Die Geisterstadt auf Chapel Island

Wir machten nur einen kurzen Aufenthalt in St. Peters, kauften ein und während ich meinen Blog halbherzig fütterte, liess Reto an einer Tankstelle unseren Gastank zertifizieren und füllen. Zur Zertifikation hatte der alte Anschluss ersetzt werden müssen, weshalb sich Reto zwei Mal zu Fuss auf den Weg machen musste, wobei er den schweren Tank tragen musste. Es regnete dauernd, doch als wir ablegten, wurde das Wetter besser. Da wir den St. Peters Inlet nicht verlassen würden, fuhren wir unter Motor: Wir waren auf Entdeckungstour. Für einen Event der Celtic Colors suchten wir einen geeigneten Anlege- oder Ankerplatz, den wir in Robertson Cove fanden.

Ebenfalls geeignet hätte Chapel Island sein können, doch um die Ortschaft zu erreichen, war es schlecht gelegen. Chapel Island ist von weitem erkennbar an dem weissen Kirchenturm, der umgeben von winzigen Häusern, am südlichen Inselende aufragt. Die Insel und Cape Breton trennt nur ein schmaler Streifen Wasser, zu dessen Seiten Bootsstege liegen. Wir ankerten Sea Chantey im Windschatten der Insel und Reto ruderte uns in Alianza, unser geliebtes hässliches Beiboot mit den furchtbaren Steuereigenschaften, an Land. Die Häuser waren allesamt verlassen, teils mit Brettern vernagelt, teils offen, teils zerstört und kaputt. Der Wind hatte kleine Dinge mitgerissen und Tiere Schuhe und andere Gegenstände verschleppt. Der Friedhof hatte keine zehn Gräber. In meinen Augen eine Geisterstadt, nur die weisse Kirche war in gutem Zustand. Aber überall war der Rasen getrimmt und hölzerne Bühnen aufgestellt, was bei uns Fragen aufwarf. Als wir zum anderen Bootssteg ruderten, wurde uns alles von einer Infotafel erklärt: Chapel Island, auf Mi’kmaw Potlotek gennant, ist ein heiliger Ort der hiesigen Mi’kmaq Indianer, an dem sich Mitglieder von sechs Stämmen zwei Mal im Jahr für einige Tage trafen. Zirka 2000 Personen feiern einige Tage lang christlich angehauchte Feste (die Mi’kmaq kamen sehr früh und recht friedlich in Kontakt mit Christen) und stärken Familienbänder, bevor sie die Insel wieder für ein halbes Jahr verlassen. Mit diesen neuen Erkenntnissen kehrten wir auf Sea Chantey zurück. Mir war die Geisterstadt unheimlich: Ich hatte dauernd das Gefühl jemand schleiche auf dem Schiff herum – ein neugieriger indianischer Geist der unsere Sea Chantey erkundete! Ich glaube meine Fantasie ging ein wenig mit mir durch, aber ich war der Meinung unser lustiges Kanu gefiel dem Geist.

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