Bier auf dem Elizabeth River

Richtig übles Heimweh, bekam ich während des Wochenendes, an dem wir warteten, dass sich unser Boot vollsaugt. Wir machten uns einen gemütlichen Samstag, gingen Bier kaufen und wollten im Restaurant essen gehen. Da das überall gelobte Fish&Slips unser zweites zu Hause war, wollten wir dem «Biergarten» eine Chance geben. Ein deutsches Ehepaar betreibt ein nicht zu kleines, deutsches Restaurant mit Schwarzwaldstiel, bayrischen Farben und Oktoberfest-feeling mitten im Downtown Portsmouth. Die Bierkarte ist so lang wie Sea Chantey und wir genossen jeder eine deutsche Biersorte. Bei «Strammer Max» – Fleischkäse mit Spiegelei – kamen mir fast die Tränen! Da sie ein originelles Lokal sind, hat der Biergarten nicht nur T-Shirts sondern ein richtiges kleines Spezialitätengeschäft, mit Milka, Knorr, Drindl-Kostümen und gebrauchten DEUTSCHEN BÜCHERN! Als ich das Werk «Die Zuckerbäckerin» aus dem Regal zog, wurde ich nicht nur einen Dollar ärmer, sondernd bekam furchtbare Sehnsucht nach meinem Mami, mit der ich zu Hause gleich eines der Rezepte im Roman ausprobiert hätte. Zumal Bier auch sensibel macht, quälte mich die ganze Nacht das Heimweh.

Auch am Sonntag musste ich nicht abwaschen, der Pizzalieferdienst wurde aber zum echten Abenteuer. Nämlich bestellten wir übers Internet und gaben an auf dem Parkplatz zu warten, wo ich nach der Hälfte der als zu erwartenden Lieferzeit angegebenen Zeit auch stand. Dort verliess gerade ein Bootsbesitzer den Parkplatz: Ob ich einen Pizza-Burschen suche? Ich hatte unser Abendessen um eine Minute verpasst. Mist! Reto holen, Uber bestellen, zum Pizza Hut fahren – unsere Pizza war sogar noch warm, als wir sie abholten. Zu Hause auf Sea Chantey genossen wir sie in jedem Bissen, zwei hervorragende, hart verdiente Pizzen.

Am Montag, zwei Wochen nachdem wir in die Werft kamen, stellte unser eifriger Schiffszimmermann den Motor auf die Propellerwelle ein. Wir machten eine Testfahrt und alle waren mit der erledigten Arbeit gleichermassen zufrieden. Nur Werftbesitzer Mike hätte seinen Schiffszimmermann am liebsten sofort zurückgehabt, den auf Richard wartete schon die nächste Arbeit. So hatten wir einen halben Tag Zeit um das Feierabendbier bereitzustellen. Gegen fünf Uhr bekamen wir auch tatsächlich drei Besucher: Richard, unser Schiffszimmermann, Charlie, der Sea Chanteys Bolzen aus dem Rumpf schlagen musste, und sehr zu Retos Freude Kate, unsere hübsche Rezeptionistin. Auch in den USA sind die Alkohol-Autofahren-Verhältnisse streng, weshalb sich unsere Besucher nach einem Bier auf den Heimweg und wir auf zur Tidewater Marina machten. Reto, eben ein waschechter Seemann, musste sich von noch einem hübschen Frauenzimmer verabschieden, weshalb wir diesmal im Fish&Slips zu Abend assen. Wir sassen an der Bar und plauderten bald mit dem angetrunkenen Trevor und seiner Bootsnachbarin. Trevor brauchte Gesellschaft, weil er gerade eine Trennung hinter sich hatte, und erzählte uns von seinen Abenteuern als Krabbenfischer in Alaska und Segler im Bermuda-Dreieck. Lustigerweise war es aber seine gut gelaunte Bootsnachbarin, die mir erklärte, wie ich meine Krabbenbeine knacken musste. Schliesslich kam auch die Schankmaid Ashley dazu uns zu erzählen, weshalb sie nun gebrochene Finger hatte – sie wollte nach links, aber ihr Hund nach rechts… Wir waren wieder einmal die Gäste mit dem dicksten Sitzleder und verliessen die Bar kurz vor Ladenschluss.

