom Pier aus und handlangerte so gut er konnte. Der Taucher kletterte aus dem Wasser, machte sich auf den Heimweg und der Mechaniker breitet seine Werkzeuge aus. Leider war das Leck nicht so dicht, wie er dachte, aber er konnte arbeiten. Die Vierkantschrauben des Flanschs stellten ihn vor mechanische Grenzen, sein Boss musste ihm zusätzliche Werkzeuge besorgen, bevor er den Flansch demontieren konnte. Nur eine der 60-jährigen Bronzeschrauben brach ab, dennoch wurden alle zu Retos Verdruss mit Stahlschrauben ersetzt. Stahl korrodiert viel schneller in Seewasser und zersetzt durch Elektrokorrosion die Bronzeteile am Unterwasserschiff. Aber der Captain bekam Sea Chantey dicht genug, dass wir die Reise zu einem Spezialisten oder noch weiter vorsetzten konnten. Er und Reto waren so euphorisch, dass sie beim Testlauf vergassen, die mit einem Schraubenschlüssel gesicherte Welle zu entsichern. Sea Chanteys Starter brach den Schlüssel in Zwei. Ich war im Casino mit meinem Blog beschäftigt und schüttelte nur den Kopf, als Reto mir davon berichtete. Wir feierten unsere «Dichtheit» mit einem weiteren Burger.

Captain Jacob bei der Arbeit (Schlechtes Bild, weil von unten aus dem Motorraum aufgenommen)

Jacob war schneller gewesen, als wir erwartet hatten, weshalb wir einen weiteren Tag Liegegebühr bezahlt hatten. Wir nutzten also den Tag um einzukaufen: T-Shirts im Hard Rock Cafe und Lebensmittel bei Save a Lot. Wir irrten eine halbe Stunde im Hard Rock Hotel herum, bevor wir den Shop fanden. Es war spannend die Stadt zu sehen. Am Strand die riesigen Hotel- und Casino- Komplexe und eine Strasse dahinter die alte, heruntergekommene Stadt. Uns dünkte, dass Atlantic City sehr viele arme Leute beheimatet. Aber im Sommer würden die Touristen wiederkommen und wir sind ganz froh, dann nicht da zu sein. Eigentlich wollten wir noch jeder mit einem Doller unser Glück am einarmigen Banditen versuchen, wir liessen es aber doch sein.

Festgefahren, aber richtig

Mit Rückenwind verliessen wir Staten Island und flitzten im Sonnenschein nach Süden. Wer sich die Küste südlich von Sandy Hook auf Google Maps ansieht, weiss dass wir stundenlang an einem endloslangen Strand entlangfuhren. Nach sechs Stunden erreichten wir einen Unterbruch des Long Beach, wo ein Kanal in die Lagune dahinterführt. Hier vertäuten wir Sea Chantey mit dem Pier von Captain Bills Landing, der zu diesem Zeitpunkt einen guten Meter übers Deck hinausragte. Ohne den Shop Assistent hätten wir vermutlich nicht anlegen können, schliesslich konnten wir aber Tanken. Und endlich, endlich konnten wir unsere Wassertanks auffüllen!! Endlich, endlich kann ich nun wieder vernünftig abwaschen. Das U-förmige Dock in das wir nun parkierten, hätte laut Captain Bill tief genug sein sollen. Wir standen aber mit dem Ruder auf dem Grund an, als wir rückwärts in den Slip steuerten. Vorwärts liess sich Sea Chantey problemlos parken. Wir plauderten also eine Weile mit dem Shop Assistant, der ein pensionierter Polizist ist, und gingen auf ein Bier in die Bar. Salt Cod Cakes gab es zum Abendessen. Das Wasser lief auf und wieder ab, und mitten in der Nacht sassen wir auf Grund. Dies war kein Problem, da die Flut am Morgen wieder auflief, aber es war uns zu unheimlich als dass wir noch eine Nacht bleiben wollten.

Da das Wetter wieder gegen uns war, machten wir in der Hoffmanns Marina an einem ebenso hohen Pier fest, der direkt neben der Eisenbahnbrücke lag. Reto und ich erfreuten uns an dem regen Zugverkehr: Die Brücke war stets offen, bis ein Zug mit Hornsignal sein Anfahren anmeldete und der Brückenwärter die Klappbrücke herunterliess, um sie nachdem der Zug passiert war wieder zu öffnen. Stündlich zueinander zu sagen «Hör mal, da kommt wieder ein Zug» und den Boden auch bei Ebbe nicht zu erreichen, war auch unsere ganze Freude. Mit der Marina waren wir nicht sonderlich zufrieden, weil nur die Damendusche heisses Wasser hatte, das Wlan unseren Pier nicht erreichte und die Übernachtung zu allem Überfluss teuer war als in New York. Wegen des Wetters blieben wir trotzdem zwei regnerische Tage, an denen wir nichts taten als lange zu schlafen und Computerspiele zocken.

