Unser Ziel wird das Aquarium genannt und befindet sich zwischen den Privatinseln von Johnny Depp und Eddie Murphy, gehört aber zum Exuma Land and Sea Park. Den halben Tag lang tuckerten wir zwischen den Sandbänken und Untiefen zwischen den Inseln herum, bevor wir unseren Ankerplatz beim Aquarium bezogen. Wir amüsierten uns über das Schild auf Johnny Depp’s Insel, da stand:
This is not Disneyland – You are not willcome!
Logischer weise gingen wir nicht zu Besuch. Wir hängten uns an eine Mooring des Parks und packten unsere Tauchsachen zusammen. Reto fuhr uns zu dem unscheinbaren, dreissig Meter langen Stein. Der Blick ins Wasser allein war schon atemberaubend. Direkt unter unserem Dinghy lang ein Korallenwald. Ein Schwarm Fische, alle silber-gelb mit schwarzen Tigerstreifen, kreiste sofort Alianza ein. Reto, der meistens paddeln muss, darf wie normalerweise zuerst schnorcheln und kam mit den nötigen Infos zurück, wo die Strömung besonders stark ist. Nicht, dass ich ihm noch davontreibe… Als ich ins Wasser stieg, verfolgten mit die aufdringlichen kleinen Tigerfische, als würden sie um Futter betteln. Als ich aber vom Boot wegschwamm, blieben sie, um bei Reto zu betteln. Unter mir wuchs das Riff farbenfroh, gross und formprächtig, als wäre es für ein Aquarium designt worden. Röhren, Fächer und Kugeln in Farben zwischen lila und orange leuchteten am Grund. Dazwischen schwamm die grösste Vielfalt an Fischen, die ich je gesehen hatte. Blau, gelb, violett, bunt, getupft, gestreift und sogar mit Mosaikmuster wie ein Plattenboden, schwamm und trieb es um die Korallen und Wasserpflanzen. Wie Reto machte ich eine runde um den ganzen Felsen und erhaschte sogar einen Barrakuda beim Schatten suchen. Dank der Strömung kam ich durchaus erschöpft wieder im Dinghy an und liess mich von den getigerten Fischen umschwimmen, bevor ich ins Beiboot kletterte.
Ich entschuldige mich herzlich, dass ich euch keine Fotos zeigen kann – aber wir haben keine wasserfeste Kamera! Ihr werdet warten müssen, bis ich Zeit hatte das Aquarium zu Malen oder ihr googlet «Aquarium, Exumas».
Der Wind kam nicht nur aus der Gegenrichtung, er spielte auch gelegentlich Flaute. Aber für die einstündige Fahrt nach Wadericks Well hätten wir die Segel höchstens bei bestem Wind ausgepackt. Reto steuerte und ich sass – dick beschmiert mit Sonnencreme und geschützt mit meinem Jacaroo (australischer Cowboy-Hut) – auf dem Bug, um Untiefen und Korallenköpfe zu erspähen. In sicherem Fahrwasser nahm ich Kontakt mit dem Hauptquartier des «Exuma Land and Sea National Park» auf, welches auf der Insel seinen Sitz hat. Nach einigen Komplikationen (erst zwischen Park Ward und mir, dann zwischen mir und Reto) begriffen wir, dass uns Boje 12 zugesprochen wurde. In einem engen, aber tiefen Kanal, der zu beiden Seiten eine nur knietiefe Sandbank hat, zählten wir die unbeschrifteten Bojen ab. Ich fing Nummer 12 gleich beim ersten Mal mit den Bootshaken, zog das Seil durch den Ring und war nachdem ich es belegt hatte, damit sehr unglücklich. An der Mooring leben hunderte von winzigen Krebsen, aussehend wie Shrimp oder Hummer, die jetzt auf meinen Händen herumkrabbelten, was juckte und mich ekelte. Reto zog mir einen Eimer Wasser herauf, nachdem Sea Chantey korrekt an der Mooring hing, und ich wusch dankbar die Hände und kippte die Krebse über Bord. Obwohl das Park Office inzwischen geschlossen war, ruderten wir zum Strand um uns umzusehen und passierten die Brixter an Boje 14. Wir paddelten aber an ihnen vorbei, denn wir wollten noch das Schiffswrack bei Boje 9 besuchen. Weil es so warm war und ich schon am Strand ins Wasser gesprungen war, zog Reto mich mit dem Dinghy zum Wrack. Während ich mit der Strömung zu Sea Chantey zurückgetrieben wurde, ruderte Reto noch eine Weile neben dem Segelboot an Boje 10 her. Dort hatte sich nämlich jemand über die Reling gelehnt, um zu plaudern. Ich konnte nur vorbeitreiben. Dafür war das Abendessen schon fertig, als Reto wieder andockte.
Dieser Wal ist gleich lange tot, wie Stefy lebt – angespühlt 1995
Reto hatte einen Auftrag gefasst: Wir sollten ein Schild deponieren. Warum? An der Ostküste der Insel ist angeblich vor Jahrhunderten ein Schiff zerschellt. Niemand hatte das Unglück überlebt, weshalb in Vollmondnächten Geister auf dem Boo Boo Hill heulen. Um den Verstorbenen zu Gedenken deponieren alle vorbeikommenden Schiffe auf dem Hügelkamm ein Stück Holz, auf dem der Name des Schiffes geschrieben steht. Da unser Nachbarschiff von Boje 10 aber am nächsten Tag auslief, wollten sie uns ihre bemalte Planke übergeben, damit wir sie auf den Boo Boo Hill bringen konnten. So bekam Reto besuch von einem hübschen, 14-jährigen Mädchen, das die Planke ablieferte und ich bemalte den Abschnitt eines selbstgemachten Tischbeins mit Sea Chanteys Namen. Nach einem Stopp beim Office, marschierten wir durch eine Affenhitze über die Insel. Erst über Felsen zwischen Mangroven, dann über eine sandige Ebene, den Banshee Creek, die bei Flut unter Wasser steht und schliesslich den Hügel hoch. Bei bestimmten Pflanzensorten waren Schilder aufgestellt, Reto las jedes. Wir vertrockneten fast, aber wir deponierten unsere Planken auf einem enormen Holzhaufen voller Schiffsnamen. Einige davon waren zu Wegweisern vernagelt und mit nautischen Sammelsurien und Strandgut jeder Art behangen. Hier glaubte ich mich erstmals in einem meiner liebsten Computerspiele: Auch in «Monkey Island» stehen merkwürdige Dinge an Orten mit lustigen Namen und alles ist mit Schildern beschriftet. Durch die brennende Sonne kämpften wir uns zurück zum Hauptquartier und picknickten unter dem Schatten einer Strandhütte.
