Strandräuber

Die erste Woche unserer Ferien war im nun vorbei. Mit Gwendolyn ist alles abenteuerlich und zeitraubend. Morgens gemütlich frühstücken, dann Windeln wechseln, Baby zuerst in Sonnencreme und anschliessend im Meer baden. Wieder Windeln wechseln, umziehen und schon ist der Vormittag vorbei. Der Nachmittag verläuft ähnlich, nur dass der/die mit dem Baby im trockenen bleibt und der Partner schwimmen geht. Da ich nachts regelmässig Windeln wechsle und das kleine Raubtier füttere, bin ich normalerweise nach dem Abendessen schon reif fürs Bett und der Papi geht mit oder ohne Baby noch zur Abendunterhaltung. Es hätte uns wirklich langweilig werden können, wenn da nicht diese Strandverkäufer wären…

An einem Mittag baute einer dieser Halsabschneider seinen Stand direkt am Pool auf. Was konnte ein bisschen schauen schon schaden? Da hatte ich bereits eine Glasperlenkette um den Hals – ein Geschenk vom Verkäufer. Feil waren Zigarren, das Nationalgetränk der Dominikanischen Republik Mama Juana und Larimar, ein Mineralgestein, welches nur in der Dominikanischen Republik zu finden ist. Dieser Stein ist blau, nicht klar und durchzogen, ähnlich wie ein Türkis. Was konnte der schon kosten? Dazu kam der Enthusiasmus des Verkäufers, welchem ich offenbar die Corona-Defizite ersetzen sollte. Ein Steinchen für Mama, einer für Schwiegermama, einer für jede Grossmutter und so weiter… Grosse Flasche Mama Juana für Reto, zwei kleine für unsere Väter, eine zum gleich trinken… Alles nur 40’000 Pesos!! Sonderpreis!! Sonderpreis für Freunde aus Schweiz!! Aber 700 Dollar war uns dann doch ein bisschen zu viel, nach langem feilschen bekam ein sehr niedergeschlagener Verkäufer eine Hand voll Pesos und ich zwei Flaschen wirklich leckeren Schnaps.

Kleines Mama Juana Rezept:

  • 1 grosse Flaschen befüllen mit
  • 1/3 Honig
  • 1/3 Rum (oder eine andere billige Spirituose)
  • 1/3 intensiver Rotwein (Vino tinto)

Dabei Platz lassen für

  • Zimt
  • Sternanis
  • Basilikum
  • Agave
  • Und diverse tropische Kräuter, für die es keine deutschen Ausdrücke gibt und die nicht in die Schweiz oder Deutschland importiert werden können, weil sie am Zoll als Drogen abgefangen werden. (Gut, wollen wir damit nicht nach Europa!)

Die Dominikaner behaupten Mama Juana heilt alles, was krank ist und steigert die Potenz – deshalb hat der Durchschnittsdominikaner zehn Kinder. Erinnert sich jetzt noch jemand an den «Chatze Busi», den mein Vater zusammenbraut?

Nach einigen sonnigen Tagen ging uns die Sonnencreme aus. Reto und ich cremen uns fast nie ein, weshalb wir nur Babysonnencreme mitgebracht hatten, aber diese reichte nicht weit um die zarte Babyhaut zu schützen. Mit ein paar Tausend Pesos spazierte ich den Strand entlang zum Souvenirshop. Der Verkäufer kam mir schon auf halbem Weg entgegen. Sonnencreme und Moskitospray waren schnell eingepackt, aber mein Geld reichte schon jetzt nirgendwo hin. Naiv, wie ich bin, drehte ich mich dummerweise noch um die eigene Achse. Zack – hatte mir der Gute das hübsche Strandkleid eingepackt. Beim Larimar vermochte ich ihn zu bremsen. «Kein Problem! Du bist vom Hotel. Du kannst morgen kommen. Ich vertraue dir», meinte der Verkäufer. Natürlich, dachte ich, jedes Mal, wenn ich wiederkomme, schwätzt du mir wieder etwas auf, dass ich haben will, aber nicht kaufen sollte, weil wir sparen müssen… Ich brachte meine Einkäufe zu Reto und Gwendolyn, holte Geld und ging meine Schulden zahlen. Ich hob einen Tausender mehr ab – ich kenne mich ja! Der Verkäufer zeigte mir Larimar-Armbänder und ging herunter mit dem Preis und tiefer und tiefer und machte mir wirklich verdammt gute Angebote. Aber ich wollte nicht nochmal nachzahlen kommen. Schliesslich brachte er mir ein ganz simples Armband mit drei Steinen – 1000 Pesos? 16 Dollar, das ging! Gekauft und die Kundin wurde nie wieder gesehen! Nur um es klar zu stellen: Ich bereue keinen meiner Käufe. Aber mich nervt an mir selbst, dass ich nicht eiskalt NEIN sagen kann. Ich gab den Rest des Geldes Reto und sagte zu ihn: «Bitte! Lass mich hier nicht mehr einkaufen gehen!» Er lachte darüber.

Nur einmal liess ich mich noch berauben. Ich brauche immer einmal wieder Fotos für mein Instagram Profil, daher liess ich Gwendolyn und mich mit einem Totenkopfäffchen fotografieren. Aber ich zahlte diesmal nur einen Bruchteil des genannten Preises.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s