Kaum war der Wind wieder mit uns, flüchteten wir von Brielle aufs offene Meer. Unter Segel mit üppigem Seitenwind erreichten wir bei ablaufendem Wasser nach Baregat Light. Diese Kanaleinfahrt in die Lagune hatten wir in starkem Gegenstrom zu meistern, aber Reto fuhr Sea Chantey mit voller Fahrt und dennoch nur äusserst langsam in die Bucht. Unsere Karten zeigten viele Untiefen und Sandbänke auf unserem Weg zu einer Marina. Zuallererst mussten wir eine Kurve um den Leuchtturm fahren und dann zwischen einem Wall und einer Sandbank hindurch. Selbst mit vollem Schub kamen wir kaum gegen die Strömung an. Wir müssen hilflos ausgesehen haben, denn ein Mann nahm vom Land aus durch winken und rufen mit mir Kontakt auf. Nach einiger Zeit hatte ich mit ihm ausgestikuliert, wie viel Wassertiefe wir benötigten und er lotste uns tiefer in die Bucht. Bei der ersten Marina versuchten wir in eine Box zu parken, aber die Strömung war einfach zu stark. Als wir den Mann bei der nächsten Marina wieder winken sahen, passierten wir die Tow Boat Station (den Abschleppdienst zu Wasser) und setzten uns – zum Glück sehr langsam – auf Sand. Diese Marina war nicht tief genug, aber der Mann winkte uns aussen um die Sandbank herum. Reto zog uns mit der Strömung wieder von der Sandbank herab, schaffte es nicht mit einem Pier der ersten Marina zu kollidieren und mit einer Pirouette auf Kurs zu kommen. Dabei wurden wir kritisch von der Crew eines Tow Boats beobachtet und es war mir irgendwie peinlich, als einer vom Abschleppdienst schon winkte. Aber ich winkte lächelnd zurück. Auf der anderen Seite der Insel, die sich auf der Sandbank gebildet hatte, beeinflusste uns die Strömung kaum noch, weshalb wir flott durch den Bojenkanal fuhren. Als ich den Mann wieder auf einem Pier erblickte, waren wir nahe genug um uns mit rufen zu unterhalten. «Anchorage there! Slip there!», schrie er und zeigte an die entsprechenden Orte. Ich dankte ihm gerade als ich spürte wie wir sehr abrupt gebremst wurden. Ja, wir hatten mit vier Knoten auf einer Sandbank aufgesetzt und diesmal konnten wir nicht wieder herausfahren! Zu allem Überfluss zwischen zwei Marinas und dem Ankerplatz. Auf dem Pier kam derweil der Dockmaster dieser Marina angelaufen und nach kurzem Funkverkehr stand fest: Die Marina ist nicht tief genug für uns und bis zur Flut wir würden uns nicht bewegen. Damit der Wind uns bei steigendem Wasser nicht weiter auf die Sandbank treiben würde, brachte Reto derweil mit dem Beiboot einen Anker vom Bug und einen vom Heck aus. Es wurde bald Nacht und wir schalteten die Lichter ein, damit die Fischerboote uns sehen konnten, falls jemand nachts durch den Kanal fuhr, den wir leider verfehlt hatten. Je Stunde stieg das Wasser zehn Zentimeter und wir versuchten zwei Mal uns rückwärts aus dem Dreck zu ziehen, ohne Erfolg. Gegen zehn Uhr abends war Flut und wir soweit auf die Sandbank getrieben, dass wir noch immer nicht loskamen. Aber die Anker hielten, weshalb wir den Heckanker am Bug befestigten – wenn es keinen Weg zurück gibt, streitet man voran. Mit vollem Schub und eingeschlagenem Ruder drückte Reto Sea Chantey vorwärts, während ich am Ankerseil zog, um die Drehwirkung zu erhöhen. So schwangen wir unser Schiff am Ankerseil aus der Untiefe in den Fahrkanal. Nun war aber das Ankerseil zu kurz, um genug Abstand zur Sandbank zu gewinnen. Ich löste es und wollte einen Fender an das Seil binden, damit es aufschwimmt. Ich verlor es aber, und weg war der Anker! Mit einem dritten Anker ankerten wir im Fahrkanal, um nicht wieder auf die Sandbank zu treiben. So konnte Reto den ersten Anker mit dem Dinghy einholen. Er hangelte sich an der Kette entlang bis er den Anker fand und brachte ihn dann in die Nähe, damit ich ihn an Bord winden konnte. Dabei hielt er plötzlich ein Seil in der Hand – welches an dem Anker befestigt war, den ich versenkt hatte! Glück muss man haben. Schlussendlich hatten wir ausser einigen Nerven nichts verloren, mussten uns nicht abschleppen lassen und verbrachten die Nacht vor Anker. Am nächsten Morgen flüchteten wir nach Atlantic City.