Nachmittags schnorcheln zu gehen, war naheliegend. Reto ruderte uns zum Rangers Garden, ein Riff nur hundert Meter südlich des Parkhauptquartiers. An einer kleinen Mooring extra für Beiboote vertäuten wir uns und schnorchelten abwechselnd, da wir nur eine Taucherbrille hatten. Reto durfte zuerst. Als ich die Brille und den Schnorchel übernahm, staunte ich. Was vom Boot aus nur schwarze und gelbe Flecken auf dem Grund sind, ist mit Taucherbrille ein Wald aus Wasserpflanzen und Korallenköpfen. Violette bis knallig gelbe Wasserpflanzen in jeder Form zwischen Fächern und Röhren wachsen zwischen trichter- oder ballförmigen Korallen. Dazwischen lassen sich Fische in jeder Farbe und Grösse nicht von Tauchern beim Fressen stören. Mir gefielen die eckigen, blau-gelben Skalare am besten, während es Reto eine winzige Fischsorte in leuchtendem Blau angetan hatte. Da wir uns gegenseitig die besten Plätze zeigten, sahen wir beide die Korallenansammlung von der Grösse eines Autos und den Schwarm grosser Fische, die uns von der Form her an Thunfisch erinnerten. Als wir das Riff verliessen, hatten wir Gegenstrom, weshalb ich das Dinghy über die Sandbank spazieren führte. Als wir die Brixter passierten, bekamen wir ein Bier offeriert, was wir natürlich dankend annahmen. Karen und Steve hatten natürlich ebenso viel zu berichten wie wir und wir genossen es zu plaudern, bevor wir zum Abendessen wieder das Weite suchten.
Für den Folgetag hatten wir uns die längste Wanderroute der Insel ausgesucht und brachen zeitig auf, um nicht den ganzen Marsch in der prallen Sonne unternehmen zu müssen. Die heimische Tierwelt begrüsste uns bald. Eine Ratte von der Grösse eines Kaninchens huschte davon, ein Bahama Humit, was für mich wie eine Bisamratte aussah. Auch die Landkrabbe von der gleichen Grösse suchte das Weite. Als ich von weitem die Schilder auf Boo Boo Hill sah und auf der anderen Seite die Steintürme am nahen Strand, kam ich mir wieder vor wie auf «Monkey Island». Bei diesem alten Point-and-Klick geht es darum als Pirat Guybrush Threepwood einen Geisterpiraten zu besiegen. Dazu muss der Spieler diverse Rätsel lösen. Dieses Spiel kann nur von jemandem gewonnen werden, der nichts als Unsinn im Kopf hat, denn die Rätsel sind zumeist scheinbar unsinnig. Ein Beispiel, das Gummihuhn mit der Rolle zwischen den Füssen bekommt erst Sinn, wenn man die Rolle an ein aufgespanntes Seil hängt, sich am Huhn festhält und wie eine Seilbahn über die Schlucht saust. Nicht nur, dass auf Wadericks Well viele zufällige Dinge herumliegen, auch wie man bestimmte Orte manchmal von weitem sieht, erinnerte mit irrsinnig an mein Lieblingsgame. Schon als wir die kleine Brücke über den Flutkanal des Banshee Creek überquerten, brannte die Sonne unerbittlich auf uns nieder. Dennoch kletterten wir bergan, auf der anderen Seite den Hügel hinunter durch Buschland an den Strand mit den Steintürmen. Von dort wanderten wir durch einen Spinnenbevölkerten Palmenwald. Dauernd liefen wir durch ein Netz, obwohl ich wann immer möglich das Netz samt Spinne umhängte. Ich nannte die kleinen Tiere «Teufelsspinnen», weil auf ihrem schwarzen Rücken kleine, knallrote Spitzen wuchsen, wie die Hörner an Haarreifen für die Fasnacht. Am nächsten Strand fanden wir den Weg nicht mehr, der mit kleinen Steintürmen markiert ist. Wir mussten ein Stück zurück, bevor wir den Weg über das Sumpfloch fanden. Am Strand dahinter erdrückte uns die Sonne endgültig – wir tranken unsere Gallone Wasser leer und warfen die Kleider von uns, um uns im leider warmen Wasser abzukühlen. Wir hatten gerade die Hälfte des geplanten Trips hinter uns, aber wir entschieden uns kehrt zu machen und vor der Sonne Schutz zu suchen. Der Gedanke an den langen Heimweg war nicht prickelnd, gerade weil wir vom Strand aus die Steintürmchen auf dem letzten Strand sehen konnten. «Weisst du, was das Krasseste ist, Reto? Ich wette wir könnten von hier aus durchs Wasser zurücklaufen, wenn wir die Rucksäcke auf den Schultern tragen.» Die Bucht zwischen unserem Strand und dem Parkhauptquartier war bei Ebbe nur Hüfttief. Reto, mein liebstes Wassersäugetier, konnte meiner Spontanidee nicht widerstehen. Wir quetschten unsere Kleider in die kleinen Rucksäcke und spazierten über den weichen, weissen Sandgrund der Bucht an den schroffen, scharfen Felsen vorbei zum Strand mit den Steintürmen. Der halbe Rückweg geschafft. Auch vom Türmchen-Strand war es möglich durchs Wasser weiterzulaufen und wir kletterten nahe der Brücke wieder an Land. Da wir kein Handtuch hatten liessen wir uns hier trocknen, bevor wir Kleider und Schuhe wieder anzogen. Nachmittags gegen Drei Uhr kamen wir wieder auf Sea Chantey an, um zu Mittag zu essen. Den Rest des Tages hielten wir Siesta.