Landgang für Sea Chantey

Am Montag, 13.1. war es endlich soweit: Mikes Angestellter stand schon am (frühen) Morgen auf dem Pier, stellte sich vor und betrachte, was er zu tun hatte. Auch er kam zum Schluss, dass man erst herausfinden würde, wo das Problem liegt, wenn man alles auseinander genommen hatte. Reto erklärte ihm seinen Verdacht, nämlich dass die Röhre des Propellerschaftes wegen Kontaktkorrosion durchgebrochen war und deshalb Wasser durch den Spalt in der Röhre unter der Schaftdurchführung herauslief. Bald diskutierten Kapitän und Werftangestellter, wo die Gurte des Travellifts angelegt werden mussten, um Sea Chantey aus dem Wasser zu heben. Bei einem Travellift handelt es sich um ein fahrbares Gestell mit zwei Seilwinden, die je eine Gurtschlaufe anziehen, in denen das Schiff hängt wie in einer Hängematte. Die Gurten wurden in eine Art offenes Schwimmbecken herabgesenkt, während fünf Männer Sea Chantey an ihren Leinen um die Ecke des Piers zogen. Vorsichtig zogen sie unser Ketsch zwischen die Gurtschlaufen, wobei die hintere am Ruder hängenblieb. Mit einem langen Bootshaken und starken Armen wurde die Schlaufe unter den Kiel geführt. Und dann ging’s aufwärts: Wie die Fahrgastkabine eines Lifts wurde unser altes Mädchen in die Höhe und aus dem Wasser gehoben. Sobald ihr Kiel über dem Beckenrand schwebte, brachte Mike das Gestell in Gang. Langsam, damit unser 13 Tonnen Baby nicht ins Schwingen kam, bewegte er sie aufs Land.

Unter Sea Chantey Kiel wurden Blöcke gestapelt, auf denen sie abgestellt wurde, bevor an den Seiten Stützen angebracht wurden. Bis dahin hatten Reto und ich das Problem längst entdeckt. Unser Propellerschaft ist sehr lang, steht schräg aus dem Rumpf und ist daher durch eine Halterung stabilisiert und gelagert. Und eben diese bronzene Konstruktion hing lose. Dadurch drückte die Propellerwelle auf die bronzene Röhre, die sich durch die falsche Belastung von dem Holz des Blocks löste und leckte. Mit der Demontage wurde sofort begonnen, nachdem unser fast Algen-loses Unterwasserschiff gereinigt worden war. Die Halterung war mit Bolzen quer durchs Schiff montiert und es musste viel Spachtelmasse abgemeisselt werden, bevor die Muttern frei wurden. Diese brachen beim Abschrauben ab, weshalb die 30 cm langen Schrauben aus ihren Löchern geklopft wurden. Die Röhre zerbrach beim Herausziehen in drei Teile, ganz falsch lag Reto mit der Kontaktkorrosion nicht. Insgesamt murksten zwei Männer zwei Stunden an Sea Chantey herum, bis die 60-jährigen Teile demontiert waren. Dann kam der Boss zum Zug: Ersatzteile besorgen, nach Möglichkeit in Bronze, wie original.