New York, das niemals schläft

An einem kalten, grauen Tag, durchzogen mit Regenschauern, kamen wir in Manor Haven auf Long Island nahe Brooklyn an, wo wir Vorräte aufstockten und auf die richtige Tide warteten, um New York zu durchqueren. Diese würde am frühen Morgen Richtung Süden durch die Stadt strömen. «Das New York im Dezember schon Schnee hat, ist äusserst selten», verklickerte mir Reto seit Tagen. Ich zog jeweils nur die Augenbrauen hoch und meinte: «Das du dich da nur nicht täuscht!» Und da Frauen immer recht behalten, lag am frühen Morgen Schnee an Deck, als wir die gefrorenen Leinen lösten. Es war unter Null Grad und neblig, als wir die Marina verliessen und uns auf den East River zu bewegten. Als wir die erste Brücke passierten überlegte sich Käpt’n Reto zurückzufahren, weil der Trip durch die viel befahrenen Wasserwege New Yorks bei dickem Nebel gefährlich sein kann. Doch der Himmel klarte allmählich auf, weshalb wir von der starken Strömung getrieben in haarsträubendem Tempo (naja, 8 Knoten, davon 4 Knoten Strömung) durch den East River glitten. Kleine Frachtschiffe kamen uns im zehn Minuten Takt entgegen, während sich die Skyline der Stadt aus dem Dunst erhob. Im East River herrschen starke Ströme, die mitunter Strudel bilden. In der «Hell’s Gate» genannten Kurve war unsere Sea Chantey daher schwierig zu steuern und das vorüberziehende Polizeiboot betrachtete uns eine Weile argwöhnisch, aber Reto steuerte uns in Schlangenlinien hindurch. Schliesslich brach die Sonne durch den Nebel als wir in den Hudson River einbogen, weshalb wir die Wassertaxis und Schnellfähren schon aus Distanz sichten konnten. Wenn uns der Verkehr nicht voll in Anspruch nahm starrten wir entlang der Gebäude nach oben und staunten darüber wie gross diese Stadt war. «Schau mal! Das Empire State Building!» «Ob dieses alte Gebäude wohl einmal eine Fabrik war?» «Da geht eine Seilbahn über den Fluss!» Der Anblick der Stadt liess uns staunen. Als wir gegen Mittag das Hafenbecken erreichten, kam auch die Freiheitsstaute in Sicht. Aber bei allen Bemühungen liess sich kein gutes Foto von ihr machen, denn wir hielten uns auf der falschen Seite des Hafens. Riesige Containerschiffe zogen an uns vorbei und ein Schlepper mit Barke (ein riesiges Floss zum Transport von Arbeitsgeräten oder Waren) verfolgte uns eine Stunde, bevor wir unter der Staten Island Bridge vor ihm durch die Seite wechseln konnten. Bis dahin war Lady Liberty nur noch die Dame eines Schachspiels und die vielen Frachter nur noch Spielzeugschiffe, was uns erleichterte. Im Süden von Staten Island wollten wir im kleinen Great Kills Harbor tanken, jedoch waren alle Tankstellen geschlossen. Dafür fanden wir eine geöffnete Marina, wo man uns für die Nacht aufnahm und mit heissem Tee versorgte, denn es war den ganzen Tag kalt.

Reto und Lady Liberty

Ich wollte diese Stadt erleben, weshalb ich Reto unter den Arm nahm und in den Expressbus nach NYC stieg. Das Ziel war Rockefeller Center, wo der weltberühmte Christbaum steht. Eine Stunde fuhren wir mit dem Bus durch Staten Island, dann über die Brücke nach Brooklyn und durch den Tunnel nach Manhattan. Der Vollmond ging abends um fünf schon über der Stadt auf und die Freiheitsstatue leuchtete von Fern. Am Waverly Place stiegen wir aus und wechselten in den Subway, doch sobald wir an 7 Ave/49 Street auf die Strasse kamen, verirrten wir uns. Reto glaubte den Weg zu kennen, aber trotz Kompass und Maps gingen wir in die falsche Richtung. Wir machten Fotos mit Batman am Rock City, bevor meine Intuition uns schliesslich von hinten zum bunt leuchtenden Christbaum führte.

der Christbaum im Rockefeller Center

Zugegeben, er ist auf den Fotos viel schöner als in echt, aber das Erlebnis zählt. Ohne Reto wäre der Ausflug vielleicht schöner gewesen, der er mag keine grossen Städte und liess mich dies auch spüren. Auch das Abendessen konnte ihn nicht umstimmen, denn der Hot Dog und die Quich waren etwas gar klein für den Preis. So waren wir beide ganz froh, als wir die Marina wieder erreichten und erfreuten uns umso mehr an den weihnachtlich beleuchteten Jachten, die fast so schön waren, wie Rockefeller Center, und nur für uns geschmückt zu sein schienen.

Die Eggnoc Party

Unsere Tage sind nicht immer ereignisreich. Wir arbeiteten uns einige Tage lang nach Westen, wobei wir beginnen zu vergessen wann wir wo waren. Wir standen früh auf, legten nach dem Frühstück ab und waren unterwegs bis halb drei am Nachmittag. Zum Mittag assen wir jeweils kalte Platte im Cockpit, egal welches Wetter wir hatten. Die Thermoskanne und Teetassen standen immer im Cockpit bereit oder rollten darin umher. Am Nachmittag legten wir an dem Pier einer Marina an und wenn die Zeit und die Kraft vorhanden war, unternahmen wir etwas bis um vier die Sonne unterging. Meistens fielen wir früh ins Bett. In den letzten Tagen erlebten wir jedes erdenkliche Wetter: Von Sonnenschein bei minus 2 Grad bis zu strömendem Regen bei 14 Grad Celsius.

In Westport kamen wir besonders früh an. Daher erlaubte die Zeit uns einen Spaziergang zu machen. Über die verschneiten Dünen durch ein Tannenwäldchen stapften wir an den Strand. Schnee lag am Strand und nur unweit davon Muscheln, so gross wie eine offene Hand. Die Dämmerung reichte gerade um einen kleinen Rudolph-das-rotnasige-Rentier-Schneemann zu bauen (Ich wählte einen knallroten Crab Apple als Nase, damit war das Motiv gegeben), dann mussten wir schon zurück, da wir sonst im Dunkeln zur Marina hätten finden müssen. Wir bekamen bei F. L. Tripps Marina auch eine Hand voll bronzene Schrauben, wie wir sie für die Bullaugen brauchen. In Snug Harbor werden Austern gezüchtet, weshalb ich dort bei Matunuck meine erste Auster probierte – ganz lecker.