Landkrabbe
Am nächsten Tag machten wir einen Dinghy-Ausflug mit dem Ziel am Emerald Rock zu schnorcheln. Doch Reto ruderte uns noch ein wenig weiter, bis wir schliesslich den sogenannten Wall zu sehen bekamen. Hier hatte schon vor vielen Jahren jemand die Insel mit einer Steinmauer in eine nördliche und eine südliche Hälfte geteilt, die von der West- bis zur Ostseite reichte. Wir gingen zwar an Land, weil wir aber unsere Karte vergessen hatten, fanden wir die Ruinen nicht. Dabei standen wir mitten auf dem Grundstück einer ehemaligen Plantage, die im 18. Jahrhundert bewirtschaftet wurde. So brachte uns Reto «zurück» zum Emerald Rock, wo wir nacheinander das Riff erkundeten. Retos Highlight war eine Wasserschildkröte, ich begnügte mich damit mich über ein steinernes Ding zu wundern, das wie ein Blumentopf aussah und von kleinen Fischen bewohnt wurde. Wir machten uns einen ruhigen Abend, bevor wir am nächsten Tag weiterfuhren.
Auch auf unseren Seekarten sind die Wasserläufe von Shroud Cay vermerkt, weshalb Reto nur ein Foto zu machen brauchte, um die Mangroven erkunden zu gehen. Ich packte Wasser und Lunch ein, denn Reto würde zwei Meilen rudern, bevor wir Camp Threepwood und «The Rapids» erreichen würden. Mit T-Shirt, Hosen, Hüten, Sonnenbrillen und Sonnencreme geschützt bestiegen wir unsere kleine Alianza und Reto ruderte los. Wir folgten der Küste rund um eine Landzunge und erblickten den Wasserlauf, auf dem wir von der nördlichen Lagune zurückkehren wollten. Etwas weiter nördlich ankerte ein Motorkatamaran. An einem Strand mit ein paar kargen Bäumen landeten wir, um die Umgebung zu erkunden. Von Schatten war nicht viel zu finden, dafür beobachteten wir Eidechsen, diverse Vögel und ich entdeckte sogar ein Küken, welches sich unter einem Gestrüpp versteckte. Dann stachen wir durch den nördlichsten Wasserlauf ins Innere der Insel vor. Das flache Gelände war mit Hüfthohen Mangroven bewachsen. Der Wasserlauf hatte sich eine zwischen zwei Meter und 30 cm tiefe Kerbe in den Untergrund gefressen, dem wir folgten. Sicher eine Meile lang ruderte Reto durch die Schlangenlinien des Wasserlaufs, ehe wir die andere Seite der Insel erreichten. Bei den sogenannten Rapids handelt es sich um eine schmale Lücke zwischen der Hügelkette, die die Insel umranden. Bei Flut läuft Seewasser rapid über die vorgelagerte Sandbank in die Lagune, wobei ein Strom von Ost nach West entsteht. Davon sahen wir aber noch nichts, weil das Wasser am frühen Nachmittag noch nicht genug hoch stand. Auch die Reste von Camp Threepwood mussten wir suchen. Wir hatten auf etwas Schatten und vielleicht sogar einen Picknicktisch gehofft, doch nachdem wir auf den Hügel geklettert waren, fanden wir nur eine Gedenktafel. Camp Threepwood hatte wohl schon im zweiten Weltkrieg keinen Tisch gehabt, als es noch ein aktiver Radarstandort gewesen war. Wir quetschten uns schliesslich hinter einen Felsen, um etwas Schatten zu haben, während wir unseren Salami verdrückten.
Vermutlich hätten wir uns nach der Mittagspause auf den Heimweg gemacht, wenn nicht ein motorisiertes Dinghy den Strand von Alianza angesteuert hätte. Ein Paar im Pensionsalter stieg aus, während wir die Picknickreste verstauten. Reto kam natürlich bald mit ihnen ins Gespräch, weshalb wir erfuhren, dass wir für die Rapids zu früh seien. Ihr Plan war zu baden bis die Flut über die Sandbank strömen würde und sie sich mit dem Dinghy durch die Kanäle zwischen den Mangroven auf die andere Seite der Insel spülen lassen wollten. Reto und ich unternahmen einen Spaziergang über die Bank, solange es noch möglich war und setzten uns dann in «social distance» zu dem Paar ins Wasser. Wir plauderten gut zwei Stunden, während das Wasser im Kanal immer schneller floss und die Sandbank immer tiefer unter Wasser lag. Schliesslich entschieden wir, es sei an der Zeit. Wir hüpften ins Dinghy und liessen uns in die Lagune spülen. Wir sausten über den Salzwassersee. Reto bewegte die Ruder nur um zu Steuern, ansonsten bewältigte sich die erste Hälfte des Heimwegs wie von alleine. Von der Inselmitte aus musste Reto sich wieder etwas in die Riemen legen, um die Bucht mit dem Motorkatamaran zu erreichen. Brixter merkten wir uns den Namen, ohne zu wissen, dass wir den Katamaran wiedersehen würden. An unserem kleinen Privatstrand mit der Mooring-Kasse kühlten wir uns ab, bevor Reto uns nach Hause brachte.