passt und ist dicht

Eine Röhre zu bekommen, war einfach, denn diese musste extra für uns gefertigt werden. Bronzeschrauben in Sonderlänge zu besorgen, wurde hingegen zum Problem: Alle Lieferanten versicherten uns, sie könnten liefern, …aber erst in drei bis sechs Wochen! Nach drei Tagen herumtelefonieren, entschied Mike bei uns Stahlschrauben zu verbauen, wie er es mit bestem Gewissen auch bei jedem anderen Boot getan hätte. Reto und ich beschlossen aber sie mit dem richtigen Material zu ersetzten, sobald wir zu Hause sind und ich sie auf Papis Drehbank in gut zwei Stunden selber machen kann. Derweil trocknete unsere Elektro-Heizung fleissig den Block aus, während Kapitän und Mädchen für alles unterhalt machten. Wir malten und lackierten alles, was es mehr oder weniger nötig hatte. Zumindest solange die Temperaturen es zuliessen, denn gegen das Wochenende wurde es bitterkalt und windig. So machten wir einige Tage Blau, spielten Computerspiele, schrieben/korrigierten Bücher und verliessen unser «warmes» Boot nur, um zum Stillen Örtchen zu huschen (unser WC spült mit Meerwasser und bleibt an Land trocken). Anfang diese Woche war der Block trocken genug um ihn für das Epoxid vorzubereiten und am Mittwoch steckten Mikes Jungs die nigelnagelneue, golden glänzende Bronzeröhre in den Block. Von aussen und innen bestens mit Kunstharz verkleistert, sollte die Röhre nun wieder 20 Jahre dicht sein. Auch die Halterung wurde wieder montiert, bevor der ganze Unterwasserrumpf eine zusätzliche Schicht kupferhaltige Farbe erhielt, sogenanntes «Antifowling», das vor Bewuchs schützt. Am Freitag, zwölf Tage nach dem Haul-Out, wurde der Schaft wieder ins Boot gestossen und die Dichtung montiert. Mit dem Travellift setzte uns der Boss umgehend wieder ins Wasser, die Schlaufen senkten sich ins Wasser und innen… kam kein Tröpfchen! Sea Chantey ist wieder so dicht, wie ein Holzschiff nur sein kann!! Wir entschieden uns die Reparatur aber erst am Montag zu vollenden. Sea Chanteys Planken können sich derweil vollsaugen und ihre «natürliche» Form einnehmen, dann erst wird der Motor ausgerichtet damit Motor und Schaft fluchten. So entstehen keine Spannungen oder neue Verformungen, die einer langanhaltenden Gesundheit unseres Ketschs im Weg stehen könnten. Ausserdem gibt uns das Schwellen Zeit um Bier für die Werftmannschaft zu besorgen. Man möchte doch gute Erinnerung an die bei Werften generell unbeliebten Holzboote schaffen.

der süsse, kleine River mit dem grossen Reto

Stürmt die Werft

Am Dreikönigstag hatten wir etwas besonderes vor: An Retos Geburtstag wollten wir unser Glück mit der Werft erneut versuchen. Tatsächlich arbeiteten einige Leute mit schwerem Gerät auf dem Werftgelände. Und bald fanden wir auch den sehr beschäftigten Werftbesitzer Mike. Der dickliche Mann hatte viel zu tun und hörte uns eigentlich nur mit halbem Ohr zu, bevor er uns erklärte, dass er zu viel zu tun hatte, um sich mit Holzbooten herumzuschlagen. Diese wurden, wie uns bekannt war, häufig zu nie endenden Projekten und er konnte sich wirklich nicht damit aufhalten. Schliesslich gab Mike aber nach: Sein Schiffszimmermann Zack würde sich unser Problem einmal ansehen. Zack, der in Camden an einer Holzbootschule gelernt hatte, war der Meinung, dass ich das Leck schon reparieren lassen würde. Reto sammelte ausserdem Pluspunkte: Zack baut, wie Reto und Richard es getan haben, eine Duck Trap Dwerry und fand es spannend sich darüber auszutauschen. Er überzeugte den Big Boss uns aufs Trockene zu holen. So verschickte Reto noch am gleichen Tag Fotos von Sea Chantey an das Portsmouth Boating Center, damit Mike sich überlegen konnte, wie er unser Ketch in seine Travel Lift hängen konnte. Er könne uns aber frühstens Ende Woche auswassern, sagte uns Boss Mike, seine Sekretärin würde uns auf dem Laufenden halten. Wir hatten also doppelten Grund zum Feiern: Ich lud meinen Reto an diesem Abend ins Fish&Slips ein, wir gönnten uns eine Flasche Wein zum Essen und rundeten den Tag mit Desserts ab. Leider hatte ich vor lauter Leck nicht einmal Zeit gehabt Reto einen Kuchen zu backen.