die verschneite Landzunge von Westport mit dem „Knubble“ im Hintergrund

Besonders geblieben ist uns aber der Jacht Club am Avery Point nahe New London. Wir legten an einem einsamen Pier an, an dem ausser unserem nur ein einziges Boot lag. Dafür schienen hunderte Jachten auf dem Parkplatz und umliegenden Wiesen zu stehen, alle in Schrumpffolie für den Winter verpackt. Das Büro des Hafenmeisters war verwaist, weshalb wir unser Glück im Clubgebäude versuchten. Wir wunderten uns über die Weihnachtsdekoration, als wir durchs Fenster schauten, dann öffnete uns Jemand die Tür und wir purzelten in die Vorbereitungen eines Fests. Karen, eine ältere Dame und Vereinsmitglied, erklärte uns wir hätten genau den Tag der Eggnoc Party ausgewählt, um bei ihnen herein zu schneien. Der Club traf sich um diverses Fingerfood und Eggnoc, ein Getränk aus Eiern, Milch, Rum, Zucker und Gewürzen, das geschmacklich an Eierlikör erinnert, zu geniessen. Wir zahlten also den üblichen Betrag und nahmen wie Mitglieder am Vereinsevent teil. Da wir die ersten von zirka hundert Gästen waren, erklärte Sandy mir den Eggnoc und ich durfte beim Abschmecken mit Muskat behilflich sein. Kaum trafen die Club Member ein wurden wir systematisch denen vorgestellt, die schon einmal in die Karibik gesegelt waren. Von Dolph, der schweizer Vorfahren hat, bekamen wir Tips für die Durchquerung von New York. Von allen Seiten überschwemmten uns Ratschläge für die Karibik: Passt auf, da gibt es noch Piraten; wenn möglich, nehmt euch einen Bootsjungen; segelt da und da im Konvoi… ect. Der Event dauerte nur zwei Stunden, aber als die Gäste aufbrachen, waren wir kaputt. Wir tauschten Adressen mit allen noch anwesenden und wurden noch einmal zu unserer Reise ausgefragt – wir würden im nächsten Club Newsletter erscheinen. Reto und ich bedankten uns noch einmal herzlich bevor wir uns auf unser Boot schleppten: Voll mit Informationen und Eggnoc.

Winterwunderland

Sandwich erreichten wir unter Motor, kurz bevor sich der windstille Tag in den nächsten Sturm verwandelte. Wir legten noch bei Tageslicht in der Marina an, doch als wir später das Einkaufszentrum verliessen, war es stockfinster und regnete in Strömen. Wir wurden triefend nass, bis wir uns endlich in unserem Boot verkriechen konnten. An dem Tag darauf schliefen wir lange, doch obwohl draussen der Sturm wütete, gingen wir am Nachmittag spazieren. Jeder Regentropfen brannte uns auf den Wangen als der Wind uns auf dem Weg zum Strand entgegenpeitschte. Doch der Anblick des wütenden Meeres war wunderbar. Ich lief in der Strandmitte und dennoch mitten in der Brandung. Die Möwen schienen in der Luft still zu stehen, wenn sie gegen den Wind flogen. Vollkommen durchnässt kehrten wir in einem Restaurant ein. Im Fernseher über der Bar verfolgten wir erstaunt die Gingerbreadhouse Competition, in welcher drei Teams je ein Lebkuchenhaus nach einem bestimmten Thema produzieren mussten. Die Resultate waren faszinierend: Einige mit LED-Beleuchtung, andere mechanisch beweglich und alle riesig und überdekoriert. Nach dem Abendessen verkrochen wir uns wieder in unser Boot, um zu trocknen.

Cape Cod Canal mit Puderzucker bestäubt

Am Dienstag, 3.12.19 war Cape Cod mit Schnee bestäubt, als wir zum Aufbruch klar machten. Eiszapfen hingen von den Schoten und Schnee lag an Deck. Weil im Kanal durch die Gezeiten starke Strömung entstehen, durchquerten wir ihn am Nachmittag mit dem Strom. Kurz vor der Ebbe lösten wir die gefrorenen Leinen und klappten die Fender ein, anstatt zu versuchen sie zu entfernen. So fuhren wir in den Kanal hinaus. Der Wind wehte bitter kalt, aber die schöne, weisse Welt, die sich rechts und links vom Kanal erstreckte, war wunderbar anzusehen. Fischerboote kamen uns entgegen und ab und zu bekamen wir einen Seehund zu Gesicht. Nach nur anderthalb Stunden kam die Eisenbahnbrücke und dahinter Maritime Academy in Sicht, welche am Südwestende des Kanals zu finden ist. Von dort war unser Zielhafen nicht mehr fern und durchgefroren durchquerten wir den Bojenkanal zu einer kleinen Ortschaft. Es dauerte eine Weile bis sich am Funk jemand von der Marina meldete, aber schliesslich überliess man uns das Fuel Dock. Auf dem Pier lagen fast zehn Zentimeter Schnee. Und wie glücklich uns die Nachricht machte, dass die Duschen noch in betrieb waren, ist kaum vorstellbar! Wir benutzten beide die Duschkabinen der Damenräume und leerten den Warmwassertank. Zu unserer überraschung fluteten wir damit den ganzen Raum, denn das Wasser stieg aus dem zentralen Abfluss herauf. «Nicht schon wieder!», stöhnte der Mann im Marinabüro, als wir ihm am nächsten Morgen davon erzählten. Sie hätten dieses Problem schon zwei Mal von der zuständigen Firma beseitigen lassen, erneut erfolglos. Während er sich mit dem Problem beschäftigte, brachen wir auf und motorten gegen den Wind nach Südwesten.