Unterwegs nach Shroud Cay hatten wir endlich einmal wieder den passenden Wind um zu Segeln. Wir nutzten die Chance um unseren «Flieger» auszuprobieren (das Vorklüverstagsegel, das vorderste Segel ohne Baum). Da Reto erst auf Nassau die Zeit gehabt hatte dessen Cover zu vollenden, hatten wir es während der bisherigen Reise nicht geriggt. Wie üblich setzten wir von hinten nach vorne die Segel, weshalb das Vorsegel schon gesetzt war bis ich den Flieger vorbereitete. Mit der doppelten Anzahl Leinen vor dem Grossmast, war es kein Wunder, dass diese durcheinander gerieten. Auch wurde das Lösen der verklemmten Haken zum Hochseilakt, welche das Segel am Vorstag verhingen, wie die Ringe eine Gardine an der Stange. Das Vorsegel war mir beim Klettern im Weg und die wirklich moderaten Wellen schüttelten mich fast vom Bugspriet. Doch endlich hatte ich alle Verklemmungen und Leinen gelöst und setzte den Flieger. Nun hätte ich es fieren sollen, im also Leine geben, damit es den richtigen Winkel zum Wind bekam. Aber Retos Langspleis war zu dick, um über die Rolle zu laufen!!! Weil eine Maus im vorletzten Winter die Schotten des Segels gleich doppelt durchgeknabbert hatte, hatte Reto dieses an zwei Stellen wieder zusammengefügt, weshalb die Leine an den Fügestellen nun doppelt so dick war. Aber woher hätte er wissen sollen, dass es zum führen des Segels die ganze Leinenlänge brauchte? Der Flieger flatterte nun wild und die Schotten verhedderten sich in den anderen Leinen. Noch dazu verklemmte auch die Leine, mit der man das Segel wieder hätte bergen können, ohne auf den Bugspriet klettern zu müssen. Nun musste auch Reto mit Hand anlegen und gemeinsam rangen wir den Flieger nieder. Danach hatten wir unser Mittagessen nötig.
Ich hatte an diesem Tag etwas sehr Dummes getan – nämlich hatte ich mich zum Segeln weder angezogen, noch mit Sonnencreme eingecremt. Ihr ahnt es… Ich holte mir einen wüsten Sonnenbrand! Das Gesicht und die Stellen, die normalerweise keine Sonne zu sehen bekommen, glühte rot und schmerzte, bevor ich mich nach Tagen zu Häuten begann wie ein Drache. Es dauerte die ganze Woche bis der Sonnenbrand verheilt war und ich wieder bequem sitzen konnte, während sich bei Reto «nur» das Gesicht schälte. Dafür achten wir seither wieder penetrant auf den Sonnenschutz und lassen Retos Sonnensegel aufgespannt, wenn wir uns bei Flaute mit dem Motor bewegen. Manchmal müssen wir Sturköpfe die Dinge auf die harte Tour lernen!
Shroud Cay ist eine der nördlichsten Inseln des «Exuma Land and Sea Nationalpark». Sie hat zwei niedliche Lagunen voller Mangroven umgeben von Hügeln, weshalb sie mich an einen Topf erinnerte. Durch mehrere kleine Wasserläufe strömt die Flut in die Insel und wieder heraus. Der Nationalpark besitzt verteilt zwischen den Cays einige Moorings, von denen wir uns eine schnappten statt zu ankern. Nur der Briefkasten am nahen Strand, in dem man die Liegegebühr deponieren kann, hatte keine Umschläge mehr auf denen normalerweise die entsprechende Gebühr vermerkt ist und auch sonst keine Preisliste. Schulterzuckend machten wir uns auf um die Insel zu erkunden. Ein zugewachsener, steiler Weg führte zu einem «Well», einem Wasserloch mit Süsswasser, welches manchmal zu einem richtigen Brunnen ausgebaut wurde. Diese Löcher schienen eingestürzte Höhlen im Kalkgestein zu sein, die von oben mit Regenwasser gefüllt wurden und wegen ihrer tiefe nicht austrockneten. Statt nur dem einen mit dem Brunnenrand fanden wir mindesten Zehn volle und unzählige trockene Löcher im Boden, weshalb wir uns sehr vorsichtig durch die Büsche bewegten. Hier konnten vorbeikommende Boote Wasser schöpfen, allerdings muss dieses zumindest Filtriert und Abgekocht oder 50/50 mit Rum vermischt werden, damit ein Matrose davon nicht Durchfall bekommt. Aus Neugierde schöpften auch wir Wasser aus dem Brunnen, probierten aber nur ein kleines Schlückchen – nicht salzig! Zum Abkühlen am Abend badeten wir am Strand und ich baute zum ersten Mal seit Jahren eine Sandburg, bevor wir uns wieder zurückzogen.
Das Gewitter hatte uns verpasst, aber ein Regenschauer traf uns mit voller Wucht. Der Regen prasselte fadengerade auf uns nieder während wir nach Südosten unterwegs waren. Fast versetzte uns das Wetter nach Nova Scotia zurück, ich für meinen Teil packte sogar die Ölzeugjacke aus. Reto liess sich während seiner Wache einweichen. Bald war die Wolke vorübergezogen und wir konnten mit angemessenem Licht die sehr seichte Yellow Bank überqueren. Ich steuerte, Reto stand auf dem Bug und hielt Ausschau nach Korallenköpfen. Wir staunten nicht schlecht, als das kleine Fischerboot plötzlich auf uns zufuhr. Noch mehr staunten wir, als die Insassen (offenbar doch keine Fischer) nach dem Weg nach Nassau fragten! Reto gab ihnen die Richtung, aber wir sorgten uns dennoch etwas um die zwei Männer. Kaum hatten wir die Bank hinter uns, holte uns die nächste Regenwolke ein und wir wurden erneut geduscht. Doch trocknete das Deck fast bis Land in Sicht kam. Durch wunderbar klares, blaues Wasser fuhren wir zwischen die Allen Cays und warfen den Anker in der Bucht einer Hufeisenförmigen Insel. Reto versuchte den Pflugscharanker in den Boden zu ziehen, aber wir konnten von oben sehen, dass er sich nicht eingrub. Daher ging ich baden, um den Anker mehr in den Boden zu rammen. Die Pflugschaufel stiess auf harten Boden, eingraben fast unmöglich, doch der Anker hielt uns fast zwei Tage an Ort und Stelle. Trotzdem hielten wir Ankerwache und standen in dieser Nacht abwechselnd auf, um unsere Position zu kontrollieren.