Reto am Cockpit schleifen

Nach einigen Tagen streichen und flicken in der Tidewater Marina wurden wir wieder in die Werft beordert, um die letzten Dinge zu klären. Wir würden am Montag, 14.1. ausgewassert werden, wegen des Bugspriets rückwärts, also Heck voran, und Mike erklärte uns wie wir anlegen sollten. Er zeigte uns auf der Karte, wie wir die Fahrrinne zu durchqueren hatten und, dass wir mit der Backbordseite anlegen sollten. So würden seine Leute Sea Chantey nur um die Ecke in den Travel Lift ziehen müssen. Top: Auch die meisten von unseren Bestellungen erreichten die Marina bevor wir am Sonntagnachmittag aufbrachen. Derweil war Reto zum Marina-Gehilfen mutiert. Er half diversen Booten beim Docken an der Tankstelle und am Gästepier und versuchte das Rollfock eines verlassenen Segelboots zu retten. Dieses wurde von seinem Besitzer nicht mehr benutzt und als ein Sturmwind das vordere Segel zerriss, bekam Reto Mitleid mit dem armen Boot und versuchte sein Bestes, aber das Segel war nicht mehr zu retten. Auch als wir entdeckten, dass sich eines der normalerweise bewohnten Boote losgerissen und sich unter dem Pier verklemmt hatte, wollten wir uns voll Tatendrang der Rettungsmission anschliessen. Jedoch konnten wir das Dock nicht erreichen, weil den Code zu diesem Tor nicht hatten. Da aber ein Tow Boat, dessen Pilot mit den Leuten der Marina befreundet ist, gerade zum Tanken kam, richteten diese mit vereinten Muskelkräften das Boot wieder auf und sicherten es. Die Angestellten der Marina witzelten darüber, dass uns nun wirklich nur noch ein Freudenfeuer fehlte und wir hätten alles gesehen was die Tidewater Marina zu bieten hatte. Dabei zeigten sie mit dem Daumen auf den Verteilerkasten auf dem Nachbarpier, der im letzten Herbst ausgebrannt war.

unsere hölzerne Nachbarschaft ist ein Taucherboot aus den 40ern

Jedenfalls hatten wir am Sonntag wunderbares Wetter, als wir durch den Kanal in den Seitenarm des Elizabeth River fuhren. «Fahrt bis zur roten Boje!», hatte Mike uns verklickert, «Kürzt auf keinen Fall ab! Da ist es nicht tief genug!» Die Warnung war noch taufrisch in meinem Gedächtnis, weshalb ich mir nicht vorstellen konnte, dass Reto etwas soooo Wichtiges vergessen konnte. Ich fand zwar, dass er die Sandbank nicht grosszügig genug umfuhr, aber ich vertraute ihm: Bis wir rumpelnd über die Sandbank fuhren. Glücklicherweise blieben wir aber nicht stecken und banden Sea Chantey ohne weitere Vorkommnisse fest. Als ich Reto fragte, warum er nicht nach Mikes Anweisung gefahren war, sagte er nur: «Aber das hatte ich doch vergessen!» Der Abend war so schön und ich so voller Tatendrang, dass wir das Beiboot zu Wasser liessen und ich uns eine Weile in der Gegend herumruderte, bevor wir uns auf den sehnlichst erwarteten Montag vorbereiteten.

„Row row row your boat…“

Zum Warten verdammt

Momentan erleben wir nicht die haarsträubenden Seefahrer-Abenteuer, mit denen wir uns sonst herumschlagen. Stattdessen erleben wir die gelangweilten Tage des friedlichen Hafenlebens und nur meine Piratengeschichten und Seefahrer-Missionen in Retos Game versüssen uns die Tage mit Abenteuern. Bei schönem Wetter schliefen und lackieren wir unser Holzboot, bei Regen verstecken wir uns darin und machen Blau. An Silvester machten wir eine Wanderung zum Einkaufszentrum (1 Stunde Wegmarsch). Vollbeladen mit Fressalien meldete Reto sich bei Uber an, um uns samt Proviant wieder zum Hafen zu befördern. Ein schönes Stück Fleisch und frisches Ratatouille zum einem Glas Wein, war eine willkommene Abwechslung zu Dosenfutter mit Zwiebeln, aus denen ich auf mirakulöse Weise immer etwas Leckeres zusammen kochte. Manchmal gönnten wir uns einen Drink im Fish&Slips, das über unserer Marina thront, aber wir assen dort selten. Statt «Dinner for one» hatte Reto uns einen actionreichen Autofilm heruntergeladen, aber wir wären nach dem Film beinahe eingeschlafen, bis das neue Jahr auch die Ostküste der USA erreichte.