Atlantic Rodeo

Wir verbrachten insgesamt drei Tage in Portsmouth und brachten Sea Chantey auf Vordermann. Der Sturm, den wir abwarten wollten, war in der Wenworth by the Sea Marina kaum zu spüren und die Tage trocken. Während draussen der Sturm tobte, schraubte Reto in aller Seelenruhe zwei unserer Bullaugen auseinander. Diese sind leider nicht ganz dicht. Zumal wir in Rockland die passenden Schrauben bekommen hatten, zerlegte Reto die Bullaugen, schmierte die Ränder grosszügig mit Sikafelx (wie Kit, nur für Boote) ein und Schraubte alles wieder zusammen. Nicht ohne unsere Bootseite schwarz mit Sikaflex einzukleistern, aber dicht ist dringender als schön. Ich wusch restlos alles, was es nötig hatte. Die Wäsche ist nun wieder für Wochen erledigt, aber mit dem Abwasch übertrieb ich offenbar, denn ich leerte am zweiten Abend unseren Süsswassertank. Glücklicherweise hatten wir noch Trinkwasser an Bord, denn die Marinas schalten im Herbst das Wasser aus, damit es nicht in den Rohren gefriert. Mit vierzig Liter Süsswasser brachen wir an einem windigen zur nächsten Marina auf.

Sea Chantey und das „Motiv“

Wir liefen an diesem Tag nur unter Vorsegel, erreichten unser Ziel aber nach zwei Drittel der vorberechneten Zeit. Wir hatten kühlen Rückenwind und Wellen von hinten mit bis zu vier Metern Höhe. Sea Chantey schaukelte sehr und das Steuer war schwer zu bewegen. Dennoch übernahm ich das Ruder, weil ich fürchtete seekrank zu werden. Angestrengt hielt ich den Kurs unter grossen Bemühungen, während Reto sich ausruhte und sich digital die Hafeneinfahrt genauer ansah. Wir erreichten die Bucht bald, aber den Hafen konnten wir nicht ausmachen. Wir sahen einige Häuschen am Land, den riesigen Felsen, neben dem die Hafeneinfahrt sein müsste, und als wir dem Felsen schon sehr nahe waren, den Wellenbrecher. Inmitten von 1.5 Meter hohen Wellen holten ich das Segel ein und Reto steuerte uns in die scheinbar winzige Hafeneinfahrt. In dem engen Hafen war der Wind kaum zu fühlen, doch war er vollgestopft mit Fischerbooten. Der Harbormaster von Rockport, Scott, band uns daher neben einem roten Schuppen an einen steinernen Pier mit einer Leiter. «Das Motiv» nennen die Leute dieses auffällige Holzgebäude, welches das beliebteste Postkartenmotiv in Neuengland ist. Kaum war unsere hübsche Sea Chantey daran angebunden und unser Verlängerungskabel direkt am Schuppen eingesteckt, tauchten im 5 min Takt Leute auf, die Boot und Schuppen auf einem Bild haben wollten. Wir interessierten uns aber nicht dafür, denn die leuchtend geschmückten Häuschen der Innenstadt reizten uns zu einem Spaziergang. Eng und gemütlich standen sie beieinander und verbreiteten Weihnachtsstimmung, wie ein Weihnachtsmarkt. In Auntie Annies Apotheke kauften wir Honig und eine halbe Stunde diskutierten wir mit einem Lederwarenhändler, bevor wir Thanksgiving im Fish Shak verbrachten. Statt Truthahn gab es Pasta.

Rockport, Massachusetts bei Sonnenuntergang

Als wir Scott am nächsten Tag per Funk nach der Rechnung fragten, meinte er wir bräuchten nichts zu zahlen. «You looked beautiful where you were!» Wir bedankten uns herzlich bevor wir auf dem künftigen Postkartenmotiv in See stachen. Der Tag war wieder windig, die Wellen nicht ganz so hoch und kühl, aber auch an diesem Tag rasten wir übers Wasser. Der Wind blies uns förmlich ans Ziel – kaum hatte Reto mich wieder abgelöst, zerrte ich das Vorsegel und Reto das Besansegel herunter. Rechtwinklig stachen wir durch den Kanal in den Scituate Harbor (gesprochen «situate»). Im Gegensatz zum lebendigen Rockport war hier alles geschlossen und leer, was mit Booten zu tun hatte. Doch als wir entschieden vorerst am Fuel Dock neben einem Restaurant festzumachen, winkte uns ein Pärchen vom Land aus. «Do you need help?» Sie fingen am Dock unsere Leinen auf und vertäuten uns. Ob wir eine Tasse Suppe nötig hätten? Ja, hatten wir. Zu heisser Suppe konnten wir nicht Nein sagen. Hafenmeister fanden wir auf die Schnelle keinen, daher verfrachtete uns das Pärchen, das sich als Blake und Jill vorstellte, in ihr Auto. Während Blake mit uns über ihr Haus plauderte, deckte Jill uns mit Suppe, Süssmost und Kaffee ein. Danach setzten wir uns ins Wohnzimmer, diskutierten übers Reisen und verglichen USA und Schweiz. Sie hatten schon in der Schweiz Ferien gemacht, weshalb wir uns gegenseitig Orte auf einer Karte zeigten, die ich uns zeichnete. Im Handumdrehen war es spät in der Nacht ohne dass wir es merkten. Wir versprachen unseren Gastgebern ab und zu eine E-Mail zu schreiben, bevor sie uns am Fuel Dock absetzten. Jemanden, der Geld für die Übernachtung kassierte, fanden wir am nächsten Morgen.