Nach dem Frühstück liessen wir das Dinghy ins Wasser. Allen Cay ist bekannt für die Iguanas, die hier Leben und von den vorbeikommenden Besuchern gefüttert werden. Auf der östlichen Insel waren schon zwei kleine Motorboote an den Strand gefahren. Wir erkundeten zunächst den kleinen Strand gleich neben uns, wo wir Muscheln und Einsiedlerkrebse zu Hauf fanden. Dann verschoben wir an den Strand in der Hufeisenbeuge. Schon beim Aussteigen huschte eine Iguana davon. Eine 60 cm lange Eidechse mit Kamm und voluminösem Kehlkopf betrachtete uns kritisch, bevor sie sich versteckte. Auf uns wirkten sie nicht als ob sie Fütterung gewohnt wären. Wir durchwanderten die Insel zwischen niederen Palmen hindurch zur anderen Seite und zurück, wobei die Iguanas vor uns flüchteten. Reto erklomm den Hügel zur östlichen Seite des Hufeisens, auf der ein hoher Steinturm stand, während ich im Wasser spazieren ging. Danach setzten wir uns in den Schatten des einzigen, echten Baumes und beobachteten die Iguanas und hunderte von winzigen Einsiedlerkrebsen beim herumschleichen. Die Warnung in unserer Karte schien berechtigt zu sein: Viele der Echsen besuchten den rostigen Rest eines Grills, von dem sie angeblich das Fleisch herunterstahlen, wenn man sein Steak nicht genügend bewachte. Reto ruderte uns später weiter an den Strand, an welchem wir die anderen Touristen gesehen hatten, aber auch dort wollten die Iguanas nicht gefüttert werden. Dennoch kamen gleich vier grosse Miet-Katamarane an, während wir zu Sea Chantey zurückruderten. Sie stammten lustigerweise alle aus Palm Cay, wie wir an den Namen erkannten. Doch machten sie sich nach zwei Stunden Baden und Iguanas füttern wieder auf und Allens Cay wurde wieder so einsam wie zuvor.
Vom Department of Immigration bekamen wir nur Empfangsbestätigungen, ansonsten meldete sich niemand. Davon liessen wir uns aber nicht stören und gingen weiter im Wochenprogramm. Am Freitag fuhren wir shoppen. Bei Lightbourne Marine rüsteten wir Leinen nach und besorgten Angelschnur. Ich gönnte mir einen Spaziergang durch ein Shopping-Center, den Reto geduldig im Auto abwartete. Wer Reto kennt, weiss, dass er nicht gern einkauft. Zum Schluss gings ab in den Lebensmittelladen, um den auch Reto nicht herumkam. Zur Entlastung seiner Nerven bekam er einen kurzen, klaren Auftrag: 1. Befülle diesen Einkaufswagen mit Wasserkanistern, Fruchtsaft und Süssgetränken. 2. Gehe zahlen. 3. Verlade alles ins Auto und warte da. Derweil konnte ich die «komplizierten» Dinge einkaufen, wie Lagerobst, Gemüse, Dosennahrung und andere „Frischprodukte“. Seit Wochen konnte ich auch zum ersten Mal Nutella kaufen, dafür gab es noch immer kein Kakaopulver. Dass ich die Zwiebeln vergessen hatte, merkte ich erst zu Hause, aber ich rüstete uns mit Kiloweise Mehl und Teigwaren aus. Während dem Verladen der Bagage läuteten auch plötzlich unsere Telefone. Jerome, ein älterer Herr den wir unter der Woche am Pier getroffen hatten, fragte, ob wir noch interessiert an einem Ausflug zu seinem Segelclub seien.
Wie verabredet trafen wir Jerome Pyform (der Name lautete vor vielen Generationen «Pfeiffer») am Samstag vor dem Mittag und fuhren zu seinem Jachtclub. Zum ersten Mal seit Monaten hatten wir uns anständig angezogen – Reto glänzte in Shoes and Shirt und ich trug mal wieder einen BH drunter. Auf dem Parkplatz trafen wir seinen Sohn Eliott und dessen Freundin Natascha, mit denen wir durch eine Codeschloss-Tür die Poolanlage des Jachtclubs betraten. Das Personal trug Handschuhe und Gesichtsmasken, aber wir Gäste durften die Masken bei Tisch ablegen. Wir bestellten eine bahamische Spezialität und begannen zu plaudern, über unsere Abenteuer, unsere Berufe und wie wir die Corona-Krise überstanden hatten. Zum Mittagessen gab es Gekochten Fisch, was ein bischen was von Suppe mit Spatz hat. Das Fischfilet wird am Stück in einer klaren Brühe aus Kartoffeln und Zwiebeln gekocht und mit Zitronensaft und Chili gewürzt. Dazu gibt es traditionell grobe Polenta und Butter beschmiertes bahamisches Brot. Ein leichtes Essen, dass uns aber stundenlang satt hielt. Auf meine Frage wie wir zu bezahlen hatten – denn niemand fragte nach der Rechnung – sagte Jerome, alles sei bei seinem Club inklusive. Reto und ich waren nun sicher uns keine Mitgliedschaft leisten zu können.
Den ganzen Sonntag lang verstauten wir unsere Einkäufe und machten nach langem unser Boot seefest. Ausserdem kehrten wir das letzte Mal im Pink Octopus ein, um uns zu verabschieden und die letzten Konsumationen abzubezahlen. Den Montag nutzten wir für den letzten Schliff. Wir kauften Eis, ich backte Brot und wir hatten ein letztes Mal Besuch von Andy, mit dem wir uns schon zum dritten Mal auf ein Bier oder einen Kaffee zusammenschlossen. Am Dienstag war nur noch der letzte Abwasch zu erledigen bevor wir Sea Chantey an die Tankstelle verlegten. Wir füllten Diesel und Wasser auf, während sich auf dem Meer ein Gewitter zusammenbraute, aber vorbeizog. Schlussendlich deponierten wir schweren Herzens die Schüssel, in der wir Hafenstreuner Scooby fast täglich Wasser gegeben hatten. Ich hatte mir fest vorgenommen den Hund nicht ins Herz zu schliessen, aber da sie mir mit Vorliebe folgte und sich am liebsten von mir streicheln liess, tat es mir dennoch weh sie ein letztes Mal zu streicheln. Und dann brachen wir auf.
Um in die Exumas reisen zu können, die angeblich die schönsten Inseln der Bahamas sind, die man auf keinen Fall verpassen darf, brauchen wir zwei Dinge: Eine Aufenthaltsgenehmigung und ein Cruising Permit. Beides ist nach fast drei Monaten auf New Providence fast abgelaufen, weshalb wir uns nun um Verlängerung bemühen müssen.