unser Arbeitszelt -> damit das Cockpit beim Trocknen trocken bleibt

An Double-Finger, also dem 1. 1., brachte uns ein Uber zu einem Elektronikgeschäft, das mit dem Namen «Best buy» Kundschaft anlockt. (Denkt noch jemand automatisch: «Mediamarkt, ich bin doch nicht blöd»?) Ich dachte eigentlich mich längst für das Samsung Model entschieden zu haben, jedoch verliess ich das Geschäft mit einem grünen, nigelnagelneuen …Nokia! Da wir beide den Shop hungrig verliessen, gingen Reto und ich zum Chinesen. Obwohl wir in einem Fast-Food-Laden, «Panda Express» standen, wo wir um elf am Vormittag natürlich die ersten Gäste waren, wurden wir bedient, fast wie im Restaurant. Weil wir auf unser Essen warten mussten, wurde uns ein Appetizer offeriert, bevor der Hauptgang an den Tisch serviert wurde. Noch besser trafen wir es mit dem Uber-Fahrer, der uns nach Hause brachte. Als wir dem geschwätzigen, älteren Schwarzen erzählten, dass wir auf einem Schiff wohnen und reisen, war Reginald so begeistert, dass wir ihn kurze Zeit später zu Kaffee und Brownies an Bord einluden. Er erzählte uns von den harten Behörden in Virginia und seiner Familie, ehe er uns eine Telefonnummer hinterliess. Wir hätten ihn gerne, wie abgemacht nach Virginia Beach begleitet, nur war unter seiner Nummer niemand zu erreichen. Dafür würden wir vielleicht noch einen Ausflug ins Museum machen, falls wir uns an einem Regentag aufraffen könnten.

Halbfreiwillige Weihnachtsferien

Da sassen wir nun in der Marina und hofften, dass der Boss der «Portsmouth Boating Center Inc.» zurückrief. Aber am 25. Dezember, Christmas Day, durften wir eigentlich nicht erwarten, dass jemand im Büro war, vor allem, da auch die Werft Weihnachtsferien hatte. Da der Anrufbeantworter aber versprach, dass Nachrichten regelmässig abgehört wurden, warteten wir hoffnungsvoll. Wir nutzten unsere halbfreiwilligen Ferien, um zu putzen und aufzuräumen. Reto dichtete zwei weitere Bullaugen ab, damit sind nun 4 von 8 wieder dicht. Abends hörten wir Hörspiele aus meinem Computerspeicher. Leider haben wir inzwischen alle gehört und unser Ferien-Ritual läuft damit aus. Auch am 26. Dezember warteten wir vergeblich auf einen Anruf, entschieden aber nur noch eine Nacht zu bleiben – Leck hin oder her. Zum Frühstück gab es Mailänderli, ich hatte vergessen Brot zu backen. Zum Mittag gabs Fajitas im Fish&Slips. Nicht das wir es uns wirklich leisten können schon wieder ins Restaurant zu gehen, aber in der Bar war das Internet viel stärker als auf dem Pier und es war lustig schon nach dem zweiten Barbesuch «das übliche» bestellen zu können. Auch mit der Post hatten wir kein Glück – geschlossen. Dafür verwandelte sich die Kombüse am Nachmittag in eine Backstube. Während Reto Lackarbeiten vorbereitete, backte ich dreieinhalb unterschiedliche Sorten Brot: Seewolfs Haferbrot, Kokosbrot, Brot nach Onkel Willi’s Rezept. In die Hälfte von letzterem noch ein paar Weinbeeren zu kneten, kann ich nicht als eigene Sorte zählen!

Wir gaben dem Boating Center Zeit bis Freitag, 10:00 Uhr, Ortszeit, dann würden wir ablegen. Wir setzten den Plan aber nicht um. Stattdessen klapperten wir alle Werften in Portsmouth ab, um einen Lift für unser leckendes Boot zu finden. Wir nahmen sogar den Fussmarsch zum Boating Center auf uns, aber die Freundliche Dame im Büro konnte uns nur sagen, was wir vom Telefonbeantworten wussten – der Chef war nicht da (und wie wir vermuteten, war er der einzige der den Lift benutzen durfte). Aber wir hatten von der Konkurrenz einige Telefonnummern von anderen Werften erhalten, weshalb unsere Suche am Telefon weiter ging. An Retos Telefon, denn meines scheint bald das Zeitliche zu segnen. Doch in ganz Virginia wird vor dem Dreikönigstag kein Bootslift mehr bedient, weshalb wir uns entschieden bis dahin zu bleiben und mit unserer Marina den Wochentarif aushandelten.