Fuel Dock in Scituate Harbor – Overnight Dockage prohibitied, Vessels will be set afloat

Südwestwärts

Es hatte nachts geschneit, der Mount Desert war wie mit Puderzucker bestreut und ragte prächtig aus einer Nebelschwade. Ebenso bezuckert waren unsere Segel, weshalb ich von einer kleinen Lawine getroffen wurde. Aber dank meiner neuen Fellmütze blieb ich warm. Bald konnte ich sie ausziehen, wenn die Sonne schien fröhlich und warm. Mit ganz leichtem Wind bewegten wir uns zwischen den kleinen Inseln hindurch. Hin und wieder kreuzten wir ein kleines Hummerboot. Maine – Lobster County – ist gespickt mit Hummerkörben. Zu jedem gehört eine kleine, fast unsichtbare Boje, denen es auszuweichen gilt. Einmal fing Reto eine auf und musste sie mit dem Bootshaken aus dem Ring befreien, der an unserm Bug vorsteht. In den schmalen Kanälen zwischen den Inseln lagen Fischerorte, die wir im vorbeifahren beobachteten. Wir waren dort im Windschatten und sehr langsam, daher hatten wir viel Zeit die Umgebung zu geniessen. Allerdings passierten wir die letzte Inselgruppe erst bei Sonnenuntergang. Zwischen uns und Rockland lagen nur noch wenige Meilen als der Wind drehte und wir Gegenwind hatten. Wir holten also im Dunkeln die Segel ein, denn die Dämmerung ist hier kurz.

Schnee auf den Segeln in Southwest Habor

Ich musste nun Lasertack spielen. Bewaffnet mit dem starken Handscheinwerfen setzte ich mich im Dunkeln auf den Bug und suchte die Wellen ab. Damit wir nicht an einer Hummerkorbboje hängen blieben, musste ich diese früh genug erkennen, damit Reto ausweichen konnte. Manchmal war es gar keine einfache Aufgabe, ich hielt zum Beispiel eine Gruppe Seevögel für Bojen, …bis meine Bojen davonflogen. So arbeiteten wir uns dem Breakwater Lighthouse entgegen, welches auf einem anderthalb Meilen langen Wellenbrecher thront. Nachdem wir es passiert hatten, waren wir wieder am Anfang. Da wo wir Sea Chantey vor einem Jahr gekauft hatten.

In Rockland gab es nur noch einen einzigen Pier, gleich beim teuren Restaurant auf dem Pier. Leider gehörte der Pier nicht zum Restaurant, aber wir fanden dennoch jemanden, der uns erlaubte zu bleiben. Wir erlaubten uns einen Cocktail. Schon etwas alkoholisiert erlaubten wir uns auch ein Abendessen im teuren Restaurant und eine Flasche Wein. Wir torkelten ganz ordentlich als wir uns ins Bett schleppten, ich hatte am Morgen noch Nachwehen. Erwin, der bei der Firma angestellt ist, der der Pier gehört, luden wir nächsten Tag zum Kaffee ein. Wenn wir Grenada erreichen, sollen wir am Strand links ankern und nach seinem Bruder Richard fragen. Er erzählte uns vom Fischfang in der Karibik und seiner Kindheit, dann war er wieder verschwunden wie nie dagewesen. Wir suchten uns eine Dusche, die wir in einem Gym bekamen. Bei Hamilton Marine kauften wir Kupferschrauben für die Bullaugen und assen ein spätes Mittagessen in der Brauerei. Mit Brad, Sea Chanteys Vorbesitzer, verabredeten wir uns auf Cape Cod, da er dort gerade Ferien machte.

Booth Bay
Schmalspurdampfbahn, Portland

Bei laschem Wind kämpften wir uns nach Südwesten. In Tagesetappen, abends jeweils endend an dem Pier einer Marina, arbeiteten wir uns südwärts. In Booth Bay kam Weihnachtsstimmung auf, weil wir mitten im Stadtzentrum anlegten. Die geschmückten Geschäfte und beleuchteten Strassen erinnerten uns an einen Weihnachtsmarkt. In Portland gingen wir einkaufen und deckten uns mit italienischen Köstlichkeiten ein, denn ein Comestibles war die nächste Einkaufsgelegenheit. In vorbeigehen konnten wir die Schmalspurdampfbahn bewundern, bevor wir wieder die Segel setzten. In Kennebunk fuhren wir im Kanal auf Sand auf, weil die Ebbe aussergewöhnlich tief war. Aber eine Stunde später konnten wir an den Pier einer Marina fahren. Wegen der starken Strömung des auflaufenden Wassers schafften wir es nicht in die Box und kollidierten mit einem Fischerboot. Wir legten also in der benachbarten Marina an und hinterliessen dem Fischer einen Zettel. Doch dieser meldete sich nie. Dafür traf mich am nächsten Morgen fast der Schlag als uns die Marina 3 Dollar je Fuss verrechnete – ein Schnäppchen, da die Kosten im Sommer bei 6 Dollar je Fuss liegen. Ich räusperte mich und zahlte mit Karte. Dafür legten wir einige Stunden später in einer grossen Marina in Portsmouth, New Hampshire an.

Portsmouth Marina

Nun genossen wir meinen Geburtstag: Wir machten einen Spaziergang zur Wehranlage, gingen duschen und assen wunderbar zu Abend. Ich hatte unterwegs Kuchen gebacken, daher hatten wir sogar Dessert. Ein Blick auf die Windvorhersage liess uns entscheiden, dass wir einige Tage bleiben würden.

die Ruine der Wehranlage

Southwest Harbour

Wir wurden am folgenden Morgen wieder früh geweckt, denn wir sollten den Steg wechseln, damit der Pier, an dem wir gerade lagen, für den Winter entfernt werden konnte. Wir entschieden uns aber kurzum aus Bar Harbor zu fliehen. An diesem a****kalten Tag wollten wir nicht allzu weit segeln, zumal wir auch immer noch sehr müde waren und die Kälte unserer Erholung gegenwirkte. So umrundeten wir nur das südliche Ende der Mount Desert Island und baten in der nächsten Marina um einen Liegeplatz. Nur war Northeast Harbor überbelegt mit Fischerbooten und alle Plätze mit Stromanschuss besetzt. Ein kurzes Telefonat des Hafenmeisters verschaffte uns aber einen Liegeplatz mit Stromanschluss im nächsten Hafen, der nur eine halbe Stunde entfernt lag. Wir erreichten bald einen grossen Hafen und wurden hinter einem viermastigen Schoner vertäut. Zack, schon hatten wir unseren Elektroofen eingesteckt und endlich konnten wir die Kälte aus unseren Gliedern vertreiben.