Durchorganisiert wie mein Reto ist, hatte er von der Marina einen Wagen und eine Wegbeschreibung zum Costums Office (Zollbüro) bereitmachen lassen. Ich packte am Morgen alle benötigten Dinge plus Wasser ein und gab ihm seine Mappe mit den Dokumenten wieder zurück, weil sie nicht in meinen Rucksack passte. Er sollte sie halt unter dem Arm klemmen. Maske? Auch dabei. Wir fuhren in die Stadt und fanden uns am Kreuzfahrtschiffhafen wieder, der sich inmitten eines Meeres von Restaurants und Souvenirshops befindet. Alles geschlossen, weil Kreuzfahrtschiffe erst in einem Monat wieder anlegen dürfen. Aber als wir unterwegs zum Zollbüro waren, entdeckte ich, dass Reto seine Mappe gar nicht dabei hatte. «Die ist doch in deinem Rucksack?», fragte er. «Nein, die habe ich dir zurückgegeben, weil sie nicht hineinpasste, erinnerst du dich?» «Upps… Dann liegt sie noch auf dem Schiff.»
Wir entschieden auf dem Rückweg am Swiss Pastry Shop vorbeizufahren, nur um zu sehen wie schweizerisch er tatsächlich ist. In der Hoffnung auf eine Cremeschnitte sah ich mich in der kleinen Konditorei um, deren schweizerischstes Gebäck die Eclairs waren, welche tatsächlich fast wie zu Hause schmeckten. Auch der Dänisch Plunder und die Früchtetörtchen sahen aus wie in der fernen Heimat, damit hatte es sich auch schon. Ansonsten stand ich in einer amerikanischen Konditorei, aber ich kaufte dennoch Eclairs, Früchtetörtchen und zwei Stücke Schokoladentorte, um uns den Tag zu versüssen. Der Rückweg zur Marina war schwierig, da in dieser Strasse gerade die Bäume geschnitten wurden, als wir zurückkamen. Wir wurden durch ein Quartier geschickt, aus dem wir fast nicht mehr herauskamen, um uns schliesslich auf der anderen Seite der Marina an der Strassensperre befanden. Hier umfuhr ich nun die Strassensperre und Gerätschaften über die Wiese, um endlich die Marina-Einfahrt zu erreichen. Reto war natürlich genervt, was auch die leckeren Süssigkeiten nicht ändern konnten. Dennoch bewegte ich ihn dazu, sich ein zweites Mal von mir aufs Zollbüro zu fahren zu lassen. Diesmal mit Mappe bewaffnet, wurden wir tatsächlich empfangen. Nur konnte der Zollbeamte unser Crusing Permit nicht verlängern – das macht momentan nur das Hauptquartier! Also fuhren wir nach seiner Wegbeschreibung über die halbe Insel, wo wir nach kurzem Suchen das Hauptzollbüro im Gebäude des Finanzamtes fanden. Cruising Permit verlängern? Kein Problem, nur die Kasse hat geschlossen, ihr müsst die 500 Dollar cash bringen. Also liess ich Reto auf dem Zollbüro zurück und fuhr zur Bank um die Ecke. Kurz darauf waren wir um ein Stück Papier reicher und die Bahamas um 500 Dollar. Dazu bekamen wir die Wegbeschreibung zum Immigration Office, wo wir hofften unsere Aufenthaltsbewilligung genauso reibungslos verlängern zu können. Ich chauffierte uns zurück ins Downtown, wo die Schnitzeljagt angefangen hatte. Nur warf uns das Sicherheitspersonal sofort wieder raus – ohne Termin, kein Eintritt! Dafür fanden wir eine Tafel mit Telefonnummern und E-Mail-Adresse mit der wir online um Verlängerung bitten konnten. Da wir nun wieder im Downtown waren, hielt ich auf dem Heimweg beim Chinesen an und holte zum Abendessen Gebratene Ente und Kantonesisches Rindfleisch, denn nach einem ganzen Tag Autofahren auf New Providence hatte ich genug gearbeitet. Zur Beschreibung: In den Bahamas sind die Autos verbeult sowie meist ohne Stossstange und der Fahrstiel sehr italienisch. Zur Beruhigung der Nerven brauchte es auch einen Sprung in den Pool, wo auch Reto beim spielen mit Ava und Karli wieder Lebensfreude entwickelte.
Immer Freitags bringt die Ex-Frau des Küchenchefs im Pink Octopus die gemeinsame Tochter ins Restaurant, damit der Vater sie übers Wochenende betreut. Es dauerte nicht lange bis die neugierige, siebenjährige Skylar uns entdeckte – zumal wir manchmal die einzigen Leute waren, die die Strandanlage benutzten. Nicht, dass wir Kontakt mit der kleinen Plaudertasche aufgenommen hätten, Skylar verschafft sich Aufmerksamkeit. Nachdem sie uns beim ersten Treffen nur belagert hatte und uns haarklein von ihren Tablet-Spielen erzählte, entdeckte sie mich beim zweiten Mal beim Malen. Nur ein einziges Mal hatte ich meine Künstlerfarben und die Staffelei an den Strand geschleppt, aber das reichte natürlich, dass auch die aufdringliche Kleine malen wollte. Wir verabredeten also am kommenden Montag, 1. Juni zum Malen. Da dieser ein Feiertag in den Bahamas war, war das Restaurant geöffnet und sie durfte (musste) mit Daddy zur Arbeit.