Da mein altersschwaches Mobiltelefon sich am Ladegerät schlecht erholt, durfte ich vom Schleifen der Kabinenwände einen Tag frei nehmen. Ich liess mich von der Fähre nach Norfolk rüberfahren und ging in die Mall, wie jede normale Amerikanerin. Ein Mobiltelefon zu kaufen, das nicht SIM-locked ist, stellte sich aber als ein Ding der Unmöglichkeit heraus. Aber im vierten Geschäft rutschte dem Verkäufer über die Lippen, dass ich dafür in ein Elektronik-Geschäft müsse und konnte mir auch eines empfehlen. Der Mann, der an einem Marktstand in der Mitte der Mall Handy reparierte, runzelte über meine elektronische Antiquität von 2015 die Stirn. «Uhh, das wäre aber eine komplexe Reparatur», sagte er, nachdem er herausgefunden hatte, dass er einerseits nur schwer an einen Akku kommt und andererseits das Handy vom Bildschirm aus öffnen müsste. Dafür plauderte ich mit ihm eine Weile übers Reisen: Als ehemaliger Navy Maschinist konnte er auf Reisen nach Asien und «leider» auch den Irak zurückblicken. Zumindest bezüglich Weihnachtseinkäufe war ich äusserst erfolgreich: Sea Chantey bekam ein neues Logbuch, denn das alte ist seit zwei Wochen voll, und Reto bekam eine Kanone (mit eingebautem Bleistiftspitzer!!)! Nur musste ich meinen Kapitän erst abstauben, bevor er die Geschenke auspacken konnte. Reto hatte den ganzen Tag alten Lack abgeschliffen, war Staubig von oben bis unten und ziemlich kaputt. Dafür durfte er sich nun mit ein bisschen Gamen erholen.

Kein Krieg ohne Doughnuts

Cape May erreichten wir nach einem Tag, an dem die Temperaturen unter Null Grad blieben. Wir waren durchgefroren und das Spritzwasser war an Deck zu einer soliden Eisschicht gefroren. Zu allem Überfluss liefen wir erst nach Sonnenuntergang in der Bucht ein, weshalb das folgen des Bojenkanals nicht einfach war. Hinter dem berühmten Restaurant Lobster House, dessen Gartenterasse ein Schoner ist und ein Pier zum festmachen einlädt, fanden wir uns plötzlich in der Marina wieder. Ein anderer Zugvogel, wie die Leute genannt werden, die im Winter in den Süden ziehen, gab uns die Kombination zu den schönsten Duschen, die wir je in einer Marina gesehen hatten. Eine Duschkabine mit zwei Duschbrausen, perfekt. Reto und ich genossen es uns aufzuwärmen.

Die freundlichen Leute von der Marina fuhren uns am Morgen zur Tankstelle, um den Propantank aufzufüllen und machten mit uns eine Rundfahrt durch das historische Städtchen. Wir legten dennoch noch vor zehn Uhr ab und segelten mit dem kalten Nordwestwind nach Delaware. Genauer in den Delaware State Park. Nur die Brücke hielt Reto in Atem: «Hoffentlich passen wir darunter durch!» Dazu hatten wir auflaufendes Wasser und durch den Einfahrtskanal entstand zwei Knoten Strömung – wir müssten also zwei Knoten schnell rückwärts Fahren um still zu stehen. Reto bremste Sea Chantey vor der Brücke und es sah von unten wirklich knapp aus, aber unsere Masten gingen unter der Brücke durch. Zum Glück, denn die Strömung drehte uns und wir glitten «quärewäg» unter der Brücke durch.