Die kleine Ortschaft Southwest Harbor ist im Sommer ein Feriengebiet, im Winter schliesst fast alles. Doch wir «Böötler» fanden alles vor, was wir benötigten. Direkt neben der Marina befand sich ein Marine Fachgeschäft, in das wir zwei Winkel für unsere Heizung bestellten. Den Hardware Store besuchten wir während zwei Tagen drei Mal, bis wir uns mit allem ausgerüstet hatten. Eine kupferne Leitung für den Überlauf der Dieselheizung und das entsprechende Werkzeug zur Montage erstanden wir nach und nach. Ebenso mehr Thermo-Socken und je eine Kaninchenfellmütze der Marke Yukon. Der Wetterbericht kündigte Schnee an – und wir wollten vorbereitet sein! In die örtliche Bar schafften wir es nie, aber in einem kleinen Café, plauderten wir etwas mit dem gelangweilten Personal. Die junge Frau studierte Verlagswesen, weshalb wir uns viel zu erzählen hatten. Ein wahres Erlebnis war das Lebensmittelgeschäft: Der Tante-Emma-Laden entpuppte sich als Comestibles, nur das beste vom Besten aus der ganzen Welt. Schmunzelnd kaufte ich ein Säckchen Ricola, weil Reto in dieser Zeit etwas erkältet war. Viel heilsamer erschien mir aber das Gespräch mit den Ortsansässigen zu sein: Wir blockierten bestimmt eine halbe Stunde die Kasse, weil wir mit der Kassiererin und einem Kunden übers Reisen diskutierten. Unsere freundliche Kassiererin erzählte uns, sie sei noch nie geflogen und mache nur Urlaub, wo sie mit ihrem Auto hinfahren konnte. Damit war sie ein krasses Gegenteil zu der Dame vom West Marine: Die ältere Dame erzählte uns wie sie mit ihrem Mann bis in den späten November irgendwo festsass, weil sie auf die Geburt ihres Kindes warten mussten. Mit dem frisch geborenen Kind spedierten sie dann ihr Boot (ganz ohne Heizung) während einiger Wochen nach Hause. Generell dünkte es mich, dass manche segelnden Pärchen ihre Kinder extremen Bedingungen aussetzten. Auch unsere Hafenmeisterin Jane erzählte uns, wie ihre Eltern mit ihr als Säugling den Atlantik überquert hatten. Offenbar hatten diese gelegentlich mit stürmischem Wetter zu kämpfen, während die kleine Jane in der Kabine schrie. Sie erzählte uns dies mit einem breiten Lachen im Gesicht und fütterte die Gans. In unserem Hafen lebte seit drei Jahren ein entflohener Gänserich. Die Leute mochten ihn sehr und fütterten ihn mit Apfelstücken, denn diese schien er besonders gerne zu fressen. Jane erklärte lachend, sie hätten mehrmals versucht ihn zu fangen, aber niemand hatte es bisher geschafft, was sie sehr freute. Wir tankten Sea Chantey auf und bohrten das Loch für den Kamin ins Dach. Auch die Überlaufleitung montierten wir, einzig das Aufkleben des Doughnuts blieb noch zu tun. Doch dazu kamen wir nicht mehr, weil wir weiter wollten.

Eine lange Nacht

Ich möchte mich an dieser Stelle bei meinen Lesern und Leserinnen herzlich entschuldigen. Ich war gezwungen meinen Blog etwas zu vernachlässigen, weshalb seit bald zwei Wochen kein neuer Beitrag online ging. Dafür darf ich freudig das baldige Erscheinen meines Buches als illustriertes Hardcover ankündigen. Da es noch einmal neu lektoriert wurde, war ich mit der Prüfung der Anpassungen beschäftigt. Nun werde ich meine begrenzte, schriftstellerische Schaffenszeit wieder meinem Blog widmen. Ich wünsche euch von Herzen viel Spass beim Lesen.

Nachdem wir uns von James verabschiedet hatten, folgte eine kurze Nacht. Wir wollten am Morgen früh ablegen, weshalb wir lange vor Sonnenaufgang aufstanden und in eisiger Kälte die Leinen losmachten. Wieder hatten wir kaum Wind, weshalb wir zum zweiten Mal unter Motor Outer Island passierten. Doch mit dem ersten Licht im Osten frischte der Wind auf und blies uns wie erwartet kalt in den Rücken. Bis zu Nova Scotias letzten Inseln fuhren wir unter Motor, dort entschieden wir uns die Segel zu setzten. Im Windschatten von Seal Island setzten wir alle Segel. Durch die starken Gezeiten in der Bay of Fundy entstanden auch hier strake Strömungen und Wasserturbulenzen. Mit zünftigem Druck in den Segeln schnitten wir aber problemlos durch diese hindurch und wurden kaum geschaukelt. Einige kalte Stunden später passierten wir ebenso auch eine weitere Untiefe, die Strömungswellen aufwarf. Wir wechselten uns derweil alle zwei Stunden am Steuer ab. Wegen der grauenhaften Kälte, die uns in die Kleider kroch und unsere Hände und Füsse taub werden liess, hielt nicht einmal Reto es länger aus. Die Windstile in der Kabine kaum uns jeweils richtig warm vor, wenn wir endlich eine Weile dösen konnten. Ich kochte uns zwar einen grossen Topf voll Chili, wir waren aber wegen des Seegangs beide nicht besonders hungrig. Je später der Tag wurde umso mehr frischte der Wind auf. Kurz vor Sonnenuntergang holten wir daher das Grosssegel ein, um weniger Krängung (Schieflage) zu haben. Wir wussten, dass nachts starker – sehr starker – Wind aufkommen würde, daher wetterten mit dem letzten Tageslicht ab. Durchgefroren wechselten wir uns eisern am Steuer ab. Die Nacht kam, es wurde noch kälter und die Wellen wurden immer höher, aber wir näherten uns zusehends dem amerikanischen Festland. Jede Meile mehr, die unser Kartenplotter anzeigte, war ein Erfolg.