Ein Tisch als Kunstwerk für sich
Ich dachte an alles! Mit Zeitungspapier deckten wir den Tisch ein, Gläser für die Pinsel, ich hatte sogar ein altes T-Shirt mitgebracht, damit das Kind am Ende nicht voll Farbe war. Aber Skylar malte tiefend nass im Badeanzug. Ich hatte ihr eine meiner Künstlerleinwände überlassen, denn ich hatte nicht die Möglichkeit etwas Günstigeres zu besorgen – und, wie sollte ich einer siebenjährigen erklären, dass es teures Rot und günstiges Rot gibt? Ein bisschen weh tat es mir schon, dass nur ein Regenbogen und eine Blumenwiese die Leinwand zierte, als das Mädchen wieder in den Pool hüpfte. Aber ich hatte ja eigentlich damit gerechnet. Als sie eine Viertelstunde später die zweite Leinwand haben wollte, gab ich ihr Papier. Auch dieses Bild blieb grösstenteils weiss, ganz im Gegensatz zur überfüllten Palette, als Sky wieder in den Pool sprang. Als sie das nächste Mal zurückkehrte, hatte sie ein noch jüngeres, strohblondes Mädchen bei sich und sagte: «Sie bekommt kein Glacé, da dachte ich sie könnte mit uns malen.» An diesem Kind hatte ich aber meine helle Freude: Sie füllte das teure Aquarellpapier mit einer grossen, roten Sonne und malte dann so fleissig Sterne darum herum, dass ihr Vater am Pool aufmerksam wurde. Er bedankte sich bei mir und wir diskutierten ein wenig, bevor er mit seiner Tochter Deutsch zu sprechen begann. «Dann sprichst du normalerweise Deutsch?», fragte ich und plötzlich konnte auch die kleine Ava mit mir reden. Papa Frank erklärte den Rest: Gerade mit dem Katamaran aus den Exumas angekommen, wir bleiben eine Woche, wir sehen uns. Auch der Chef war äusserst froh über meine Malen-mit-Kindern-Aktion gewesen, denn er hatte die Küche zwischen 11:00 Uhr und 3:00 am Nachmittag nicht verlassen. Zum Dank wusch er meine Pinsel und übersah die hübschen lila Sprenkel, die seine Tochter auf den Sitzkissen hinterlassen hatte.
Da wir am Dienstag den Liegeplatz wechselten, wurden wir die Pier-Nachbaren des deutsch-französischen Katamarans mit den zwei unglaublich blonden Kindern. Bald hatten wir ein kleines, nacktes Mädchen und einen noch viel kleineren, nackten Jungen namens Karli an Bord, die im Cockpit sassen und mit MIR Piratenschiff spielten. Gas geben, bremsen, Anker hoch, Anker runter und Schweinchen von der exumanischen Schweineinsel retten, hielt mich sehr auf Trab, während Reto und Frank sich friedlich austauschten. Das Resultat: Ich bin das Palm Cay Maria Kinder Highlight! Von da an hatten wir fast jeden Tag besuch von Ava und Karli, die wir auf sechs und vier Jahre schätzten und beide lange blonde Locken haben, wie kleine Engel. Der nächste Zopfteig wurde nur zur Hälfte zum Zopf, eine innere Stimme befahl mir aus der anderen Teighälfte Schildkröten zu machen. Sie gefielen den Kindern so sehr, dass wir zwei Tage später selbstgemachte Croissants bekamen, sehr offensichtlich liebevoll von Kinderhänden gerollt. Als auf dem riesigen Katamaran die Waschmaschine ausstieg, verbrachten wir Zeit mit Ava im Pool. Hier wurde Reto zum König! Als er am Freitag, als auch Skylar und die fünf Kinder des Pizzaiolos Wally ihre Zeit im Pool verbrachten, mit in den Pool sprang, konnten sich die Kinder kaum noch halten vor Begeisterung: Reto tauchte mit den Kindern durch das Becken, spielte Sprungturm und lehrte Wallys Söhne das extraweite Spritzen (Reto kann jemanden gezielt nassspritzen der 6 Meter entfernt ist!). Frank schien fast ein bisschen enttäuscht zu sein, dass er nicht den gleichen Heldenstatus erreichte als er ins Becken sprang, aber Wallys Ältester Ocean freute sich über ein Ballspiel mit ihm. Ich rollte nur mit Wallys zweitkleinstem Kind, dem vielleicht zweijährigen Enzo den Ball hin und her. Frank liess Wallys Kindern sogar die Bälle zurück, als Ava und Karli genug hatten und wir versprachen diese später abzuliefern. Ich sammelte den kleine Schaumball und den regenbogenfarbenen Wasserball früh genug ein, aber ich hatte die Rechnung ohne Hafenstreuner Scooby gemacht. Sie erwischte den Wasserball, dem ging die Luft aus und sie spielte damit am Strand. Einer von zwei Bällen kam flach bei den Besitzern an. Aber als unser geliebter Streuner am Wochenende eine der Gummienten schnappte, die Ava und Karli mit in den Pool genommen hatten, konnte ich ihr diese wieder abjagen. Der liebe Hund sah so enttäuscht aus, als sie die Ente mit hängenden Ohren auf den Boden legte – Scooby hätte auch gerne damit gespielt. Tags darauf wurde Ava sechs Jahre alt und seither verbrauchen ein ausblasbarer Jetski und ein riesiger goldener Schwimmreifen den Platz im Pool.
Da nun nach und nach die Insel wieder geöffnet wird, kann ich nicht mehr von «Quarantäne-Abenteuern» schreiben, auch wenn wir von normal noch weit entfernt sind. Ab 2. Juni, also nach Pfingstmontag, sind fast alle Geschäfte wieder geöffnet, einzige Ausnahme ist die Unterhaltungsindustrie.