Einen Tag später hatten wir das perfekte Wetter: Es war warm und würde die ganze Nacht lang warm bleiben. Da wir zwischen Norfolk und uns keine Häfen mehr hatten, aber noch zirka 130 nautische Meilen entschieden wir den Trip am stück zu machen. Wir rechneten dafür 32 Stunden, wobei wir das letzte Stück unbedingt bei Tageslicht fahren wollten. Norfolk ist nicht nur ein Überseehafen für Güter sondern auch die grösste Marinebasis der US Navy, weshalb wir viel Verkehr erwarteten. Weil es ganze acht Grad warm war und windstill, fuhren wir unter Motor in dreistündigen Wachen. Es war so ruhig, das ich sogar kochte, und wir kamen viel zu schnell voran. Um Mitternacht entschieden wir den Anker zu werfen und einige Stunden zu warten, damit wir nicht bei Nacht durch die Hafeneinfahrt mussten. Wir gönnten uns vier Stunden Schlaf, dann brach meine Hundewache an. Ich steuerte uns bis zum Kap, bevor Reto uns im ersten Tageslicht durch die Durchfahrt der Autobahnbrücke fuhr. Eine sehr lange Autobahnbrücke verbindet Delaware und Virginia, die Schiffe unter einer Brücke hindurch oder über einen Autobahntunnel hinweg überfahren können. Wir nahmen den Tunnel und als ich wieder zur Wache gepfiffen wurde, passierten wir die Hafeneinfahrt. Um den Hafen zu durchqueren benötigten wir drei Stunden, man stelle sich die Grösse des Hafens vor! Dabei passierten wir eine Reihe Kriegsschiffe, Flugzeugträger, Versorgungsfrachter und sogar ein Hospitalschiff mit einem riesigen roten Kreuz darauf. Der Pier, an dem diese vertäut lagen, war Meilenlang und eine Bahnlinie mit mehreren Gleisen wurde benutzt um die Schiffe zu versorgen. Wie wir später herausfanden, musste jedes Schiff 5000 Mann Besatzung haben und die Angestellten im norfolker Hafen machten mehr als 10 % der Jobs in ganz Virginia aus. Und dennoch finde ich die grauen Pelikane immer noch nennenswert. Wir fuhren in den Elizabeth River ein, fotografierten die Stadt so wie die in der Werft liegenden Kriegsschiffe und fuhren dann endlich in einen Yachthafen in Portsmouth ein.Eigentlich waren wir sehr müde, aber wir konnten es nicht sein lassen am 23. Dezember noch ins Museum zu gehen. Das Kriegsschiff aus dem zweiten Weltkrieg USS Wisconsin konnte besichtigt werden. Mit der Fähre (ein gefälschter Raddampfer, der mit einem normalen Motor betrieben wurde, aber ein hübsches gefälschtes Rad hatte) fuhren wir über den Fluss nach Norfolk. Wir streunten durch das Museum, betrachten Schiffsmodelle, morsten uns Worte zu und streichelten lebende Fossilien, Hufeisenkrebse. Dann gingen wir über eine Brücke an Bord der USS Wisconsin. Ich war schon über das Teak-Deck erstaunt, aber die wahren Überraschungen warteten drinnen auf mich. Reto war nicht überrascht, und kicherte über alle meine Entdeckungen. Wir erkundeten nicht nur Kantinen und Schlafplätze, sondern auch eine Zahnarztpraxis und einen Friseur an Bord. Eine Post, eine Bibliothek, Waschküche, mechanische Werkstatt, Näherei, sogar eine Kirche – an Bord schien es alles zu geben, was man brauchen konnte. Aber der Kiosk, die Eisdiele und die Doughnut-Bäckerei verblüfften mich dennoch, aber auch Seeleute müssen irgendwo Kaffee trinken können. Auch fanden an Bord regelmässig unterhaltsame Events statt. Vom Boxkampf zum Rockkonzert stand fast alles auf dem Plan. Ich war fasziniert! Natürlich verwickelten wir uns mit einem Angestellten des Museums in ein Gespräch: Fast wären wir herausgeworfen worden, weil wir bei Ladenschluss immer noch im zweiten Stock standen. Kaum aus der Museumstür heraus, versuchten wir ein Postoffice zu finden, aber daran scheiterten wir kläglich. Also liessen wir uns von der Fähre nach Hause fahren und kippten nach zwei Tellern Pasta in die Koje.