Alleine nachts bei unangenehmem Wetter am Steuer zu sitzen ist ein Nerven zerreibendes Erlebnis. Ich betete bei jeder Welle zu unserem Schiff, beschwor es nicht Wasser zu fassen und sich nicht drehen zu lassen. Nach jeder Welle erleichterte mich, dass Sea Chantey sich wieder aufrichtete, nur um meinen Mut wieder zu sammeln und mich auf die nächste Welle zu konzentrieren. Manchmal bedankte ich mich bei unserm Schiff, das alles selbst im Griff zu haben schien und ich mich nur auf das Steuerrad konzentrieren musste. Ich musste viel steuern, umso länger wir unterwegs waren umso mehr musste ich am Rad drehen und umso mehr Kraft musste ich dafür aufwenden. Es schien immer eine unendlich lange Zeit zu vergehen, bis Reto mich ablöste und ich wieder in die schwankende Kabine klettern konnte, nur um eine Zeit zu dösen. Meine Glieder wurden nicht mehr warm während meiner Freiwachen. Ich trat die nächste Wache jedes mal wieder durchgefroren an.

Sehr früh am Morgen, vielleicht um eins, wurde der Wind noch einmal stärker und änderte die Richtung leicht. Wir krängten mehr und das Wellensystem änderte sich. Die Wellen der ersten Windrichtung und die der neuen Windrichtung verlaufen durcheinander, weshalb die gefühlten Wellen unregelmässiger und manchmal auch immens viel grösser werden. So erfassten uns gelegentlich Wellen über die sich Sea Chantey nur mit viel Muskelkraft führen liess. Dazu begann es zu regnen. Aber wir kämpften uns vorwärts und die Lichter der Fischerboote bestätigte uns die Nähe zum Land. Gegen drei oder vier Uhr gab die Küstenwache via Funkgerät durch, dass ein Segelboot gesucht wurde, aber wir waren zurzeit keine nützlichen Helfer, weshalb wir auf Kurs blieben. Morgens gegen fünf Uhr nahm Reto Kontakt auf mit der verschlafenen Zollbehörde: Ob er denn wisse wie viel Uhr es sei?? Doch sie nahmen unsere Daten auf, weshalb wir nun die Erlaubnis bekamen an einem Steg anzubinden. Draussen waren bis dahin schon die Leuchttürme an der Küste zu sehen. Beim ersten Tageslicht fuhren wir in die Bucht zwischen der Mount Desert Island und dem Festland. Wir mussten grausam aufpassen, damit wir nicht mit dem Propeller an der Boje eines Hummerkorbs hängenblieben. Dann holten wir die Segel ein und fuhren zwischen den steilen, hohen Inseln hindurch nach Bar Harbour, Maine, USA. Da der Pier den wir dem Zoll angegeben hatten für den Winter entfernt wurde, entschieden uns für den erstbesten Pier, den wir finden konnten. Neben einem riesigen Whale-Watching-Boot machten wir fest, obwohl uns ein Einwohner darauf aufmerksam machte, dass dies ein rauer Steg sei. Aber morgens um acht Uhr kippten wir ins Bett, ohne uns darum weiter zu kümmern.

Am frühen Nachmittag klopften zwei Zollbeamte an unser Dach. Vollkommen verschlafen folgten wir den bewaffneten Officers ins Whale Wachting Terminal, wo sie unsere Personalien aufnahmen und uns ein Crusing Permit besorgten. Ausserdem berichteten sie uns von dem 40 Fuss langen Segelboot, dass verloren gegangen war, während wir unterwegs waren. Man musste annehmen, dass es gesunken war. Bei der Information bekam ich ein eigenartiges Gefühl und einen Kloss im Hals: Das hätten wir sein können. Immer noch todmüde gingen wir in ein Pub, assen und recherchierten über Monsterwellen. Sogenannte «drei Schwestern» hatten uns diese Nacht heimgesucht. Dann kippten wir wieder in unsere Koje, aber nur für kurze Zeit. Der Sturm verursachte im Hafen solche Wellen, das Sea Chantey gegen den Pier geschlagen wurde. Sie verlor glücklicherweise nur etwas Farbe, aber das Geräusch der knarrenden Fender war unerträglich. Auch scheuerten drei von fünf Seilen durch, die wir mitten in der Nach ersetzen mussten. Reto bediente sich dazu der grossen Anbindeleinen des Whale-Watching-Boots, so das wir uns zumindest nicht mehr sorgen mussten. Aber wegen der Geräusche und der Wellen schliefen wir kaum. Nie wieder würden wir nach Bar Harbor kommen!

Übrigens: Das verlorene Segelboot wurde einen Tag später in New Jersey gefunden. Die Crew war wohlauf.