Wer uns kennt weiss, dass Reto normalerweise vor mir aufsteht. Hier im Hafen nutzt er diese Zeit, um einen Ausflug zu den Sanitäranlagen zu machen, womit unser Bord-WC geschont wird. Am Freitag vor dem Pfingstwochenende erregte ein furchtbar tiefliegendes Sportfischerboot seine Aufmerksamkeit. Sein sechster Sinn für leckende Boote brachte ihn ins Hafenbüro, in dem aber noch niemand zugegen war. Ein Security-Mitarbeiter benachrichtigte für ihn den Hafenmeister, während Reto kurzentschlossen zu Sea Chantey zurückkehrte, um die Handpumpe und den Eimer zu holen. Ich lag derweil noch selig träumend in der Koje. «Stefy, da sauft ein Boot ab. Ich gehe es auspumpen», gab er mir Bescheid, aber im Halbschlaf machte ich nur «Mh…hm…» und träumte weiter. Ich erstach in einem unruhigen Traum Ratten in einem Einkaufszentrum mit einem Küchenmesser, als mich der Präsident meines Schützenvereins zu rufen begann. Ich brauchte gute zwei Minuten bis ich feststellte, dass vom Pier aus jemand nach mir rief. Der Gehilfe des Hafenmeisters war von Reto geschickt worden, um Tuck Tape zu holen. Er musste zweimal sagen, was er wollte bis ich begriff, aber gleich darauf grub ich die silberne Tuck Tape Rolle hervor und begleitete den Gehilfen zu Retos Frühsport-Projekt. Das Boot war zirka 12 Meter lang, mindestens vier Meter breit und Reto lag zur Hälfte im Heckstauraum, um mit dem Finger eines der Lecks in einem Schlauch zuzuhalten. Teamwork: Ich rollte ein Stück Tape ab, Reto zog den Finger zurück und ich montierte das Klebeband über dem sprudelnden Loch. Dann bediente ich die Handpumpe, Reto fuhr damit fort die überschwemmte Kabine mit unserem Eimer auszuschöpfen und der Hafengehilfe, der weder Eimer noch Pumpe hatte, stand daneben. Dabei wurde ich endlich wach – Reto verfehlte mit einem Eimer voll Wasser das Hafenbecken und es traf mich eine grosszügige Portion. Bald tauchte der Hafenwart mit einer elektrischen Bilgenpumpe auf, die er an einer Autobatterie anschloss, womit endlich sichergestellt war, dass der Kahn nicht unter unseren Är***en wegsank. Kaum war diese installiert, kam endlich der Angestellte des Bootsbesitzers mit einer dieselbetriebenen Pumpe zur Bewässerung von Gartenanlagen. Damit konnte nun gepumpt werden, weshalb ich Zeit fand selbst das WC aufzusuchen und Wasserfläschchen zu verteilen, die wir nötig hatten. Bald konnten wir den Schauplatz sogar verlassen und das Frühstück zu Mittag essen. Aber wir waren erst halb fertig als wir wieder zum Boot gerufen wurden, weil der Besitzer sich bedanken wollte. «Ich weiss nicht, ob du ein Superheld bist oder sowas, aber ich bin sehr dankbar, dass du das Boot vor dem Absaufen bewahrt hast», sagte der Besitzer und übergab mir einen enormen Beutel voll gefrorener Conch (gesprochen Konk, deutsch Fechterflügelschnecke), von dem Reto wegen seiner Allergie nichts essen darf. Das Boot war derweil fast komplett ausgepumpt. Am Nachmittag brachten wir unsere Conch zum Restaurant des Hafens, dessen Chefkoch mir daraus ein Reisgericht machte und Reto einen Lamm-Hamburger machte.
Das liegt aber tiefkein Wunder bei so viel Wasser in der Kabine
«Erst das kleine Fischerboot, dann diese Jacht. Die Boote, die du auspumpst, werden auch jedes Mal grösser», sagte ich einmal zu Reto, «Das nächste Mal retten wir einen Öltanker?» Reto lachte nur darüber.
Die Blogbeiträge lassen während der Saure-Gurken-Zeit auf sich warten, aber auch in den Bahamas erleben wir hin und wieder erzählenswertes. Nachdem wir nun 8 Wochen in der Palm Cay Marina festsassen, scheint sich die COVID-19 Situation zu entschärfen. Während der letzten Wochen gab es nur wenige Neuinfektionen und nur auf einer kleinen Gruppe der über 700 Inseln. Bimini wurde vom Ministerpräsident komplett unter Quarantäne gestellt. Derweil normalisiert sich auf den anderen Inseln – je nach Fallzahl – die Situation mehr und mehr. Wir sind also bei guter Hoffnung, dass wir bald eine andere, neue, aufregende Insel anfahren dürfen oder zumindest bald ein Museum besuchen können.
Inseltraum mit Hängematte, Hund und Sonnenschein…. noch
Im dreitägigen Wechsel zwischen Sonnenschein und Monsun trauen sich immer mehr Bahamer aus ihren Häusern und treffen regelmässig Leute auf dem Steg. Durch ein Gespräch mit einem Hobbyfischer kamen wir sogar zu zwei wunderschönen Fischen, die in unserer Eisbox verschwanden. Nur ärgerte ich mich, dass ich die Fische zubereiten musste. Das Filet vom Fisch zu trennen finde ich schwierig. Aber beim Strandspaziergang, oder besser beim Cocktail im Hafenrestaurant danach kam uns diesbezüglich ein Geistesblitz: Wir fragten im Pink Octopus, ob der Küchenchef unsere Fische zubereiten würde. Wegen den verkürzten Öffnungszeiten vertröstete uns der Chef auf den Folgetag, aber wir durften den Fisch zur Lagerung im Kühlschrank hinterlegen. Wir freuten uns derart auf den Fisch, dass wir sogar unter die Dusche hüpften und frische Kleider anzogen, um ins Restaurant zu gehen. Der Chef war extra zum Einkaufen gefahren, um die richtigen Beilagen zu besorgen und setzte uns dann sein Kunstwerk vor: Yellow Eye Red Snapper – laut Chef der beste der Gattung – mit Kartoffeln, Ocra und Bohnen. Wir waren begeistert und der Fisch war fantastisch!
Neben Malen am Strand und Regenwasser auffangen über unseren Betten hatten wir viel Zeit am Deck zu arbeiten. Über jeder tropfenden Stelle kratzte Reto die Dichtmasse zwischen den Planken hervor und wir befüllten sie frisch mit neuem Caulking. Ich nahm mich derweil wiedereinmal dem Schiffsputz an. Bewaffnet mit Taucherbrille und Lappen, startklar im Arbeits-Bikini begann ich den Unterwasserrumpf zu putzen. Nach Wochen im warmen Wasser hatte sich trotz Anti-Bewuchs-Farbe ein Film grüner Algen gebildet, den ich mit dem Lappen abreiben konnte. Um mir das Tauchen im sehr salzhaltigen bahamaischen Wasser zu erleichtern, spannten wir ein Seil unter Sea Chantey hindurch an dem ich mich hinunterziehen konnte. So reibe ich nun den Rumpf von vorn bis achtern sauber.